Category : Training

Taking gels keeps your energy up!

Essenzielle Power – Gels im Praxischeck

Es sind mundgerechte Portionen, kaum mehr als zwei Schluck oder drei Bissen. Aber in ihnen steckt die Energie für viele, viele Kilometer! Schon Wahnsinn, was in die Marschverpflegung für Sportler gepresst wird. Was genau und für wen was wann gut ist und warum, erfahren Sie hier!

Text: Timo Dillenberger

Als vor 30 Jahren in einer privaten Küche in Berkeley/Kalifornien  der  erste Energieriegel zusammengekocht wurde, war man sich dessen späterer Bedeutung und Marktposition sicher nicht bewusst. Der erste „Power Bar“ oder genau „Energize Bar“ war ein Must-have für die damals noch kleine Gemeinde der ambitionierten Ausdauerszene. Wer das gute Stück damals genießen durfte, merkte schnell: Aller Anfang ist schwer. Der einem Kaubonbon ähnliche Block aus ­diversen Zuckervarianten ließ sich so „leicht“ verzehren wie Paniermehl, besonders bei Kälte.

Heute können wir uns nicht nur über eine Vielfalt von Darreichungsformen freuen  – vom flüssigen Shot über Cerealienriegel,  Gebäcke bis hin zum Fruchtgummi und clevere Zusatzstoffe –, die allermeisten Produkte schmecken auch so gut, dass man nicht erst auf den Hungerast wartet, um sie aus der Tasche zu holen. Das ist übrigens einer der wesentlichen Punkte bei der  Energielieferung: der Zeitpunkt der Aufnahme.

Konzentrierte Energie

Allen Produkten gemein ist eine bemerkenswert hohe Konzentration von Energielieferanten, im Allgemeinen kurz-, mittel- und langkettige Zuckermoleküle. Je kürzer, desto weniger muss unsere Verdauung sie aufspalten, ehe sie ins Blut gehen und dann Muskeln, Nerven und Drüsen zur Verfügung stehen. Sie gehen „schnell ins Blut“, wie es in Werbebotschaften heißt. Klingt erst einmal gut, hat aber auch eine recht heftige Reaktion des Insulinspiegels zur Folge. Der regelt den Blutzuckergehalt wiederum herunter, vergleichbar mit der Ebbe nach der Springflut. Zucker- oder Kohlehydratketten aus vielen Bausteinen sickern langsamer, aber kontinuierlicher in den Stoffwechsel ein. Für Sportler heißt das: Brauche ich akut volle Power, weil mich zum Beispiel schon ein Energietief quält, oder steht eine lange Steigung mit hohem, momentanem Energiebedarf bevor, passen Produkte mit vielen Einfachzuckern besser. Beuge ich während eines Marathons oder bei langen Trainingsläufen eher mit dem Riegel oder Gel einem Hungerast vor, empfiehlt sich ein Mix aus allen Kohlehydratgruppen. Wer nach der Aktivität sicherstellen möchte, dass seine Regeneration optimal mit voller Power abläuft, bzw. wer zum Beispiel auf dem Weg zum Training noch schnell was in den Magen braucht, sollte sogar nach Produkten suchen, die hauptsächlich aus komplexen Zuckern bestehen, wie sie in Müsli, Haferflocken oder Cerealien vorkommen.

Aber was ist mit den beiden anderen Energielieferanten des Körpers, den Fetten und Eiweißen? Es gibt tatsächlich  Energiegels auf der Basis von Fetten. Die sind aber für Expeditionen oder Ultrasportler gemacht, die oft Tage für einen Wettkampf oder Trip benötigen. Selbst bei den längsten „Volksläufen“ gehen einem Menschen die Fette im Körper als Brennstoff nicht aus, ganz gleich, ob er oder sie dürr, normal oder proper gebaut ist. Außerdem schmecken Fettprodukte säuerlich,   fast ranzig, die gehen wirklich nur unter  Extrembedingungen. Proteine sind besonders nach Belastung deutlich sinnvoller in Energy-Food, aber weniger als Energielieferant. Da sind Kohlehydrate einfach besser, weil effektiver.

Clevere Zusätze

Aber die Ernährungswissenschaftler der Hersteller packen teils noch mehr praktische Zugaben in ihre Produkte. Mineralhaltige Kombinationen sind eine große Hilfe, wenn viel geschwitzt wird, bedürfen aber automatisch größerer Wasseraufnahme. Manche Vitamine, vor allem der Gruppe B, helfen, die Energie aus dem Riegel oder Gel schneller umzusetzen. L-Carnitin kurbelt den bestehenden Fettstoffwechsel laut Studien minimal an. Koffein und Taurin sollen die Umsatzrate des Stoffwechsels pushen. Das kann in Ermüdungsphasen am Ende oder auch gegen Startapathie helfen. Aber es geht nicht nur um die vielen Stoffe, die zusätzlich in einem solchen Produkt stecken, es geht auch um solche, die nicht darin sind. Ein großer Trend geht derzeit dahin, zumindest Gluten und Lactose aus den Mixturen zu verbannen, wenn nicht sogar komplett vegane Rezepte zu kreieren. Das Klebe-Eiweiß Gluten, das vor allem bei Weizenprodukten eine Rolle spielt, sowie der Milchzucker Lactose belasten je nach individueller Empfindlichkeit die Verdauung fast jedes Erwachsenen mehr oder weniger. Tatsächlich intolerant oder allergisch sind die wenigsten, aber bei harter körperlicher Belastung ist auch unser Magen-Darm-Trakt empfindlicher. Die Chance, dass die  Wegzehrung einem unter Last Probleme bereitet, steigt demnach. Wichtig: Die Produkte grundsätzlich nicht erst im Wettkampf ausprobieren, sondern schon vorher zwei- oder dreimal in erschöpftem Zustand testen. Auch wenn das in den letzten 30 Jahren stark abgenommen hat: Manchmal verursachen die Mixturen Magenprobleme bis zum Durchfall, wenn auch in Einzelfällen.

Zum Test

Wir können hier nicht den gesamten Markt abbilden, denn selbst die uns zum Test angebotenen Produkte hätten das komplette Heft eingenommen. Wir  haben  uns  deshalb auf die Hersteller konzentriert,  die uns wegen  ihrer cleveren Rezepte und gleichbleibenden Qualität  bereits  bekannt waren.  Außerdem  haben wir versucht, ein möglichst breites Abbild zu bieten, denn neben der Liste an Inhalten zählen auch im Sport Geschmack und Textur, und da sind die Vorlieben verschieden.

In unseren Porträts findet man neben einer kurzen, fachlichen Einordnung der Zutatenliste vor allem Hinweise zur Anwendung des Produkts: Sind Verpackung, Verzehr, Kaubarkeit, Geschmack, Textur und Portionsgröße den Anforderungen von Halbmarathon oder Marathon, Adventure- oder Trailrun, Ausdauer- , Krafttraining oder Regeneration angemessen und wann oder wie oft sollte man sie einsetzen? Es gibt also nicht das Produkt, sondern jeweils bessere oder schlechtere Gelegenheiten, und über Geschmack lässt sich ja auch nicht streiten!

Aber warum überhaupt dieses Kunstfutter? Geht es nicht ohne? Antwort: Ja, aber es ist ungleich komplizierter. Der klassische Konkurrent des Riegels ist die Banane. Sie hat den für Langstreckler idealen Mix aus Frucht- und Malzzucker, leider nicht genug. Der durchschnittliche Bedarf an Kohlehydraten pro Stunde beträgt 30 Gramm. Viele Riegel entsprechen dem. Eine gleichschwere Banane  enthält  knapp ein Drittel davon. Auf fünfstündige Trainingsläufe müsste man also entweder vier kleine Riegel mitnehmen oder einen Bund von sieben bis zehn Bananen. In der Redaktion waren eine Zeit lang Waffeln mit Nuss-Nougat-Creme in Riegelform der Renner bei Langstrecken. Leider bieten solche Hausrezepte selten clevere Nährstoffkombis. In diesem Fall erfährt man zwar einen Power­kick durch den Industriezucker, die folgende Insulinreaktion plus die Verlangsamung des Kohlehydratstoffwechsels wegen des hohen Fettgehalts des Brotaufstrichs ließen die Energielevel nach dem ersten Hoch aber rapide abfallen.

Kosten-Nutzen-Faktor

Man kann mit viel Vorwissen und Zeitaufwand in Supermarkt und Küche zu ganz famosem, selbstgemachtem Sportleressen für unterwegs kommen, aber in der Summe rentiert es sich nicht. Unser Tipp: Suchen Sie sich aus dem Sortiment einen bezahlbaren Riegel oder ein ähnliches Produkt mit hohem, langfristigem Sättigungsfaktor aus, das Sie gut vertragen, und halten Sie damit vor und nach dem Training bzw. in Laufpausen den Energielevel oben. Zur Absicherung gegen unerwartete Tiefs und für Wettkämpfe sollte man per Selbstversuch auch sein persönliches Gel finden. Sie sind unter Belastung leichter aufzunehmen, meist auf schnelle Wirkung ausgelegt und erfordern weniger zusätzliche Flüssigkeitsaufnahme.

Young female runner tying shoelace on city footbridge

Sommer, Sonne, Intervalle

Sie befinden sich im Endspurt auf dem Weg zu Ihrem Frühjahrs-(Halb-)Marathon, das Tapering hat vielleicht schon begonnen, und Sie spüren bereits die Vorfreude auf den Tag X? aktivLaufen wagt schon mal den Blick voraus, auf die Wochen und Monate im Anschluss an Ihren Frühjahrsmarathon. Auch die vermeintliche „Marathon-Off-Season“ über die Sommermonate bietet Chancen und Möglichkeiten. Ihre Chance, zu Beginn der nächsten Marathonvorbereitung ein anderer Athlet zu sein.

Text: Philipp Pflieger

Nehmen wir an, Sie haben den Zwölf-Wochen-Plan in Vorbereitung auf Ihren Frühjahrshöhepunkt gut gemeistert und den (Halb-)Marathon gut überstanden. Dann empfehle ich Ihnen trotzdem: Gönnen Sie Ihrem Körper zunächst eine kurze Pause vom Lauftraining – er wird es Ihnen danken. Ich habe nach meinem ersten gefinishten Marathon 2015 in Berlin selbst den Fehler gemacht – trunken vor Euphorie – zu früh wieder ins Training einzusteigen, was eine Überlastungsreaktion zur Folge hatte.

Das heißt aber nicht, dass Sie den Sport ganz sein lassen müssen. Wenn Sie vom Kopf her eine sportliche Auszeit brauchen – o.k., überhaupt kein Thema. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, um wieder richtig Lust zu bekommen. Gehören Sie aber zur anderen Spezies und können schon am Tag nach dem (Halb-)Marathon kaum die Füße stillhalten, sage ich Ihnen: Das müssen Sie auch nicht.

Aktive Regeneration ist das Zauberwort und bedeutet, dass es Ihrer Regeneration sogar äußerst zuträglich ist, wenn Sie weiter Sport treiben, da sportliche Aktivität den Stoffwechsel und damit auch die Regeneration ankurbelt. Sinn der Sache ist es dabei allerdings, den durch das Rennen strapazierten Bewegungsapparat zu entlasten und für zwei bis drei Wochen auf alternative Trainingsformen wie Rennrad- oder Mountainbikefahren, Schwimmen, Aquajoggen oder auch Inlineskaten auszuweichen. Das gibt den unteren Extremitäten die Möglichkeit, sich zu erholen. Die Intensität für das Herz-Kreislauf-System darf durchaus moderat sein, zu hart pushen würde ich allerdings nicht, da Sie sich ja trotzdem in einer Regenerationsphase befinden. Die Alpenüberquerung sollte also vielleicht noch etwas warten.

Vielfalt des Laufens

Haben Sie Ihre Regenerationsphase genossen und fühlen sich gesund und frisch, steht einem Wiedereinstieg in regelmäßiges, strukturiertes Lauftraining nichts im Wege. Wichtig ist ein schrittweiser Einstieg zurück ins Lauftraining. Haben Sie wirklich drei Wochen alternativ auf dem Rad oder im Wasser trainiert, empfehle ich Ihnen, nicht sofort wieder bei 100  % Ihres sonst üblichen Laufpensums einzusteigen. Das ist zu rapide und wird mindestens zu heftigem „Muskelkater“, wenn nicht sogar zu Schlimmerem führen. Geben Sie sich stattdessen weitere ein bis zwei Wochen Zeit, um sich peu à peu wieder an regelmäßiges Lauftraining zu gewöhnen, bevor Sie Ihre sportlichen Pläne für den Sommer in Angriff nehmen.

Womit wir auch gleich beim Thema wären: Sport lebt auch sehr stark von Abwechslung, und da sind gerade wir Läufer meiner Meinung nach in einer absolut privilegierten Position. Auch wer sich als Marathonläufer sieht, tut gut daran, das Training im Verlaufe eines Jahres zu variieren und saisonal bedingt verschiedene Schwerpunkte zu setzen. Meine Empfehlung an alle Leser da draußen: Mut zur Abwechslung! Lassen Sie Marathontraining einfach Marathontraining sein – zumindest für ein paar Sommermonate, und verlassen Sie Ihre Komfortzone. Stellen Sie sich neuen Herausforderungen. Wer es noch nicht probiert hat: Versuchen Sie es mal mit einigen Wochen Intervalltraining – gerne auch wie die Profis auf einer Bahn im Stadion.

