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London Marathon

NICHT IN DIE KNIE GEHEN

Vier Knochen treffen im Bereich des Knies aufeinander. Mit Knorpel, Menisken, Kapsel und Bändern entsteht ein komplexes Gelenk mit entsprechend hoher Verletzungsanfälligkeit. Läufer haben regelmäßig damit zu kämpfen.

TEXT: Dr. Stefan Graf

Eine amerikanisch-deutsche Körper- bauanalyse jamaikanischer Welt- klasse-Sprinter brachte 2014 die Erkenntnis, dass Athleten mit den symmetrischsten Kniegelenken die besten Lauf- leistungen vorweisen. Auch bei Langstrecklern kommt dieser Zusammenhang zum Tragen, denn die enormen Belastungen werden durch eine hohe Gelenksymmetrie besser verarbeitet. Das wirkt sich positiv auf die Kraftentwick- lung der Bein- und Gesäßmuskulatur aus. Die besondere Kniearchitektur ist der Schlüssel für Vortrieb und Tempomachen.

OBERSCHENKEL UND SCHIENBEIN

… bilden mit ihrem unteren bzw. oberen Kopfende das Kniegelenk. Dazu gesellt sich die dreieckige, für die Kraftübertragung vom Oberschenkelmuskel auf den Unterschenkel wichtige Kniescheibe (Patella).

Info: Die Kniescheibe ist ein sogenanntes Sesambein. Das ist ein kleiner, in eine Sehne (im Knie die Sehne des Oberschenkelmus- kels „Quadrizeps“) integrierter Knochen. Als Abstandhalter und „Umlenkrolle“ vermindert die Kniescheibe Reibungswiderstände und verlängert den Hebelarm (Kraftpotenzierung) Der vierte Knochen im Bunde – das Waden- bein – steht direkt unter dem Knie mit dem Schienbeinkopf in Verbindung, ist aber an der Kniegelenksbildung nicht beteiligt.

DIE SEHNE, DIE KEINE IST

Um die Kraft vom großen Oberschenkelmuskel über die Kniescheibe auf den Unterschenkel zu übertragen, zieht von der Kniescheibe zum Schienbein die sogenannte Patellasehne. Sie ver- bindet somit zwei Knochen. Sehnen sind aber als Muskel-Knochen-Verbindungen definiert. Streng genommen ist die Patellasehne daher gar keine Sehne, sondern ein derbes Band. Jeder kennt es vom Medizincheck. „Hämmert“ der Doc leicht auf die Patellasehne, zuckt der Unterschenkel nach vorn (Patellasehnenreflex). Tut er es nicht, stimmt etwas nicht mit der Nervenleitung.

STABILITÄT MUSS HER

Ein kräftiger Bandapparat mit Innen-, Außen-, vorderen und hinteren Kreuzbändern verleiht dem Knie Festigkeit. Das Gesamtkonstrukt wird noch von einer zweilagigen Bindege- webshülle, der Gelenkkapsel, umschlossen: Eine derbere äußere Lage verleiht Halt – eine Innenhaut produziert die für die Ernährung des Gelenkknorpels wichtige „Gelenkschmiere“ (Synovia), die wie das Motoröl im Auto für reibungsarmes „Kolbenschwingen“ sorgt. Was jetzt noch fehlt, ist ein Puffersystem, das die Aufprallkräfte beim Laufen dämpft.

MULTIFUNKTIONALE STOSSDÄMPFER
Zwei beweglich in die Gelenkhöhle eingebaute, während der Kniebeugung von vorne nach hinten gleitende Knorpelscheiben verbes- sern die Interaktion von Oberschenkel- und Schienbeinkopf: Innen- und Außenmeniskus. Ihre Funktionen:

• Vergrößerung der Kontaktflächen
• Ausgleich von Inkongruenzen
• Stoßdämpfung und Druckverteilung
• Verbesserung der Gelenkführung (Passform

von Gelenkkopf und -pfanne)

STRECKEN UND DREHEN

Die Hauptaufgabe des Kniegelenks besteht im Beugen und Strecken des Beins. Es arbeitet wie ein Scharnier. In gebeugter Position sind auch geringe Außen- und Innenrotationen möglich. Man spricht von einem Dreh-Scharniergelenk. Die beschränkte Drehbeweglichkeit ist ein sensibler Faktor. Wenngleich Laufen zu den weniger verletzungsträchtigen Sportarten zählt, gibt es eine Reihe typischer Beschwerden – was sich mitunter schon in der Namensgebung zeigt.

