Tag : Anne-Marie Flammersfeld

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Allez les Bleus

Bei den IAU Trail World Championships in Annecy wurde das Heimspiel für die Franzosen zu Festspielen: Bei allen vier Siegerehrungen wurde am Ende die „Marseillaise“ gespielt. Das deutsche Team, für das auch aktiv Laufen-Expertin Anne-Marie Flammersfeld an den Start ging, musste im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn mit leerem Magen nach Hause gehen. Ein Erlebnisbericht.

Text: Daniel Becker

Es ist kurz nach 18:00 Uhr in Annecy, der Perle der französischen Alpenstädte. Anne-Marie Flammersfeld hat Hunger. Den gesamten Tag ist die erfolgreichste deutsche Extremsportlerin gelaufen, gestartet wurde in der Nacht. Genau elf Stunden, 21 Minuten und drei Sekunden. 85 Kilometer, rund um den Lac d’Annecy, den traumhaft gelegenen See, um den herum das Leben in der Hauptstadt des Départements Haute-Savoie in der Region Rhône-Alpes organisiert ist. Dabei musste sie, wie die anderen 285 Athletinnen und Athleten, die bei der Trail-WM um Titel, Medaillen und Platzierungen gekämpft haben, 5.300 Höhenmeter bewältigen. Verständlich, dass danach der Magen knurrt.

Für 20 Uhr hat der Veranstalter ein großes Buffet für alle Teilnehmer und Betreuer im größten Zelt des Athletendorfes angekündigt. Mit der Griechin Spyridon Xenitidis wird nur wenige Minuten vorher auch die letzte WM-Teilnehmerin das Ziel an der Seepromenade erreicht haben. Weit hat sie es danach zum Glück nicht. Das Zelt liegt direkt gegenüber der Zielgeraden.

Im Schatten der Großen

Für das deutsche Team haben sich zusammen mit Anne-Marie Flammersfeld fünf weitere Frauen (Pamela Veith, Simone Philipp, Anja Karau, Julia Fatton und Ildiko Wermescher) sowie sechs Männer (Rudi Döhnert, Marcus Biehl, Martin Schedler, Matthias Dippacher, Anton Philipp und Florian Reichert) auf den Weg zur Trail-WM nach Annecy gemacht. Zur Unterstützung ist auch ein kleiner Stab an Betreuern und Helfern mit angereist. Alle deutschen Athleten sind mittlerweile im Ziel angekommen. Die gesamte Gruppe sitzt im Athletendorf unter einem der großen, schattenspendenden Bäume zusammen. Manche dösen ein wenig, andere pflegen ihre Wunden, der Rest lässt das Rennen gemeinsam Revue passieren. Schon den ganzen Tag lang haben sich über den Gipfeln der Alpenriesen nur kleine Schleierwolken blicken lassen.

Im Tal war es angenehm warm, oben in den Bergen, auf streckenweise über 1.500 Metern, nicht zu kalt – zumindest nach Tagesanbruch. Traumhafte Laufbedingungen also. Auch jetzt, kurz vor Beginn der Dämmerung, zeigt das Thermometer noch 24 Grad an. Weil das Athletendorf aber nicht genügend Plätze zur Abkühlung bietet, haben sich viele Läufer rund um den gesamten Zielbereich ihren Ruheplatz gesucht. So mancher hat auch schon ein kühles Bad im Lac d’Annecy hinter sich. In dem See, um den sich für die Athleten in den Stunden zuvor im wahrsten Sinne des Wortes alles gedreht hat. „So langsam würde ich aber wirklich gerne mal was essen“, sagt Anne-Marie Flammersfeld und blickt neugierig in Richtung Zelt. Es ist kurz vor 19:00 Uhr.

Grande Nation

Sechzehn Stunden zuvor, um 3:30 Uhr nachts, war der Startschuss für die IAU Trail World Championships, so der offizielle Titel des Rennens, gefallen. Vier Wertungen wurden ausgetragen. Neben den Einzelwertungen wurde für Männer und Frauen zusätzlich eine Teamwertung ausgetragen. Die Zeiten der schnellsten drei Athletinnen und Athleten wurden dabei jeweils addiert. Bei den Frauen liefen die drei besten deutschen Starterinnen unter die Top 35.