Planung ist das A und O

Wie ich schon in meinem letzten Beitrag erwähnt habe, ist Zielsetzung das A und O. Jeder Sportler kommt an den Punkt, wenn es besonders hart wird, wenn man vielleicht vor dem Sonnenaufgang aufstehen muss oder es mal wieder in Strömen regnet, sich die Frage aller Fragen zu stellen: Warum tue ich mir das eigentlich an?

Daher ist Schritt Nummer eins nach Abschluss des Regenerationsblocks und Wiedereinstieg ins Training, sich ein Ziel zu suchen und schon einmal rot im Kalender zu markieren. Im Idealfall ein messbares, vergleichbares Ziel, zum Beispiel ein möglichst flacher 10-Kilometer-Lauf.

Warum 10 Kilometer? Nun, das persönliche Leistungspotenzial bei einem 10-Kilometer-Lauf entscheidet nicht unerheblich darüber, was in einem potenziellen Halbmarathon anvisiert werden kann. Eine entsprechende Halbmarathonzeit wiederum ist entscheidend für den nächsten Marathon. Sie verstehen, worauf ich hinauswill: Warum nicht etwas um die Ecke denken und nicht bereits an den nächsten Marathonstart? Warum nicht die Abwechslung nutzen, um ein „kompletterer“ Läufer mit mehr Potenzial zu werden?

Herangehensweise

Während der Eingewöhnungsphase an regelmäßiges Lauftraining empfehle ich im Anschluss an einen Dauerlauf zunächst drei bis fünf Steigerungsläufe über ca. 80 bis 100 Meter anzuschließen. Diese beginnt man aus dem lockeren Trab heraus und steigert sukzessive das Tempo bis etwa 95  Prozent. Wichtig ist: Das sind keine All-out-Sprints, sondern sie dienen in erster Linie dazu, den Dauerlaufschritt etwas abzustreifen und die Motorik zu schulen. Wichtiger als die absolute Geschwindigkeit ist es, dabei auf einen sauberen Laufstil zu achten, also besonders auf eine aktive Armarbeit parallel zum Körper, den Kniehub und Fußaufsatz.

Gleichzeitig trainiert man damit aber auch neben dem reinen Laufeinstieg schon mal etwas die rückwärtige Oberschenkelmuskulatur, so dass diese nicht in einen kompletten Schockzustand verfällt, wenn man mit den ersten Intervallprogrammen beginnt.

Je nachdem, ob im Herbst wieder ein nächster Marathon geplant ist und wann, bleiben nach Abzug der Pause schätzungsweise acht bis zwölf Wochen, die man nutzen kann, bevor die nächste Marathonvorbereitung ansteht.

In dieser Phase würde ich den Fokus weniger auf die absolut pro Woche gelaufenen Kilometer, sondern stattdessen auf die Qualität der Tempoprogramme legen. Ganz grob gesagt würde ich den Marathontrainingsumfang auf etwa 50 bis 75  Prozent reduzieren, damit der Körper auch genügend frisch in entsprechende Intervall­programme gehen kann. Denn in ­dieser Phase gilt ganz klar der Leitsatz: Qualität vor Quantität!

Um die individuelle Ausdauer sollten Sie sich zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken machen, denn diese sollte nach wie vor in einem ausgezeichneten Zustand sein. Die zuvor erfolgten zwölf Wochen Marathonvorbereitung sind unterm Strich nichts anderes als zwölf Wochen exzessives aerobes Grundlagentraining, und davon können Sie über die Sommermonate profitieren.

Trainingsvorschläge

Grundsätzlich sind auch bei Tempolauf- bzw. Intervalltrainingsformen der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Verstehen Sie deshalb bitte die folgenden Trainingsvorschläge nur als Anregung und nicht als in Stein gemeißeltes Gesetz. Nachfolgend möchte ich hier drei Programmvarianten vorstellen, die sich im Laufe der Wochen über drei Komponenten steuern lassen: das Tempo, die Pause und die Anzahl der Wiederholungen.

Ein äußerst effektiver Klassiker in der Trainingsmethodik sind 400-Meter-Intervallläufe. Dies entspricht genau einer Stadionrunde und ist auch mental eine vorteilhafte Strecke, weil jeder Belastungsabschnitt recht überschaubar bleibt. Zum Einstieg würde ich nach jedem 400-Meter-Abschnitt eine Minute Pause ­empfehlen und mit zehn Läufen im geplanten 10-Kilometer-Wettkampftempo beginnen. Dieses Programm eignet sich hervorragend für die Entwicklung von Geschwindigkeit und lässt sich prima über den Sommer in Richtung 5-Kilometer-Wettkampftempo ausbauen. Sollte das Tempo keine Herausforderung mehr darstellen, dann auch gerne auf fünfzehn bis zwanzig Wiederholungen erhöhen.

Ein zweites Evergreen-Programm sind 8  x  1.000  Meter. Hier würde ich zunächst zwei Minuten Pause empfehlen und als Tempoansatz – nach vielleicht ein bis zwei zuvor absolvierten 400-Meter-Programmen – ebenfalls das anvisierte 10-Kilometer-Wettkampftempo. Hier würde ich im weiteren Verlauf allerdings zunächst versuchen, die Pausen von zwei Minuten auf eineinhalb Minuten und gegen Ende des Sommers auf vielleicht sogar eine Minute zu verkürzen.

Ähnlich wie zuvor beschrieben würde ich die dritte Variante erst dann ausprobieren, wenn zuvor schon ein bis zwei der 1.000  er-Intervalle gut funktioniert haben. Dann bieten 4  x  2.000 Meter eine weitere Möglichkeit, sich auszutoben und eben auch den Körper daran zu gewöhnen, länger im geplanten Wettkampftempo zu laufen. Ziel sollte auch hier sein, bis zum Ende des Sommers vier Läufe im 10-Kilometer-Wettkampftempo laufen zu können. Beginnen würde ich mit fünf bis zehn Sekunden pro Kilometer langsamer als das eigentliche Zieltempo und vier Minuten Pause. Was diese Variante anbelangt, empfehle ich, die Pause durchaus konstant beizubehalten und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, nach acht bis zwölf Wochen die 2000  er im geplanten Wettkampftempo laufen zu können.

Wie eingangs erwähnt, sind in der Gestaltung des Trainingsplans keinerlei Grenzen gesetzt. Ein- bis zwei Mal die Woche kann ein solches Programm guten Gewissens in den Trainingsplan integriert werden. Bei drei wöchentlichen Laufeinheiten reicht eine Tempoeinheit völlig aus bei dann zwei zusätzlichen normalen Dauerläufen. Bei vier oder sogar mehr Laufeinheiten pro Woche darf auch gerne zwei Mal Gas gegeben werden.

Und noch etwas: Abwechslung ist das Salz in der Suppe und der Schlüssel zu Spaß! Sie können und sollen wie oben beschrieben die Programme variieren und kombinieren und, wenn Sie mögen, eigene Kreationen entwickeln. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß, schnelle Beine und einen schönen Start in den Sommer!

Young couple jogging by bridge, Dusseldorf, Germany

VOM LAUFEN UND DER LEIDENSCHAFT

In diesem Artikel geht es nicht um Bestzeiten, kurzen Bodenkontakt oder gar eine noch längere Langdistanz. Nein, es geht um die Liebe (zum Sport) und die Leidenschaft für eine Sache. Denn beides droht im Ehrgeiz und der Hektik des Alltags in Vergessenheit zu geraten.

Text: Sandra Mastropietro

Die Tagesplanung im 21. Jahrhundert stellt sich als durchaus komplexe Sache dar. Zwischen Arbeit, Selbstverwirklichung, Social Media und „Allein-Zeit“ wollen auch noch Freundschaften gepflegt und die Verwandtschaft bedient werden. Wo und wie bringe ich also das Hobby und den Partner unter? Eine Frage, die sich die „Generation Beziehungsunfähig“ immer häufiger stellt – und bei der das Zwischenmenschliche tatsächlich meist hintangestellt wird. Die Folge: Großstädte werden zu Single-Hochburgen, das austauschbare Lob des Chefs das Highlight des Tages und sämtliche Online-Dating-Plattformen liefern die scheinbar perfekte Mischung aus „Me-Time“ und „Social-Media Ego-Boost“. Was beziehungsweise wen suchen wir eigentlich? Welche Beziehungsmodelle haben Erfolg und gar Zukunft?

Repräsentativen Umfragen zufolge setzen wir bei der Partnerwahl inzwischen verstärkt auf gemeinsame Hobbys und das Teilen von Leidenschaft. Demnach haben zwei Menschen, die sich sympathisch sind und gemeinsam ihre Leidenschaft leben, also gute Chancen auf eine gemeinsame Zukunft – welcher Art auch immer.

Für alle laufbegeisterten Singles heißt dies: No Excuses! Raus an die frische Luft, auf zum nächsten Lauftreff. Diese gibt es inzwischen fast überall – und sind im Gegensatz zum Online-Dating zu Hause vor dem PC auch noch gesund, gesellig und eine wunderbare Plattform, um sich auf neutralem Terrain kennenzulernen.

GLEICH UND GLEICH GESELLT SICH GERNE

Auch mir ist mein Partner Sebastian buchstäblich über den Weg gelaufen. Damals, bei einer kleinen Laufveranstaltung im Münchner Umland, als wir beide die Zeit zur Siegerehrung überbrücken mussten. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich eine schlabbernde Jogginghose und einen weiten Pulli über meiner verschwitzten Laufkleidung trug, der Kopf war hochrot von der vorangegangenen Anstrengung, und eine feine Salzkruste zierte mein Gesicht. Make-up trug ich natürlich keines. „Lust auf ein alkoholfreies Bier?“ fragte er unvermittelt. Zwei Stunden redeten wir dann ununterbrochen über das Laufen, Erlebtes und Pläne. Schnell wurde der eigentliche Grund, aus dem wir dort auf der schmalen Bierbank saßen, nichtig, und „langweilige Wartezeit“ wandelte sich in pures Entzücken. Entzücken darüber, dass bei jeweils dem andern das Feuer der (Lauf-)Leidenschaft in den Augen brannte, dass blaue Zehennägel kein Tabuthema waren und dass „eine große Portion Pommes“ nur als salzreiche Vorspeise diente. Inzwischen teilen wir nicht mehr nur die Vorliebe für alkoholfreies Bier, sondern auch den Alltag, viel kohlenhydratreiches Essen und einen ganz großen Schrank, randvoll mit unwohlriechenden Laufschuhen. Sebastian und ich sind kein Einzelfall. Das be-stätigt auch LoveScout24-Expertin Dr. Ohana: „Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und sich bei einem gemeinsamen Hobby kennenlernen? Im Gegensatz zu klassischen Date-Situationen, bei denen man sich frontal gegenübersitzt und darauf konzentriert ist, sich möglichst von seiner Schokoladenseite zu präsentieren, kann eine gemeinsame Unternehmung entkrampfend wirken.“

Einer vorangegangenen Umfrage zufolge befindet sich „Joggen“ auf Platz 5 jener Aktivitäten, bei denen es sich am besten flirten lässt, „Fitness“ sogar auf Platz 3. Gemeinsames Schwitzen scheint also tatsächlich eine durchaus anziehende Wirkung zu haben. So anziehend, dass es neben den stark frequentierten Laufgruppen inzwischen auch Single-Lauftreffs gibt. So startete LoveScout24, Deutschlands Dating-portal Nr. 1, im Sommer 2016 den ersten Versuch eines sportlichen Single-Events. Mit Erfolg: 2017 soll das Konzept in erweiterter Form fortgeführt werden. Aber an dieser Stelle erst einmal wieder genug von Zahlen und Statistiken, weg von der Theorie und rein in die „Praxis“. Zu Kerstin und Simon. Einer schlichtweg berührenden Geschichte, die zeigt, dass es sie doch gibt: die wahre Liebe.

