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Traumziel Marathon

Traumziel Marathon

Der Mythos ist lang – 42,195 km misst die Traumdistanz für den Läufer. Respekt vor der Länge dieser Strecke zu haben, ist richtig. Wie bekommt man es trotzdem hin, einen Marathon erfolgreich zu bewältigen, auch wenn die Zeit zum Training nicht allzu reichlich bemessen ist?

TEXT: Susanne und Frank Hahn

Keine Frage: Wer einen Marathon laufen will, darf nicht kurzfristig denken. Der Traum von einem erfolgreichen Marathon-Finish lässt sich in diesem Kalenderjahr aber noch ohne Weiteres realisieren. Voraussetzung ist, dass Sie kein Laufanfänger mehr sind und bereits regelmäßig im Ausdauerbereich trainieren. Suchen Sie sich einen Marathon im Herbst heraus – die Klassiker im Frühjahr kommen zu früh.

ROUTINE HEISST DAS ZAUBERWORT

Wenn Sie sich einen Marathon im September oder Oktober als Ziel setzen, haben Sie noch mehr als ein halbes Jahr Zeit: Zeit zum Trainie- ren, denn der Körper will an die Belastung im Training und im Wettkampf gewöhnt sein, aber auch Zeit zur mentalen Vorbereitung und zum Testen bestimmter Abläufe. So werden Ihnen im Training Dauerläufe, auch die längeren, immer leichter fallen. Körper wie Kopf gewöhnen sich an längere Belastungen, trotzdem sollte man wichtige Einheiten mit Respekt angehen. Versuchen Sie, bei längeren Läufen, intensiven Belastungen und insbesondere bei Rennen möglichst gute Voraussetzungen zu schaffen: Wenn Sie beispielsweise mal mit Schnitzel und Pommes im Magen gestartet haben, wissen Sie, was ich meine! Testen Sie, was Ihnen guttut, um ideale Trainingsbedingungen zu schaffen, und setzen Sie dies bei wichtigen Einheiten um. Das gibt Ihnen dann auch im Wettkampf die nötige Sicherheit.

SONDERFALL MARATHON

Die Belastung eines Marathonlaufs lässt sich im Training nicht imitieren. Es ist auch nicht unbedingt zu empfehlen, einen langen Lauf von 40 km im Training zu absolvieren, nur um ein Gefühl für die Länge der Strecke zu bekommen. Die Regeneration nach einer solchen Einheit würde viel zu lange dauern. Richten Sie sich bei den längsten Läufen nach der im Marathon angestrebten Zielzeit: Planen Sie mit einer Zeit von knapp vier Stunden, können Sie im Training versuchen, laufend oder auch laufend und gehend so lange unterwegs zu sein.

Um Wettkampferfahrung zu sammeln, sind Rennen über kürzere Distanzen sinnvoll. Planen Sie mehrere 10-km-Läufe ein, und setzen Sie sich als Etappenziel die erfolgreiche Teilnahme an einem Halbmarathon im Frühjahr. Bei Rennen über die kürzere Distanz gewinnen Sie Routine für den Marathonwettkampf. Sie erfahren, wie es ist, mit vielen Menschen um sich herum zu laufen, Sie lernen die gewisse Anspannung vor dem Start kennen und diese einzuordnen. Bei solchen Gelegenheiten soll- ten Sie unbedingt Ihre Wettkampfschuhe und Socken testen! Zudem werden Sie gezwungen, sich Gedanken über organisatorische Abläufe machen – Fragen, die dann im Herbst nicht gänzlich neu geklärt werden müssen: Welche Zeit muss ich beispielsweise einplanen für den Weg zum Wettkampfort, für einen Toilettengang etc.? Welcher zeitliche Abstand zwischen Essen und Rennen ist für mich günstig, was nehme ich zu mir?

HALBMARATHON ALS PROBE

Suchen Sie sich als Höhepunkt für die erste Jahreshälfte einen Halbmarathon aus! Diesen Wettkampf sollten Sie ähnlich gewissenhaft angehen, wie Sie es mit Ihrem großen Ziel im Herbst tun wollen. Viele Halbmarathonläufe sind in eine Marathonveranstaltung integriert, als Halbmarathonläufer legt man oft einen Abschnitt oder die erste Runde der Marathonstrecke zurück. So kann man schon mal am Marathon schnuppern und die besondere Atmosphäre auf der Strecke sowie im Ziel erleben. Sie werden aber auch auf die organisatorischen Dinge gestoßen: Das Finden des richtigen Startblocks, die Entfernung zwischen jenem und ihrem Anreisepunkt und etwa den Toilettenhäuschen, Sie können sich Gedanken machen, wann Sie welche Kleidung ausziehen und können sich bei anderen etwas abgucken, etwa alte Socken als Einmal-Handschuhe verwenden oder einen Einmal-Regenponcho zum Speichern der Körperwärme benutzen.

21,1 km sind ganz klar keine 42,195 km, was zur Folge hat, dass Sie beim Halbmarathon mit einer deutlich höheren Geschwindigkeit unterwegs sind. Trotzdem können Sie bei einem Halbmarathonwettkampf wichtige Erfahrungen sammeln. In einem großen Pulk loszulaufen und dabei nicht das Tempogefühl zu verlieren, ist eine Herausforderung, der man sich unbedingt vor dem großen Tag schon einmal gestellt haben sollte. Die einzelnen Kilometer (oder im Ausland auch Meilen) sind nicht immer auf die gleiche Weise markiert – Sie werden ein Auge dafür bekommen und lernen, die einzelnen Kilometer zu stoppen.

Bei manchen Uhren ist es sinnvoll, sich vorher zu überlegen, welche Art der Anzeige man wählt. Zudem ist es vor einem längeren Rennen, bei dem man viele Zwischenzeiten nimmt, empfehlenswert den Speicher zu lehren! Testen Sie zudem bei einem Halbmarathon, wie es ist, unterwegs Getränke oder Nahrung zu sich zu nehmen. Informieren Sie sich vorher, an welcher Seite die Getränketische aufgestellt sind und in welcher Reihenfolge was angeboten wird.

OPTIMIERTES TRAINING

Vor dem Wettkampf steht aber das Training: Wie trainiert man für die Königsdistanz, wenn das zeitliche Budget knapp bemessen ist? Wenn man ein großes Ziel erreichen will, ist es generell wichtig, zielgerichtet und eng nach einem sorgfältig durchdachten Plan zu trainieren. Wenn wenig Zeit zur Verfügung steht, ist der beste Ansatz, die Qualität des Trainings zu verbessern. Das heißt jedoch nicht, einfach Umfang oder Intensität zu erhöhen. Vielmehr ist eine Verbesserung des Zusammenspiels von Belastung und Regeneration gefragt, den zwei wesentlichen Komponenten, die das Training bestimmen.

Wir denken immer in Sieben-Tage- Wochen. Die Ten-Day-Methode setzt dagegen auf eine Dezimal-Strukturierung: Hier beginnt die Trainingsphase an einem Freitag und endet zehn Tage später an einem Sonntag. Es folgt eine Erholungsphase von Montag bis Donnerstag, bevor am Freitag eine neue Zehn-Tage-Phase anfängt. Dieser Rhythmus bietet den Vorteil, dass unter der Woche (d. h. von Montag bis Donnerstag) ein vergleichsweise niedriger Trainingsaufwand ansteht, der Zeitaufwand insgesamt geringer ist und die Qualität sich auf einem höheren Niveau bewegt.

TRAININGSFORMEN

Am häufigsten greifen Läufer zur Dauerlaufmethode. Das ist selten falsch und auch verständlich: Einfaches Lostraben ist einfach und bequem. Aber wer mit drei bis vier Laufeinheiten pro Woche effektiv trainieren will, muss sich sowohl über das Dauerlauftempo als auch über die Streckenlänge Gedanken machen. Entscheidend sind zudem regelmäßig intensive Einheiten. Eine Möglichkeit hierfür ist das Intervalltraining. Diese Trainingsform kennzeichnet ein systematischer Wechsel zwischen Be- und Entlastung. In der Belastung wird in etwa das Wettkampftempo gelaufen, das Tempo in den Pausen ist so schnell, dass keine vollständige Erholung einsetzt. Das Intervalltraining kann als ein Fahrtspiel in Form von Minutenläufen gestaltet werden oder mit einer Kraftorientierung als Bergläufe mit Streckenlängen von 200 m bis 400 m Eine Optimierung des klassischen Intervalltrainings stellt das Schwellentraining dar. Hierbei dient die Lactatschwelle des Körpers als Orientierung.

An dieser Grenze steht den Muskeln beim Training gerade noch so viel Sauerstoff zur Verfügung, dass keine Milchsäure entsteht. Das Lauftempo unterhalb dieser Schwelle bezeichnet man als aerob, oberhalb als anaerob. Grundsätzlich baut der Körper zwar das Lactat in gleichem Maße ab, wie es gebildet wird, jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn mit steigender Geschwindigkeit erhöht sich die Lactatproduktion zunehmend, da die Abbaufähigkeit des Körpers beschränkt ist, übersäuert die Muskulatur nach und nach, bis die Lauffähigkeit vollständig eingeschränkt ist. Beim Schwellentraining tastet man sich an ein Tempo heran, das der Grenze aerob-anearob am nächsten kommt. Mit dieser Methode lässt sich die größte Steigerung der Fitness bei gleichzeitig geringstem Aufwand erreichen. Ein Anhaltspunkt für das Lauftempo ist entweder das Marathontempo oder die aktuelle 10-km-Zeit. Auf das 10-km-Tempo schlägt man 5 % auf (10 km in 50:00 min bedeuten ein Schwellentempo von 5:15 min/km).

DAS ZIEL IST DIE MOTIVATION

Die größte Motivation ist die Einhaltung des eigenen Trainingsplans: Fixieren Sie Ihre eigenen Vorgaben schriftlich, und notieren Sie die Umsetzung. Was ich mir vornehme, setze ich auch um. Denn ich habe mir ein Ziel gesetzt, das ich erreichen will, und ich habe mir einen Plan erarbeitet, wie es zu erreichen ist. Lediglich bei extremen Wetterverhältnissen und gesundheitlichen Beschwerden sollte man das Training verkürzen oder gar nicht trainieren, alles andere lässt sich meist im Vorfeld bedenken. Gerade bei der Ten-Day-Methode kann man sich Tage bewusst für das Training freischaufeln.

In der Vorbereitung eines Marathons bietet sich auch eine Laufreise oder ein Trainingscamp an. Hier – ob nun alleine, in Gesellschaft, organisiert oder im privaten Urlaub – kann man konzentriert und in Ruhe trainieren und findet genügend Zeit für die Regeneration. Und zu Hause, nach einem anstrengenden Tag oder bei schlechtem Wetter? Überwinden Sie sich und gehen raus! Es ist oft gar nicht so schlimm, wie es aussieht. Und auch wenn das Training schwer fällt: Danach fühlt man sich gut, gerade weil man den inneren Schweinehund besiegt hat. Und was gibt es Besseres als eine Dusche nach einem Lauf im Regenguss oder intensiven Training oder das Stück Schokolade, das man abends gerne isst, weil man gut trainiert hat?

IHRE COACHES:

SUSANNE UND FRANK HAHN

Alter: 37 und 49
Wohnort: Meckenheim
Sportliche Erfolge Susanne: Bei 58 Deutschen Meisterschaften holte sie 33 Einzel- und 20 Mannschaftsmedaillen, Deutsche Marathonmeisterin 2008 und 2012, Marathon-Bestzeit: 2:28,49 h Sportliche Erfolge Frank: A-Trainer- Lizenz (Laufen), absolvierte 22 Marathons (Bestzeit: 2:19,28 h)

Abkürzungen

ABKÜRZUNGEN UND ANDERE KLEINIGKEITEN

Beim Langstreckenlauf gibt es immer wieder Athleten, die versuchen, ein paar Kilometer einzusparen, ohne dass es jemand merkt – oder auf andere Weise die Zeitmesssyteme auszutricksen. aktivLaufen schildert einige besonders skurrile Fälle.

Text: Wilfried Spürk

Was sich 1904 in St. Louis, USA, bei den dritten Olympischen Spielen der Neuzeit beim Marathon ereignete, ist heute unvorstellbar. Aber das ist ja auch mehr als 100 Jahre her. Damals verlief die Strecke über unbefestigte Straßen, auf denen Begleitfahrzeuge und -pferde so viel Staub aufwirbelten, dass die Läufer Hustenattacken erlitten. Es gab nur eine Wasserstelle für die Athleten, zu trinken gab’s unterwegs auch mal einen Schluck Brandy – jedenfalls für US-Boy Thomas Hicks, und der gewann den Lauf immerhin. Doch wir wollen eigentlich eine andere Geschichte dieses unglaublichen Wettkampfs erzählen. Die von Frederick Lorz, der sich für einige Minuten als Olympiasieger feiern ließ, obwohl er wenig mehr als die Hälfte der 42,195 Kilometer gelaufen war.