Am erfolgreichsten war mit Platz 18 Ildiko Wermescher (11:17:17 Stunden). Anne-Marie Flammersfeld, den Lesern dieser Zeitschrift als „Wüstenkönigin“ und aktiv Laufen-Expertin bekannt, kam knapp dahinter auf Platz 21 ins Ziel (11:21:03 Stunden). Als drittbeste Deutsche schaffte Simone Philipp Rang 35 (11:49:01 Stunden). Das reichte für die Frauen hinter Frankreich, Spanien und Italien am Ende für einen starken vierten Platz in der Mannschaftswertung: „Mit der Einzel-Platzierung bin ich absolut zufrieden, vor allem wenn man bedenkt, dass das ein Weltmeisterschaftsrennen war und so viele Topläuferinnen am Start waren“, erzählt Flammersfeld nach dem Rennen.

Ein kleiner Wermutstropfen: Mit etwa zwölf Minuten hatte das deutsche Team keinen allzu großen Rückstand auf den Bronzerang, den die Frauen aus Italien belegten.: „Auf jeden Fall hätten wir in der Teamwertung gerne eine Medaille gewonnen. Der vierte Platz ist trotzdem absolut in Ordnung, aber eine Medaille wäre einfach das i-Tüpfelchen gewesen“, so Flammersfeld. Die Männer- mannschaft musste sich am Ende mit dem siebten Rang zufriedengeben. Schnellster deutscher Läufer war Matthias Dippacher auf Rang 26 (09:35:26 Stunden). Die Zeiten von Rudi Dohnert (Rang 38, 09:51:27 Stunden) und Marcus Biehl (Rang 42, 10:01:01 Stunden) gingen ebenfalls in die Mannschaftswertung ein. Auch hier gewann Frankreich. Auf den Plätzen zwei und drei folgten die Mannschaften aus den USA und Großbritannien.

Technische Störung

Der schnellste Deutsche, Matthias Dippacher, scheint nach dem Rennen von allen Läufern im Team am entspanntesten zu sein. Im ersten Gespräch mit ihm streikte das Tonbandgerät nach wenigen Sekunden. Das fiel jedoch leider erst am Ende auf. Für Dippacher kein Problem. Er lässt sich auf seinem Stuhl ganz weit nach unten rutschen und zieht sein Fazit ein zweites Mal: „Nach dem Rennverlauf bin ich mit meiner Platzierung sehr zufrieden. Nachdem ich bei der ersten Verpflegung noch irgendwo zwischen Rang 60 und 80 lag, bin ich sehr happy, dass ich noch nach vorne laufen konnte.“

Wie im Team, so führte auch in der Einzelwertung an den heimstarken französischen Athleten kein Weg vorbei. Und das, obwohl sich in Annecy die gesamte Weltelite versammelt hatte. Im Rennen der Männer hatte sich im Vorfeld alles auf den spanischen Topfavoriten Luis Alberto Hernando konzentriert, der als absoluter Star der Szene gilt. Am Ende entwickelte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und dem Franzosen Sylvain Court.

Den letzten Aufstieg hinauf zum Mont Baron hatten beide noch Seite an Seite bestritten, bergab zahlte sich dann die Ortskenntnis des Franzosen aus, der gemeinsam mit seinem gesamten Team im Vorfeld der WM die komplette Strecke in Etappen abgelaufen war. Court konnte Hernando abhängen und am Ende seinen Vorsprung bis ins Ziel sogar auf 3:28 Minuten ausbauen. Auf Rang drei lief mit Patrick Bringer ebenfalls ein Franzose. Bei den Frauen konnten die vielen Zuschauer sogar einen französischen Doppelsieg bejubeln: Nathalie Mauclair konnte ihren WM-Titel aus Wales erfolgreich verteidigen, auf Platz zwei kam ihre Landsfrau Caroline Chaverot vor der Spanierin Maite Mayora ins Ziel.