DRUM PRÜFE, WER SICH EWIG …

Kerstin: „Simon und ich haben uns auf einer Laufveranstaltung kennengelernt. Damals war ich zwölf Jahre alt und fand Jungs noch doof. Gleichwohl gab es eine Verbindung zwischen uns beiden. Und so redete ich im jugendlichen Leichtsinn von 13 Jahren auch tatsächlich zum ersten Mal davon, dass Simon der Mann sei, den ich einmal heiraten möchte. Zu Beginn unserer ,Beziehung‘ sahen wir uns nur sehr selten, bei diversen Sportevents eben. Per SMS informierte ich ihn, bei welchen Laufveranstaltungen ich als Nächstes starten wollte und wann ich dort mit meiner achtköpfigen Familie aufkreuzen würde. So kam es, dass sich Simon auf sein Rennrad schwang und bis zu 120 Kilometer fuhr, nur um mit mir gemeinsam an der Startlinie zu stehen und mir dann während des Rennens nicht von der Seite zu weichen. So nahm auch die Zeit ihren Lauf, und schließlich zog Simon mit 18 Jahren für sein Studium ganz in meine Nähe. Endlich konnten uns häufiger sehen, sogar gemeinsam trainieren. Unsere Leidenschaft für das Laufen verband uns vom ersten Moment an. Ich erinnere mich noch gut: In der ersten gemeinsamen Wohnung standen überall Laufschuhe im Flur. Auch der Heiratsantrag erfolgte – wie sollte es anders sein – während eines gemeinsamen Laufes. Ein Jahr später wurde unser Glück durch die Geburt von Tochter Johanna gekrönt. Wenig später folgte bereits unser nächster Familienzuwachs: Emil. Durch die Anschaffung eines Doppelbabyjoggers, was ich Läufern nur empfehlen kann, war es uns möglich, zu viert unterwegs zu sein und zu laufen. Im Dezember vergangenen Jahres wurde unsere Familie dann durch Anton komplettiert. Entsprechend beschränken sich unsere Laufkilometer gerade auf nächtliche Tragetouren und Kinderwagenausflüge, aber ich bin mir sicher, dass dies schon bald wieder anders aussehen wird. Dann möchte ich wieder an der Startlinie stehen, und Simon und ich werden uns mit dem Aufpassen der Kinder abwechseln. Auch auf unsere gemeinsamen Trainingsstunden zu fünft freue ich mich schon jetzt. Da wir uns keinen Drillingsjogger anschaffen werden, wird Johanna uns auf dem Fahrrad begleiten.“

LAUFEN VERBINDET

Wir alle laufen aus verschiedenen Gründen, mit unterschiedlichen Zielen und Ambitionen. Aber wir laufen, sind Läufer. Und das prägt unseren Alltag. Wir ernähren uns anders, kleiden uns anders und gehen wahrscheinlich häufiger duschen. Ist es dann nicht praktisch, wenn zwei, die sich lieben, das Gleiche lieben? Gemeinsam, das ist unbestritten, machen die meisten Dinge einfach mehr Spaß. Und das Verständnis für so manches, das Nicht-Läufer niemals in den Sinn kommen würde, ist auch gegeben. So auch bei Matthias und Christiane, die 2016 gemeinsam den Transalpine-Run finishten:

„Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Wenn wir etwas tun, dann tun wir es mit Leidenschaft. Gemeinsam einer Leidenschaft nachzugehen, ist wirklich ein Teil wahren Glücks. Jeden Tag versuchen wir, dieses Glück zu zeigen und auch andere damit zu infizieren. Natürlich gibt es auch mal graue Tage, aber an denen ist man nicht allein. Laufen und Liebe gehören zusammen und beides ist ein Teil von uns“, sagt Christiane. „Genau! Das Teilen dieser Leidenschaft ist in-sofern von Vorteil, dass man großes Verständnis für die Verrücktheiten des anderen aufweist. Wenn einer meint, um 4 Uhr morgens aufstehen zu müssen, um auf irgendeinen Gipfel zum Sonnenaufgang zu rennen, ist das sicher nicht bei jedem gern gesehen. In unserem Fall kommt da meistens nur ein: Geile Idee, kann ich mitkommen?‘“, lacht Matthias. Dr. Ohana bestätigt: „Psychologisch gesehen steht bei sportlichen Aktivitäten wie Laufen die Handlung selbst im Vordergrund, bei der sich die Beteiligten fast wie von selbst näherkommen und sich „ungeschminkt“ kennenlernen können. Sie machen etwas, das sie mögen und das automatisch Gesprächsstoff bietet. Die freigesetzten Endorphine schaffen eine angenehme Atmosphäre, und man fühlt sich weniger beobachtet. Es geht nicht darum, perfekt zu sein oder das richtige Outfit zu tragen. Vielmehr schafft das erste gemeinsame Interesse für eine Sache eine gute Basis für weitere Dates oder gar eine Partnerschaft.“

„Couples who sweat together, stay together“, besagt ein englisches Sprichwort. Sicherlich (noch) eine gewagte These, dennoch ist der oben beschriebene Trend nicht von der Hand zu weisen. So ist das gemeinsame Laufen mit dem Partner zwar grundsätzlich eine sehr gute Sache, kann und soll aber keinesfalls erzwungen werden.

SPORT VERBINDET

Und Leidenschaft verbindet. Euphorie für eine Sache beeindruckt. Ein gesunder Lebensstil sowie eine gute körperliche Fitness bringen in den meisten Fällen Zufriedenheit. Und genau diese Zufriedenheit ist es, die von unserem Umfeld als angenehm und attraktiv wahr-genommen wird. Worauf warten Sie also noch? Überwinden Sie ihren Schweinehund, entschleunigen Sie den Alltag und spüren Sie die kalte Luft in den geweiteten Lungenflügeln. Erfreuen Sie sich an der Natur, der Ruhe oder guter Musik.

Genießen Sie jeden Ihrer Schritte und spüren Sie die Leidenschaft, nehmen Sie sie wahr. Ja, mit dem Laufen ist es wohl tatsächlich ein bisschen wie mit der Liebe: Eine Komposition aus vielen kleinen Dingen, die zusammen ein großes Ganzes in absoluter Einzigartigkeit ergeben. Und vielleicht lassen sich genau deswegen die Worte Laufen und Leidenschaft so schlecht voneinander trennen. Denn Laufen ist Leidenschaft und wer Leidenschaft spürt, der lebt … und liebt!

Die vorangegangenen Zeilen sollten Sie daran erinnern, dass erhöhter Puls und schneller Atem nicht nur auf Trainingseinheiten zurückzuführen sind. Sie sollen als Appell an die Leidenschaft für einander oder eine Sache dienen, an das bewusste Wahrnehmen erinnern und darauf hinweisen, dass es mit der Liebe vielleicht ähnlich ist wie mit der ein oder anderen Bestzeit: Sie kommt, wenn man vom Druck ablässt und gar nicht (mehr) mit ihr rechnet. Dies ist ein sehr persönlicher und vor allem ehrlicher Artikel, ergänzt um Expertenmeinungen und Statistiken. Ich wünsche Ihnen, werte aktivLaufen-Leser, ganz viel Liebe und Leidenschaft bei allem, was sie tun.

Das, was zählt, ist die Verbindung, die man zueinander hat, die Leidenschaft und die Gefühle füreinander. Ich bedanke mich bei Simon für seine Inspiration.

UK - London - City jogger and London Bridge

LAUFEND LEICHTER WERDEN ABNEHMEN DURCH LAUFEN

Ausdauersport und Ernährung sind untrennbar miteinander verbunden. Um abzunehmen, ist eine bewusste Nahrungsaufnahme genauso entscheidend wie die Steigerung des Energieumsatzes durch die sportliche Betätigung.

Text: Carsten Stegner

Die richtige Ernährung ist auch ein wichtiger Faktor, um sportliche Höchstleistungen zu erbringen und für die nötige Regeneration nach der Belastung zu sorgen. Hierbei ist es nicht nötig, einen strengen Diätplan einzuhalten bzw. auf mögliche Lieblingsgerichte zu verzichten oder gar in Askese zu leben. Ziel ist es, eine Unterversorgung von wichtigen Stoffen sowie eine Überversorgung an Energie, sprich Kalorien, zu vermeiden.

ENERGIEUMSATZ
Für viele Menschen spielt die Ernährung dann eine große Rolle, wenn sie ein paar überflüssige Pfunde loswerden wollen. Die Theorie scheint hier ganz einfach. Denn schließlich muss nur der Energieumsatz größer als die Energieaufnahme sein. Eine Frage ist dabei, wie hoch der durchschnittliche Energieverbrauch eigentlich ist. Hierzu muss der Grundumsatz definiert werden, also der Kalorienverbrauch, den der Körper benötigt, um durch den Tag zu kommen. Dieser Grundumsatz ist abhängig von Gewicht, Körpergröße, Alter, Geschlecht und Art der überwiegenden körperlichen Tätigkeit. So hat eine 30-jährige Frau, die einer überwiegend sitzenden, teilweise stehenden und gehenden Tätigkeit nachgeht, mit einer Größe von 165 cm und einem Gewicht von 60 kg einen Grundumsatz von ca. 1.400 kcal. Ihr 40-jähriger Arbeitskollege mit 180 cm und 80 kg setzt dagegen gut 2.000 kcal täglich um. Unter dem Suchbegriff „Kalorienrechner“ spuckt das Internet unzählige Berechnungsmöglichkeiten aus, die alle zum etwa gleichen Ergebnis führen. Hinzu kommt nun der Faktor Sport. Laufen ist hierbei die Sportart, welche aufgrund ihrer Komplexität ein wahres Verbrennungswunder ist, da eine Vielzahl von Muskeln angesprochen werden. Aber Achtung, dem gegenüber stehen die Kalorienbomben. Um einen Schokoriegel zu verbrennen, muss die o. g. Dame eine halbe Stunde im 6er-Schnitt laufen. Da bekommt der Slogan „Wenn’s mal wieder länger dauert“ eine ganz neue Dimension.

Die sofortige Kontrolle auf der Waage nach dem Sport ist nicht aussagekräftig. Zwar wird
man eine spontane Gewichtsveränderung fest- stellen, die jedoch einzig dem Schweißverlust geschuldet ist. Um 1 kg Körpergewicht zu verlieren, muss man eine negative Energiebi- lanz von ca. 7.500 kcal erreichen. Mit einem Training allein ist das nicht getan. Realistisch ist es, eine negative Energiebilanz von ca. 500 kcal täglich zu erreichen. Wer also gut zwei Wochen regelmäßig 500 kcal mehr verbrennt, als er aufnimmt, hat eine gute Chance, 1 kg Körpergewicht abzubauen. Der Gewichtsverlust besteht dabei aus der Reduktion des Körperfetts und dem Verlust des an die Körperfettzellen gebundenen Wassers.
Wie viele Kalorien letztendlich beim Laufen verbrannt werden, hängt ganz vom Körpergewicht und der Intensität des Trainings ab. Moderne Sportuhren berechnen den Verbrauch relativ genau.

Wer weniger Wert auf Technik legt, dem sei folgende Faustformel ans Herz gelegt: GEWICHT X STRECKENLÄNGE X 0,97 = KALORIENVERBRAUCH

Bei immer gleichen Ernährungsgewohnheiten und beim selben Trainingsaufwand wird der Gewichtsverlust jedoch nicht linear verlaufen. Einerseits gewöhnt sich der Organismus an die Situation, und es findet eine Anpassung statt. Mit fortschreitendem Fitnesslevel muss man peu à peu etwas schneller laufen, um den gleichen Kalorienverbrauch zu gewährleisten. Andererseits verliert der Körper zwar die unbe- liebten Fettpölsterchen, baut aber gleichzeitig Muskelmasse auf. Da diese schwerer ist als Fett, kann nach einiger Zeit das Phänomen eintreten, dass sogar leicht an Gewicht gewonnen wird. Dies ist durchaus positiv zu sehen, denn neben der Tatsache, dass Muskeln schöner aussehen, steigern sie den Grundumsatz an Kalorien. Das heißt, der Körper verbrennt automatisch mehr Energie.
JE LEICHTER, DESTO SCHNELLER?
Die schnellsten Marathonläufer wiegen kaum mehr als 60 kg. Ein einfaches Experiment mag den Zusammenhang von Körpergewicht und Schnelligkeit verdeutlichen: Laufen Sie Ihre Trainingsrunde mit einem 5 kg schweren Laufrucksack. Selbstverständlich wird Ihnen die gewohnte Strecke deutlich schwerer fallen. Der Vorteil eines leichteren Läufers ist aber nicht nur der, lediglich weniger Gewicht mit sich herumzutragen. Durch einen Gewichtsverlust verbessert sich auch der Gradmesser für die Leistungsfähigkeit von Ausdauersportlern, nämlich die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max). Ganz allgemein kann man mit bis zu über zwei Sekunden Zeitgewinn pro Kilometer rechnen für jedes Kilogramm, welches man verloren hat. Je nach Streckenlänge kann sich das ganz schön summieren.
Aber Vorsicht! Extremer Gewichtsverlust bedeutet auch Kraftverlust. Das hat zum Ergebnis, dass der Läufer langsamer wird! Auch unter dem Gesichtspunkt, dass es – gemessen an der Gesamtbevölkerung – unter Sportlern sechsmal häufiger zur Magersucht kommt, sollte man achtsam bei der Gewichtsreduktion vorgehen.
„DER TIGER IM TANK“
Doch nicht nur das Gewicht ist entscheidend für die Leistungsfähigkeit. Ganz nach dem Motto „Du bist, was du isst“, kann die Nahrungsauswahl über Sieg und Niederlage oder Wohlbefinden und Unbehagen entscheiden. Unser Körper funktioniert ähnlich wie ein Motor. Wenn der Tank leer ist, läuft er nicht mehr, ein falsch gefüllter Tank führt zum selben
Ergebnis. Die Muskeln fordern, je nachdem, wie stark sie gefordert sind, Energie. Deren Bereitstellung ist Aufgabe des Energiestoffwechsels. Um beim Beispiel Motor zu bleiben, handelt es sich bei unserem Körper um einen hochmodernen Hybridmotor, welcher seine Energie aus unterschiedlichen Tanks zieht. Neben einem Speicher mit Kreatinphosphat, welcher jedoch schon nach wenigen Sekunden erschöpft ist, sind für Ausdauersportler vor allem der Kohlenhydratspeicher und die Fettreserven von großer Bedeutung. Der wichtigste Kohlenhydrat-Tank ist die Leber. Hier werden ca. 450 mg Glykogen gespeichert, aus welchem durch die sogenannte aerobe Glykolyse (niedrige Belastung) und anaerobe Glykolyse (hohe Belastung) Energie gewonnen wird. Dieser Speicher reicht in der Regel für 75 bis 90 Minuten Belastung. Eine zusätzliche Nahrungsaufnahme bei Läufen bis zu dieser Länge ist also nicht nötig.