Die Tochter des damaligen US-Präsidentin Theodore Roosevelt, die 20-jährige Alice, setzte Lorz einen Siegerkranz auf den Kopf und wollte ihm gerade die Goldmedaille umhängen, als jemand rief: „Halt! Er ist ein Betrüger!“ Buhrufe ertönten, und der vermeintliche Triumphator bekannte lächelnd, er habe sich nur einen Scherz erlauben wollen, aber nicht beabsichtigt, die Auszeichnung anzunehmen. Der damals 20-Jährige war, früh von Krämpfen geplagt, große Teile der Strecke in einem Begleitfahrzeug mitgefahren und dann wieder in den Lauf eingestiegen, um „zum Scherz“ als Erster die Ziellinie zu überqueren. Die Jury hatte Lorz zu dem Zeitpunkt schon disqualifiziert, dennoch wäre es beinahe zur falschen Siegerehrung gekommen. Heutzutage unvorstellbar? Ja, inzwischen dauert es meist viel länger, ehe ein derartiger Betrug aufgedeckt wird …

SCHNELLER PER U-BAHN

Im Jahr 1980 gewann die in der Szene völlig unbekannte Rosie Ruiz – vermeintlich – den Boston-Marathon in 2:31:56 Stunden, der bis dahin drittschnellsten Zeit im Damenbereich. Allerdings konnte sich anschließend kein anderer Teilnehmer daran erinnern, Ruiz auf den ersten 40 Kilometern gesehen zu haben. Und dass man schon wenige Minuten nach dem Zieleinlauf keine Spur von Erschöpfung mehr bei ihr erkennen konnte, erregte zusätzlich Verdacht. „Ich bin heute Morgen mit viel Energie aufgestanden“, erklärte sie.

Recherchen förderten jedoch eine andere Wahrheit zu Tage. Ruiz hatte sich 1979 beim Marathon in New York in ihrem ersten Langstrecken- rennen überhaupt für Boston qualifiziert, mit einer ebenfalls bemerkenswerten Zeit. Kein Wunder: Die 26-Jährige war ein Stück mit der U-Bahn gefahren und dann kurz vor dem Ziel wieder auf die Strecke gesprungen. Wie genau sie in Boston vorgegangen war, wurde nicht geklärt, möglichwerweise war ihr nicht bewusst, dass sie so weit vorne lag. Die Indizien sprachen jedenfalls eindeutig dafür, dass sie abgekürzt hatte. Ruiz wurde aus den Ergebnislisten gestrichen.

Der Fall Ruiz mag wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Inzwischen sind wir in der Ära der Zeitmessung per Mikrochip angekommen. Seit 1993 wird diese Technologie im Langstrecken- lauf eingesetzt. Abkürzungsbetrügern kommt man vor allem durch Messmatten auf die Spur, an denen jeder Läufer mit einer Zwischenzeit registriert wird. Fehlen eine oder mehrere Zwischenzeiten, hat der Läufer diese Punkte wohl nicht passiert. Die Zahl der Messstellen ist je nach Veranstaltung unterschiedlich; beim Berlin-Marathon, einem der renommiertesten Lauf-Events der Welt, ist alle fünf Kilometer eine installiert.

MEXIKANISCHES WUNDER

Im Jahr 2007 sorgte in Berlin Roberto Madrazo, mexikanischer Präsidentschaftskandidat 2006, für Aufsehen. Jubelnd lief er über die Ziellinie. In 2:41:11 Stunden hatte der damals 55-Jäh- rige seine persönliche Bestzeit um fast eine Stunde verbessert – und war Sieger in seiner Altersklasse M55 geworden. Bildaufnahmen zeigen ihn beim Zieleinlauf mit dicker Wind- jacke, einer langen Laufhose und Mütze. Fotograf Victor Sailer kam das angesichts von Temperaturen von 16-17 Grad komisch vor: „Alle anderen auf diesen Bildern tragen T-Shirts und Shorts, und der Kerl hat eine Jacke an und eine Mütze auf“, sagte Sailer. Er witterte Betrug und teilte dies den Veranstaltern mit. Am folgenden Tag gaben die Organisatoren die Disqualifikation Madrazos bekannt.

Die Überprüfung der Zwischenzeiten ergab Fol- gendes: Madrazo absolvierte die ersten 20 Kilometer in 1:42:42 Stunden. Danach wurde erst wieder am Kontrollpunkt bei Kilometer 35 für „Speedy Gonzalez“, wie er in der Presse später genannt wurde, eine Zeit gemessen – und der Mexikaner schien ein Wunder vollbracht zu haben: Nur 21 Minuten hatte er für die 15 Kilometer benötigt; die Weltbestzeit für 15 Kilometer liegt heute bei 41:13 Minuten. Des Rätsels Lösung: Madrazo war wohl zum 35-Kilometer-Punkt geschlendert, da die Mess- punkte 20 und 35 nur einige Hundert Meter voneinander entfernt lagen. Er erklärte später, er habe sich unterwegs verletzt und nur in den Zielbereich gewollt, um seine Sachen zu holen. Na ja: fest steht, dass Madrazo nichts unternahm, um die Sache selbst aufzuklären. Und warum jubelte er beim Zieleinlauf so?

UNTER BEOBACHTUNG

Wer wie Madrazo im Gesamtklassement oder in seiner Klasse weit vorne platziert ist, steht unter besonderer Beobachtung. Aufmerksame Tempomacher und manchmal auch Begleitrad- fahrer sorgen heutzutage mit dafür, dass die Athleten nicht auf dumme Gedanken kommen. Videoaufzeichnungen helfen bei der Beweis- führung, wenn tatsächlich bei einem Läufer Zwischenzeiten fehlen. Es kann durchaus passieren, dass ein technisches Problem der Grund ist. „Das ist aber nur in weniger als einem Prozent der Fälle so“, sagt Nicole Hafner, Geschäftsführerin der Firma NeoMove, die bei einigen Laufveranstaltungen als Partner der Organisatoren für die Zeit- und Datenerfas- sung zuständig ist. Aus Erfahrung weiß sie, dass bei kleineren Runs immer mal wieder „ein oder zwei“ Teilnehmer dabei sind, die zu betrügen versuchen. Warum manche Läufer ohne jegliche Sieg- oder Rekordaussichten ihre

Ergebnisse aufpolieren wollen, indem sie ein paar Kilometer auslassen, darüber kann nur spekuliert werden.

DER (FAST) PERFEKTE BETRUG

Neben der Abkürzung ist bei Betrügern eine weitere Methode beliebt: den Chip jemand anderem zu geben. Zu zweifelhafter Berühmt- heit gelangten die Brüder Sergio und Sefako Motsoeneng. Mit einer gewieften Taktik wollte Sergio, damals 21 Jahre alt, den traditio- nellen Comrades Run in Südafrika über 87 Kilometer gewinnen. Er ließ einen Teil der Strecke seinen zwei Jahre jüngeren Bruder für sich laufen. In einem Toilettenhäuschen bei Kilometer 20 übernahm Sefako den Chip und Sergios Kleidung. Später übernahm dann der Ältere wieder, der zwar den Traum vom Sieg nicht realisierte, aber als Neunter noch eine Geldprämie erlief. Da sich die beiden sehr ähnlich sahen, war zunächst niemandem was aufgefallen. Erst Monate später kam ein misstrauischer Konkurrent auf die Idee, Foto- aufnahmen vom Rennen zu checken.

Darauf sieht man: Derselbe Läufer – vermeintlich Sergio Motsoeneng – hatte einmal die Uhr am rechten Arm, einmal am linken, ein Mal pinkfarben, ein Mal cremefarben. Damit kam die Sache ins Rollen, auf Anraten eines Anwalts gaben die Brüder den Betrug zu. Gezielt ging auch die Liechtensteinerin Kerstin Metzler-Mennenga vor. Aufgeflogen ist sie nach dem Berlin-Marathon 2007, wo sie in 2:42:21 Stunden Landesrekord lief und die Olympia- Norm schaffte. Wie sich herausstellte, hatte die damalige Studentin einen männlichen Läufer unter dem Vorwand, eine wissenschaftliche Studie zu betreiben, und mit einer Prämie von 100 Euro dazu überredet, außer seinem eigenen auch ihren Chip zu tragen.

Nach dem Lauf fiel dem „Ghostrunner“ auf, dass eine Läuferin mit den exakt gleichen Zeiten wie er selbst aufgeführt war. Er meldete es dem Veranstalter, und der Betrug wurde entlarvt. Später gestand die Frau aus Liechtenstein, schon in Hamburg 2007 und Frankfurt 2006 dieselbe Methode angewendet zu haben. In Hamburg hatte sie ebenfalls vermeint- lich Landesrekord erzielt und sich sogar für die WM 2007 qualifiziert, wo sie 53. wurde. Einen Rekord hat Metzler-Mennenga übri- gens ganz regulär aufgestellt: den über die Halbmarathon-Distanz im Rückwärtslaufen. Klingt skurril, ist aber wahr. So wie die hier erzählten Geschichten von Laufbetrügern.

Hier die Top-Five der Betrüger:

Kielder, England (2011)

Rob Sloan belegte beim Marathon im englischen Kielder Platz 3. Nur: Kein Mitläufer hatte ihn auf den letzten 10 km gesehen, Kein Wunder: Er war etwa bei km 32 in einen Bus gestiegen, mit dem er bis kurz vors Ziel fuhr.

Singapur (2013)

Konditormeister Tam Chua Puh kam beim Singapur- Marathon in starken 2:45 Stunden ins Ziel, als erster Läufer des Stadtstaats. Tatsächlich war er nach sechs Kilometern verletzt ausgestiegen und dann ins Ziel gegangen. Er sagte, er habe nur Finisher-Shirt und -Medaille haben wollen. Wie übrigens schon bei anderen Läufen, wo er ebenfalls abgekürzt hatte.

Berlin (2014)

Peter S. gewann beim Berlin- Marathon die Klasse M75 in 3:30:14 Stunden, deutlich vor dem Zweiten. Fotos zeigten allerdings, dass mit der betreffenden Startnummer zwei Personen gelaufen waren – Vater und Sohn. Sie hatten unterwegs den per Klettband befestigten Chip mehrmals gewechselt.

St. Louis (2014)

Kendall Schler kam beim St.- Louis-Marathon als Erste ins Ziel, ließ sich strahlend mit Ex-Olympiasiegerin Jackie Joyner-Kersee fotografieren. Aber: Sie hatte kein einzige Zwischenzeit, war wohl erst kurz vor dem Ziel auf die Strecke gesprungen.

Ulm (2015)

Beim Einstein-Marathon in Ulm gewann Meike Rauer. Doch nach einigen Tagen war bewiesen, dass sie nicht die komplette Strecke absolviert hatte. Sie selbst behauptete, unbeabsichtigt aufgrund undurchsichtiger Streckenführung falsch gelaufen zu sein.

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Allez les Bleus

Bei den IAU Trail World Championships in Annecy wurde das Heimspiel für die Franzosen zu Festspielen: Bei allen vier Siegerehrungen wurde am Ende die „Marseillaise“ gespielt. Das deutsche Team, für das auch aktiv Laufen-Expertin Anne-Marie Flammersfeld an den Start ging, musste im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn mit leerem Magen nach Hause gehen. Ein Erlebnisbericht.

Text: Daniel Becker

Es ist kurz nach 18:00 Uhr in Annecy, der Perle der französischen Alpenstädte. Anne-Marie Flammersfeld hat Hunger. Den gesamten Tag ist die erfolgreichste deutsche Extremsportlerin gelaufen, gestartet wurde in der Nacht. Genau elf Stunden, 21 Minuten und drei Sekunden. 85 Kilometer, rund um den Lac d’Annecy, den traumhaft gelegenen See, um den herum das Leben in der Hauptstadt des Départements Haute-Savoie in der Region Rhône-Alpes organisiert ist. Dabei musste sie, wie die anderen 285 Athletinnen und Athleten, die bei der Trail-WM um Titel, Medaillen und Platzierungen gekämpft haben, 5.300 Höhenmeter bewältigen. Verständlich, dass danach der Magen knurrt.

Für 20 Uhr hat der Veranstalter ein großes Buffet für alle Teilnehmer und Betreuer im größten Zelt des Athletendorfes angekündigt. Mit der Griechin Spyridon Xenitidis wird nur wenige Minuten vorher auch die letzte WM-Teilnehmerin das Ziel an der Seepromenade erreicht haben. Weit hat sie es danach zum Glück nicht. Das Zelt liegt direkt gegenüber der Zielgeraden.

Im Schatten der Großen

Für das deutsche Team haben sich zusammen mit Anne-Marie Flammersfeld fünf weitere Frauen (Pamela Veith, Simone Philipp, Anja Karau, Julia Fatton und Ildiko Wermescher) sowie sechs Männer (Rudi Döhnert, Marcus Biehl, Martin Schedler, Matthias Dippacher, Anton Philipp und Florian Reichert) auf den Weg zur Trail-WM nach Annecy gemacht. Zur Unterstützung ist auch ein kleiner Stab an Betreuern und Helfern mit angereist. Alle deutschen Athleten sind mittlerweile im Ziel angekommen. Die gesamte Gruppe sitzt im Athletendorf unter einem der großen, schattenspendenden Bäume zusammen. Manche dösen ein wenig, andere pflegen ihre Wunden, der Rest lässt das Rennen gemeinsam Revue passieren. Schon den ganzen Tag lang haben sich über den Gipfeln der Alpenriesen nur kleine Schleierwolken blicken lassen.

