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Fotos: Robert Wimmer

Auf den Spuren Hannibals

Von Turin bis zur Hafenfestung in Taranto in rund 2 Wochen. Robert Wimmer nimmt uns mit auf die 1120 Kilometer lange Strecke auf den Spuren Hannibals.

Nein, nein! Ich bin nicht verrückt. Auf keinen Fall. Im Gegenteil. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Ich überlege nicht ewig, sondern plane mein Ziele und setze sie um. Ganz einfach. Ich bin unterwegs durch Italien. Zusammen mit meinem „Benpacker“. Ein zweirädriger Anhänger, in den ich beim Start in Turin an der Kathedrale San Giovanni Battista rund 25 Kilo Gepäck lade und den ich Mitte Juli elf Tage lang mittels Hüftgurt hinter mir herziehe. Dafür opfere ich meinen Sommerurlaub gerne. Knapp 33 Kilo wog der Benpacker dann ingesamt inklusive wasserdichter Tasche und Inhalt. Mein Ziel ist es immer möglichst autark unterwegs zu sein. Deshalb habe einen großen Teil meines Nahrungsbedarfs für elf Tage im Ziehwagen dabei gehabt: 30 große Haferriegel und 8 Tüten Trekkingnahrung. Dazu vier Liter Wasser. Zusätzlich habe ich ein kleines Biwakzelt, ein paar Laufklamotten und allerhand Nützliches, um zum Beispiel große Blasen am Fuß aufzustechen und zu behandeln dabei. Blasen hatte ich viele. Stört mich aber nicht weiter. Dass ich meine Laufschuhe schon am zweiten Tag vorn aufgeschnitten habe, ist auch so ein alter Trick. Die Schule der Ultraläufer.

Von nichts kommt nichts

Rüdiger Nehberg, der bekannte Überlebenskünstler, hat mich zu solchen autarken Touren inspiriert. Nehberg hat Länder wie Deutschland oder den Urwald im Amazonasdelta auf ähnliche Art und Weise selbst vor vielen Jahren durchquert, sich dabei 100% selbst versorgt. Joey Kelly hat das 2010 auch gemacht, das ist aber nicht mein Ding, dabei bin ich abenteuermäßig eher untalentiert. Keine Ahnung, wie man einen toten Igel grillt. Deswegen habe ich Sportlerriegel und Trekkingnahrung in Aluminiumtüte eingekauft. Ich absolvierte im Vorfeld einige Langstreckeneinheiten mit dem Ziehwagen, dazu täglich Läufe jeweils vor und nach der Arbeit, was zusammen bis zu 250 Wochenkilometer ergab. Dafür stand ich morgens teils schon um fünf Uhr auf. Für ein großes Vorhaben muss man eben auch mal andere Dinge, Hobbies und auch das Zusammensein mit der Familie für einige Wochen einschränken. Von nichts kommt nichts, sagte schon mein Vater. Er hatte schließlich selbst drei Weltbestleistungen im Ultralauf aufgestellt. Ohne meinen Vater wäre ich sowieso nie zum Laufen gekommen. Ich war damals 23 Jahre jung und er sagte zu mir: „Mensch Bub, schau’ mal in den Spiegel, was Du schon für eine Wampe hast! Das ist ja nicht mehr schön“. Als ich den endlosen monotonen Radweg Richtung Trient entlang lief, kamen mir plötzlich die Gedanken an meinen Papa in den Kopf geschossen, der 2009 von uns gegangen ist. Ich musste während des Laufens meine Tränen unterdrücken aus Traurigkeit und Dankbarkeit an ihn zugleich.

Die Fortsetzung eines Abenteuers

Zur Vorgeschichte: Hannibal war der legendäre Feldherr aus Karthago, der 218 vor Christus die Römer rücklings über die Alpen, statt über den Seeweg, angriff. Es war Hannibals berühmter Marsch von Spanien nach Italien. Ich bin im Jahr 2016 die 1300 Kilometer lange Route von Spanien bis Turin in zwölf Tagen gelaufen (siehe aktivLaufen 06/2016). Deswegen lief ich nun im Sommer 2018 von derselben Stelle in Turin weiter durch Italien, eben wie Hannibal und sein Heer. Zwischen sechs und sieben Uhr brach ich morgens auf, bis 18 Uhr lief und ging ich im Wechsel. 12 Stunden am Tag war ich in Bewegung, mehr mochte ich nicht. Die Pausen hielt ich kurz. Die körperliche Belastung habe ich gut verkraftet. Ich behaupte immer, um Muskelkater zu bekommen, bin ich ja zu langsam unterwegs. Die mentale Belastung war die eigentliche Herausforderung. Manchmal habe ich mich irgendwo verlaufen, weil ich zu blöd war, den Weg zu finden – acht Kilometer Umweg wie am dritten Tag waren natürlich frustrierend. Ich war genervt, weil ich das als unprofessionell von mir selbst empfunden habe. Schließlich war ich mit dem Smartphone, GPS-App und einem zusätzlichen GPS-Gerät ja gut ausgerüstet. Am gefährlichsten war aber der Straßenverkehr. Werktags waren auf den teils sehr schmalen Landstraßen zahllose LKW’s unterwegs, die mich einige Male zum Sprung in den Seitengraben zwangen. Ich hatte schlichtweg Angst von einem am Handy spielenden Trucker umgefahren zu werden. Es gab auch weitere kritische Situationen, etwa als ich hinter Malcesine durch einen stark befahrenen Tunnel laufen musste oder als ich wegen einer Baustelle an einer Schnellstraße samt Benpacker über die Mittelleitplanke kletterte und im Vollsprint auf die andere Seite rannte. Aus meinen kleinen Zwischentiefs kam ich ganz schnell wieder raus, wenn mir nette Leute begegneten. Beispielsweise Franz, Motorradfahrer aus Töging, der mich anhielt und erzählte, dass er mich schon seit zwei Tagen immer wieder mal am Straßenrand laufen sah. Er wollte wissen, wohin meine Reise geht. Ferner begegneten mir zahlreiche Radsportgruppen, Italien eben. Das ist schön und lenkt ab.