AUSGEWOGEN ERNÄHREN
Ein nahezu unerschöpflicher Speicher sind die Fettreserven. Im Schnitt verfügt der Mensch über 8 kg an Fettsäuren. Diese würden zwar theoretisch dafür sorgen, dass für viele hundert Kilometer Energie zur Verfügung steht, jedoch werden dem Organismus auch bei geringer Intensität kaum mehr als ca. 60 % der Energie aus Fett bereitgestellt. Der Rest der benötigten Energie muss aus der Glykolyse kommen. Hieraus lässt sich leicht erkennen, dass Kohlenhydrate die wichtigsten Energielieferanten für Ausdauersportler sind. Werden jedoch mehr Kohlenhydrate aufgenommen, als verbraucht werden, wandelt der Körper diese um und füllt damit die ungeliebten Fettreserven.
Nur mit Kohlenhydraten lässt sich natürlich keine ausgewogene Ernährung bewerkstelligen. Sehr wichtig für den Läufer sind auch Eiweiße (s. Kasten „Mythen“) und eine gewisse Aufnahme an Ballaststoffen. Letztere binden Cholesterin und Schadstoffe und helfen, diese im Rahmen einer besseren Verdauung abzuführen. Außerdem „verdünnen“ sie als Füllstoff den Energiegehalt der Nahrung und fördern damit das Sättigungsgefühl. Die Nahrung wird länger und besser gekaut, und der Blutzuckerspiegel steigt langsamer an. Das sind alles gute Voraussetzungen, um schlank zu werden oder zu bleiben. Aber Achtung: Verzichten Sie unmittelbar vor Ihrer sportlichen Aktivität auf derartige Lebensmittel, denn dann machen sie ihrem Namen alle Ehre, sie belasten!
Wer um die Vorgänge der Energiebereitstellung im Körper weiß, seinen Körper kennt und in ihn hineinhört, kann bei der Nahrungsaufnahme nicht viel falsch machen. Eine durchdachte und ausgewogene Ernährung, bei der Sie Ihrem Körper das geben, wonach er gerade verlangt, ist vermutlich sinnvoller, bietet aber vor allem mehr Lebensqualität als jeder fremdbestimmte strenge Diätplan.

MYTHEN:

FETT WIRD NUR BEI LANGSAMEN LÄUFEN VERBRANNT
Ein Auto verbraucht bei langsamer Fahrt deutlich weniger Sprit als bei Vollgas. Unser Körper verhält sich hierbei nicht anders. Je schneller Sie laufen, desto mehr Energie setzen Sie um. Zwar verschiebt sich das Verhältnis Kohlenhydrate zu Fett zugunsten der Glykolyse (Kohlenhydrat- verbrennung), dennoch ist der Gesamtumsatz an Fett beim intensiven Lauf deutlich größer als beim langsamen Lauf.

NÜCHTERNLÄUFE MACHEN SCHLANK
… aber nur in der Theorie. Wenn am Morgen die Kohlenhydratspeicher leer sind, meint man, dass der Körper automatisch auf die Fettverbrennung umschaltet. Über Nacht wurde der Kohlenhydratspeicher in der Leber geleert, und der Blutzuckerspiegel ist sehr niedrig. Wenn Sie nun mit dem Laufen beginnen, fällt dieser endgültig in den Keller. Da der Körper aber Energie benötigt, beginnt er, wertvolle Eiweiße zu verbrennen. Durch die sogenannte Glukoneogenese werden wichtige Bestandteile, welche Ihr Körper für die Regeneration, den Muskelaufbau oder das Immunsystem benötigt, in Kohlenhydrate umgewandelt. Sie betreiben also Raubbau an Ihrem Körper. Da die Fettverbrennung nur gemeinsam mit dem Glykogenspeicher der Leber funktioniert, ist es ratsam, vor dem Morgenlauf zumindest ein Glas Apfelsaft zu trinken oder eine halbe Banane zu essen. Nun hat der Körper den nötigen Zündstoff, um die Fettverbrennung im Rahmen eines gemütlichen Dauerlaufs anzuwerfen.

EIWEISS IST WICHTIG FÜR KRAFTSPORTLER
… und noch viel wichtiger für Ausdauersportler. Während eines Dauerlaufs werden Muskeln, Sehen, Bänder und Bindegewebe stark belastet. All diese Strukturen bestehen aus Eiweiß. Zur Reparatur und Regeneration ist es unerlässlich, dem Körper Proteine zurückzugeben. Da der Körper im Gegensatz zu Kohlenhydraten und Fett keine Eiweiße speichern kann, ist es von Bedeutung, diese regelmäßig nachzuführen. Dies erfolgt bei ausgewogener Ernährung automatisch über das Essen. Vor allem im direkten Anschluss an harte Trainingseinheiten sollten aber Eiweiße gezielt nachgeführt werden, z. B. über Sportgetränke oder Magerquark, Mozzarella o. ä.

Tempodauerlauf1

TEMPO- TRAINING – EIN MUSS FÜR SPRINTER BIS HIN ZUM ULTRALÄUFER

Das Training mit hohen Geschwindigkeiten ist nicht nur für Sprinter, sondern für alle Läufer der Schlüssel zum Erfolg. Je höher die Grundschnelligkeit, desto größer ist der Puffer zum Wettkampftempo.

TEXT: Carsten Stegner

Tempotraining kann in unterschied- lichen Varianten durchgeführt wer- den. Alle haben das Ziel, das Wett- kampftempo zu erhöhen bzw. ein hohes Tempo über eine längere Strecke laufen zu können. Doch nicht nur Wettkampfsportler profitieren hiervon. Selbst wer nicht regelmäßig an der Startlinie steht, bringt so wortwörtlich Schwung in seinen Laufalltag. Schon nach wenigen Wochen läuft man sein bekanntes Lauftempo wesentlich entspannter.

Die richtige Geschwindigkeit beim Tempo- training lässt sich auf verschiedene Arten bestimmen. Am einfachsten ist es, das jeweilige Renntempo über 5, 10 oder 42,2 km als Steuerungsmerker zu wählen. Die optimale Intensität der Belastungsintervalle und der Ruhephasen gibt der Herzschlag im Verhältnis zur maximalen Herzfrequenz vor. Eine weitere Möglichkeit ist, sich der bekannten Tempotabelle nach „Jack Daniels“ zu bedienen. Voraussetzung hierfür ist das Wissen über die eigene VO2max, die maxi- male Sauerstoffkapazität, die sich durch eine Spiroergometrie beim Arzt feststellen lässt.

DAS FAHRTSPIEL (FARTLEK)

Dies ist die wohl spielerischste Art des Tempo- trainings. Im Rahmen eines Dauerlaufs werden mehrmals kurze Strecken mit höherem Tempo gelaufen. Hierbei ist nicht eine bestimmte Pace von Bedeutung, sondern das eigene Belastungsempfinden und die Topografie der Strecke. Als Start- und Endpunkt werden örtliche Gegebenheiten wie Bäume, Schilder, Hügel etc. gewählt. Die Tempoverschärfung kann aber auch nach flexiblen Zeitvorgaben zwischen 20 und 180 Sekunden durchgeführt werden. Nach den einzelnen Belastungen läuft man solange im ruhigen Tempo weiter, bis eine spürbare Erholung eingesetzt hat.

Im Trainingsplan ist das Fahrtspiel außerhalb der Wettkampfperiode meist in der Phase des Grundlagentrainings zu finden.
Das Fartlek lässt sich auf allen gewohnten Laufstrecken durchführen, ganz hervorragend eignet sich ein profiliertes Gelände.

INTERVALLTRAINING

Im Gegensatz zum Fahrtspiel wird hier nach exakten Tempo- und Streckenvorgaben trai- niert. Es unterscheidet sich durch intensive und extensive Intervalle. Erstere sind eine typische Trainingsmethode für Mittelstrecken und kürzere Straßenläufe. Die Streckenlänge beträgt zwischen 100 und 400 Metern. Diese werden nahezu im Maximaltempo gelaufen. Um ein solches Tempo zu gewährleisten, liegt zwischen den hoch intensiven Intervallen eine lange Erholungspause. Der Körper wird so an das harte Wettkampftempo gewöhnt. Diese Trainingsmethode ist nur sehr gut trainierten Athleten zu empfehlen. Das Trainingsterrain ist die Tartanbahn.

Extensive Intervalle zeichnen sich durch eine unvollständige Erholung in den Pausen aus, und das Lauftempo ist etwas langsamer. Typischerweise werden Intervalle zwischen 400 und 1.000 Metern etwas schneller als das

10-km-Wettkampftempo gelaufen und dienen Langstrecken- und Marathonläufern zur Ver- besserung ihrer aeroben Leistungsfähigkeit. Die Pausen beim Intervalltraining werden mit zunehmendem Trainingserfolg kürzer, um sukzessive die Wettkampfsituation zu simulieren. Der Puls sollte vor der nächsten Belastung auf 70 % der maximalen Herz- frequenz zurückgehen.

Für eine optimale Tempokontrolle bietet sich die 400-Meter-Bahn an. Marathon- und Stra- ßenläufer sind gut beraten, sich für das Inter- valltraining einen flachen und vermessenen Asphaltweg zu suchen.

WIEDERHOLUNGSLÄUFE

sind „lange Intervalle“ und ein typisches Tempotraining für Marathonläufer. Die Stre- ckenlängen zwischen 2.000 und 6.000 Metern werden zunächst im Marathontempo gelaufen und mit entsprechendem Trainingsfortschritt etwas schneller. Die Trabpausen sinken von zunächst zwei Dritteln auf die Hälfte der Belas- tung. Die Belastungslänge wird im Zeitraum der Marathonvorbereitung sukzessive länger und kann sich von 4 x 2.000 Metern auf 3 x 6.000 Metern mehr als verdoppeln. Somit nähert man sich einer weiteren Tempotrainingsmethode, dem Tempodauerlauf.

TEMPODAUERLAUF

Strecken zwischen 7 km und 18 km werden hier, in der Endphase der Marathonvorbereitung, im Marathonrenntempo gelaufen. Im Trai- ningsalltag lässt sich diese Trainingsmethode durch einen Wettkampf ersetzen. In diesem Fall bewegt man sich, da dieser schneller gelau- fen wird, schon im Bereich des sogenannten Schwellentrainings. Die Laktatkonzentration kann dann über 4 mmol und somit über der anaeroben Schwelle liegen. Zwar lässt sich so mit der Zeit die anaerobe Schwelle anheben und das Wettkampftempo verbessern, es birgt aber auf Dauer die Gefahr eines Übertrainings. Für die langen Belastungen ist das Stadionoval nur wenig geeignet. Der Kurvenradius kann zu orthopädischen Problemen führen. Ein flacher, dem Wettkampfterrain ähnelnder Untergrund ist die beste Wahl für diese Trainingsmethode.

Ihr Trainer:

CARSTEN STEGNER

PASSIONIERTER
TRAIL- UND ULTRAMARATHONLÄUFER

Alter: 40
Wohnort: Nürnberg
Sportliche Erfolge: Deutscher Meister im 100-km-Straßenlauf 2015, Team-Bronzemedaille Ultratrail WM 2013)
Beruf: Polizeibeamter und Laufcoach

23rd European Athletics Championships - Day Five

„Ich stelle mir vor, wie gut es sich anfühlt“

Auch Laufprofis werden nicht als solche geboren. Hinter den Erfolgen der besten deutschen Läufer auf den Straßen und im Gelände steckt natürlich hartes Training. Dabei benutzen die Profis einige Tricks, die auch Ihnen helfen können, der Monotonie zu entkommen oder sich perfekt auf den kommenden Wettkampf vorzubereiten.

Text: Daniel Becker

Anne-Marie Flammersfeld:

„Eine gute Möglichkeit, die gelegentliche Monotonie eines Dauerlaufes aufzulockern und dabei gleichzeitig noch mehr für die Fitness zu tun, ist das Einbinden von ‚Minutenläufen‘. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Egal, ob eher klassische Varianten wie 10 x 1’/1′ oder 10 x 2‘/1‘ – jeweils schnell und locker im Wechsel – oder auch Pyramidenprogramme wie beispielsweise 1/2/3/4/5/4/3/2/1 mit jeweils der Hälfte der Minuten als Trabpause. Natürlich sind auch ganz eigene Kreationen möglich, aber so oder so werden Sie nicht nur merken, dass die Zeit im Nu verfliegt, sondern auch schon bald feststellen, dass die persönliche Form eine andere ist. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Ausbruch aus der Komfortzone und dem Entdecken neuer, vielleicht ungeahnter Möglichkeiten!“

Philipp Pflieger:

„Meine Long Jogs versuche ich total entspannt zu starten. Wenn ich mir vorher zu viele Gedanken über die Distanz und die Höhenmeter mache, die vor mir liegen (vielleicht 40 Kilometer mit 3.000 Höhenmetern), dann verkrampfe ich am Anfang, und jeder folgende Schritt ist eine Qual. Deswegen setze ich häufig das gute Gefühl, das ich nach einem langen Training habe, an den Anfang. Ich visualisiere und stelle mir mit allen Sinnen vor, wie gut es sich anfühlt.