Im Tal war es angenehm warm, oben in den Bergen, auf streckenweise über 1.500 Metern, nicht zu kalt – zumindest nach Tagesanbruch. Traumhafte Laufbedingungen also. Auch jetzt, kurz vor Beginn der Dämmerung, zeigt das Thermometer noch 24 Grad an. Weil das Athletendorf aber nicht genügend Plätze zur Abkühlung bietet, haben sich viele Läufer rund um den gesamten Zielbereich ihren Ruheplatz gesucht. So mancher hat auch schon ein kühles Bad im Lac d’Annecy hinter sich. In dem See, um den sich für die Athleten in den Stunden zuvor im wahrsten Sinne des Wortes alles gedreht hat. „So langsam würde ich aber wirklich gerne mal was essen“, sagt Anne-Marie Flammersfeld und blickt neugierig in Richtung Zelt. Es ist kurz vor 19:00 Uhr.

Grande Nation

Sechzehn Stunden zuvor, um 3:30 Uhr nachts, war der Startschuss für die IAU Trail World Championships, so der offizielle Titel des Rennens, gefallen. Vier Wertungen wurden ausgetragen. Neben den Einzelwertungen wurde für Männer und Frauen zusätzlich eine Teamwertung ausgetragen. Die Zeiten der schnellsten drei Athletinnen und Athleten wurden dabei jeweils addiert. Bei den Frauen liefen die drei besten deutschen Starterinnen unter die Top 35.

Am erfolgreichsten war mit Platz 18 Ildiko Wermescher (11:17:17 Stunden). Anne-Marie Flammersfeld, den Lesern dieser Zeitschrift als „Wüstenkönigin“ und aktiv Laufen-Expertin bekannt, kam knapp dahinter auf Platz 21 ins Ziel (11:21:03 Stunden). Als drittbeste Deutsche schaffte Simone Philipp Rang 35 (11:49:01 Stunden). Das reichte für die Frauen hinter Frankreich, Spanien und Italien am Ende für einen starken vierten Platz in der Mannschaftswertung: „Mit der Einzel-Platzierung bin ich absolut zufrieden, vor allem wenn man bedenkt, dass das ein Weltmeisterschaftsrennen war und so viele Topläuferinnen am Start waren“, erzählt Flammersfeld nach dem Rennen.

Ein kleiner Wermutstropfen: Mit etwa zwölf Minuten hatte das deutsche Team keinen allzu großen Rückstand auf den Bronzerang, den die Frauen aus Italien belegten.: „Auf jeden Fall hätten wir in der Teamwertung gerne eine Medaille gewonnen. Der vierte Platz ist trotzdem absolut in Ordnung, aber eine Medaille wäre einfach das i-Tüpfelchen gewesen“, so Flammersfeld. Die Männer- mannschaft musste sich am Ende mit dem siebten Rang zufriedengeben. Schnellster deutscher Läufer war Matthias Dippacher auf Rang 26 (09:35:26 Stunden). Die Zeiten von Rudi Dohnert (Rang 38, 09:51:27 Stunden) und Marcus Biehl (Rang 42, 10:01:01 Stunden) gingen ebenfalls in die Mannschaftswertung ein. Auch hier gewann Frankreich. Auf den Plätzen zwei und drei folgten die Mannschaften aus den USA und Großbritannien.

Technische Störung

Der schnellste Deutsche, Matthias Dippacher, scheint nach dem Rennen von allen Läufern im Team am entspanntesten zu sein. Im ersten Gespräch mit ihm streikte das Tonbandgerät nach wenigen Sekunden. Das fiel jedoch leider erst am Ende auf. Für Dippacher kein Problem. Er lässt sich auf seinem Stuhl ganz weit nach unten rutschen und zieht sein Fazit ein zweites Mal: „Nach dem Rennverlauf bin ich mit meiner Platzierung sehr zufrieden. Nachdem ich bei der ersten Verpflegung noch irgendwo zwischen Rang 60 und 80 lag, bin ich sehr happy, dass ich noch nach vorne laufen konnte.“

Wie im Team, so führte auch in der Einzelwertung an den heimstarken französischen Athleten kein Weg vorbei. Und das, obwohl sich in Annecy die gesamte Weltelite versammelt hatte. Im Rennen der Männer hatte sich im Vorfeld alles auf den spanischen Topfavoriten Luis Alberto Hernando konzentriert, der als absoluter Star der Szene gilt. Am Ende entwickelte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und dem Franzosen Sylvain Court.

Den letzten Aufstieg hinauf zum Mont Baron hatten beide noch Seite an Seite bestritten, bergab zahlte sich dann die Ortskenntnis des Franzosen aus, der gemeinsam mit seinem gesamten Team im Vorfeld der WM die komplette Strecke in Etappen abgelaufen war. Court konnte Hernando abhängen und am Ende seinen Vorsprung bis ins Ziel sogar auf 3:28 Minuten ausbauen. Auf Rang drei lief mit Patrick Bringer ebenfalls ein Franzose. Bei den Frauen konnten die vielen Zuschauer sogar einen französischen Doppelsieg bejubeln: Nathalie Mauclair konnte ihren WM-Titel aus Wales erfolgreich verteidigen, auf Platz zwei kam ihre Landsfrau Caroline Chaverot vor der Spanierin Maite Mayora ins Ziel.

Abgekämpft und glücklich

Mittlerweile ist es kurz vor 20 Uhr. Die Vorbereitungen für das sehnsüchtig erwartete Festmahl laufen noch auf Hochtouren, die letzten Caterer eilen mit noch zugedeckten Tabletts in das Zelt hinein. Bei der deutschen Mannschaft ist trotz der zurückliegenden Anstrengungen und des immer größer werdenden Hungers die Stimmung hervorragend. Irgendwie scheint alles in Ordnung zu sein, wenn man nach 85 Kilometern gemeinsam über das Erlebte sinnieren kann. Der gute Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, aus der sich vor dem WM-Projekt einige Sportler untereinander noch gar nicht kannten, ist auffällig. „Wir sind als Team hier angetreten, und schon im Vorfeld haben alle harmonisch und sehr angenehm miteinander agiert“, erzählt Jens Lukas, DLV Teammanager Ultratrail. Natürlich hätte auch Lukas zumindest eines seiner Teams gerne auf dem Podium gesehen. Dennoch ist er zufrieden – vor allem mit dem Ergebnis der Frauenmannschaft.

Denn in Deutschland herrschen im Hinblick auf Ultratrail nicht gerade optimale Bedingungen: „Außer im direkten Alpenraum sind in Deutschland einfach nicht die Trail-Möglichkeiten gegeben wie zum Beispiel in den USA oder in Spanien, Portugal, Italien und Frankreich. Das sind im Ultratrail einfach die Nationen schlechthin. Wir haben uns mit den Läuferinnen aus diesen Nationen fast im Schulterschluss bewegt und können daher auch zufrieden sein“, erklärt er.

Wer derweil im Athletendorf hinter die Streckenabsperrungen in Richtung See blickt, sieht noch immer in regelmäßigen Abständen Hobbyläufer auf ihren finalen Metern vor dem Zieleinlauf. Manche quälen sich mit den letzten Kraftreserven über die Linie, andere können noch jubeln und feiern ihre Ankunft mit den zahlreichen Zuschauern am Rand. Bis 24 Uhr wird das noch so weitergehen. Der Grund: Neben der Trail-WM, die zum ersten Mal in Annecy ausgetragen wurde, fand wie jedes Jahr an gleicher Stelle auch wieder das „Tecnica MaXi Race“ statt. Heute Morgen machten sich, anderthalb Stunden nach dem Start des IAU-Rennens, auch 2.000 Hobby-Läufer auf den Weg – über die gleiche Strecke, die auch die WM-Teilnehmer bewältigen mussten. Jetzt begrüßt ein unermüdlicher Ansager über Mikrofon jeden Zielankömmling so ausführlich, als würde er ihn persönlich kennen. Seine Stimme hallt durch das ganze Athletendorf und streitet mit der Musik, die gleichzeitig aus den Boxen strömt, um Aufmerksamkeit.

Wer bis Mitternacht die Ziellinie nicht überquert hat, ist kein Finisher. Bei den jetzt noch einlaufenden Hobby-Athleten spielt die Zeit aber schon längst keine Rolle mehr. Der Weg war das Ziel. Und den Läufern ist in ihren Gesichtern anzusehen, dass dieser Spruch keine abgedroschene Läuferphrase ist. In ihnen zeigt sich diese besondere Mischung aus Erschöpfung und Glück, die sich nur nach ultimativer Verausgabung einstellt. Der Ausdruck in den Gesichtern steht für ein verbindendes Gefühl, etwas, das ambitionierte WM-Teilnehmer und Hobbyläufer miteinander verbindet. An diesem Abend haben die Freizeitathleten sogar noch einen großen Vorteil. Sie organisieren ihr Abendessen selbst. Im Athletendorf gibt es anstelle des erhofften Riesenbuffets für die Athleten schlicht eine Auswahl kleiner Finger-Food-Häppchen. Keine Medaille für das Essen. Der Magen knurrt noch eine Weile. Annecy, Perle der französischen Alpenstädte. Kurz nach 20 Uhr.

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Mit 38 Jahren auf den Olymp

Constantina Dita gelang im Spätsommer ihrer Karriere der große Coup. Wir erinnern in unserer Rubrik „Legenden“ an ihren Alleingang zu Gold bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking.

Text: Daniel Becker

Die Entscheidung im olympischen Marathonrennen der Frauen 2008 in Peking fiel nach etwa 20 Kilometern. Die damals 38-Jährige Rumänin Constantina Tomescu-Dita erhöhte das Tempo deutlich und setzte sich vom Rest der Spitzengruppe ab. Nur wenige Sekunden, nachdem sie ihren Alleingang gestartet hatte, musste die Britin Paula Radcliffe eine erste Dehnpause einlegen. Eine im Vorfeld diagnostizierte Übermüdungsfraktur hatte für die Weltrekordhalterin eine angemessene Vorbereitung auf Olympia unmöglich gemacht. Das Duell der europäischen Topläuferinnen war damit zuguns­ten der Rumänin entschieden. Auch die weiteren Favoritinnen, allen voran die spätere Silber-Medaillen-Gewinnerin Catherine Ndereba aus Kenia und die Bronze-Gewinnerin Zhou Chunxiu aus China, konnten dem Tempo von „Pusa“ (sprich: Puscha) nicht mehr folgen – ungefährdet lief sie zu Gold.

Mehr als nur eine Randnotiz: Dita ist seit diesem Erfolg die älteste Marathonsiegerin in der Geschichte der Olympischen Sommerspiele. Volles Risiko bei der Flucht nach vorne Constantina Dita, die bis 2008 unter dem Namen ihres damaligen Mannes Tomescu startete, war zu ihren stärksten Zeiten in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends dafür bekannt, ihre Rennen von vorne weg zu gestalten – und damit auch immer einen Einbruch zu riskieren. Beim Chicago-Marathon 2006 hatte sie zwischenzeitlich gut zwei Minuten Vorsprung auf die Verfolgerinnen herauslaufen können.

Am Ende fehlte ihr die Kraft, es reichte nur zu Platz fünf. Dennoch wählte sie auch zwei Jahre später beim olympischen Marathon in Peking wieder dieselbe Taktik – und wurde am Ende mit Gold belohnt. So richtig fassen konnte sie ihr Glück damals nicht: „Ich habe schon daran gedacht, eine Medaille einheimsen zu können, aber daran, zu gewinnen? Niemals“, so Dita. Vier Jahre später nahm sie in London noch einmal an Olympischen Sommerspielen teil und belegte den 86. Platz. In ihrer Heimat bleibt dennoch natürlich der Sieg von 2008 in Erinnerung, die sympathische Läuferin ist in Rumänien noch immer ein Superstar.

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„Laufen macht mir halt wahnsinnig viel Spaß“

Die Desert Queen Anne-Marie Flammersfeld will nicht nur in der Wüste laufen. Momentan ist sie verstärkt im alpinen Raum unterwegs. Ein Gespräch über mentale Stärke und den Wunsch, neue Grenzen auszutesten.

Interview: Ralf Kerkeling

Frau Flammersfeld, Sie haben eine neue, besondere Leidenschaft. Vom tiefsten Punkt eines Landes auf den höchsten zu laufen. Wie kommt man auf solch eine Idee?

Anne-Marie Flammersfeld:  Ich saß mit einem Freund in einem Skilift, und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm vom tiefsten Punkt zum höchsten Punkt der Schweiz mit dem Mountainbike zu fahren. Ich fand das direkt gut, aber da ich ja Läuferin bin, wollte ich das Ganze auch laufend absolvieren. Ich habe mir also Kartenmaterial besorgt, um das logistisch zu planen, und bin dann in Ascona losgelaufen. Insgesamt waren das 220 Kilometer und 9.500 Höhenmeter im Aufstieg. Es hat fünf Tage gedauert, bis ich oben auf der Dufourspitze  (4.634 Meter) gestanden habe.