Abgekämpft und glücklich

Mittlerweile ist es kurz vor 20 Uhr. Die Vorbereitungen für das sehnsüchtig erwartete Festmahl laufen noch auf Hochtouren, die letzten Caterer eilen mit noch zugedeckten Tabletts in das Zelt hinein. Bei der deutschen Mannschaft ist trotz der zurückliegenden Anstrengungen und des immer größer werdenden Hungers die Stimmung hervorragend. Irgendwie scheint alles in Ordnung zu sein, wenn man nach 85 Kilometern gemeinsam über das Erlebte sinnieren kann. Der gute Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, aus der sich vor dem WM-Projekt einige Sportler untereinander noch gar nicht kannten, ist auffällig. „Wir sind als Team hier angetreten, und schon im Vorfeld haben alle harmonisch und sehr angenehm miteinander agiert“, erzählt Jens Lukas, DLV Teammanager Ultratrail. Natürlich hätte auch Lukas zumindest eines seiner Teams gerne auf dem Podium gesehen. Dennoch ist er zufrieden – vor allem mit dem Ergebnis der Frauenmannschaft.

Denn in Deutschland herrschen im Hinblick auf Ultratrail nicht gerade optimale Bedingungen: „Außer im direkten Alpenraum sind in Deutschland einfach nicht die Trail-Möglichkeiten gegeben wie zum Beispiel in den USA oder in Spanien, Portugal, Italien und Frankreich. Das sind im Ultratrail einfach die Nationen schlechthin. Wir haben uns mit den Läuferinnen aus diesen Nationen fast im Schulterschluss bewegt und können daher auch zufrieden sein“, erklärt er.

Wer derweil im Athletendorf hinter die Streckenabsperrungen in Richtung See blickt, sieht noch immer in regelmäßigen Abständen Hobbyläufer auf ihren finalen Metern vor dem Zieleinlauf. Manche quälen sich mit den letzten Kraftreserven über die Linie, andere können noch jubeln und feiern ihre Ankunft mit den zahlreichen Zuschauern am Rand. Bis 24 Uhr wird das noch so weitergehen. Der Grund: Neben der Trail-WM, die zum ersten Mal in Annecy ausgetragen wurde, fand wie jedes Jahr an gleicher Stelle auch wieder das „Tecnica MaXi Race“ statt. Heute Morgen machten sich, anderthalb Stunden nach dem Start des IAU-Rennens, auch 2.000 Hobby-Läufer auf den Weg – über die gleiche Strecke, die auch die WM-Teilnehmer bewältigen mussten. Jetzt begrüßt ein unermüdlicher Ansager über Mikrofon jeden Zielankömmling so ausführlich, als würde er ihn persönlich kennen. Seine Stimme hallt durch das ganze Athletendorf und streitet mit der Musik, die gleichzeitig aus den Boxen strömt, um Aufmerksamkeit.

Wer bis Mitternacht die Ziellinie nicht überquert hat, ist kein Finisher. Bei den jetzt noch einlaufenden Hobby-Athleten spielt die Zeit aber schon längst keine Rolle mehr. Der Weg war das Ziel. Und den Läufern ist in ihren Gesichtern anzusehen, dass dieser Spruch keine abgedroschene Läuferphrase ist. In ihnen zeigt sich diese besondere Mischung aus Erschöpfung und Glück, die sich nur nach ultimativer Verausgabung einstellt. Der Ausdruck in den Gesichtern steht für ein verbindendes Gefühl, etwas, das ambitionierte WM-Teilnehmer und Hobbyläufer miteinander verbindet. An diesem Abend haben die Freizeitathleten sogar noch einen großen Vorteil. Sie organisieren ihr Abendessen selbst. Im Athletendorf gibt es anstelle des erhofften Riesenbuffets für die Athleten schlicht eine Auswahl kleiner Finger-Food-Häppchen. Keine Medaille für das Essen. Der Magen knurrt noch eine Weile. Annecy, Perle der französischen Alpenstädte. Kurz nach 20 Uhr.

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„Laufen macht mir halt wahnsinnig viel Spaß“

Die Desert Queen Anne-Marie Flammersfeld will nicht nur in der Wüste laufen. Momentan ist sie verstärkt im alpinen Raum unterwegs. Ein Gespräch über mentale Stärke und den Wunsch, neue Grenzen auszutesten.