Julian Flügel:

„Werden Sie nie zum ‚Sklaven‘ Ihrer GPS-Uhr. Während eine GPS-Uhr grundsätzlich ein extrem nützliches Hilfsmittel beim Training ist, sollten Sie insbesondere bei lockeren Trainingsläufen eher auf Ihr Gefühl achten und nicht einem bestimmten Kilometerschnitt hinterherlaufen.“

Moritz auf der Heide:

„Um die richtige Wettkampfhärte für den Tag X zu kriegen, laufe ich ein Mal pro Woche die volle Marathondistanz und beschleunige bewusst auf den letzten sechs Kilometern bis auf Wettkampftempo. Bevorzugt sogar auf leeren Magen, damit der Fettstoffwechsel trainiert wird. Natürlich müssen es im Training bei Hobbyläufern nicht direkt 42,195 Kilometer sein. Ein langer Lauf über 30 Kilometer mit Endbeschleunigung kann bereits denselben Effekt haben.“

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Abenteuer Rückwärtslaufen

Wer glaubt, Rückwärtslaufen sei bloß ein Jux, liegt falsch: Die Besten dieser Disziplin kämpfen sogar um Titel und Rekorde – und schwören auf die positiven Effekte für Muskeln, Gelenke und Koordination. aktivLaufen stellt die ungewöhnliche Laufvariante vor.

Text: Wilfried Spürk

Das nächste Laufabenteuer wartet beim nächsten Schritt. Wenn Sie es wollen. Und wenn Sie sich trauen. Drehen Sie sich um 180 Grad und laufen Sie weiter in dieselbe Richtung wie zuvor. Ja, jetzt laufen Sie rückwärts – und betreten eine völlig andere Laufwelt, die neue Erfahrungen eröffnet und ungewohnte Herausforderungen stellt. Sie bewegen sich fast auf Zehenspitzen und werden sich wohl gelegentlich mal nach hinten umschauen, um eventuell auftauchenden Hindernissen auszuweichen. Vielleicht bemerken Sie auch belustigte Blicke von Passanten oder anderen Läufern. Und womöglich werden Sie bei all dem so viel Spaß haben wie lange nicht mehr beim Laufen – und künftig bei Ihren Trainingsrunden regelmäßig mal eine kleine Passage rückwärts einlegen. Dann wären Sie zwar ein Exot unter den Läufern, aber keineswegs allein unterwegs.

Es gibt mittlerweile eine lebendige Szene von Rückwärtsläufern, die sich sogar in Wettbewerben messen und Bestzeiten jagen. Die Ursprünge dieses Sports sollen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa liegen, als Rückwärtsläufer als Showattraktionen auftraten. Später setzten amerikanische Athleten das Rückwärtslaufen im Training ein, in Europa fand diese Laufvariante ab Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend mehr Anhänger. Der erste offizielle Wettkampf in Europa fand 1992 im italienischen Poviglio statt. Einen Aufschwung erlebte das Rückwärtslaufen dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die Zahl der Wettbewerbe in verschiedenen Ländern nahm zu. In Deutschland wurde der seit 2000 ausgetragene „Deutsche Rückwärtslauf“ in Augsburg im Jahr 2002 in die Deutsche Rückwärtslauf-Meisterschaft umgewandelt. 2005 schlossen sich die Rückwärtslauf-Begeisterten als „International Retro-Runner“ (IRR) zu einem internationalen Verband zusammen. „Retrorunning“ wird übrigens als Synonym zu Rückwärtslaufen auch im deutschsprachigen Raum gebraucht. Ein Jahr nach ihrer Gründung veranstalteten die IRR die erste offizielle Weltmeisterschaft, die seitdem alle zwei Jahre ausgetragen wird. Das Programm umfasst Sprintstrecken (100 Meter, 200 Meter), Mitteldistanzen (400 Meter, 800 Meter, 1.500 Meter) und Langstrecken (3.000 Meter, 5.000 Meter, 10.000 Meter) sowie den Halbmarathon und Staffelwettbewerbe.

Deutsche Pioniere

Einer der Pioniere und mehrfacher Medaillengewinner bei den ersten Titelkämpfen 2006 in Rotkreuz, Schweiz, ist Roland Wegner, der in seinem 2010 veröffentlichten Buch „Retrorunning. Rückwärts zu neuen Ufern“ (erschienen im spomedis-Verlag) einen Überblick über alle Aspekte des Rückwärtslaufens als eigener Sportart gibt und erzählt, wie er persönlich zum Retrorunning kam. Als 19-Jähriger begann Wegner eine Karriere als „normaler“ Läufer. Wegen Knieproblemen infolge eines Kreuzband- und horizontalen Meniskuseinrisses konnte er allerdings nicht mehr schmerzfrei laufen. Ärzte rieten ihm vom Leistungssport komplett ab. Mit dem Rückwärtslaufen fand Wegner dann nicht nur eine Laufdisziplin, die er beschwerdefrei ausüben konnte, sondern, so erzählt er es in seinem Buch, die es ihm nach einiger Zeit auch wieder ermöglichte, vorwärts auf hohem Niveau zu laufen. 2004 verwirklichte er so doch noch seinen Traum vom Start bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften: in der 4 x 400-Meter-Staffel, als Vorwärtsläufer.

Wegner hält bis heute die Rückwärts-Rekorde auf den Sprintdistanzen. Im Jahr 2007 lief er die 100 Meter in 13,6 Sekunden, für die 200 Meter stehen 31,56 Sekunden von 2008 zu Buche. Auf den längeren Strecken sorgt sein Landsmann Thomas Dold, der auch als einer der weltbesten Treppenläufer bekannt ist, seit Jahren für Furore. Er stellte unter anderem die Weltbestzeiten über 400, 800 und 3.000 Meter auf. Der jüngste Husarenstreich gelang Dold am 26. April des vergangenen Jahres, als er im Rahmen des Oberelbe-Marathons in Dresden mit 39:20 Minuten den neuen Weltrekord über 10.000 Meter aufstellte. Grob gesagt sind Rückwärtsläufer, sofern man sich an den Rekorden orientiert, 30 bis über 40 Prozent langsamer als Vorwärtsläufer.

Dold, der neben seinen vielfältigen sportlichen Aktivitäten im Laufbereich auch als Manager der Langstrecken-Asse Lisa und Anna Hahner arbeitet sowie als Motivationscoach in Unternehmen tätig ist, kam über den Fußball zum Rückwärtslaufen. Als Jugendlicher spielte der Baden-Württemberger beim SV Steinach im Schwarzwald. Der Verein hat auch eine Laufabteilung, und als die mit ein paar Vertretern 2003 zur Deutschen Rückwärtslauf-Meisterschaft fuhr, nahmen sie Dold mit. „Von da an hat’s mich nicht mehr losgelassen“, sagt der 31-Jährige. „Es war faszinierend, wie schnell ich mich verbessern konnte und zunehmend mehr Kilometer am Stück schaffte.“ Rückwärts laufen war auch für ihn erst mal eine völlig ungewohnte Belastung. „Es ist, wie wenn man Liegestütze macht und irgendwann einfach nicht mehr kann. Beim Rückwärtslaufen kriegt man nach einiger Zeit die Füße nicht mehr hintereinander. Das tut dann auch weh“, erklärt Dold. Deshalb sei für Anfänger wichtig: die Sache langsam angehen, Distanzen und eventuell Tempo nur allmählich erhöhen. Dann aber sei Rückwärtslaufen ein gutes Alternativtraining, das die Koordination schule und die Beinmuskulatur kräftige, vor allem die bei vielen Läufern kritischen hinteren Oberschenkelmuskeln.

Sinnvoll im Training

Den positiven Effekt für die Koordination bestätigt Sportmediziner Dr. Matthias ­Marquardt, der mehrere Bücher zum Thema Laufen veröffentlicht hat und selbst Laufseminare anbietet (www.marquardt-running.com). „Als koordinatives Element im Training bietet sich Rückwärtslaufen an. In meinen Seminaren kann das so aussehen, dass die Teilnehmer bei Dauerläufen alle zehn Minuten mal ein paar Schritte seitwärts links, ein paar Schritte seitwärts rechts und eben auch ein paar Schritte rückwärts machen“, sagt Marquardt. „In allen Sportarten, wo die Laufarbeit eine wichtige Rolle spielt, ist Rückwärtslaufen als Bestandteil koordinativer Einheiten eine sinnvolle Sache.“

Dold bestätigt das, seine Hahner-„Schützlinge“ bauen Retro-Einheiten vor allem im Aufbautraining ein. Positiv wirkt sich das auch auf die Muskulatur aus. Vor allem der Wadenbereich wird beansprucht, während die Gelenke geschont werden: „Rückwärts laufen Sie erzwungenermaßen auf dem Vorfuß, dabei fängt man die Stöße zu einem großen Teil mit der Wadenmuskulatur ab“, erläutert Experte Marquardt. Die Folge: „Knie und Hüfte werden entlastet.“ Dies sei auch der Grund, warum manche Arthrosepatienten Treppenstufen gerne rückwärts bewältigen. „Wer rückwärts geht, hat einen deutlich geringeren Anpressdruck hinter der Kniescheibe.“ Die Erfahrung von Buchautor Wegner scheint diese Analyse zu bestätigen.

Trotz der positiven Aspekte betont Sportmediziner Marquardt aber, dass das Rückwärtslaufen aus seiner Sicht für längere Strecken problematisch ist: „Der Fuß ist eigentlich dafür gemacht, dass man sich über die Zehen kraftvoll nach vorne abdrückt und die Zehen dabei beugt, um den Fuß zu stabilisieren. Genau das können Sie beim Rückwärtslaufen nicht. Insofern ist das nicht grundsätzlich die physiologisch gesündere Bewegung. Und da man oft nach hinten blickt, tut man seinem Nacken auch nichts Gutes.“

Sommer-WM in Deutschland

Passionierte Rückwärtsläufer wie Dold haben Wege gefunden, das Orientierungs- und Nackenproblem zu mildern. Eine der gängigsten: jemanden mitnehmen, der einen im Vorwärtslauf begleitet. Der Multiweltrekordler führt ungeahnte Vorteile eines solchen Trainings ins Feld: „Ich kann so gut mit jemandem zusammenlaufen, der im Vorwärtslaufen langsamer ist als ich.“ Auch einen kommunikativen Aspekt sieht Dold: „Man kann sich sogar richtig gut unterhalten, da man sich direkt anschauen kann.“ Der zehnfache Retrorunning-Weltmeister, der den Anteil von Rückwärtslauf-Einheiten in seinem Training mit rund zehn Prozent angibt, absolviert diese meist auf der Tartanbahn oder verkehrsarmen Straßen, gerade dort nicht ohne Begleitung.

Das Wettbewerbsangebot ist begrenzt, für seine Weltrekordversuche organisierte Dold teilweise selbst Veranstaltungen. „Meist mit eher wenigen Teilnehmern, weil man auch aufeinander achten muss“, erklärt er. Zudem werden die Retrorunner meist durch Begleitläufer oder Radfahrer eskortiert. Manche Rückwärtsläufer starten auch bei normalen Laufveranstaltungen. Dold selbst plant für den 5. Mai eine Teilnahme beim Auffahrtslauf in der Schweiz, wo er erstmals die Halbmarathondistanz rückwärts laufen will. Vom 14. bis 17. Juli steht dann das nächste Highlight für Dold an: Zum ersten Mal finden die Weltmeisterschaften in Deutschland statt, im Sportpark Hallo in Essen (Infos unter retrorunning2016.com). Eine perfekte Gelegenheit für Neugierige, den ungewöhnlichen Sport mal kennenzulernen. Andererseits: Dafür brauchen Sie sich bei Ihrem nächsten Lauf einfach nur mal um 180 Grad zu drehen und in dieselbe Richtung weiterzurennen.

Tipps für Anfänger:

Kurze Strecken

Bauen Sie in Ihr normales Training kurze Passagen ein. Vielleicht anfangs nur 50 Meter, und das mehrmals. Später die Distanzen allmählich etwas steigern.

Freie Bahn wählen

Checken Sie auf Ihrer Trainingsrunde, dass Sie eine Weile keinen Gegenverkehr haben – damit Sie entspannt eine kleine Passage rückwärts laufen können.

Nicht im Wald

Wählen Sie einen übersichtlichen Park oder eine Sportplatz-Laufbahn – aber laufen Sie lieber nicht im Wald, wo Baumwurzeln, Steine, Zweige als Stolperfallen lauern.