Aber das ging ja nicht nur laufend vorwärts …

Im oberen Teilstück musste ich klettern. Das war dann eine gute Mischung zwischen Trailrunning und Bergsteigen. Ab Zermatt bin ich in die Bergsteigerstiefel umgestiegen und ab dort mit Seil und Eispickel weitergelaufen. Das macht natürlich auch total viel Spaß, solche Kombinationen. Nachdem der erste Lauf so gelungen war, haben wir uns überlegt, dass wir dieses Projekt weiter fortführen wollen. Auf jedem Kontinent wollen wir in den nächsten Jahren in dem bewährten Bottom-Up-Stil die jeweils sieben höchsten Vulkane besteigen. Letztes Jahr waren wir im Iran und sind dort auf den Mount Damavand (5.600 Meter). Das ist der höchste Vulkan Asiens. Dieses Jahr ist der Kilimandscharo in Tansania dran. Wir werden nördlich von Daressalam starten und fahren zunächst mit dem Bike, das sind rund 400 Kilometer, und dann wollen wir in vier Tagen auf dem Kilimandscharo (5.885 Meter) sein. Nach diesem Projekt starte ich nochmals, um vom Eingangstor des Nationalparks am Kilimandscharo nonstop auf den Gipfel zu rennen.

Sie kommen ursprünglich aus dem Handballsport und haben zeitweise in der dritten Bundesliga gespielt. War Laufen zu dieser Zeit eine rein konditionelle Maßnahme, oder sind Sie auch damals schon gerne lange Strecken gelaufen?

Laufen diente damals mehr zur Auffrischung der Kondition. Zum richtigen Laufen bin ich eigentlich erst durch den Umzug in die Berge gekommen. Dadurch, dass es keine Handballvereine hier vor Ort gibt, bin ich halt die Berge rauf- und runtergelaufen oder gewandert. Bei den Wanderungen waren mir die Abstiege irgendwann zu langweilig. Also bin ich mit Wanderschuhen die Berge runtergelaufen und hab die dicken Schuhe schließlich ganz zu Hause gelassen. Ab dann bin ich nur noch mit Sportschuhen los. Ich habe versucht, möglichst schnell die Berge rauf- und runterzulaufen, ziemlich schnell gemerkt, dass ich gut zurechtkomme, und schließlich erste Wettkämpfe probiert. Bei einem 20-Meilen-Rennen im Rahmen des Graubünden-Marathons bin ich dann direkt Dritte geworden.

Sie sind also ein Naturtalent …

(lacht) Ja, irgendwie steckt da wohl etwas in mir drin, was ich jetzt relativ spät für mich entdeckt habe. Mit dem Laufen habe ich ja erst Ende zwanzig begonnen. Es macht mir halt wahnsinnig viel Spaß.

Marathon und ein bisschen den Berg rauf- und runterlaufen ist ja eine Sache. Aber über 200 Kilometer durch Sand- und Eiswüsten laufen ist etwas anderes. Wann haben Sie erkannt, dass Ultralaufen etwas für Sie sein könnte?

Ich bin da eher zufällig reingeraten. Auf einer Reise irgendwo am Ende der Welt in Patagonien habe ich jemanden kennengelernt, der im Anschluss an diese Reise an einem Wüstenrennen in der Antarktis teilnehmen wollte. In dem Moment, wo er mir davon erzählte, war ich so begeistert und fasziniert davon, was es alles für Wettkämpfe gibt, dass ich das auch erleben wollte. Schnell ist dann auch die Idee entstanden, bei den Desert Races vier Wüsten in einem Jahr zu laufen. Beim Training für diese Läufe habe ich dann immer mehr gemerkt, dass ich fähig bin, längere Distanzen zu laufen, und dass mir das in der Regenerationsphase immer weniger ausmacht, meine Muskeln stärker werden und ich fitter werde. Dabei fand ich es total faszinierend zu erleben, dass das, was ich als Sportwissenschaftlerin gelernt habe, sich auch in die Praxis umsetzen lässt. Den Trainingsumfang habe ich in weniger als einem Jahr auf rund 150 Wochenkilometer hochgeschraubt.

Und das hat als Vorbereitung für die Wüste ausgereicht?

Ich bin eigentlich als Rookie in die Atacama-Wüste zu meinem ersten Wüstenlauf, ohne genau zu wissen, was mich da letztlich erwartet. Dennoch bin ich vom ersten Tag weg mein Tempo gelaufen und kam an jedem Etappentag als Erste des Frauenklassements über die Ziellinie. Selbst auf der langen Etappe (80 km) war ich immer die Führende. Da war ich dann doch sehr überrascht, dass ich in der Lage war, diese Leis­tung so konstant zu bringen. Selbst als ich vier oder fünf Tage hintereinander so lange Distanzen gelaufen bin, konnte ich am sechsten Tag immer noch Bestleistungen abrufen.

Bei den langen Distanzen kommt es nicht nur auf das physische Training an. Wie schätzen Sie die mentale Stärke ein, die nötig ist, um neben der langen Strecke auch, wie in Ihrem Fall, mit Hitze oder Kälte umzugehen?

Ich würde sagen, dass ich zunächst einmal eine sehr ehrgeizige Person bin. Ich kann, wenn ich ein Ziel verfolge, an dem ich Spaß habe, sehr fokussiert und mit großer Leidenschaft daran arbeiten. Das lässt mich auch Dinge ertragen, bei denen andere vielleicht schon aufgeben würden. Ich gehe dann immer noch weiter. Die Befriedigung, z. B. oben auf einem Gipfel in 2.000 Meter Höhe zu stehen, zieht mich da irgendwie hoch. Das ist sicherlich ein Talent. Dennoch habe ich auch mal mit einer Mentaltrainerin gearbeitet, weil ich merkte, das physische Training läuft gut, und Pläne kann ich mir selber schreiben.

Aber im Kopf war es so, dass ich, wenn ich auf meine langen Läufe ging, teilweise völlig frustriert gelaufen bin und das Gefühl hatte, vor mir selber wegzulaufen. Nicht vor einem Problem, wie man das so gerne reininterpretiert, sondern mein Kopf war schon um die nächste Ecke rum, obwohl ich da noch gar nicht mit meinem Körper angekommen war. An der Stelle hat die Mentaltrainerin dann geholfen.

Gibt es denn Bilder und Situationen, die Sie sich in Momenten der Krise in den Kopf rufen können?

Ja, das ist das, was wir dann in der sogenannten Sporthypnose trainiert haben. Ich musste mir verschiedene Situationen bildhaft vorstellen und sollte dann ein entsprechendes Gegenbild kreieren, eines, das sich angenehm für mich anfühlt. Ich hatte z. B. keine Vorstellung davon, wie es ist, in der Wärme zu laufen. Folglich habe ich ein Bild kreiert, das der Hitze entgegenwirken kann, einen eiskalten Schneesturm. Dieses Bild habe ich dann abgespeichert und kann mir das jederzeit hervorholen, wenn ich es ­brauche. Da ist der Kopf dann der entscheidende Motor. Ob ich jetzt einen Kilometer laufe, zwanzig oder hundert Kilometer, der Kopf muss dafür parat sein.

Also entscheidet der Kopf über den Renn­verlauf?

Ich würde sagen, mehr als 70 Prozent meiner Rennen werden im Kopf entschieden. Immer vorausgesetzt, die körperlichen Grundlagen sind optimal trainiert worden. Ich finde es nach wie vor spannend, dass man sich mit seinen eigenen Gedanken sehr stark ins Positive reden kann, aber auch genau das Gegenteil passieren kann. Gerade dann, gegen Ende der Rennen, wenn die physische Kraft nachlässt, ist es immer wieder erstaunlich, was man mit positiver Energie noch schaffen kann, um noch einmal alles aus sich herauszuholen. Wichtig ist zu wissen: Die Krisen kommen, aber sie gehen auch wieder. Das sind natürlich Erfahrungswerte, die ich im Laufe der Zeit sammeln konnte und die mir immer wieder in schwierigen Situationen helfen.

Fallen Sie nach den Rennen auch schon mal in ein mentales Loch?

Nachdem ich die Ziellinie überlaufen habe, bin ich zunächst sehr glücklich, alles fällt von mir ab, die ganzen Strapazen sind mehr oder weniger weit weg. In der Zeit danach muss ich mich fast schon zwingen, mich gesund zu ernähren, viel zu trinken und auf mein Regenerationsprogramm zu achten. Dazu gehören auch gute Eiweiße. Ansonsten geht das auch schon mal nach hinten los. Ich kann mich manchmal ein bis zwei Wochen nicht mehr richtig bewegen, und die Muskeln leiden ziemlich. Gute Ernährung hilft dabei, die Regeneration zu fördern. Was im Kopf dann passiert, ist immer wieder spannend.

Der Körper muss sich von den Strapazen auch mental erholen. Mal laufe ich die folgenden Wochen durch meinen Alltag und finde gar keine Ruhe, wie ein Huhn ohne Kopf. Dann kann ich mich auch nicht einfach aufs Sofa setzen und mal runterkommen. Manchmal ist es aber auch so, dass ich einfach nur liegen will, schlafen möchte und gar keinen um mich herum ertragen kann. Oder ich verfalle in so eine Art Post-Blues, wo mir alles negativ erscheint, da bin dann fast schon depressiv. Der Zustand hält dann so fünf bis sieben Tage. Dann merke ich, wie sich mein Körper und Geist so nach und nach erholt haben. Alles geht plötzlich ganz normal, der Rhythmus kommt zurück. Leider kann ich nie voraussehen, was genau passiert.

Die Zielankunft bei den Desert Runs und anderen Ultras ist anders als bei anderen Sportarten. Keine jubelnden Massen wie z. B. bei den Stadtmarathons oder gar anderen Sportarten. Wie sind da Ihre Erfahrungen und Empfindungen?

Letzten Endes ist mir das egal, weil ich das ja für mich mache. Ich will damit keinen Applaus von außen bekommen, sondern ich möchte mit mir selber zufrieden sein. Es geht ja nur um den inneren Kampf gegen mich selber. Was bringt es mir, wenn am Rand Tausende Leute stehen und mir zujubeln? Meine Leistung ändert sich ja dadurch nicht. Natürlich ist es trotzdem schön, wenn ich eine Anerkennung von außen bekomme. Aber ich habe gelernt, mir diese selber zu geben, indem ich mir z. B. sage: „Du hast gut gekämpft, weiter so!“ Klar fließen wahnsinnige Emotionen, wenn ich, wie beim Zugspitzlauf, umjubelt ins Ziel einlaufe. Aber das ist nicht der Grund, warum ich das mache.

Für Ihren Sport trainieren Sie oft alleine, und zumindest bei den Wüstenläufen sind Sie größtenteils auf sich allein gestellt. Macht Extremlaufen eigentlich manchmal einsam?

(überlegt) Nein, würde ich nicht sagen. Ich bin ja die ganze Zeit mit mir selber zusammen, ich bin ja nicht einsam. Ich bin zwar einsam, aber nicht alleine. Und ich kann, wenn ich clever bin, mental gut arbeiten, mir wahnsinnig viele Bilder vorstellen, z. B. dass ich mit anderen Leuten zusammen laufe. Man muss natürlich in der Lage sein, sich solche Bilder vorstellen zu können. Bei mir funktioniert das.

Thema Zeitmanagement: Sie sind selbstständig und beruflich sehr eingespannt. Wie teilen Sie sich die Zeit fürs Training ein? Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihren Tagesablauf.

Bei mir ist das eigentlich ganz clever gewählt. Ich bin ja Personal Trainerin. Das heißt, mein Beruf ist meine eigene Fitness. Wenn ich also mit meinen Kunden unterwegs bin, mache ich natürlich Sport, das sind so drei bis sechs Stunden pro Tag. Ich laufe mit den Leuten, mache Krafttraining oder gehe in die Berge. Das ist für mich letztlich gutes Training, bei dem ich meine eigene Fitness und Grundlagenausdauer noch einmal steigern kann. Die Fettverbrennungsrate ist bei den Läufen dann ganz niedrig, schließlich laufen die Kunden ja auch langsamer. Das kommt mir entgegen, da ich bei meinen privaten Läufen häufig viel zu schnell unterwegs bin, zumindest wenn ich Grundlagen trainieren will.

Neben dem Sport haben Sie in den letzten Jahren auch die Arbeit für die Paulchen Esperanza Stiftung intensiviert. Was genau leistet die Stiftung, und wie sieht Ihre Arbeit dafür aus?

Auf meinen Wettkämpfen habe ich immer das Maskottchen der Stiftung, einen Eisbär, mit dabei, worauf ich oft angesprochen werde. Als Botschafterin starte ich hin und wieder Spendenaufrufe, wenn ich an speziellen Wettkämpfen teilnehme oder meine Bottom-Up-Projekte durchführe.

Was haben Sie sich für 2015 vorgenommen? Welche sportlichen Ziele haben Sie, geht es wieder zurück in die Wüste?