Interview: Ralf Kerkeling

Frau Flammersfeld, Sie haben eine neue, besondere Leidenschaft. Vom tiefsten Punkt eines Landes auf den höchsten zu laufen. Wie kommt man auf solch eine Idee?

Anne-Marie Flammersfeld:  Ich saß mit einem Freund in einem Skilift, und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm vom tiefsten Punkt zum höchsten Punkt der Schweiz mit dem Mountainbike zu fahren. Ich fand das direkt gut, aber da ich ja Läuferin bin, wollte ich das Ganze auch laufend absolvieren. Ich habe mir also Kartenmaterial besorgt, um das logistisch zu planen, und bin dann in Ascona losgelaufen. Insgesamt waren das 220 Kilometer und 9.500 Höhenmeter im Aufstieg. Es hat fünf Tage gedauert, bis ich oben auf der Dufourspitze  (4.634 Meter) gestanden habe.

Aber das ging ja nicht nur laufend vorwärts …

Im oberen Teilstück musste ich klettern. Das war dann eine gute Mischung zwischen Trailrunning und Bergsteigen. Ab Zermatt bin ich in die Bergsteigerstiefel umgestiegen und ab dort mit Seil und Eispickel weitergelaufen. Das macht natürlich auch total viel Spaß, solche Kombinationen. Nachdem der erste Lauf so gelungen war, haben wir uns überlegt, dass wir dieses Projekt weiter fortführen wollen. Auf jedem Kontinent wollen wir in den nächsten Jahren in dem bewährten Bottom-Up-Stil die jeweils sieben höchsten Vulkane besteigen. Letztes Jahr waren wir im Iran und sind dort auf den Mount Damavand (5.600 Meter). Das ist der höchste Vulkan Asiens. Dieses Jahr ist der Kilimandscharo in Tansania dran. Wir werden nördlich von Daressalam starten und fahren zunächst mit dem Bike, das sind rund 400 Kilometer, und dann wollen wir in vier Tagen auf dem Kilimandscharo (5.885 Meter) sein. Nach diesem Projekt starte ich nochmals, um vom Eingangstor des Nationalparks am Kilimandscharo nonstop auf den Gipfel zu rennen.

Sie kommen ursprünglich aus dem Handballsport und haben zeitweise in der dritten Bundesliga gespielt. War Laufen zu dieser Zeit eine rein konditionelle Maßnahme, oder sind Sie auch damals schon gerne lange Strecken gelaufen?

Laufen diente damals mehr zur Auffrischung der Kondition. Zum richtigen Laufen bin ich eigentlich erst durch den Umzug in die Berge gekommen. Dadurch, dass es keine Handballvereine hier vor Ort gibt, bin ich halt die Berge rauf- und runtergelaufen oder gewandert. Bei den Wanderungen waren mir die Abstiege irgendwann zu langweilig. Also bin ich mit Wanderschuhen die Berge runtergelaufen und hab die dicken Schuhe schließlich ganz zu Hause gelassen. Ab dann bin ich nur noch mit Sportschuhen los. Ich habe versucht, möglichst schnell die Berge rauf- und runterzulaufen, ziemlich schnell gemerkt, dass ich gut zurechtkomme, und schließlich erste Wettkämpfe probiert. Bei einem 20-Meilen-Rennen im Rahmen des Graubünden-Marathons bin ich dann direkt Dritte geworden.

Sie sind also ein Naturtalent …

(lacht) Ja, irgendwie steckt da wohl etwas in mir drin, was ich jetzt relativ spät für mich entdeckt habe. Mit dem Laufen habe ich ja erst Ende zwanzig begonnen. Es macht mir halt wahnsinnig viel Spaß.

Marathon und ein bisschen den Berg rauf- und runterlaufen ist ja eine Sache. Aber über 200 Kilometer durch Sand- und Eiswüsten laufen ist etwas anderes. Wann haben Sie erkannt, dass Ultralaufen etwas für Sie sein könnte?