Mit Begleitung

Gemeinsam mit einem Vorwärtsläufer sind Sie entspannter – und Sie können sich sogar noch besser unterhalten als nebeneinander.

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TRAUMZIEL MARATHON

Der Mythos ist lang – 42,195 km misst die Traumdistanz für den Läufer. Respekt vor der Länge dieser Strecke zu haben, ist richtig. Wie bekommt man es trotzdem hin, einen Marathon erfolgreich zu bewältigen, auch wenn die Zeit zum Training nicht allzu reichlich bemessen ist?

 

TEXT: Susanne und Frank Hahn

 

Keine Frage: Wer einen Marathon laufen will, darf nicht kurzfristig denken. Der Traum von einem erfolgreichen Marathon-Finish lässt sich in diesem Kalenderjahr aber noch ohne Weiteres realisieren. Voraussetzung ist, dass Sie kein Laufanfänger mehr sind und bereits regelmäßig im Ausdauerbereich trainieren. Suchen Sie sich einen Marathon im Herbst heraus – die Klassiker im Frühjahr kommen zu früh.

ROUTINE HEISST DAS ZAUBERWORT
Wenn Sie sich einen Marathon im September oder Oktober als Ziel setzen, haben Sie noch mehr als ein halbes Jahr Zeit: Zeit zum Trainie- ren, denn der Körper will an die Belastung im Training und im Wettkampf gewöhnt sein, aber auch Zeit zur mentalen Vorbereitung und zum Testen bestimmter Abläufe. So werden Ihnen im Training Dauerläufe, auch die längeren, immer leichter fallen. Körper wie Kopf gewöhnen sich an längere Belastungen, trotzdem sollte man wichtige Einheiten mit Respekt angehen. Versuchen Sie, bei längeren Läufen, intensiven Belastungen und insbesondere bei Rennen möglichst gute Voraussetzungen zu schaffen: Wenn Sie beispielsweise mal mit Schnitzel und Pommes im Magen gestartet haben, wissen Sie, was ich meine! Testen Sie, was Ihnen guttut, um ideale Trainingsbedingungen zu schaffen, und setzen Sie dies bei wichtigen Einheiten um. Das gibt Ihnen dann auch im Wettkampf die nötige Sicherheit.

SONDERFALL MARATHON

Die Belastung eines Marathonlaufs lässt sich im Training nicht imitieren. Es ist auch nicht unbedingt zu empfehlen, einen langen Lauf von 40 km im Training zu absolvieren, nur um ein Gefühl für die Länge der Strecke zu bekommen. Die Regeneration nach einer solchen Einheit würde viel zu lange dauern. Richten Sie sich bei den längsten Läufen nach der im Marathon angestrebten Zielzeit: Planen Sie mit einer Zeit von knapp vier Stunden, können Sie im Training versuchen, laufend oder auch laufend und gehend so lange unterwegs zu sein.

Um Wettkampferfahrung zu sammeln, sind Rennen über kürzere Distanzen sinnvoll. Planen Sie mehrere 10-km-Läufe ein, und setzen Sie sich als Etappenziel die erfolgreiche Teilnahme an einem Halbmarathon im Frühjahr. Bei Rennen über die kürzere Distanz gewinnen Sie Routine für den Marathonwettkampf. Sie erfahren, wie es ist, mit vielen Menschen um sich herum zu laufen, Sie lernen die gewisse Anspannung vor dem Start kennen und diese einzuordnen. Bei solchen Gelegenheiten soll- ten Sie unbedingt Ihre Wettkampfschuhe und Socken testen! Zudem werden Sie gezwungen, sich Gedanken über organisatorische Abläufe machen – Fragen, die dann im Herbst nicht gänzlich neu geklärt werden müssen: Welche Zeit muss ich beispielsweise einplanen für den Weg zum Wettkampfort, für einen Toilettengang etc.? Welcher zeitliche Abstand zwischen Essen und Rennen ist für mich günstig, was nehme ich zu mir?

HALBMARATHON ALS PROBE

Suchen Sie sich als Höhepunkt für die erste Jahreshälfte einen Halbmarathon aus! Diesen Wettkampf sollten Sie ähnlich gewissenhaft angehen, wie Sie es mit Ihrem großen Ziel im Herbst tun wollen. Viele Halbmarathonläufe sind in eine Marathonveranstaltung integriert, als Halbmarathonläufer legt man oft einen Abschnitt oder die erste Runde der Marathonstrecke zurück. So kann man schon mal am Marathon schnuppern und die besondere Atmosphäre auf der Strecke sowie im Ziel erleben. Sie werden aber auch auf die organisatorischen Dinge gestoßen: Das Finden des richtigen Startblocks, die Entfernung zwischen jenem und ihrem Anreisepunkt und etwa den Toilettenhäuschen, Sie können sich Gedanken machen, wann Sie welche Kleidung ausziehen und können sich bei anderen etwas abgucken, etwa alte Socken als Einmal-Handschuhe verwenden oder einen Einmal-Regenponcho zum Speichern der Körperwärme benutzen.

21,1 km sind ganz klar keine 42,195 km, was zur Folge hat, dass Sie beim Halbmarathon mit einer deutlich höheren Geschwindigkeit unterwegs sind. Trotzdem können Sie bei einem Halbmarathonwettkampf wichtige Erfahrungen sammeln. In einem großen Pulk loszulaufen und dabei nicht das Tempogefühl zu verlieren, ist eine Herausforderung, der man sich unbedingt vor dem großen Tag schon einmal gestellt haben sollte. Die einzelnen Kilometer (oder im Ausland auch Meilen) sind nicht immer auf die gleiche Weise markiert – Sie werden ein Auge dafür bekommen und lernen, die einzelnen Kilometer zu stoppen. Bei manchen Uhren ist es sinnvoll, sich vorher zu überlegen, welche Art der Anzeige man wählt. Zudem ist es vor einem längeren Rennen, bei dem man viele Zwischenzeiten nimmt, empfehlenswert den Speicher zu lehren! Testen Sie zudem bei einem Halbmarathon, wie es ist, unterwegs Getränke oder Nahrung zu sich zu nehmen. Informieren Sie sich vorher, an welcher Seite die Getränketische aufgestellt sind und in welcher Reihenfolge was angeboten wird.

OPTIMIERTES TRAINING

Vor dem Wettkampf steht aber das Training: Wie trainiert man für die Königsdistanz, wenn das zeitliche Budget knapp bemessen ist? Wenn man ein großes Ziel erreichen will, ist es generell wichtig, zielgerichtet und eng nach einem sorgfältig durchdachten Plan zu trainieren. Wenn wenig Zeit zur Verfügung steht, ist der beste Ansatz, die Qualität des Trainings zu verbessern. Das heißt jedoch nicht, einfach Umfang oder Intensität zu erhöhen. Vielmehr ist eine Verbesserung des Zusammenspiels von Belastung und Regeneration gefragt, den zwei wesentlichen Komponenten, die das Training bestimmen. Wir denken immer in Sieben-Tage- Wochen. Die Ten-Day-Methode setzt dagegen auf eine Dezimal-Strukturierung: Hier beginnt die Trainingsphase an einem Freitag und endet zehn Tage später an einem Sonntag. Es folgt eine Erholungsphase von Montag bis Donnerstag, bevor am Freitag eine neue Zehn-Tage-Phase anfängt. Dieser Rhythmus bietet den Vorteil, dass unter der Woche (d. h. von Montag bis Donnerstag) ein vergleichsweise niedriger Trainingsaufwand ansteht, der Zeitaufwand insgesamt geringer ist und die Qualität sich auf einem höheren Niveau bewegt.

TRAININGSFORMEN

Am häufigsten greifen Läufer zur Dauerlauf- methode. Das ist selten falsch und auch ver- ständlich: Einfaches Lostraben ist einfach und bequem. Aber wer mit drei bis vier Laufeinheiten pro Woche effektiv trainieren will, muss sich sowohl über das Dauerlauftempo als auch über die Streckenlänge Gedanken machen. Entscheidend sind zudem regelmäßig intensive Einheiten. Eine Möglichkeit hierfür ist das Inter- valltraining. Diese Trainingsform kennzeichnet ein systematischer Wechsel zwischen Be- und Entlastung. In der Belastung wird in etwa das Wettkampftempo gelaufen, das Tempo in den Pausen ist so schnell, dass keine vollständige Erholung einsetzt. Das Intervalltraining kann als ein Fahrtspiel in Form von Minutenläufen

gestaltet werden oder mit einer Kraftorientierung als Bergläufe mit Streckenlängen von 200 m bis 400 m Eine Optimierung des klassischen Intervalltrainings stellt das Schwellentraining dar. Hierbei dient die Lactatschwelle des Kör- pers als Orientierung. An dieser Grenze steht den Muskeln beim Training gerade noch so viel Sauerstoff zur Verfügung, dass keine Milchsäure entsteht. Das Lauftempo unterhalb dieser Schwelle bezeichnet man als aerob, oberhalb als anaerob. Grundsätzlich baut der Körper zwar das Lactat in gleichem Maße ab, wie es gebildet wird, jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn mit steigender Geschwindigkeit erhöht sich die Lactatproduktion zunehmend, da die Abbaufähigkeit des Körpers beschränkt ist, übersäuert die Muskulatur nach und nach, bis die Lauffähigkeit vollständig eingeschränkt ist. Beim Schwellentraining tastet man sich an ein Tempo heran, das der Grenze aerob-anearob am nächsten kommt. Mit dieser Methode lässt sich die größte Steigerung der Fitness bei gleichzeitig geringstem Aufwand erreichen. Ein Anhalts- punkt für das Lauftempo ist entweder das Marathontempo oder die aktuelle 10-km-Zeit. Auf das 10-km-Tempo schlägt man 5 % auf (10 km in 50:00 min bedeuten ein Schwellentempo von 5:15 min/km).

DAS ZIEL IST DIE MOTIVATION

Die größte Motivation ist die Einhaltung des eigenen Trainingsplans: Fixieren Sie Ihre eigenen Vorgaben schriftlich, und notieren Sie die Umsetzung. Was ich mir vornehme, setze ich auch um. Denn ich habe mir ein Ziel gesetzt, das ich erreichen will, und ich habe mir einen Plan erarbeitet, wie es zu erreichen ist. Lediglich bei extremen Wetterverhältnissen und gesundheitlichen Beschwerden sollte man das Training verkürzen oder gar nicht trainieren, alles andere lässt sich meist im Vorfeld bedenken. Gerade bei der Ten-Day-Methode kann man sich Tage bewusst für das Training freischaufeln. In der Vorbereitung eines Marathons bietet sich auch eine Laufreise oder ein Trainingscamp an. Hier – ob nun alleine, in Gesellschaft, organisiert oder im privaten Urlaub – kann man konzentriert und in Ruhe trainieren und findet genügend Zeit für die Regeneration. Und zu Hause, nach einem anstrengenden Tag oder bei schlechtem Wetter? Überwinden Sie sich und gehen raus! Es ist oft gar nicht so schlimm, wie es aussieht. Und auch wenn das Training schwer fällt: Danach fühlt man sich gut, gerade weil man den inneren Schweinehund besiegt hat. Und was gibt es Besseres als eine Dusche nach einem Lauf im Regenguss oder intensiven Training oder das Stück Schokolade, das man abends gerne isst, weil man gut trainiert hat?

 

IHRE COACHES:

SUSANNE UND FRANK HAHN

Alter: 37 und 49
Wohnort: Meckenheim
Sportliche Erfolge Susanne: Bei 58 Deutschen Meisterschaften holte sie 33 Einzel- und 20 Mannschaftsmedaillen, Deutsche Marathonmeisterin 2008 und 2012, Marathon-Bestzeit: 2:28,49 h Sportliche Erfolge Frank: A-Trainer- Lizenz (Laufen), absolvierte 22 Marathons (Bestzeit: 2:19,28 h)

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Von wegen halbe Sache!

Der Halbmarathon erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Im Rahmen der meisten großen Marathonveranstaltungen in Deutschland und Europa hat sich der Lauf über die 21,0975 Kilometer als fester Bestandteil etabliert. Die Teilnehmerzahlen übertreffen regelmäßig die des großen Bruders über die volle Distanz. Das mag vielerlei Gründe haben. Für einen ambitionierten Einsteiger ist der Weg zum Marathon oft gedanklich noch zu weit weg. Die Gesamtlänge von 42,195 Kilometern schreckt viele Läufer zunächst ab. Hinzu kommt ein erheblich höherer Trainingsaufwand für einen gesamten Marathon. Im normalen Alltag lassen sich vier bis fünf Trainingsläufe pro Woche nicht immer sehr leicht integrieren.

Realistische Ziele

Viel überschaubarer scheint hingegen der Halbmarathon zu sein. Schon drei bis vier Trainingsläufe in der Woche mit 30 bis 40 Gesamtkilometern lassen einen Sportler den Halbmarathon bewältigen. Dieses Pensum ist selbst für den normalen „Jogger“ erreichbar. Dass man nicht zwei Wochen vor dem ersten Halbmarathon mit dem intensiven Training beginnt, erscheint dabei selbstverständlich. Dabei sollten Sie Ihre Ziele am Anfang jedoch nicht zu hoch hängen. Während der erfahrene Hase den Halbmarathon als Aufbautraining zur nächsten Marathon-Bestzeit nutzen wird, ist es für den Neuling ratsam, sich zunächst einmal mit Ziel-Zeiten jenseits der 2-Stunden-Marke zu beschäftigen. Realistische Ziele bewahren zumindest vor allzu großer Enttäuschung.