Sollte das erste Vorhaben in Tansania gut verlaufen, werde ich danach versuchen, im Speedrun den bestehenden Rekord der Engländerin Becky Shuttleworth am Kilimand­scharo (11 h, 34 min nur rauf) zu unterbieten. Frauen müssen für den Rekord normalerweise nur rauflaufen. Ich werde versuchen, in der gleichen Zeit rauf- und runterzulaufen. Zudem werde ich eine Premiere feiern: Mit meinem UVU-Racing-Teamkollegen Tim Wortmann nehme ich das erste Mal am Transalpine Run teil. Zudem starte ich beim Ultra Trail Morocco Eco Sahara (UTMS).

Infos zur Person:

Anne-Marie Flammersfeld (36) ist Sportwissenschaftlerin  und Inhaberin der Firma „all mountain fitness“ – Personal Training in St. Moritz. (www.allmountainfitness.ch)

Halbmarathon

Halbmarathon: Von wegen halbe Sache!

Der Halbmarathon erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Im Rahmen der meisten großen Marathonveranstaltungen in Deutschland und Europa hat sich der Lauf über die 21,0975 Kilometer als fester Bestandteil etabliert. Die Teilnehmerzahlen übertreffen regelmäßig die des großen Bruders über die volle Distanz. Das mag vielerlei Gründe haben. Für einen ambitionierten Einsteiger ist der Weg zum Marathon oft gedanklich noch zu weit weg. Die Gesamtlänge von 42,195 Kilometern schreckt viele Läufer zunächst ab. Hinzu kommt ein erheblich höherer Trainingsaufwand für einen gesamten Marathon. Im normalen Alltag lassen sich vier bis fünf Trainingsläufe pro Woche nicht immer sehr leicht integrieren.

Realistische Ziele

Viel überschaubarer scheint hingegen der Halbmarathon zu sein. Schon drei bis vier Trainingsläufe in der Woche mit 30 bis 40 Gesamtkilometern lassen einen Sportler den Halbmarathon bewältigen. Dieses Pensum ist selbst für den normalen „Jogger“ erreichbar. Dass man nicht zwei Wochen vor dem ersten Halbmarathon mit dem intensiven Training beginnt, erscheint dabei selbstverständlich. Dabei sollten Sie Ihre Ziele am Anfang jedoch nicht zu hoch hängen. Während der erfahrene Hase den Halbmarathon als Aufbautraining zur nächsten Marathon-Bestzeit nutzen wird, ist es für den Neuling ratsam, sich zunächst einmal mit Ziel-Zeiten jenseits der 2-Stunden-Marke zu beschäftigen. Realistische Ziele bewahren zumindest vor allzu großer Enttäuschung.

Zusätzliches Muskeltraining

Um den ersten Halbmarathon anzugehen, ist eine gute Grundlagenausdauer nötig, ein Lauf über 60 Minuten sollte für Sie kein Problem darstellen. Mit regelmäßigem Training und einem guten Trainingsplan lassen sich die neuen Ziele gut verwirklichen. Neben dem eigentlichen Lauftraining sollten Sie in der Vorbereitung auf den Halbmarathon zudem verstärkt­ auf zusätzliches Muskelaufbautraining und eine Stärkung der Rumpfmuskulatur achten. Die Belastung für den gesamten Bewegungsapparat nimmt gerade in der Vorbereitungszeit auf den Lauf gegenüber den kürzeren Distanzen doch erheblich zu. Um allzu große Muskelschmerzen und Stress zu vermeiden, ist es immer wieder wichtig, neben einer gesunden Ernährung auch auf eine ausreichende Regenerationszeit zu achten. Befolgen Sie den einen oder anderen Tipp, steht dem erfolgreichen Finish bei einem der anstehenden Halbmarathonläufe in diesem Jahr nichts mehr im Wege. Und wenn Sie dann im Ziel sind, ist das Ziel Marathon auch nicht mehr so weit entfernt. 

Nachfolgend haben unsere Coaches Susanna und Frank Hahn ein paar Tipps für den „Halben“:

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?

Einen Start über die halbe Marathondistanz sollten Sie erst in Angriff nehmen, wenn Sie schon öfter an 10-km-Läufen erfolgreich teilgenommen haben, ausdauertrainiert sind und Spaß an regelmäßigem Training und an der längeren Strecke haben. Für Läufer, denen es primär um die Bewältigung eines Halbmarathons geht, ist der Trainingsplan gedacht, der auf eine Endzeit von 2:15 Std. angelegt ist. Sie sollten in der Lage sein, 10 Kilometer in 62 Minuten zu laufen (6:12 Min. pro Kilometer). Die Zeit von 2:15 Std. über die Halbmarathondistanz entspricht einem Kilometerschnitt von 6:24 Min. Der Trainingsplan auf eine Zielzeit von 1:45 Std. bedeutet einen Kilometerschnitt von 4:59 Min. Er ist für ambitionierte Läufer gedacht, die über 10 km bereits mehrmals unter 50:00 Min. gelaufen sind.

Gleichwohl, wie schnell Sie die 21,0975 Kilometer bewältigen wollen: Sie sollten den Plan ernst nehmen und so gewissenhaft wie möglich versuchen, ihn zu erfüllen. Dann werden Sie bei der Umsetzung eine körperliche Entwicklung feststellen können.

Welchen zeitlichen Aufwand muss ich einplanen?

Die zwölf Wochen sind in drei Blöcke eingeteilt: Über je drei Wochen wird das Training aufgebaut, wobei in der zweiten Woche die meisten Kilometer gelaufen werden. Dann schließt sich eine Regenerationswoche an mit einem Testlauf oder Wettkampf, bevor der nächste Trainingsblock folgt. In fast allen Wochen sind vier Laufeinheiten angesetzt, in den zweiten Wochen eines Blocks zum Teil auch fünf. Als Trainingstage werden der Dienstag, der Donnerstag sowie das Wochenende favorisiert, bei fünf Einheiten zusätzlich der Mittwoch. In den Regenerations­wochen wird mit zwei Einheiten sowie einem Wettkampf oder Testlauf geplant. Dieser wird in der Regel am Wochenende stattfinden, umrahmt von zwei lockeren Dauer­läufen am Mittwoch und am Sonntag. Ein Tausch von Samstag und Sonntag ist möglich, wenn das Rennen erst am Sonntag stattfindet.

Pro Woche sollten Sie somit einen Zeitaufwand von durchschnittlich fünf bis sechs Stunden einplanen.

Was zeichnet ein spezielles Halbmarathontraining aus?

Im Gegensatz zum Training für die 10-km-Strecke wird die Ausdauer forciert, gegenüber dem Marathontraining wird an der Geschwindigkeit gearbeitet. Das bedeutet, dass die Laufeinheiten pro Woche recht abwechslungsreich gestaltet sind: In der Regel sind zwei Dauerläufe in ruhigem Tempo vorgesehen, bei dem man sich noch gut in ganzen Sätzen unterhalten kann. Sie können in beliebigem Gelände absolviert werden. Ob flach oder profiliert, Waldwege oder Asphalt: Es steht das erholsame, Spaß bringende Laufen im Vordergrund. An einem Tag pro Woche steht intensives Training an, das Sie fordern darf und soll. Als Trainingsmittel kommen hier zum Einsatz: der zügige Dauerlauf mit einem Puls von etwa 85–88 Prozent der maximalen Herzfrequenz, Tempoläufe, bei denen Distanzen von 500 m und 1.000 m schneller als im Renntempo gelaufen werden, sowie Fahrtspiele, also ein wechselndes Tempo über verschieden lange Teilstücke im Schwellenbereich. Es bietet sich an, diese Einheit und den folgenden langen Dauerlauf auf das Wochenende zu legen. Wenn Sie sich richtig auspowern, muss die Erholung nach diesen Einheiten oft noch als Baustein des Trainings gesehen werden. Nach den zwei fordernden Einheiten am Wochenende sollten Sie unbedingt den Montag zum Ruhetag erklären.

Innerhalb der Vorbereitung werden die Distanzen des intensiven Trainings und des langen Laufes immer größer. Bei den intensiven Einheiten legen Sie in flotterem Tempo zwischen 4 und 16 km zurück. Der lange Lauf wird von 12 bis auf 22 km gesteigert. Wenn Sie mehr Kilometer im Training bewältigt haben, als die Wettkampfstrecke misst, gibt Ihnen das die Sicherheit, die Streckenlänge am Tag X locker im Griff zu haben. Denn obwohl Sie im Training langsamer laufen, müssen Sie bedenken: In den Beinen steckt eine ordentliche Vorbelastung!

Ist das Training für einen Halbmarathon leichter zu verkraften als das für einen Marathon?

Das Wettkampfziel Halbmarathon ist nicht so trainingsintensiv wie das Marathontraining. Der Zeitaufwand ist mit vier bis fünf Laufeinheiten pro Woche, die über Distanzen von 6 bis (einmalig) 22 km gehen, geringer. Die physische wie auch die psychische Anstrengung fällt nicht so hoch aus. Denn man benötigt weniger Zeit für die Regeneration und ist insgesamt gesehen weniger verletzungsanfällig. Auch fallen durch Krankheit oder Stress bedingte Auszeiten nicht so sehr ins Gewicht. Ein nicht zu unterschätzender mentaler Vorteil ergibt sich durch die Tatsache, dass man im Training die gesamte Wettkampfdistanz einmal ablaufen kann. Bei 42 km ist dies nicht empfehlenswert! Kurz zusammengefasst: Der Trainingsaufwand ist für den Freizeitläufer ohne große Risiken realisierbar.

Ist ein Testwettkampf sinnvoll?

Die Antwort lautet eindeutig: ja! Denn bei einem Rennen im Vorfeld erleben Sie all das schon einmal, was Sie am Tag mit dem Halb­marathonrennen erwarten wird. Diese Gelegenheiten – wir empfehlen zwei Wettkämpfe über 10 und 15 km – bieten die beste Möglichkeit zum Ausprobieren. Wie sollte der zeitliche Abstand zwischen Anreise und Start aussehen? Welche Zeit muss ich im Vorfeld einplanen für den Weg von der Parkgelegenheit zum Wettkampfort, für das Abholen der Startunterlagen, für einen Toilettengang etc.? Welcher zeitliche Abstand zwischen Essen und Rennen ist für mich güns­tig, was nehme ich zu mir? Kann ich in den Rennschuhen gut laufen, passen die Socken, ohne dass ich mir Blasen laufe?

Zudem erleben Sie schon ein- oder zweimal die besondere Atmosphäre­ eines Rennens. Sie werden wahrscheinlich leicht nervös sein und die gewisse Anspannung spüren, die selbst Spitzenläufer vor dem Start fühlen. Sie gehört dazu, ohne sie wäre der Wettkampf nicht das, was er ist. Doch lernen Sie mit ihr umzugehen, wenn Sie die Situation bereits kennengelernt haben.

Welche Vorteile bietet ein Halbmarathonrennen gegenüber der Marathondistanz?

Viele Halbmarathonläufe sind an einen Marathon gekoppelt. Oft legen die Halbmarathonis einen Abschnitt oder die erste Runde der vermessenen Marathonstrecke zurück. Das bedeutet: Sie erleben dieselbe tolle Stimmung wie die Marathonläufer – auf der Strecke wie im Ziel. Zwar werden Sie in der Regel ein schnelleres Tempo laufen als jene, doch werden Sie nicht so lange am körpereigenen Limit laufen, als dass Sie nicht alles um sich herum wahrnehmen könnten. Neben der Stimmung sind auch andere Eventerlebnisse des Marathons inklusive: Nudelparty, besonderer Zieleinlauf, Erinnerungsmedaille … Nur auf eine lange Leidenszeit während des Rennens und die lange Regenerationszeit nach dem Rennen verzichten Sie!

Wie sollten die letzten Einheiten und Tage vor dem Wettkampf aussehen?

Die letzte Woche vor dem Rennen sollten Sie ruhig gestalten: Im Training laufen Sie locker und geben dem Körper Gelegenheit zur aktiven Regeneration. Denn das im Training Erarbeitete muss verarbeitet werden. Oft gehört Mut dazu, einen Gang zurückzuschalten. Aber: Sie müssen sich nun nichts mehr beweisen, die Trainingsarbeit liegt hinter Ihnen! Wenn es Sie in den Füßen kitzelt, dann machen Sie im Anschluss an die Dauerläufe drei bis fünf Steigerungsläufe über 80 m. Dabei beginnen Sie im langsamen Dauerlauftempo und steigern bis hin zur maximalen Geschwindigkeit. Auf diese Art und Weise­ können Sie sich kurzfristig so schnell Sie wollen bewegen, ohne sich wirklich zu verausgaben. Versuchen Sie in den letzten Tagen vor dem Rennen, auch im Job und in der Familie allem Stress aus dem Weg zu gehen.

