Author : redaktion

Kaffee

Kaffee – leistungssteigernd oder flügellahmer Mythos?

Einen Kaffee zum Frühstück als Wachmacher? Gern. Wahlweise schwarzer oder grüner Tee. Aber als Aufputscher beim Sport? Schauen wir uns die Mythenbildung rund um das Thema Koffein und artverwandte Sportgetränkemischungen doch einmal genauer an.

Ob der Weg, wie so oft im Leben, in der goldenen Mitte liegt, das wollen wir im Folgenden besprechen. Doch einleitend zunächst einmal Grundsätzliches: In den im Vorspann beschriebenen Getränken findet sich jedenfalls Koffein. Im einen mehr (Kaffee), im anderen weniger. Koffeinfrei sind dagegen die meisten Früchte und Kräutertees. Früher bezeichnete man den wach machenden Stoff im Tee übrigens als Teein.

Heute ist bekannt, es ist chemisch der identische Wirkstoff wie im Kaffee. Allerdings wirkt Koffein in beiden Heißgetränken anders. Teeblätter enthalten weniger Koffein als Kaffeebohnen, und der Wirkstoff ist an Gerbstoffe gebunden. Welcher der beiden Muntermacher letztlich gesünder ist? Nun, hier hätte wohl bis vor einigen Jahren jeder mit „natürlich ist Tee gesünder“ geantwortet, zumal Simon John von der britischen Durham-Universität bei einer Feldstudie herausfand, dass zu viel Kaffee Halluzinationen auslösen kann.

Die Probanden hörten – ab etwa sieben Tassen Kaffee – vermehrt Stimmen und Ähnliches. Aber keine Panik! Das schlechte Kaffeeimage ist passé. Es ist schlichtweg eine Frage von Geschmack und Bekömmlichkeit. Beim Tee, so lässt sich hinzufügen, hält die Wirkung des Koffeins länger als beim Kaffee, der dafür schneller „zündet“. Beide müssten demnach für den Sport wie geschaffen sein. Doch wie reagiert ein sportelnder Körper auf die Zufuhr von Koffein, das ja auch in zahlreichen Energydrinks enthalten ist? Wirkt ein Koffeinschub durch das braune Röstgetränk gar als Anschieber für eine neue Bestzeit? Die einen sagen so, die anderen so.

Es soll jedenfalls Ausdauersportler geben, die trinken vor und unmittelbar nach einem Ultra-Wettkampf mehrere Tassen Espresso. Alles schon gehört. Zwischen 1984 und 2004 war Koffein ab einem bestimmten Grenzwert verboten, stand auf der Dopingliste der Welt-Anti-Doping- Agentur (WADA). Heute befindet es sich nur noch im Monitoringprogramm der WADA. Das dient dazu, Substanzen bei Dopingkontrollen mit analysieren zu lassen, um die Entwicklung des Missbrauchs beobachten zu können. Unabhängig vom„Push-up-Effekt“ lohnt der Blick auf ein paar andere Koffeinwirkungen, die besonders für Ausdauerathleten interessant sind.

Es kurbelt nachweislich die Fettverbrennung an – für die Energieversorgung bei langen Belastungen ein besonderes Plus. Gleichzeitig – das ist für die Gesundheitsorientierten wesentlich – wirkt es günstig auf den LDL-Cholesterinsowie den Blutzuckerspiegel. Das ist gut für Blutgefäße und Leberwerte. Damit verstärkt Koffein die vom Ausdauersport selbst ausgehenden Wirkungen – Hand in Hand sozusagen. Wichtig ist halt nur: stets maßvoll genießen! Zu viel Koffein kann bei sportlicher Belastung die Herzdurchblutung vermindern – das muss man ja nicht haben, oder?

DAS RICHTIGE TIMING

Wer mit einem Käffchen oder Tee vor dem Sport gute Erfahrungen gemacht hat, kann vielleicht zusätzlich vom richtigen Timing profitieren. Da der Koffeinspiegel im Blut 30 bis 75 Minuten nach der Einnahme seinen höchsten Wert erreicht, ist es günstig, seinen kleinen Koffeinpush etwa eine Stunde vor dem Training oder Wettkampf zu sich zu nehmen. Nach vier bis fünf Stunden ist das Koffein verstoffwechselt und über den Urin ausgeschieden. Wer regelmäßig und viel Kaffee trinkt oder auf anderem Weg Koffein konsumiert, sollte für die gewünschte Wirkung ein bis zwei Wochen vor dem Wettkampf die Koffeinzufuhr drosseln, um den Körper zu entwöhnen.