Ich bin da eher zufällig reingeraten. Auf einer Reise irgendwo am Ende der Welt in Patagonien habe ich jemanden kennengelernt, der im Anschluss an diese Reise an einem Wüstenrennen in der Antarktis teilnehmen wollte. In dem Moment, wo er mir davon erzählte, war ich so begeistert und fasziniert davon, was es alles für Wettkämpfe gibt, dass ich das auch erleben wollte. Schnell ist dann auch die Idee entstanden, bei den Desert Races vier Wüsten in einem Jahr zu laufen. Beim Training für diese Läufe habe ich dann immer mehr gemerkt, dass ich fähig bin, längere Distanzen zu laufen, und dass mir das in der Regenerationsphase immer weniger ausmacht, meine Muskeln stärker werden und ich fitter werde. Dabei fand ich es total faszinierend zu erleben, dass das, was ich als Sportwissenschaftlerin gelernt habe, sich auch in die Praxis umsetzen lässt. Den Trainingsumfang habe ich in weniger als einem Jahr auf rund 150 Wochenkilometer hochgeschraubt.

Und das hat als Vorbereitung für die Wüste ausgereicht?

Ich bin eigentlich als Rookie in die Atacama-Wüste zu meinem ersten Wüstenlauf, ohne genau zu wissen, was mich da letztlich erwartet. Dennoch bin ich vom ersten Tag weg mein Tempo gelaufen und kam an jedem Etappentag als Erste des Frauenklassements über die Ziellinie. Selbst auf der langen Etappe (80 km) war ich immer die Führende. Da war ich dann doch sehr überrascht, dass ich in der Lage war, diese Leis­tung so konstant zu bringen. Selbst als ich vier oder fünf Tage hintereinander so lange Distanzen gelaufen bin, konnte ich am sechsten Tag immer noch Bestleistungen abrufen.

Bei den langen Distanzen kommt es nicht nur auf das physische Training an. Wie schätzen Sie die mentale Stärke ein, die nötig ist, um neben der langen Strecke auch, wie in Ihrem Fall, mit Hitze oder Kälte umzugehen?

Ich würde sagen, dass ich zunächst einmal eine sehr ehrgeizige Person bin. Ich kann, wenn ich ein Ziel verfolge, an dem ich Spaß habe, sehr fokussiert und mit großer Leidenschaft daran arbeiten. Das lässt mich auch Dinge ertragen, bei denen andere vielleicht schon aufgeben würden. Ich gehe dann immer noch weiter. Die Befriedigung, z. B. oben auf einem Gipfel in 2.000 Meter Höhe zu stehen, zieht mich da irgendwie hoch. Das ist sicherlich ein Talent. Dennoch habe ich auch mal mit einer Mentaltrainerin gearbeitet, weil ich merkte, das physische Training läuft gut, und Pläne kann ich mir selber schreiben.

Aber im Kopf war es so, dass ich, wenn ich auf meine langen Läufe ging, teilweise völlig frustriert gelaufen bin und das Gefühl hatte, vor mir selber wegzulaufen. Nicht vor einem Problem, wie man das so gerne reininterpretiert, sondern mein Kopf war schon um die nächste Ecke rum, obwohl ich da noch gar nicht mit meinem Körper angekommen war. An der Stelle hat die Mentaltrainerin dann geholfen.

Gibt es denn Bilder und Situationen, die Sie sich in Momenten der Krise in den Kopf rufen können?

Ja, das ist das, was wir dann in der sogenannten Sporthypnose trainiert haben. Ich musste mir verschiedene Situationen bildhaft vorstellen und sollte dann ein entsprechendes Gegenbild kreieren, eines, das sich angenehm für mich anfühlt. Ich hatte z. B. keine Vorstellung davon, wie es ist, in der Wärme zu laufen. Folglich habe ich ein Bild kreiert, das der Hitze entgegenwirken kann, einen eiskalten Schneesturm. Dieses Bild habe ich dann abgespeichert und kann mir das jederzeit hervorholen, wenn ich es ­brauche. Da ist der Kopf dann der entscheidende Motor. Ob ich jetzt einen Kilometer laufe, zwanzig oder hundert Kilometer, der Kopf muss dafür parat sein.

Also entscheidet der Kopf über den Renn­verlauf?