Wie für den Wettkampftag gilt auch für die Tage vorher: nichts Neues ausprobieren, auf das Bewährte zurückgreifen! Das gilt für die Bekleidung wie für die Nahrungsaufnahme und alle Aktivitäten. So sollten die Schuhe samt Socken in genau dieser Kombination schon einmal bei einer schnelleren Einheit oder einem Wettkampf getragen worden sein. Auf keinen Fall neue Schuhe einweihen! Auch für Essen und Trinken gilt: keine Experimente! Das Trinken können Sie bei einem langen Lauf gut üben, wenn Sie meinen, etwas trinken zu müssen. In der Regel ist dies bei Halbmarathonläufen aber nur bei Hitze notwendig. Essen Sie stets mit einem Abstand von mindestens zwei Stunden vor den Trainingseinheiten und probieren Sie vor einer intensiven Einheit schon einmal Ihr „Wettkampf-Frühstück“ aus. Empfehlenswert sind hier leicht verdauliche Speisen wie helle Brötchen oder helle Brotsorten mit etwas Butter oder Margarine und Marmelade, dazu Tee.

Welche Startgelegenheiten gibt es?

Von März bis Juni gibt es in Deutschland viele Möglichkeiten, einen Halbmarathon in relativer Wohnortnähe zu finden. Darunter sind schöne Landschaftsläufe wie Strecken an der See, auf Inseln oder auf Deichen, an Flüssen entlang oder durch die heimischen Wälder. Wem an einer schnellen Zeit gelegen ist, der wählt einen der schnellen Stadtkurse. Viele Halbmarathons sind in die großen Marathonveranstaltungen integriert, beispielsweise in der ersten Jahreshälfte die Läufe in Bonn, Freiburg, Hamburg, Hannover, Mainz und Stuttgart. Der größte Halbmarathon Deutschlands mit über 20.000 Finishern findet in Berlin Ende März statt. Hier läuft die Spitze oft Weltklasse-Zeiten, und die Stimmung ist dementsprechend.

Gibt es einen optimalen Tagesablauf für  den Wettkampftag?

Es gibt nicht DEN Masterplan für einen richtigen Ablauf vor dem Wettkampftag. Die Erfahrung wird es mit der Zeit richten. Wir geben Ihnen folgende Tipps an die Hand:

  • Durchdenken Sie den gesamten Tag! Gewöhnlich liegt die Startzeit für einen Halbmarathon am Morgen oder frühen Vormittag.
  • Planen Sie Ihre Mahlzeiten! Zwei bis drei Stunden vor dem Lauf sollten Sie zuletzt eine Kleinigkeit zu sich nehmen, die den Magen nicht belastet. Achten Sie darauf, dass Sie vorher ausreichend trinken, aber nur bis spätes-tens 1,5 Stunden vor dem Lauf, mit der Ausnahme von ein paar Schlucken.
  • Planen Sie Ihre Anreise! Diese sollte ohne Umwege erfolgen, um jeglichen zeitlichen Druck zu minimieren. Die Sporttasche besser schon am Abend vorher packen. Dann haben Sie sich praktisch und gedanklich schon gut auf den Lauf vorbereitet.
  • Etwa eine halbe Stunde vor dem Start sollten Sie sich locker einlaufen, vielleicht sogar auf der Stecke, um diese kennenzulernen. Im Anschluss dehnen Sie sich und machen zwei, drei Steigerungsläufe.
  • Vergessen Sie nicht die Startnummer!
  • Finden Sie sich früh genug in Ihrem Startblock ein!
  • Plaudern Sie noch mit Bekannten, um Anspannung abzubauen.

Infos zu unseren Coaches:

Susanne Hahn (36) blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Läuferin zurück. Vor ihrem Rücktritt vom Leistungssport 2014 holte sie bei 58 Deutschen Meisterschaften 33 Einzel- und 20 Mannschafts-Medaillen (Einzel: 10-mal Gold, 15-mal Silber, 8-mal Bronze; Mannschaft: 9-mal Gold, 9-mal Silber, 2-mal Bronze) und wurde Deutsche Marathonmeisterin 2008 und 2012. Ihre Marathonbestzeit liegt bei 2:28:49 h.

Frank Hahn (48) trainiert seine Frau Susanne seit 2006 und zeitweise auch andere Athleten. Er ist in Besitz der A-Trainer-Lizenz (Laufen). Frank hat 22 Marathons absolviert (Bestzeit 2:19:28 h).

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Der König der Triathleten

Der Ironman Hawaii ist der härteste Langdistanz-Triathlon der Welt – und ein Mythos im Ausdauersport. Wer hier gewinnen will, muss nicht nur die Konkurrenz besiegen, sondern auch seine Schmerzen und die Widerstände im eigenen Kopf. Deutschlands Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno hat’s geschafft – und sich damit ein Denkmal gesetzt.

Text: Wilfried Spürk

Nur noch wenige Hundert Meter bis zum Ziel. Jan Frodeno läuft immer noch wie ein Uhrwerk, auch nach über acht Stunden der Anstrengungen und Leiden. Er wirkt hochkonzentriert. Doch wer in sein Gesicht schaut, erkennt ein entspanntes Lächeln. Ein Lächeln, das ausdrückt: Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. In der Tat: Der Sieg beim Ironman Hawaii 2015 ist Frodeno nicht mehr zu nehmen, als er nun zum letzten Mal an diesem Tag auf den Ali’i-Drive einbiegt.

Noch ein Mal schaut er sich um: Weit und breit ist kein Konkurrent zu sehen. Als der Deutsche einige Meter weiter den Zielteppich erreicht, bricht sich die Siegesgewissheit endgültig Bahn: Frodeno breitet triumphierend die Arme aus, hebt sie nach oben, verlangsamt dann seine Schritte, stoppt schließlich ab – und geht, ja schlendert Richtung Ziellinie. Er klatscht kurz die Zuschauer ab, die dicht gedrängt links und rechts hinter den Absperrungen stehen und ihm zujubeln. Dann reißt der Athlet die Arme wieder hoch, ballt freudestrahlend abwechselnd seine Fäuste Richtung Publikum.

Die Zielbanderole vor Augen scheint er für einen Moment vor Ehrfurcht abzubremsen, doch dann packt sich der 34-Jährige das von Ironman-CEO Andrew Messick und dem sechsfachen Hawaii-Sieger Mark Allen gehaltene Schriftband, reißt demonstrativ daran, lässt es abrupt fallen und geht hinter dem Zieldurchlauf zu Boden, ein weiteres Mal die Arme zum Jubel ausgestreckt. Frodeno ist am Ziel – am Ziel eines ultraharten Triathlons und am Ziel seiner Träume: „Ich bin auf Wolke 7 oder 9 oder 35“, beschreibt er kurz darauf seinen Gefühlszustand.

Dramen und Anekdoten

Nach diesem Tag, dem 10. Oktober 2015, wurde der deutsche Triathlet weltweit gefeiert. Mit dem Ironman Hawaii hat er den berühmtesten Wettbewerb gewonnen, den dieser Dreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen kennt. Einen der bedeutendsten Wettkämpfe für Ausdauerathleten überhaupt. Seit 1978 wird er ausgetragen. Den Begriff „Ironman“ prägte einer der Initiatoren, der US-amerikanische Marineoffizier John Collins, mit dem Satz: „Whoever finishes first, we’ll call him the Ironman.“ Verpflegungsstationen gab es für die lediglich 15 Starter bei der Premiere des insgesamt 226 Kilometer langen Abenteuers (3,86 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren plus einen Laufmarathon über 42,2 Kilometer) nicht, sie versorgten sich unterwegs teilweise an Imbissbuden oder baten Passanten um Essbares.

Nicht zuletzt dank solcher Anekdoten genießt der Hawaii-Ironman einen ganz besonderen Status. So sieht es auch Frodeno: „Diese unvergleichliche Historie, in der sich über Jahrzehnte Geschichten und Schicksale angesammelt haben, machen ihn zu einem Mythos, der für viele eine fast religiöse Bedeutung hat“, sagt der Sieger 2015. Das vielleicht größte Drama spielte sich 1982 ab. Julie Moss hatte bereits den sicheren Sieg vor Augen. Doch die US-Amerikanerin dehydrierte, kurz vor dem Ziel verließen sie die Kräfte, Landsfrau Kathleen McCartney zog vorbei und gewann. Moss schleppte sich noch ins Ziel und wurde Zweite.

Der sportliche Wert des Wettkampfs stieg weiter, als er 1982 zur offiziellen Ironman-Weltmeisterschaft ernannt wurde, mit der als Marke geschützten Bezeichnung „Ironman World Championship“. Zudem wurde er schon 1981 an die Westküste der Hawaii-Hauptinsel Big Island verlegt, die dortigen klimatischen Bedingungen verlangen den Sportlern noch mehr ab. Um die 30 Grad Hitze, eine hohe Luftfeuchtigkeit von manchmal bis zu 90 Prozent und die tückischen Ho’o-Mumuku-Winde, die vor allem auf der Radstrecke gefürchtet sind, machen den Ironman Hawaii nicht nur zum bedeutendsten, sondern auch zum wohl härtesten Langdistanz-Triathlon der Welt. Die einzigartige Natur auf der vulkanischen Insel tut ihr Übriges: Trockenes Lavagestein begleitet die Athleten auf einem Großteil der Rad- und Laufstrecke, Schatten gibt es keinen.

Jan Frodeno allerdings lockte die Herausforderung lange nicht. Erst 2011 ließ er sich vom Ironman-Fieber anstecken, als er das Rennen selbst auf der Karibik-Insel verfolgte. Zu dem Zeitpunkt hatte der 1,94 Meter große Athlet bereits eine knapp zehnjährige erfolgreiche Triathlon-Karriere vorzuweisen, mit dem Olympiasieg 2008 als Höhepunkt. Damals galt ihm die (olympische) Kurzdistanz als das Nonplusultra. Den Ironman bezeichnete er 2008 mal als Wettbewerb „für gescheiterte Kurzstreckler“.

Als favorit gestartet

Doch 2013 stieg der gebürtige Kölner auf die Langdistanz um. Im Visier von Beginn an den legendären Event auf der Insel im Pazifik. Frodeno bestreitet dort 2014 seinen erst zweiten Ironman überhaupt – und kommt trotz Raddefekt und Zeitstrafe als starker Dritter ins Ziel. Die Erfahrungen bei seiner Hawaii-Premiere sind wertvoll: „Ich habe gelernt, dass man dort vor allem flexibel reagieren können muss. Eine starre Taktik führt nicht zum Erfolg.“

Ein Jahr später geht Frodeno mit der Empfehlung von zwei großen Siegen im Sommer ins Rennen: Sowohl bei der Ironman European Championship in Frankfurt als auch bei der WM über die halbe Ironman-Distanz in Zell am See-Kaprun war er vorn. Für den Saison-Höhepunkt auf Hawaii ist der Deutsche damit der Favorit auf die Nachfolge von 2014-Sieger Sebastian Kienle: „Im Bereich Triathlon und Ausdauersport gab es in den Wochen davor wenig andere Schlagzeilen, als dass ich das Rennen gewinnen kann oder muss. Das ist nicht ganz leicht“, sagt Frodeno im Gespräch mit aktiv Laufen. Entscheidender war für den Top-Athleten aber sein eigener Anspruch: „Ich habe schon vor knapp drei Jahren gesagt, dass ich 2015 gewinnen will. Dann war der Moment gekommen, wo klar war: Jetzt zählt’s“, beschreibt der Olympiasieger, wie es vor dem Start in ihm aussah.

Allein in der Lavawüste

Am 10. Oktober um 6.25 Uhr setzt traditionsgemäß ein Schuss aus einer alten Kanone das Signal zum Start. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel in der Bucht von Kailua-Kona, als zuerst die Profi-Herren unter der aufgehenden Sonne aufs offene Meer hinausschwimmen. Frodeno fühlt sich in Siegerform: „Die Vorbelastung am Tag zuvor lief sehr gut. Ich wusste, ich kann es schaffen.“ Er demonstriert von Beginn an seine Stärke, gemeinsam mit dem Neuseeländer Dylan McNeice kommt er an der Spitze des Feldes wieder aus dem Wasser heraus. Titelverteidiger Kienle liegt zwar knapp zwei Minuten zurück, schwimmt aber deutlich schneller als im vergangenen Jahr. Das von vielen erwartete deutsche Duell scheint sich  abzuzeichnen. Denn jetzt kommt Kienles Spezialdisziplin: die 180 Kilometer auf dem Rad.

Viele Kilometer führen an den berüchtigten Lavafeldern entlang, wo große Hitze und unangenehme Winde warten. Zudem sind auf dem hügeligen Kurs rund 1.500 Höhenmeter zu bezwingen. Aber es ist auch eine mentale Prüfung für die Athleten, denn hier sind sie ganz auf sich gestellt – Publikum ist in den meisten Streckenabschnitten nicht zugelassen. „Hier bist du mit dir, deinen Gedanken und der Lavawüste allein“, sagt Frodeno. Aber ihm kommt das entgegen: „Ich finde das angenehm, vor allem nach dem ganzen Trubel im Vorfeld.“ Entsprechend cool lässt er seine Konkurrenten ihre Attacken fahren, Kienle übernimmt zwischenzeitlich die Führung. Doch Frodeno steigt als Erster vom Rad – und nach 5:22:19 Stunden in den Marathon ein.

Niemals zweifeln!