Mein Anspruch war eine Reise zu Fuß. Restaurants, Cafés und Hotels waren meist tabu. Nur ab und zu gönnte ich mir mal ein italienisches Eis oder eine leckere Pizza zur Abwechslung. Wasser holte ich mir von Brunnen, Friedhöfen oder an der Tankstelle. Ab und zu bin ich auch auf ein Bier oder einen Kaffee eingeladen worden, das habe ich meistens abgelehnt. Ich habe in einem Biwakzelt mit dünnem Schlafsack und Bodenmatte am Straßenrand geschlafen. Ich suchte mir ruhige Plätze hinter einer Hecke am Ortsrand oder aber direkt auf der Parkbank neben einer Kirche. Das gab mir ein sicheres Gefühl. Nie wurde ich von Betrunkenen bedroht oder von streunenden Hunden belästigt. Gut so, denn ein guter Schlaf war sehr wichtig für meine Regeneration. Schließlich wollte ich am nächsten Tag ja wieder frisch weiterlaufen. Aber etwa jede zweite Nacht gönnte ich mir dann doch ein gemütliches Hotelzimmer, weil ich mich nach einer kalten Dusche und einem weichen Bett sehnte.

Es kommt anders

Unter Strich muss ich aber konstatieren: Mein Ziel die 1120 KM von Turin nach Taranto zu laufen habe ich nicht erreicht. Ursprünglich war mein Ziel rund 80 Kilometer pro Tag zu schaffen. Am dritten Tag war es mental sehr schwer. Ich merkte, dass ich mir in der Gluthitze Italiens bei bis zu 40 Grad Hitze zu viel vorgenommen hatte. Auf den Landstraßen, an denen ich vielfach entlang lief, bekam ich kaum Schatten. Vor lauter Schweiß war mein Laufdress zeitweise großflächig mit Salzkruste bedeckt. Und natürliche Wasserquellen fand ich auch nicht so leicht, wie ich gehofft hatte. Hier und da ein Brunnen, immer wieder aber musste ich mich beispielsweise an Wasserhähnen an Tankstellen bedienen. Ich entschied, dass das geplante Ziel so nicht machbar ist. Nicht mit dem Gepäck, da habe ich mich wohl verschätzt. Das war aber nicht so schlimm. Es nagte zwar anfangs etwas an meinem Stolz, dass ich meine hochgesteckten Tageskilometer-Ziele nicht erfüllen konnte Ich akzeptierte bald, dass es im Sinne meiner Gesundheit die richtige Entscheidung war. Schließlich bin ich Familienvater.

Außerdem ging es darum, erhobenen Hauptes anzukommen, meinen Zielort zu erreichen. Wenn ich dann die Route Richtung milderes Klima ändere und etwas verkürze, macht das nichts. Das ist die Freiheit einer Solotour, kein Wettkampf, keine vorgeschriebene Laufstrecke, alles freiwillig und unabhängig dank Ziehwagen und Selbstversorgung. Ich bog am dritten Lauftag links ab Richtung Gardasee. Am Lieblingsurlaubsort der deutschen Sommerurlauber entlang lief ich über den Brennerpass und Innsbruck bis nach Kufstein weiter. 687 Kilometer in 11 Tagen; das sind etwa 65 Laufkilometer täglich.

Sicher ist: Ich, Robert Wimmer, hoch trainierter Ultraläufer, bin auf meinen eigenen Füßen von Turin bis nach Kufstein gekommen – inspiriert durch das Unternehmen des Kriegers Hannibal in der Antike.

Text: Robert Wimmer

Robert Wimmer: Der Ultraläufer und sein Projekt

Robert Wimmer wurde am 14. Juni 1965 in Darmstadt geboren. Wimmer lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern (15 und 20 Jahre alt) in Nürnberg. Dort arbeitet der Augenoptikermeister ist in einem angesehenen Fachgeschäft für gutes Sehen und Aussehen. Seit 1986 ist Wimmer leidenschaftlicher Langstreckenläufer, ist seither rund 212.000 Kilometer gelaufen. Er stellte mehrere Rekorde auf wie beim 12-Stunden-Laufband-Lauf mit 145,2 km am 7. März 2009 in Nürnberg. Seinen bisher spektakulärsten Sieg errang er beim Transeuropalauf 2003 über 5.036 Kilometer von Lissabon nach Moskau in 64 Tagen. Seine Laufabenteuer absolviert er zumeist während seines normalen Jahresurlaubs. Diesmal lockte ihn ein „historischer Stoff“: die (vermutete) Route des antiken Feldherrn Hannibal.