REIBUNG MACHT LÄUFERS KNIE ZUM LÄUFERKNIE
Als mittleres der drei großen Beingelenke – Hüfte, Knie und Sprunggelenk – hat das Knie die Hebelkräfte von Ober- und Unterschenkel zu verarbeiten. Zu den häufigsten Beschwerden zählt das „Läuferknie“, fachsprachlich Ilio- Tibiales Bandsyndrom (ITBS) genannt. Dabei reibt eine breite, stabilisierende Bindegewebs- schicht – eine sogenannte Faszienplatte – am Oberschenkelkopf. Stechende Schmerzen an der Knie-Außenseite sind die typischen Symptome.

Die beste Prophylaxe sind Kräftigungs- und Stabilisationsübungen der Rumpf- und Becken- muskulatur (Vermeidung von Hüftschiefstän- den), das Aufwärmen vor und Dehnen nach dem Training sowie ausreichende Regene- ration und gutes Schuhwerk. Die Therapie umfasst die Reduktion der Trainingsbelastung (Laufpause, gelenkschonende Bewegung), Kühlung, entzündungshemmende Schmerz- mitteleinnahme (nur ärztlich verordnet!). Auch fachgerechtes Kinesiotaping bringt oft Linderung.

Wenngleich eher aus der Fußballberichterstat- tung bekannt, hört man nicht selten auch aus Läufermündern den Satz: „Ich hab Meniskus.“ Traumatische Meniskusläsionen sind typische Verletzungen in Sportarten, die mit abrupten Drehbewegungen verbunden sind – z. B. Fuß-/ Basketball oder Skifahren. Bei Läufern sind es eher degenerative Meniskusschäden, die durch langfristige Fehl- und Überbelastung forciert werden. Das Knorpelgewebe wird spröde. Schlecht durchblutet, nur über die Gelenkschmiere ernährt, ist es kaum regenerationsfähig. In der Folge können sich Risse in verschiedener Lokalisation und Orientierung (horizontal, vertikal, radiär u. a.) bilden. Das Symptomspektrum reicht von Schmerzen im Kniegelenksspalt bis hin zur völligen Gelenk- blockade mit entzündlichem Erguss.

Der halbmondförmige Innenmeniskus ist mit dem Innenband verwachsen, dadurch unflexibler und verletzungsanfälliger als der kleinere, kreisförmige Außenmeniskus. Der innere Meniskus ist dreimal häufiger von Verletzungen betroffen als der äußere.

Die Therapie richtet sich nach Schadensart und -ausmaß (Teilabrisse) sowie nach Alter und Aktivität des Betroffenen. Leichtere Schäden werden oft mit Muskelaufbau- und Stabilisa- tionstraining, gelenkschonenden Sportarten (Radfahren, Schwimmen mit geradem Bein- schlag) und physikalischen Anwendungen behandelt. Bei operativer (minimalinvasiver) Indikation liegt der Fokus auf Meniskuserhalt-/ rekonstruktion. Die komplette Entfernung hat sich im Hinblick auf späteren Gelenkverschleiß (Arthrose) als ungünstig erwiesen.