Für „normale“ Läufer ist es die größte Herausforderung, für Ironman-Triathleten sind die 42,2 Kilometer nur die letzte Etappe des Wettkampfs. Besonders gefürchtet auf Hawaii ist der Weg zur Forschungsstation Energy Lab. Auf den letzten zwei Kilometern bis zum Wendepunkt steht die heiße Luft dort regelrecht. „Beim Marathon hatte ich die schwierigsten Momente“, gibt Frodeno zu. Doch der erfahrene Ausdauersportler weiß: „Zweifeln darf man bis zur Ziellinie nicht, das lernt man beim Ironman.“ Frodeno bewahrt einen kühlen Kopf. An den Verpflegungsstationen nimmt er ein paar Sekunden Zeitverlust in Kauf, um sich mit ausreichend Wasser zu versorgen.

Hinter ihm fällt derweil Kienle immer mehr zurück, während sich Landsmann Andreas Raelert weit nach vorne schiebt. Am Ende wird der 39-Jährige zum dritten Mal Zweiter auf Hawaii. Eine Gefahr für den Führenden stellen aber weder er noch die anderen Verfolger jetzt noch dar. Frodeno läuft sein Rennen konzentriert zu Ende, erreicht, von seinen Emotionen überwältigt, nach 8:14:40 Stunden als Erster das Ziel, über drei Minuten vor Raelert.

Erste Gratulantin ist seine Frau Emma, selbst  2008 Triathlon-Olympiasiegrin. Sie umarmen sich, dann küsst Frodeno sie auf den Bauch, in dem das gemeinsame Baby heranwächst, das im Februar zur Welt kommen wird. Eine Geste, die um die Welt geht. Wie das Bild von Frodeno mit dem Lorbeer-Gesteck auf dem Kopf, der Krone für seinen Sieg. Der Mann hat seinen eigenen Olympiasieg noch übertrumpft. Jetzt ist Jan Frodeno der König der Triathleten.

Wettkampfvorbereitung

Grundlagen schaffen – Laufziele erreichen

Der Jahreskalender wird immer dünner, dafür ist der Wettkampfkalender für das neue Jahr prall gefüllt. Eine erfolgreiche Wettkampfteilnahme ist nicht nur das Ergebnis aus einer Menge Lauftraining. Verschiedene Trainingsformen spielen eine entscheidende Rolle.

Text: Carsten Stegner

Wer bei einem Halbmarathon oder gar einem Marathon am Start stehen möchte, muss eine ordent­liche Grundlage schaffen.­ Diese wird erst durch einen gezielten 12-Wochen-­Trainingsplan perfektioniert. So ist gewährleistet, dass das Rennen nicht zur Tortur wird und Sie auch danach wieder gerne an der Startlinie stehen werden.

Das Grundlagentraining dürfen Sie sich vorstellen wie das Fundament einer Pyramide. Ist dieses nicht breit genug, wird die Pyramide auch nicht besonders hoch. Durch die sogenannte Trainingsperiodisierung setzt man auf dieses Fundament durch gezielte Trainingsmaßnahmen nach und nach weitere Ebenen, bis zum Tag X die Spitze der Pyramide und somit Ihre absolute Leistungsfähigkeit erreicht ist. Es folgt eine Phase der Regeneration, bevor man in die nächste Trainingsperiode einsteigt.

Grundlage zu schaffen heißt nicht, endlos „leere Kilometer“ zu sammeln. Auch in dieser Phase können und sollen schon vorsichtige Reize gesetzt werden. Durch diese Anpassung (Adaptation) an Trainingsreize, wird der Körper für den nächsten Schritt vorbereitet. Statt jetzt schon knallharte Tempoeinheiten zu absolvieren, setzt man eher auf Fahrtspiele oder lockere Steigerungen im Rahmen der Dauerläufe. So wird verhindert, dass Sie zu früh in Topform kommen, welche Sie nicht bis zum entscheidenden Tag halten können.

Achten Sie in dieser Phase weniger auf die Pace, sondern vielmehr auf Ihr Körpergefühl. Angelehnt an die Zielzeiten rund um den visualisierten Trainingsplan, sollten die langen Einheiten sukzessive auf 90 Minuten ausgedehnt werden, aber 105 Minuten nicht überschreiten.

Sinnvolles Krafttraining

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um für die nötige Kraft zu sorgen. Diese konditionelle Grundeigenschaft beeinflusst die sportliche Leistungsfähigkeit, ermöglicht ein dynamischeres Laufen und schützt vor Verletzungen, indem die Muskulatur ihrer Stützfunktion besser nachkommen kann. Für ein sinnvolles Krafttraining müssen nicht massig Gewichte gestemmt werden. Wir Läufer bedienen uns hier unseres eigenen Körpers. Halteübungen, Bauch- und Rückentraining zur Verbesserung der Rumpfstabilität, Kniebeugen, Wadenheben auf Treppenstufen, Stärkung des Hüftbeugers durch Kniebeugen im Ausfallschritt sind Kraftübungen, die wir ohne zusätzliche Geräte durchführen können. Mit Sling-Trainer, Pezziball und einem Balancebrett können Sie aus Ihrem Wohnzimmer ein vollwertiges Fitnessstudio machen.

Equipment

Machen Sie sich schon in der Anfangsphase Ihrer Vorbereitung mit Ihrem Equipment vertraut.

Laufschuhe

Welcher Laufschuh soll Sie an Ihr Ziel bringen? Nutzen Sie Ihren Wettkampfschuh auch schon im Training. Laufen Sie diesen auf verschiedenen Untergründen und achten Sie auch ganz bewusst darauf, wie Ihr Gefühl in diesem Schuh ist. Insbesondere wenn Sie einen Marathon geplant haben, muss sich Ihr Fuß deutlich länger in diesem Schuh wohlfühlen als im Training. Nehmen Sie nicht den leichtesten Schuh. Denn durch die besondere Belastung im Wettkampf wird auch die Stützmuskulatur im Fuß extrem belastet. Ein etwas stabilerer Schuh wird in der Ermüdungsphase einen größeren Zweck erfüllen, als ein leichter Schuh an Gewichtsersparnis mit sich bringt.

Ober- und Unterbekleidung

Gehen Sie auch hier keine neuen Wege. Tragen Sie eine Bekleidung, die Sie schon kennen. Sie wissen selbst, in welchem Kleidungsstück Sie sich am wohlsten fühlen und ob es eventuell irgendwo zu Reibungsstellen kommen könnte. Denken Sie daran, dass Sie beim Wettkampf länger und intensiver schwitzen werden als im Training. Besonders empfindliche Hautstellen sollten Sie mit Vaseline oder einer speziellen Creme einreiben, damit diese sich nicht wund scheuern.

GPS-/Pulsuhr

Beschäftigen Sie sich schon im Training mit den Funktionen Ihrer Sportuhr und sorgen Sie für einen vollen Akku vor dem Start. Welche Einstellungsmöglichkeiten gibt es, und welche Anzeige ist für den Wettkampf am sinnvollsten? Spielen Sie nicht während des Wettkampfes an der Uhr herum. Achten Sie auf Ihr Körpergefühl und vertrauen Sie nicht alleine der Technik.

Mentaltraining

Frei nach dem Matthäusevangelium („Das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach“) hängt die erfolgreiche Wettkampfteilnahme auch von Ihrer inneren Einstellung ab.

Mit der Zielfindung haben Sie schon den ersten Beitrag in der mentalen Vorbereitung geleistet. Ihre psychische Stärke und Flexibilität ist während der gesamten Vorbereitung bis zum Überschreiten der Ziellinie von großer Bedeutung. „Gewonnen und verloren wird zwischen den Ohren!“ – auch wenn am Ende die körperliche Leistungsfähigkeit den größten Anteil am Erfolg hat, ist der Kopf oft das Zünglein an der Waage!

Stress vermeiden

Eine gewisse Aufregung vor dem Wettkampf ist wichtig. Hierdurch wird u. a. Adrenalin ausgeschüttet. Dies sorgt durch die blutzuckersteigernde Wirkung für eine höhere Leistungsbereitschaft, die Lungengefäße werden erweitert, wodurch eine bessere Sauerstoffaufnahme gegeben ist. Zu viel Aufregung raubt Ihnen wichtige Energie, die dann in der Belastungssituation des Wettkampfes fehlt. Ähnlich der Prüfungsangst droht im schlimmsten Fall ein „Blackout“ und Sie werden bewegungsunfähig. Wenn Sie regelmäßig unter großer Nervosität leiden, ist es sehr ratsam, mit Yoga, autogenem Training oder anderen Entspannungstechniken dauerhaft Abhilfe zu schaffen.

Routine gewinnen

Nehmen Sie die Möglichkeit wahr, in der Vorbereitung an unterschiedlichen Wettkämpfen teilzunehmen. Diese lassen sich auch gut in Ihr Training integrieren und sorgen für eine gewisse Routine. Abläufe gehen in Fleisch und Blut über, und Sie können sich an Ihrem großen Tag auf die wesentlichen Sachen konzentrieren.

Auch wird es Ihnen mit der Zeit leichter fallen, den inneren Schweinehund zu besiegen, weil der Flow, den Sie beim Überqueren der Ziellinie verspüren, viel größer ist als das Verlangen, der Anstrengung nachzugeben.

Routine bringt Sicherheit und verbessert Ihre kognitiven Fähigkeiten, wodurch Ihnen mehr Energie für die Erreichung Ihres Ziels zur Verfügung steht.

Spirituelle Energie

Ein anderer, aber mitunter auch guter „Energielieferant“ ist das Ritual. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge, und vielleicht haben Sie ja auch ein bestimmtes Ritual. Ein ganz bestimmtes Trikot, ein Glücksstein in Ihrer Sporttasche, die Reihenfolge wie Sie Ihre Sportschuhe schnüren etc. Nutzen Sie diese spirituelle Energie.

Informationsbeschaffung

Gewinnen Sie so viele Informationen über Ihren Wettkampf wie möglich. Vielleicht haben Sie jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, der bereits an dieser Veranstaltung teilgenommen hat. Hierbei sind natürlich sämtliche Infos rund um die Veranstaltung und vor allem zur Strecke von großer Bedeutung. Wo parkt man am besten? Gibt es besondere Steigungen, wie ist der Untergrund, wie viele Verpflegungs­stationen sind vorhanden, wo stehen diese und was wird dort angeboten?

Bringen Sie die gewonnenen Informationen auch in Ihr Training ein. Verträgt Ihr Magen die angebotenen Getränke? Sollte es einen steilen Anstieg geben, dann suchen Sie auf Ihrer Trainingsrunde einen ähnlichen Anstieg. Laufen Sie diesen in unterschiedlichen Belastungssituationen und verbinden Sie Positives (Musikstück, Natur, Wetter usw.) mit diesem Teilstück. Wie oben beschrieben, wird diese Belastung zur Routine und für Sie zum Kinderspiel.

Trainingsrückschläge wegstecken

Lief Ihre Vorbereitung nicht immer optimal? Das ist ganz normal! Ob Sie auf die ein oder andere Trainingswoche wegen Krankheit verzichten mussten, Sie so manche Geschwindigkeitsvorgabe im Training nicht schafften oder die geplante Kilometerzahl nicht erreichten, das ist völlig irrelevant! Auch ein Weltmeister musste in seiner Vorbereitung Rückschläge hinnehmen. Sie müssen nur im Kopf richtig damit umgehen! In der letzten Phase Ihrer Vorbereitung das verpasste Training nachzuholen bringt gar nichts. Im Gegenteil, es wird Sie überfordern und noch unsicherer machen. Glauben Sie an sich selbst, und seien Sie von Ihrer geleisteten Arbeit überzeugt. Ihre Trainingsunterlagen beweisen, dass Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben! Sie müssen jetzt nur noch die Ernte einholen.

Plan B

Trotz bester Vorbereitung kann es passieren, dass im Wettkampf nicht alles wie am Schnürchen läuft. Machen Sie sich schon davor Gedanken, was Sie erwarten könnte und erstellen Sie für diese eventuellen Fälle einen „Plan B“. Beziehen Sie auch das schlimmste Szenario in Ihre Überlegungen ein, nämlich, das Rennen vorzeitig zu beenden, wenn eine ernsthafte Verletzung droht. Ihr Bewusstsein hat diese Situation dann schon durchgespielt, und Sie werden trotz einer neuen Stresssituation rational handeln.

Positiv denken

Sie sind perfekt vorbereitet, jetzt, nach dem Startschuss, müssen Sie es nur noch umsetzen. Lassen Sie keine schlechten Gedanken zu, und schieben Sie nichts auf äußere Umstände wie z. B. das Wetter. Denken Sie positiv: „Bei kühlem oder gar nassem Wetter bin ich noch leistungsfähiger!“ Suchen Sie nicht nach Ausreden, wenn es gerade nicht so gut läuft, sondern überlegen Sie, wie Sie dem entgegenwirken können. Denken Sie immer daran, dass auch alle anderen Läufer „nur mit Wasser kochen“, und was der vor Ihnen kann, das können Sie auch!