Ich würde sagen, mehr als 70 Prozent meiner Rennen werden im Kopf entschieden. Immer vorausgesetzt, die körperlichen Grundlagen sind optimal trainiert worden. Ich finde es nach wie vor spannend, dass man sich mit seinen eigenen Gedanken sehr stark ins Positive reden kann, aber auch genau das Gegenteil passieren kann. Gerade dann, gegen Ende der Rennen, wenn die physische Kraft nachlässt, ist es immer wieder erstaunlich, was man mit positiver Energie noch schaffen kann, um noch einmal alles aus sich herauszuholen. Wichtig ist zu wissen: Die Krisen kommen, aber sie gehen auch wieder. Das sind natürlich Erfahrungswerte, die ich im Laufe der Zeit sammeln konnte und die mir immer wieder in schwierigen Situationen helfen.

Fallen Sie nach den Rennen auch schon mal in ein mentales Loch?

Nachdem ich die Ziellinie überlaufen habe, bin ich zunächst sehr glücklich, alles fällt von mir ab, die ganzen Strapazen sind mehr oder weniger weit weg. In der Zeit danach muss ich mich fast schon zwingen, mich gesund zu ernähren, viel zu trinken und auf mein Regenerationsprogramm zu achten. Dazu gehören auch gute Eiweiße. Ansonsten geht das auch schon mal nach hinten los. Ich kann mich manchmal ein bis zwei Wochen nicht mehr richtig bewegen, und die Muskeln leiden ziemlich. Gute Ernährung hilft dabei, die Regeneration zu fördern. Was im Kopf dann passiert, ist immer wieder spannend.

Der Körper muss sich von den Strapazen auch mental erholen. Mal laufe ich die folgenden Wochen durch meinen Alltag und finde gar keine Ruhe, wie ein Huhn ohne Kopf. Dann kann ich mich auch nicht einfach aufs Sofa setzen und mal runterkommen. Manchmal ist es aber auch so, dass ich einfach nur liegen will, schlafen möchte und gar keinen um mich herum ertragen kann. Oder ich verfalle in so eine Art Post-Blues, wo mir alles negativ erscheint, da bin dann fast schon depressiv. Der Zustand hält dann so fünf bis sieben Tage. Dann merke ich, wie sich mein Körper und Geist so nach und nach erholt haben. Alles geht plötzlich ganz normal, der Rhythmus kommt zurück. Leider kann ich nie voraussehen, was genau passiert.

Die Zielankunft bei den Desert Runs und anderen Ultras ist anders als bei anderen Sportarten. Keine jubelnden Massen wie z. B. bei den Stadtmarathons oder gar anderen Sportarten. Wie sind da Ihre Erfahrungen und Empfindungen?

Letzten Endes ist mir das egal, weil ich das ja für mich mache. Ich will damit keinen Applaus von außen bekommen, sondern ich möchte mit mir selber zufrieden sein. Es geht ja nur um den inneren Kampf gegen mich selber. Was bringt es mir, wenn am Rand Tausende Leute stehen und mir zujubeln? Meine Leistung ändert sich ja dadurch nicht. Natürlich ist es trotzdem schön, wenn ich eine Anerkennung von außen bekomme. Aber ich habe gelernt, mir diese selber zu geben, indem ich mir z. B. sage: „Du hast gut gekämpft, weiter so!“ Klar fließen wahnsinnige Emotionen, wenn ich, wie beim Zugspitzlauf, umjubelt ins Ziel einlaufe. Aber das ist nicht der Grund, warum ich das mache.

Für Ihren Sport trainieren Sie oft alleine, und zumindest bei den Wüstenläufen sind Sie größtenteils auf sich allein gestellt. Macht Extremlaufen eigentlich manchmal einsam?

(überlegt) Nein, würde ich nicht sagen. Ich bin ja die ganze Zeit mit mir selber zusammen, ich bin ja nicht einsam. Ich bin zwar einsam, aber nicht alleine. Und ich kann, wenn ich clever bin, mental gut arbeiten, mir wahnsinnig viele Bilder vorstellen, z. B. dass ich mit anderen Leuten zusammen laufe. Man muss natürlich in der Lage sein, sich solche Bilder vorstellen zu können. Bei mir funktioniert das.