WENN’S VORNE DRÜCKT – PATELLASPITZENSYNDROM
Druck- und Streckschmerzen unterhalb der Kniescheibe sind Symptome einer Patellaseh- nen-Reizung – Patellaspitzensyndrom genannt. Wie beschrieben ist die „Sehne“ zwischen Kniescheibe und Schienbein ein derbes Band, das beim Laufen hohen Aufprallimpulsen ausgesetzt ist. Nach Schmerzcharakteristik und Schadensausmaß werden vier Schweregrade unterschieden:

1. Post-Belastungsschmerz (nach dem Laufen) 2. Anlaufschmerz (verschwindet beim Auf- wärmen/Einlaufen) + Post-Belastungschmerz 3. Dauerschmerz

4. Ruptur (selten)
In der Akutphase ist Entlastung mit Reduk- tion des Trainingspensums (Laufpause) und sanften Bewegungsformen angezeigt. Phy- sio- und manuelle Therapie, physikalische Anwendungen und spezielle Tape-/Kinesio- tapetechniken sind oft hilfreich. Geeignete Schmerzmittel lindern Entzündungen und Schwellungen – aber bitte nur nach ärztlicher Verordnung (Nebenwirkungs- und Fehldo- sierungsgefahren)! Bei schweren Verläufen kommt auch die fachärztliche Injektion örtlicher Betäubungsmittel in Betracht. Bei Cortison ist wegen der drohenden Gewebeschädigung Vorsicht geboten.

VERSCHLEISS – NATÜRLICH UND ARTHROTISCH
Bewegung ist der wichtigste Faktor zur Erhaltung der Gelenkgesundheit. Doch auch „sportliche“ Gelenke müssen den Belastungen Tribut zollen. Das Kniegelenk ist neben Wirbelsäule und Hüfte besonders von altersbedingter Abnutzung betroffen

Eine über den normalen Verschleiß hinausge- hende Schädigung von Kniegelenksstrukturen bezeichnet man als Gonarthrose (gr. gónato = Knie, arthron = Gelenk). Betroffen sind vor allem die als Schutzpuffer die Knochen- enden überziehenden Gelenkknorpel. Sind sie verschlissen, reiben die Knochen direkt aufeinander. Das schädigt die Knochensub- stanz und bereitet höllische Schmerzen. Die genauen Ursachen (genetische Disposition?) sind noch nicht geklärt. Im Sport spielen Über- und Fehlbelastungen eine zentrale Rolle. Umgekehrt sind in nicht ausreichend

mobilisierten Gelenken, auf denen zudem (Über-)Gewicht lastet, Knorpelaufbau und Knochenstoffwechsel gestört.

BEWEGUNG UND DER RICHTIGE NÄHRSTOFFMIX
Bei weniger gravierenden arthrotischen Beschwerden, vor allem wenn noch keine irreversiblen Knorpelschäden vorliegen, lassen sich allein durch Ernährungsanpassung in Kombination mit geeigneten Bewegungspro- grammen tiefgreifende Zustandsbesserungen erreichen.
In fortgeschrittenen Arthrosestadien sind weitergehende schmerztherapeutische Maß- nahmen angezeigt (medikamentös, Aku- punktur, Physiotherapie). Für Erhalt/Schutz von Knorpel- und Knochensubstanz stehen Bewegungsschulung und die Versorgung mit gelenkprotektiven sowie die Verbannung von gelenkschädigenden Nährstoffen ganz oben auf der „To-do-Liste“. Vor Übergewicht und Alko- hol ist Rauchen der stärkste Arthrosetrigger!

FAZIT:
GUTE HALTUNG – GESUNDE KNIE Unterentwickelte Schulter-, Rumpf- und Beckenmuskeln sind die häufigste Ursache von Haltungsschäden und Fehlbelastungen, die Gelenkbeschwerden provozieren. Für Läu-

fer, die sich über lange Distanzen weitgehend gleichförmig bewegen, ist regelmäßiges Athletik- training (Stabilisation, Muskelaufbau) wichtig. Dazu bedarf es keiner blinkenden „Eisen“. Das eigene Körpergewicht ist die beste „Hantel“ – ein muskulöser „Body“ der beste Protektor!

Ihr Experte:

DR. STEFAN GRAF

Alter: 54
Wohnort: Berlin Sportliche Erfolge: Deut- scher Fußball-Vizemeister im Hochschulsport, passionierter Läufer Beruf: Molekularbiologe, Dipl. Fachzeitschriften- Redakteur