Infos zu unserem Autor:

Carsten Stegner, passionierter Trail- und Ultramarathonläufer

  • Alter: 40
  • Wohnort: Nürnberg
  • Sportliche Erfolge: Deutscher Meister im 100-km-Straßenlauf 2015, Team-Bronzemedaille Ultratrail WM 2013)
  • Beruf: Polizeibeamter und Laufcoach
Foto: Asics

Fit durch den Winter

[caption id="attachment_1038" align="alignnone" width="200"]Foto: Asics Foto: Asics[/caption]

Kaum werden die Tage kürzer und die wichtigen Herbstwettkämpfe sind geschafft, verfallen viele Läufer in den Winterschlaf. Die Ziele fehlen, das Wetter wird schlechter, die Dunkelheit schränkt uns ein. Doch es gibt es zum Glück gute Alternativen.

Text: Ingalena Heuck

Besonders die Dunkelheit macht vielen Läufern zu schaffen, müs- sen sie doch morgens vor Sonnenaufgang das Haus verlassen und können meist erst nach Abendeinbruch wieder die Laufschuhe schnüren. Ohne Wettkampfziele fehlt der Fokus, da kommen schneller Ausreden auf. Gründe, nicht zu laufen, gibt es im Winter jedoch genauso wenige wie im Sommer. Erst bei hohen Minusgraden oder sehr rutschigen Straßen lässt man die Laufschuhe besser im Schrank. Wer gleich nach der Herbstlaufpause von vier bis sechs Wochen mit dem Wetterwechsel wieder durchstartet, kann viele Probleme vermei- den, die bei einem späten Laufeinstieg im Januar oder Februar auftreten.

Verpasst man die Übergangsphase, fällt es dem Körper noch schwerer, mit der kalten Luft umzugehen, die Bronchien wer- den stärker belastet. Also: Dieser Winter wird anders. Warum? Darum: „Die Meister des Sommers werden im Winter gemacht!“

Wie wäre es also, wenn Sie diesen Winter dazu nutzten, den nächsten Schritt zu machen? Den nächsten Schritt in puncto Verletzungsprophylaxe, muskuläre Stabilität und Bewegungsökonomie? Wenn Sie sich tatsächlich etwas weniger ums Laufen, aber mehr um Ihre Gesamtfitness und Gesundheit kümmern würden? Wer es schafft, im Winter eine stabile körperliche Grundlage zu legen, der kann mit Vollgas in den Frühling und Sommer starten. Wie Ihnen das gelingt? Wir zeigen es Ihnen.

Die Winterbausteine

1. Lauftraining

Das Basistraining eines jeden Läufers ist und bleibt das Laufen. Reduzieren Sie jedoch ihre Wochenkilometer und die Intensität. Das Laufen im Winter fordert dem Körper mehr ab und ist je nach Außentemperatur und Untergrund sehr

anspruchsvoll. Oberster Fokus sollte darauf liegen, gesund zu bleiben, daher sollten Sie Risiken vermeiden, wie z.B. schnelles Laufen bei Minusgraden oder auf vereisten Wegen. Konzentrieren Sie sich auf das Training im Grundlagenausdauer- und Schwellenbereich. Der Puls sollte entsprechend im Bereich von 70 bis 88 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen. Die Lauftechnik ist jetzt wichtiger, denn bei rutschigen Flächen hilft es, wenn mit einem kurzen, aber frequenten Schritt gelaufen wird. Außerdem hilft der Mittel- fußaufsatz, sicherer zu landen.

Was Sie im Winter machen können

Planen Sie Ihr Lauftraining ebenso wie im Sommer, aber seien Sie etwas großzügiger mit sich. Lassen Sie hohe Intensitäten weg und ergänzen Sie lieber mal einen Dauerlauf mit ein paar Steigerungsläufen – aber nur auf gut belaufbarem Untergrund. Suchen Sie sich Trainingspartner für die Morgen- oder Abendläufe, so dass Sie bei Dunkelheit nicht alleine unterwegs sind. Wie beispielsweise eine Woche mit zweimal Laufen und zwei Alternativtrainings aussehen kann, finden Sie in unserem Trainingsplan (Heft 6/2015).

2. Coretraining

Das Laufen ist eine Gesamt- körperbewegung. Zur richtigen Laufökonomie bedarf es eines sauberen Bewegungsablaufs und einer stabilen Muskulatur, die eine Übertragung der Kräfte zulässt und ausreichend Stabilität liefert, um die Bewegungselemente sauber zusammenzusetzen. Das Zwischenglied zwischen Armen und Beinen bildet unser Rumpf, gerne auch als „Core“ bezeichnet. Denn im Grunde genommen ist der Rumpf unser Herzstück. Ist unser Rumpf zu schwach, sinken wir beispielsweise bei jedem Laufschritt stärker mit dem Becken ab und können somit die Bewegungen nicht kontrolliert übertragen. Ein starker Rumpf ist die Grundlage für ein sauberes Laufbild und letztlich auch für den nächsten Schritt in Richtung Verletzungsprophylaxe und Geschwindigkeit.

Was Sie im Winter machen können

Suchen Sie sich ein Fitnessstudio oder einen Anbieter von Fitnesskursen, bei dem Sie regelmäßig mindestens einmal pro Woche einen Kurs belegen können. Ideal sind Kurse wie TRX, Movelt, Body- Fit, deepWork, Bauch-Workout, Flexi- Training oder auch Functional Training. Die Qualität des Trainings sollte an oberster Stelle stehen, um Verletzungen zu ver- meiden. Tasten Sie sich langsam heran und seien Sie vielseitig. Alternativ können Sie auch ein Kräftigungsprogramm mit klassischen Übungen zu Hause durchführen, die wir Ihnen auf der linken Seite vorstellen.

3. Beweglichkeit

Ein kurzer Muskel ist ein schwacher Mus- kel. Eine eingeschränkte Beweglichkeit blockiert die Laufbewegung und lässt somit keine fließende, ökonomische Laufbewegung zu. Wenn der Körper immer gegen einen Widerstand ankämpfen muss, geht dadurch viel Energie verloren. Energie, die wir eigentlich für den Vortrieb benötigen. Eine flexible Muskulatur ist daher Grundlage für gesundes Laufen.

Was Sie im Winter machen können

Besuchen Sie Yoga- oder Pilateskurse. Hierbei wird Ihre Beweglichkeit verbessert. Gleichzeitig kräftigen Sie Ihre Muskulatur, Sie erlernen eine neue Körperwahrnehmung und können sich entspannen.

Kürzen Sie zusätzlich lieber ab und zu Ihre Laufeinheit um 10 Minuten und nutzen Sie diese Zeit für das Dehnen. Die wichtigsten vier Dehnübungen für den Läufer stellen wir auf S. 17 vor:

  1. Zentrale Wadenmuskulatur (m. soleus)
  2. Oberschenkelrückseite
  3. Hüftbeuger (m. iliopsoas)
  4. Piriformis (Abduktion und Streckung des Oberschenkels)

4. Allgemeine Ausdauer

Neben dem Lauftraining können Sie Ihre Grundlagenausdauer auch durch andere Alternativsportarten trainieren: Spinning, Schwimmen, Stepper, Aquakurse und andere. Variationen von Sportart und Dauer sind im Winter ideal, um gestärkt und mit einer guten Grundlage in den Frühling zu starten.

Was Sie im Winter machen können

Wiewärees,wennSiediesenWinterendlich richtig das Kraulschwimmen lernen und dazu einen Schwimmkurs besuchen? Indoor- Cycling ist ebenfalls ein ideales Training, da es vielseitig ist und auch bei schlechtem Wetter Spaß macht. Beim Laufen sollten Sie vielseitig bleiben und in Pulsbereichen zwischen 70 und 88 Prozent unterwegs sein. Sehr schnelle Intervalle müssen im Winter nicht sein. Besonders wenn die Außentemperatur unter null Grad sinkt, sollten Sie aufmerksam sein und im Zweifelsfall lieber locker laufen, als die Lunge durch intensives Atmen zu stark zu belasten.

5. Ernährung

Die Ernährung hat immer einen entscheidenden Einfluss auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und die Anpassungserscheinungen durch das Laufen. Im Winter kommt zusätzlich das Thema Immunsystem ins Spiel. Mit der richtigen Ernährung kann dieses gestärkt und Infekte können vermieden werden.

Was Sie im Winter machen können

Achten Sie besonders auf viele Nähr- stoffe aus Obst und Gemüse, Gewürzen und frischen Kräutern. Hochwertig sind beispielsweise Ingwer, Zimt, Kakao und Thymian. Achten Sie darauf, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu sich zunehmen,und trinken Sie regelmäßig Wasser oder ungesüßten Tee, wie z.B. frischen Ingwer- oder Minztee. Zudem sollten Sie besonders nach dem Laufen darauf achten, direkt etwas zu essen, da dies das Immunsystem stärkt. Entscheidend ist die erste Stunde nach dem Training. AmbestensindindiesemMoment Kohlenhydrate, die schnell verfügbar sind, kombiniert mit etwas Eiweiß. Gute Lebensmittel sind beispielsweise ein Grießbrei, Milchreis, eine Brezel mit fettarmem Schinken, ein warmer Kakao mit Honig, eine Bananen-Haferflocken-Milch oder auch ein spezielles Regenerationsgetränk wie etwa ein Schoko-Recovery- Drink mit Milch. Auch bei langen Läufen über 90 Minuten sollten Sie besser ein Gel oder Getränk mit Kohlenhydraten mitnehmen.

Info:

aktiv Laufen-Expertin Ingalena Schömburg-Heuck (28) ist eine ehemalige deutsche Langstreckenläuferin (Deutsche Meisterin im Halbmarathon 2010), Diplom-Sportwissenschaftlerin und ganzheitlich-medizinische Ernährungsberaterin. Sie arbeitet freiberuflich als Beraterin und Coach für Läufer und Firmen, als Referentin und freie Autorin.

Foto: On Running

Warm und komfortabel

Im Winter werden die kurzen Hosen gegen die Longtights getauscht. aktiv Laufen gibt eine Übersicht über die neuesten Modelle – warme Beine garantiert.

Text: Ralf Kerkeling

Die Auswahl an Laufhosen ist schier unübersichtlich geworden. Die Hersteller bieten in jedem Jahr zahlreiche Varianten von der kurzen Hose mit oder ohne Innentight über die Dreivierteltight bis hin zur langen Lauftight an. Jetzt, im Winter, werden die sensiblen Läuferbeine wieder durch lange Tights geschützt. Denn diese bieten Schutz vor Kälte und Nässe. Beim Thema Tights scheiden sich jedoch in jedem Jahr die Modegeister. Für manchen Läufer ist der Griff zur langen Tight ein absolutes No-Go. Zu unästhetisch sei der Anblick, was zumindest bei den männlichen Läufern zutreffen kann. Man wolle doch nicht mit einem Balletttänzer verwechselt werden, hört man die Kritiker dann sagen. Dabei überwiegt der Nutzen einer langen Tight eindeutig, und zur Not zieht man eine kurze Jogginghose über der Tight an – Prob­lem gelöst.

Bequem und gut

Eine Frage, die sich stellt: Lohnt sich der Kauf einer Lauftight? Denn mitunter sind die eng anliegenden Beinkleider doch recht teuer. Die Antwort ist eindeutig Ja! Dabei sind die positiven Eigenschaften für Frauen und Männer gleich zu bewerten. Folgende Kriterien sprechen für den Kauf einer speziell für das Laufen entwickelten Longtight:

  • Atmungsaktive Stoffe schützen den Körper vor Nässe und Wind.
  • Schnell trocknendes Material hilft gegen Auskühlung des Körpers bei starkem Schwitzen.
  • Die eng anliegende Hose unterstützt den Aufwärmprozess
  • Bequem: Dank der extrem dehnbaren und flexiblen Stoffe ist eine hohe Bewegungsfreiheit garantiert.
  • Mesheinsätze fördern die Atmungsakti­vität.

Tights gibt es für jede Jahreszeit. In unserer Übersicht haben wir eine Auswahl für den anstehenden Laufwinter zusammengestellt.  Als Kriterien haben wir versucht, eine größtmögliche Preisspanne zu berücksichtigen. Vom preisgünstigen Modell bis zum Edel-Beinkleid ist alles vertreten. Auch den Sonderfall einer Kompressionstight haben wir berücksichtigt. Kompressionsbekleidung erfreut sich seit mehreren Jahren einer großen Beliebtheit. Beachten sollte man beim Kauf jedoch die genaue Passform. Der Grund: Ist die Hose zu weit, greift der Kompressionseffekt nicht, ist sie zu eng, wird es schnell unbequem. Hilfreich sind hier die verschiedenen Größen- und Gewichtstabellen der Hersteller auf den entsprechenden Internetseiten.
Nachfolgend ein paar Tipps zum Kauf einer Longtight:

  • Vor dem Kauf unbedingt anprobieren!
  • Die Nähte sollten möglichst flach sein. Andernfalls läuft man sich einen „Wolf“.
  • Auf Details achten: Reflektoren erhöhen die Sicherheit, Taschen sind nützlich

Fazit:

Wer warm und bequem durch den Winter laufen möchte, sollte der langen Tight eine Chance geben. Dabei muss nicht zwangsläufig die teuerste Hose die erste Wahl sein.