Thema Zeitmanagement: Sie sind selbstständig und beruflich sehr eingespannt. Wie teilen Sie sich die Zeit fürs Training ein? Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihren Tagesablauf.

Bei mir ist das eigentlich ganz clever gewählt. Ich bin ja Personal Trainerin. Das heißt, mein Beruf ist meine eigene Fitness. Wenn ich also mit meinen Kunden unterwegs bin, mache ich natürlich Sport, das sind so drei bis sechs Stunden pro Tag. Ich laufe mit den Leuten, mache Krafttraining oder gehe in die Berge. Das ist für mich letztlich gutes Training, bei dem ich meine eigene Fitness und Grundlagenausdauer noch einmal steigern kann. Die Fettverbrennungsrate ist bei den Läufen dann ganz niedrig, schließlich laufen die Kunden ja auch langsamer. Das kommt mir entgegen, da ich bei meinen privaten Läufen häufig viel zu schnell unterwegs bin, zumindest wenn ich Grundlagen trainieren will.

Neben dem Sport haben Sie in den letzten Jahren auch die Arbeit für die Paulchen Esperanza Stiftung intensiviert. Was genau leistet die Stiftung, und wie sieht Ihre Arbeit dafür aus?

Auf meinen Wettkämpfen habe ich immer das Maskottchen der Stiftung, einen Eisbär, mit dabei, worauf ich oft angesprochen werde. Als Botschafterin starte ich hin und wieder Spendenaufrufe, wenn ich an speziellen Wettkämpfen teilnehme oder meine Bottom-Up-Projekte durchführe.

Was haben Sie sich für 2015 vorgenommen? Welche sportlichen Ziele haben Sie, geht es wieder zurück in die Wüste?

Sollte das erste Vorhaben in Tansania gut verlaufen, werde ich danach versuchen, im Speedrun den bestehenden Rekord der Engländerin Becky Shuttleworth am Kilimand­scharo (11 h, 34 min nur rauf) zu unterbieten. Frauen müssen für den Rekord normalerweise nur rauflaufen. Ich werde versuchen, in der gleichen Zeit rauf- und runterzulaufen. Zudem werde ich eine Premiere feiern: Mit meinem UVU-Racing-Teamkollegen Tim Wortmann nehme ich das erste Mal am Transalpine Run teil. Zudem starte ich beim Ultra Trail Morocco Eco Sahara (UTMS).

Infos zur Person:

Anne-Marie Flammersfeld (36) ist Sportwissenschaftlerin  und Inhaberin der Firma „all mountain fitness“ – Personal Training in St. Moritz. (www.allmountainfitness.ch)

Foto: Craft

Laufen auf Schnee – eiskalt, aber wunderschön

Laufen auf frisch verschneiten Wegen und Wiesen macht großen Spaß und bringt den Körper so richtig auf Hochtouren. Es ist ein anspruchsvolles Training und fordert den Organismus mit jedem Schritt heraus.

Text: Anne-Marie Flammersfeld

Der unebene Untergrund führt nicht selten zu einer ungewollten Rutschpartie. Laufen auf Schnee belastet die Muskulatur deutlich mehr und erinnert an Laufen auf Sand am Meer. Der Untergrund kann sich bei jedem Schritt anders anfühlen, was dazu führt, dass gerade die Muskeln in Füßen und Unterschenkeln Schwerst­arbeit leisten müssen. Je nachdem, ob der Schnee gerade frisch gefallen ist oder ob sich schon ein festgetretener Weg gebildet hat: Das Laufen erfordert jetzt eine erhöhte Reaktions- und Koordinationsfähigkeit, um nicht zu stürzen. Mit Schnee und Eis fällt auch die Temperatur in den kühlen Bereich, und der Körper fühlt sich auf den ersten Metern oft sehr ungelenkig und steif an. Doch wer sich dieser eiskalten Herausforderung stellt, kann ein Training mit wirkungsvollem Workout-Effekt erleben.

Welche Schuhe für welchen Schnee?