Zusätzliches Muskeltraining

Um den ersten Halbmarathon anzugehen, ist eine gute Grundlagenausdauer nötig, ein Lauf über 60 Minuten sollte für Sie kein Problem darstellen. Mit regelmäßigem Training und einem guten Trainingsplan lassen sich die neuen Ziele gut verwirklichen. Neben dem eigentlichen Lauftraining sollten Sie in der Vorbereitung auf den Halbmarathon zudem verstärkt­ auf zusätzliches Muskelaufbautraining und eine Stärkung der Rumpfmuskulatur achten. Die Belastung für den gesamten Bewegungsapparat nimmt gerade in der Vorbereitungszeit auf den Lauf gegenüber den kürzeren Distanzen doch erheblich zu. Um allzu große Muskelschmerzen und Stress zu vermeiden, ist es immer wieder wichtig, neben einer gesunden Ernährung auch auf eine ausreichende Regenerationszeit zu achten. Befolgen Sie den einen oder anderen Tipp, steht dem erfolgreichen Finish bei einem der anstehenden Halbmarathonläufe in diesem Jahr nichts mehr im Wege. Und wenn Sie dann im Ziel sind, ist das Ziel Marathon auch nicht mehr so weit entfernt. 

Nachfolgend haben unsere Coaches Susanna und Frank Hahn ein paar Tipps für den „Halben“:

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?

Einen Start über die halbe Marathondistanz sollten Sie erst in Angriff nehmen, wenn Sie schon öfter an 10-km-Läufen erfolgreich teilgenommen haben, ausdauertrainiert sind und Spaß an regelmäßigem Training und an der längeren Strecke haben. Für Läufer, denen es primär um die Bewältigung eines Halbmarathons geht, ist der Trainingsplan gedacht, der auf eine Endzeit von 2:15 Std. angelegt ist. Sie sollten in der Lage sein, 10 Kilometer in 62 Minuten zu laufen (6:12 Min. pro Kilometer). Die Zeit von 2:15 Std. über die Halbmarathondistanz entspricht einem Kilometerschnitt von 6:24 Min. Der Trainingsplan auf eine Zielzeit von 1:45 Std. bedeutet einen Kilometerschnitt von 4:59 Min. Er ist für ambitionierte Läufer gedacht, die über 10 km bereits mehrmals unter 50:00 Min. gelaufen sind.

Gleichwohl, wie schnell Sie die 21,0975 Kilometer bewältigen wollen: Sie sollten den Plan ernst nehmen und so gewissenhaft wie möglich versuchen, ihn zu erfüllen. Dann werden Sie bei der Umsetzung eine körperliche Entwicklung feststellen können.

Welchen zeitlichen Aufwand muss ich einplanen?

Die zwölf Wochen sind in drei Blöcke eingeteilt: Über je drei Wochen wird das Training aufgebaut, wobei in der zweiten Woche die meisten Kilometer gelaufen werden. Dann schließt sich eine Regenerationswoche an mit einem Testlauf oder Wettkampf, bevor der nächste Trainingsblock folgt. In fast allen Wochen sind vier Laufeinheiten angesetzt, in den zweiten Wochen eines Blocks zum Teil auch fünf. Als Trainingstage werden der Dienstag, der Donnerstag sowie das Wochenende favorisiert, bei fünf Einheiten zusätzlich der Mittwoch. In den Regenerations­wochen wird mit zwei Einheiten sowie einem Wettkampf oder Testlauf geplant. Dieser wird in der Regel am Wochenende stattfinden, umrahmt von zwei lockeren Dauer­läufen am Mittwoch und am Sonntag. Ein Tausch von Samstag und Sonntag ist möglich, wenn das Rennen erst am Sonntag stattfindet.

Pro Woche sollten Sie somit einen Zeitaufwand von durchschnittlich fünf bis sechs Stunden einplanen.

Was zeichnet ein spezielles Halbmarathontraining aus?

Im Gegensatz zum Training für die 10-km-Strecke wird die Ausdauer forciert, gegenüber dem Marathontraining wird an der Geschwindigkeit gearbeitet. Das bedeutet, dass die Laufeinheiten pro Woche recht abwechslungsreich gestaltet sind: In der Regel sind zwei Dauerläufe in ruhigem Tempo vorgesehen, bei dem man sich noch gut in ganzen Sätzen unterhalten kann. Sie können in beliebigem Gelände absolviert werden. Ob flach oder profiliert, Waldwege oder Asphalt: Es steht das erholsame, Spaß bringende Laufen im Vordergrund. An einem Tag pro Woche steht intensives Training an, das Sie fordern darf und soll. Als Trainingsmittel kommen hier zum Einsatz: der zügige Dauerlauf mit einem Puls von etwa 85–88 Prozent der maximalen Herzfrequenz, Tempoläufe, bei denen Distanzen von 500 m und 1.000 m schneller als im Renntempo gelaufen werden, sowie Fahrtspiele, also ein wechselndes Tempo über verschieden lange Teilstücke im Schwellenbereich. Es bietet sich an, diese Einheit und den folgenden langen Dauerlauf auf das Wochenende zu legen. Wenn Sie sich richtig auspowern, muss die Erholung nach diesen Einheiten oft noch als Baustein des Trainings gesehen werden. Nach den zwei fordernden Einheiten am Wochenende sollten Sie unbedingt den Montag zum Ruhetag erklären.

Innerhalb der Vorbereitung werden die Distanzen des intensiven Trainings und des langen Laufes immer größer. Bei den intensiven Einheiten legen Sie in flotterem Tempo zwischen 4 und 16 km zurück. Der lange Lauf wird von 12 bis auf 22 km gesteigert. Wenn Sie mehr Kilometer im Training bewältigt haben, als die Wettkampfstrecke misst, gibt Ihnen das die Sicherheit, die Streckenlänge am Tag X locker im Griff zu haben. Denn obwohl Sie im Training langsamer laufen, müssen Sie bedenken: In den Beinen steckt eine ordentliche Vorbelastung!

Ist das Training für einen Halbmarathon leichter zu verkraften als das für einen Marathon?

Das Wettkampfziel Halbmarathon ist nicht so trainingsintensiv wie das Marathontraining. Der Zeitaufwand ist mit vier bis fünf Laufeinheiten pro Woche, die über Distanzen von 6 bis (einmalig) 22 km gehen, geringer. Die physische wie auch die psychische Anstrengung fällt nicht so hoch aus. Denn man benötigt weniger Zeit für die Regeneration und ist insgesamt gesehen weniger verletzungsanfällig. Auch fallen durch Krankheit oder Stress bedingte Auszeiten nicht so sehr ins Gewicht. Ein nicht zu unterschätzender mentaler Vorteil ergibt sich durch die Tatsache, dass man im Training die gesamte Wettkampfdistanz einmal ablaufen kann. Bei 42 km ist dies nicht empfehlenswert! Kurz zusammengefasst: Der Trainingsaufwand ist für den Freizeitläufer ohne große Risiken realisierbar.

Ist ein Testwettkampf sinnvoll?

Die Antwort lautet eindeutig: ja! Denn bei einem Rennen im Vorfeld erleben Sie all das schon einmal, was Sie am Tag mit dem Halb­marathonrennen erwarten wird. Diese Gelegenheiten – wir empfehlen zwei Wettkämpfe über 10 und 15 km – bieten die beste Möglichkeit zum Ausprobieren. Wie sollte der zeitliche Abstand zwischen Anreise und Start aussehen? Welche Zeit muss ich im Vorfeld einplanen für den Weg von der Parkgelegenheit zum Wettkampfort, für das Abholen der Startunterlagen, für einen Toilettengang etc.? Welcher zeitliche Abstand zwischen Essen und Rennen ist für mich güns­tig, was nehme ich zu mir? Kann ich in den Rennschuhen gut laufen, passen die Socken, ohne dass ich mir Blasen laufe?

Zudem erleben Sie schon ein- oder zweimal die besondere Atmosphäre­ eines Rennens. Sie werden wahrscheinlich leicht nervös sein und die gewisse Anspannung spüren, die selbst Spitzenläufer vor dem Start fühlen. Sie gehört dazu, ohne sie wäre der Wettkampf nicht das, was er ist. Doch lernen Sie mit ihr umzugehen, wenn Sie die Situation bereits kennengelernt haben.

Welche Vorteile bietet ein Halbmarathonrennen gegenüber der Marathondistanz?

Viele Halbmarathonläufe sind an einen Marathon gekoppelt. Oft legen die Halbmarathonis einen Abschnitt oder die erste Runde der vermessenen Marathonstrecke zurück. Das bedeutet: Sie erleben dieselbe tolle Stimmung wie die Marathonläufer – auf der Strecke wie im Ziel. Zwar werden Sie in der Regel ein schnelleres Tempo laufen als jene, doch werden Sie nicht so lange am körpereigenen Limit laufen, als dass Sie nicht alles um sich herum wahrnehmen könnten. Neben der Stimmung sind auch andere Eventerlebnisse des Marathons inklusive: Nudelparty, besonderer Zieleinlauf, Erinnerungsmedaille … Nur auf eine lange Leidenszeit während des Rennens und die lange Regenerationszeit nach dem Rennen verzichten Sie!

Wie sollten die letzten Einheiten und Tage vor dem Wettkampf aussehen?

Die letzte Woche vor dem Rennen sollten Sie ruhig gestalten: Im Training laufen Sie locker und geben dem Körper Gelegenheit zur aktiven Regeneration. Denn das im Training Erarbeitete muss verarbeitet werden. Oft gehört Mut dazu, einen Gang zurückzuschalten. Aber: Sie müssen sich nun nichts mehr beweisen, die Trainingsarbeit liegt hinter Ihnen! Wenn es Sie in den Füßen kitzelt, dann machen Sie im Anschluss an die Dauerläufe drei bis fünf Steigerungsläufe über 80 m. Dabei beginnen Sie im langsamen Dauerlauftempo und steigern bis hin zur maximalen Geschwindigkeit. Auf diese Art und Weise­ können Sie sich kurzfristig so schnell Sie wollen bewegen, ohne sich wirklich zu verausgaben. Versuchen Sie in den letzten Tagen vor dem Rennen, auch im Job und in der Familie allem Stress aus dem Weg zu gehen.

Wie für den Wettkampftag gilt auch für die Tage vorher: nichts Neues ausprobieren, auf das Bewährte zurückgreifen! Das gilt für die Bekleidung wie für die Nahrungsaufnahme und alle Aktivitäten. So sollten die Schuhe samt Socken in genau dieser Kombination schon einmal bei einer schnelleren Einheit oder einem Wettkampf getragen worden sein. Auf keinen Fall neue Schuhe einweihen! Auch für Essen und Trinken gilt: keine Experimente! Das Trinken können Sie bei einem langen Lauf gut üben, wenn Sie meinen, etwas trinken zu müssen. In der Regel ist dies bei Halbmarathonläufen aber nur bei Hitze notwendig. Essen Sie stets mit einem Abstand von mindestens zwei Stunden vor den Trainingseinheiten und probieren Sie vor einer intensiven Einheit schon einmal Ihr „Wettkampf-Frühstück“ aus. Empfehlenswert sind hier leicht verdauliche Speisen wie helle Brötchen oder helle Brotsorten mit etwas Butter oder Margarine und Marmelade, dazu Tee.

Welche Startgelegenheiten gibt es?

Von März bis Juni gibt es in Deutschland viele Möglichkeiten, einen Halbmarathon in relativer Wohnortnähe zu finden. Darunter sind schöne Landschaftsläufe wie Strecken an der See, auf Inseln oder auf Deichen, an Flüssen entlang oder durch die heimischen Wälder. Wem an einer schnellen Zeit gelegen ist, der wählt einen der schnellen Stadtkurse. Viele Halbmarathons sind in die großen Marathonveranstaltungen integriert, beispielsweise in der ersten Jahreshälfte die Läufe in Bonn, Freiburg, Hamburg, Hannover, Mainz und Stuttgart. Der größte Halbmarathon Deutschlands mit über 20.000 Finishern findet in Berlin Ende März statt. Hier läuft die Spitze oft Weltklasse-Zeiten, und die Stimmung ist dementsprechend.

Gibt es einen optimalen Tagesablauf für  den Wettkampftag?

Es gibt nicht DEN Masterplan für einen richtigen Ablauf vor dem Wettkampftag. Die Erfahrung wird es mit der Zeit richten. Wir geben Ihnen folgende Tipps an die Hand:

• Durchdenken Sie den gesamten Tag! Gewöhnlich liegt die Startzeit für einen Halbmarathon am Morgen oder frühen Vormittag.

• Planen Sie Ihre Mahlzeiten! Zwei bis drei Stunden vor dem Lauf sollten Sie zuletzt eine Kleinigkeit zu sich nehmen, die den Magen nicht belastet. Achten Sie darauf, dass Sie vorher ausreichend trinken, aber nur bis spätes-tens 1,5 Stunden vor dem Lauf, mit der Ausnahme von ein paar Schlucken.