Für alle, die im Winter viel mit Eisplatten und festgetrampelten Schnee zu kämpfen haben, sind Schuhe mit Spikes der Retter schlechthin. Wer nur hin und wieder diese gefährlichen Stellen zu meistern hat, kann auch „Schneeketten“ montieren (zum Beispiel von Yaktrax). Für matschigen Schnee eignen sich Schuhe mit gutem Profil (Trailschuhe oder neuwertige Straßenschuhe) und Schuhe mit einer Gore-Tex-Membran, wobei die auch nur so lange wirkt, bis der Schnee nicht von oben reinkommt. Wer schnell kalte Füße hat, sollte auf Socken mit Merinowolle achten, die auch den Knöchel bedecken.

Durch den holprigen Untergrund kann der Laufstil etwas angepasst werden: bei Neuschnee das Bein in der Hüfte höher ziehen und durch den Schnee „springen“, was an einen Kniehublauf erinnert. Bei festem, alten Schnee mehr über den Mittelfuß laufen, um eine schnellere Reaktionszeit zu gewährleisten, so dass ein Wegknicken oder Ausrutschen besser abgefangen werden kann. Wenn es ins Gelände gehen soll, unterstützen höhenverstellbare Stöcke aus leichtem Karbon mit großem Teller das Laufen. Zusätzlich können Gamaschen um die Knöchel geschnürt werden, so dass die Füße vor dem Schnee geschützt sind und nicht so schnell auskühlen.

Die Kleidung sollte sich am Zwiebelprinzip orientieren, angefangen mit dünnen Schichten, die angenehm auf der Haut liegen, gefolgt von einem Faserpelz oder Fleecegemisch bis hin zum Windstopper oder Primaloft. Die richtige Kopfbedeckung hält die Wärme im Körper, und Handschuhe lassen die Finger nicht gefrieren. Hier gilt das Motto: Probieren geht über Studieren und lieber nicht zu warm anziehen, da man sonst stärker schwitzt.

Laufanfängern ist beim Training im Schnee eher zur Vorsicht geraten, um Muskulatur und Sehnen (gerade die Achillessehne) nicht zu überfordern. Es empfiehlt sich ein einfaches Intervalltraining mit gleichmäßigen und kurzen Wechseln zwischen Walken und Jogging (zum Beispiel 10 x 1 Minute Walking/1 Minute Jogging). Wer im Sommer nicht immer nur auf Asphalt läuft, sondern ab und zu im Wald über Stock und Stein springt, kann sich so spielerisch auf den wechselnden Untergrund im Winter vorbereiten.

Um sich vor der kalten Luft zu schützen, kann ein Halstuch vor Mund und Nase getragen werden. Die Luft prallt somit nicht ungeschützt auf die oberen Luftwege. Ein Stoß Meerwassernasenspray vor dem Training befeuchtet die Nase und schützt vor dem Austrocknen. Wer eher zu einer laufenden Nase neigt, kann mit Vaseline oder einer ähnlichen Creme die Nase vor „Frostschäden“ präventiv versorgen. Diese Creme kann auch auf Wangen und Kinn aufgetragen werden, sollten die Temperaturen einmal tiefer als gewöhnlich sinken (-5 bis -10 °C).
Allgemein gilt, niemals zu verzweifeln, wenn es nicht so schnell vorwärts geht wie gewohnt und wenn man das Gefühl hat, nicht vom Fleck zu kommen. Das Training im Schnee ist ein Ganzkörperworkout mit großem Spaßfaktor. Und die Freude auf einen heißen Tee oder warme Schokolade nach dem Training steigt mit jeder Schneeflocke.

Anne-Marie Flammersfeld

Alter: 37
Wohnort: St. Moritz (Schweiz)
Sportliche Erfolge: Weltrekord im Speedrun Uphill am Kilimandscharo, 2012 Siegerin „Grand Slam“ von Racing The Planet, vier Wüsten à 250 km, 5. Platz Transalpine Run (8 Etappen, 260 km, 16.000 V+) u. a.
Abenteuer: Bottom Up Iran: 6.000 hm, 180 km in 5 Tagen Beruf: Ultraläuferin, alpiner Bergsport (Klettern, Eisklettern, Skitouren, Freeriding, MTB), Abenteurerin und Vortragsrednerin
Anne-Marie Flammerfeld unterstützt die „Paulchen Esperanza Stiftung“

www.allmountainfitness.ch