• Planen Sie Ihre Anreise! Diese sollte ohne Umwege erfolgen, um jeglichen zeitlichen Druck zu minimieren. Die Sporttasche besser schon am Abend vorher packen. Dann haben Sie sich praktisch und gedanklich schon gut auf den Lauf vorbereitet.

• Etwa eine halbe Stunde vor dem Start sollten Sie sich locker einlaufen, vielleicht sogar auf der Stecke, um diese kennenzulernen. Im Anschluss dehnen Sie sich und machen zwei, drei Steigerungsläufe.

• Vergessen Sie nicht die Startnummer!

• Finden Sie sich früh genug in Ihrem Startblock ein!

• Plaudern Sie noch mit Bekannten, um Anspannung abzubauen.

Infos zu unseren Coaches:

Susanne Hahn (36) blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Läuferin zurück. Vor ihrem Rücktritt vom Leistungssport 2014 holte sie bei 58 Deutschen Meisterschaften 33 Einzel- und 20 Mannschafts-Medaillen (Einzel: 10-mal Gold, 15-mal Silber, 8-mal Bronze; Mannschaft: 9-mal Gold, 9-mal Silber, 2-mal Bronze) und wurde Deutsche Marathonmeisterin 2008 und 2012. Ihre Marathonbestzeit liegt bei 2:28:49 h.

Frank Hahn (48) trainiert seine Frau Susanne seit 2006 und zeitweise auch andere Athleten. Er ist in Besitz der A-Trainer-Lizenz (Laufen). Frank hat 22 Marathons absolviert (Bestzeit 2:19:28 h).

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GRUNDLAGEN SCHAFFEN – LAUFZIELE ERREICHEN

Der Jahreskalender wird immer dünner, dafür ist der Wettkampfkalender für das neue Jahr prall gefüllt. Eine erfolgreiche Wettkampfteilnahme ist nicht nur das Ergebnis aus einer Menge Lauftraining. Verschiedene Trainingsformen spielen eine entscheidende Rolle.

Text: Carsten Stegner

Wer bei einem Halbmarathon oder gar einem Marathon am Start stehen möchte, muss eine ordent­liche Grundlage schaffen.­ Diese wird erst durch einen gezielten 12-Wochen-­Trainingsplan perfektioniert. So ist gewährleistet, dass das Rennen nicht zur Tortur wird und Sie auch danach wieder gerne an der Startlinie stehen werden.

Das Grundlagentraining dürfen Sie sich vorstellen wie das Fundament einer Pyramide. Ist dieses nicht breit genug, wird die Pyramide auch nicht besonders hoch. Durch die sogenannte Trainingsperiodisierung setzt man auf dieses Fundament durch gezielte Trainingsmaßnahmen nach und nach weitere Ebenen, bis zum Tag X die Spitze der Pyramide und somit Ihre absolute Leistungsfähigkeit erreicht ist. Es folgt eine Phase der Regeneration, bevor man in die nächste Trainingsperiode einsteigt.

Grundlage zu schaffen heißt nicht, endlos „leere Kilometer“ zu sammeln. Auch in dieser Phase können und sollen schon vorsichtige Reize gesetzt werden. Durch diese Anpassung (Adaptation) an Trainingsreize, wird der Körper für den nächsten Schritt vorbereitet. Statt jetzt schon knallharte Tempoeinheiten zu absolvieren, setzt man eher auf Fahrtspiele oder lockere Steigerungen im Rahmen der Dauerläufe. So wird verhindert, dass Sie zu früh in Topform kommen, welche Sie nicht bis zum entscheidenden Tag halten können.

Achten Sie in dieser Phase weniger auf die Pace, sondern vielmehr auf Ihr Körpergefühl. Angelehnt an die Zielzeiten rund um den visualisierten Trainingsplan, sollten die langen Einheiten sukzessive auf 90 Minuten ausgedehnt werden, aber 105 Minuten nicht überschreiten.

Sinnvolles Krafttraining

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um für die nötige Kraft zu sorgen. Diese konditionelle Grundeigenschaft beeinflusst die sportliche Leistungsfähigkeit, ermöglicht ein dynamischeres Laufen und schützt vor Verletzungen, indem die Muskulatur ihrer Stützfunktion besser nachkommen kann. Für ein sinnvolles Krafttraining müssen nicht massig Gewichte gestemmt werden. Wir Läufer bedienen uns hier unseres eigenen Körpers. Halteübungen, Bauch- und Rückentraining zur Verbesserung der Rumpfstabilität, Kniebeugen, Wadenheben auf Treppenstufen, Stärkung des Hüftbeugers durch Kniebeugen im Ausfallschritt sind Kraftübungen, die wir ohne zusätzliche Geräte durchführen können. Mit Sling-Trainer, Pezziball und einem Balancebrett können Sie aus Ihrem Wohnzimmer ein vollwertiges Fitnessstudio machen.

Equipment

Machen Sie sich schon in der Anfangsphase Ihrer Vorbereitung mit Ihrem Equipment vertraut.

Laufschuhe

Welcher Laufschuh soll Sie an Ihr Ziel bringen? Nutzen Sie Ihren Wettkampfschuh auch schon im Training. Laufen Sie diesen auf verschiedenen Untergründen und achten Sie auch ganz bewusst darauf, wie Ihr Gefühl in diesem Schuh ist. Insbesondere wenn Sie einen Marathon geplant haben, muss sich Ihr Fuß deutlich länger in diesem Schuh wohlfühlen als im Training. Nehmen Sie nicht den leichtesten Schuh. Denn durch die besondere Belastung im Wettkampf wird auch die Stützmuskulatur im Fuß extrem belastet. Ein etwas stabilerer Schuh wird in der Ermüdungsphase einen größeren Zweck erfüllen, als ein leichter Schuh an Gewichtsersparnis mit sich bringt.

Ober- und Unterbekleidung

Gehen Sie auch hier keine neuen Wege. Tragen Sie eine Bekleidung, die Sie schon kennen. Sie wissen selbst, in welchem Kleidungsstück Sie sich am wohlsten fühlen und ob es eventuell irgendwo zu Reibungsstellen kommen könnte. Denken Sie daran, dass Sie beim Wettkampf länger und intensiver schwitzen werden als im Training. Besonders empfindliche Hautstellen sollten Sie mit Vaseline oder einer speziellen Creme einreiben, damit diese sich nicht wund scheuern.

GPS-/Pulsuhr

Beschäftigen Sie sich schon im Training mit den Funktionen Ihrer Sportuhr und sorgen Sie für einen vollen Akku vor dem Start. Welche Einstellungsmöglichkeiten gibt es, und welche Anzeige ist für den Wettkampf am sinnvollsten? Spielen Sie nicht während des Wettkampfes an der Uhr herum. Achten Sie auf Ihr Körpergefühl und vertrauen Sie nicht alleine der Technik.

Mentaltraining

Frei nach dem Matthäusevangelium („Das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach“) hängt die erfolgreiche Wettkampfteilnahme auch von Ihrer inneren Einstellung ab.

Mit der Zielfindung haben Sie schon den ersten Beitrag in der mentalen Vorbereitung geleistet. Ihre psychische Stärke und Flexibilität ist während der gesamten Vorbereitung bis zum Überschreiten der Ziellinie von großer Bedeutung. „Gewonnen und verloren wird zwischen den Ohren!“ – auch wenn am Ende die körperliche Leistungsfähigkeit den größten Anteil am Erfolg hat, ist der Kopf oft das Zünglein an der Waage!

Stress vermeiden

Eine gewisse Aufregung vor dem Wettkampf ist wichtig. Hierdurch wird u. a. Adrenalin ausgeschüttet. Dies sorgt durch die blutzuckersteigernde Wirkung für eine höhere Leistungsbereitschaft, die Lungengefäße werden erweitert, wodurch eine bessere Sauerstoffaufnahme gegeben ist. Zu viel Aufregung raubt Ihnen wichtige Energie, die dann in der Belastungssituation des Wettkampfes fehlt. Ähnlich der Prüfungsangst droht im schlimmsten Fall ein „Blackout“ und Sie werden bewegungsunfähig. Wenn Sie regelmäßig unter großer Nervosität leiden, ist es sehr ratsam, mit Yoga, autogenem Training oder anderen Entspannungstechniken dauerhaft Abhilfe zu schaffen.

Routine gewinnen

Nehmen Sie die Möglichkeit wahr, in der Vorbereitung an unterschiedlichen Wettkämpfen teilzunehmen. Diese lassen sich auch gut in Ihr Training integrieren und sorgen für eine gewisse Routine. Abläufe gehen in Fleisch und Blut über, und Sie können sich an Ihrem großen Tag auf die wesentlichen Sachen konzentrieren.

Auch wird es Ihnen mit der Zeit leichter fallen, den inneren Schweinehund zu besiegen, weil der Flow, den Sie beim Überqueren der Ziellinie verspüren, viel größer ist als das Verlangen, der Anstrengung nachzugeben.

Routine bringt Sicherheit und verbessert Ihre kognitiven Fähigkeiten, wodurch Ihnen mehr Energie für die Erreichung Ihres Ziels zur Verfügung steht.

Spirituelle Energie

Ein anderer, aber mitunter auch guter „Energielieferant“ ist das Ritual. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge, und vielleicht haben Sie ja auch ein bestimmtes Ritual. Ein ganz bestimmtes Trikot, ein Glücksstein in Ihrer Sporttasche, die Reihenfolge wie Sie Ihre Sportschuhe schnüren etc. Nutzen Sie diese spirituelle Energie.

Informationsbeschaffung

Gewinnen Sie so viele Informationen über Ihren Wettkampf wie möglich. Vielleicht haben Sie jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, der bereits an dieser Veranstaltung teilgenommen hat. Hierbei sind natürlich sämtliche Infos rund um die Veranstaltung und vor allem zur Strecke von großer Bedeutung. Wo parkt man am besten? Gibt es besondere Steigungen, wie ist der Untergrund, wie viele Verpflegungs­stationen sind vorhanden, wo stehen diese und was wird dort angeboten?

Bringen Sie die gewonnenen Informationen auch in Ihr Training ein. Verträgt Ihr Magen die angebotenen Getränke? Sollte es einen steilen Anstieg geben, dann suchen Sie auf Ihrer Trainingsrunde einen ähnlichen Anstieg. Laufen Sie diesen in unterschiedlichen Belastungssituationen und verbinden Sie Positives (Musikstück, Natur, Wetter usw.) mit diesem Teilstück. Wie oben beschrieben, wird diese Belastung zur Routine und für Sie zum Kinderspiel.

Trainingsrückschläge wegstecken

Lief Ihre Vorbereitung nicht immer optimal? Das ist ganz normal! Ob Sie auf die ein oder andere Trainingswoche wegen Krankheit verzichten mussten, Sie so manche Geschwindigkeitsvorgabe im Training nicht schafften oder die geplante Kilometerzahl nicht erreichten, das ist völlig irrelevant! Auch ein Weltmeister musste in seiner Vorbereitung Rückschläge hinnehmen. Sie müssen nur im Kopf richtig damit umgehen! In der letzten Phase Ihrer Vorbereitung das verpasste Training nachzuholen bringt gar nichts. Im Gegenteil, es wird Sie überfordern und noch unsicherer machen. Glauben Sie an sich selbst, und seien Sie von Ihrer geleisteten Arbeit überzeugt. Ihre Trainingsunterlagen beweisen, dass Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben! Sie müssen jetzt nur noch die Ernte einholen.

Plan B

Trotz bester Vorbereitung kann es passieren, dass im Wettkampf nicht alles wie am Schnürchen läuft. Machen Sie sich schon davor Gedanken, was Sie erwarten könnte und erstellen Sie für diese eventuellen Fälle einen „Plan B“. Beziehen Sie auch das schlimmste Szenario in Ihre Überlegungen ein, nämlich, das Rennen vorzeitig zu beenden, wenn eine ernsthafte Verletzung droht. Ihr Bewusstsein hat diese Situation dann schon durchgespielt, und Sie werden trotz einer neuen Stresssituation rational handeln.

Positiv denken

Sie sind perfekt vorbereitet, jetzt, nach dem Startschuss, müssen Sie es nur noch umsetzen. Lassen Sie keine schlechten Gedanken zu, und schieben Sie nichts auf äußere Umstände wie z. B. das Wetter. Denken Sie positiv: „Bei kühlem oder gar nassem Wetter bin ich noch leistungsfähiger!“ Suchen Sie nicht nach Ausreden, wenn es gerade nicht so gut läuft, sondern überlegen Sie, wie Sie dem entgegenwirken können. Denken Sie immer daran, dass auch alle anderen Läufer „nur mit Wasser kochen“, und was der vor Ihnen kann, das können Sie auch!

Infos zu unserem Autor:

Carsten Stegner, passionierter Trail- und Ultramarathonläufer

Alter: 40

Wohnort: Nürnberg

Sportliche Erfolge: Deutscher Meister im 100-km-Straßenlauf 2015, Team-Bronzemedaille Ultratrail WM 2013)

Beruf: Polizeibeamter und Laufcoach

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