Je weniger Koffein im Alltag konsumiert wird, desto besser ist die Wirkung in Training und Wettkampf. Allerdings sollte man nach einer Entwöhnungsphase nicht gleich wieder mit voller Dosis herangehen, sonst galoppiert das Herz. Ohnehin sollte Koffein im Zusammenhang mit sportlichen Aktivitäten sehr sorgsam dosiert werden, da sich eine zu hohe Dosis negativ auf Leistung und Gesundheit auswirken kann. Koffein stimuliert das zentrale Nervensystem, indem es den beruhigend wirkenden Botenstoff Adenosin von seinen Bindungsstellen verdrängt. Es reduziert auf diese Weise Müdigkeit und Trägheit.

Auch die sportliche Leistungsfähigkeit kann unter Umständen mithilfe von Koffein kurzfristig gesteigert werden. So soll der Stoff die Ausdauer verbessern und die Muskelkraft verstärken. Kein Wunder, dass Koffein bei Sportlern als legales „Doping“ beliebt ist. Es zeigte sich aber, dass Koffein bei jenen Sportlern, die im Alltag regelmäßig Kaffee, Cola oder Energydrinks konsumieren, die sportliche Leistung nicht verbessern konnte.

Im Gegenteil: Sportler, die täglich drei oder mehr Tassen Kaffee trinken, schnitten mit jedem Sprint schlechter ab – auch dann, wenn sie zuvor koffeinhaltigen Kaugummi bekommen hatten. Das ist besonders für jene Ausdauersportarten relevant, in denen die (Schnell-)Kraftkomponente von größerer Bedeutung ist als beim Rudern oder Mountainbiking. Eine 2017 an der Dublin City University durchgeführte Studie zeigte, dass regelmäßiger Koffeingenuss Sportler derart desensibilisiert, dass sie nicht mehr mit einer Leistungssteigerung auf Koffein reagieren. Sportler hingegen, die im Alltag nur wenig Koffein konsumierten, konnten mit koffeinhaltigen Kaugummis ihre Leistung über alle Sprints hinweg gleich bleibend hoch halten.

Hier konnte das Koffein also einen Leistungseinbruch verhindern. Koffein ist jedoch nicht für jeden Sportler zur Leistungssteigerung geeignet. Welche Dosis zu welchem Zeitpunkt am besten funktioniert, sollte unbedingt im Training ausprobiert werden. Empfehlungen lauten 3–6 mg/kg Körpergewicht, wobei beachtet werden sollte, dass die als gesundheitlich unbedenkliche Obergrenze bei etwa 400 mg Koffein pro Tag (etwa fünf Tassen Kaffee) liegt. Leistungssteigernde Effekte konnten in Studien schon bei Dosen von unter 3 mg/kg Körpergewicht nachgewiesen werden.

ENERGYDRINKS – EHER NEIN

Wie sieht die Sache bei Mixgetränken aus, die Koffein enthalten? Das bekannteste Getränk eines österreichischen Herstellers verspricht den Einnehmenden „fliegende“ Leichtigkeit und Energie. Beim Blick auf die Dosen der diversen Energydrinks sollte einem bewussten Ausdauersportler allerdings schon klar werden, dass für eine angedachte Leistungssteigerung allein die enorme Menge Zucker ein Problem werden könnte. Bis zu 12 (!) Würfel Zucker pro 250-ml-Dose mögen für eine Ausschüttung des Glückshormons Dopamin sorgen. Dieses sendet für eine ganze Stunde „Belohnungsdaten“ ans Hirn – für einen wirklichen Ausdauerwettkampf eine kurze Zeitspanne.

Zusätzlich kommt das bereits beschriebene Dilemma des Glukoselochs hinzu. Einmal auf Zucker, muss das Thema bis zum Ende des Wettkampfs durchgezogen werden, sonst droht Leistungsabfall. Das in einer Dose enthaltene Koffein, etwa 80 Milligramm, wirkt hingegen nach etwa zehn Minuten Zum Vergleich: Eine Tasse Kaffee bringt es auf 50 bis 100 Milligramm Koffein, ein Glas Cola (200 ml) auf etwa 20 Milligramm. Und die weiteren Zutaten? Taurin, Guarana und je nach Hersteller weitere hoch dosierte Vitamin- und Kräuterextrakte. Einiges davon wird von einer breiten Szene als Wachmacher gefeiert, es soll angeblich die Wirkung des Koffeins verstärken.

Aber hier ist mehr Schein als Sein, und welche Wechselwirkungen zwischen all diesen Ingredienzien auftreten, ist noch nicht hinreichend geklärt – insbesondere, wenn es einem ackernden Sportlerbody zugeführt wird. Daher gilt auch hier die alte Weisheit: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!“ Zumindest kann mit dem Mythos aufgeräumt werden, Taurin – von griechisch „tauros“ (Stier) – bestehe aus Stierhoden. Aber: Erstmals wurde die Substanz vor fast 200 Jahren aus der Galle kastrierter Stiere isoliert – so entstehen Legenden.

Taurin ist auch im menschlichen Körper ein völlig normales Produkt des Eiweißstoffwechsels und findet sich in Muskeln, im Gehirn, Herz und Blut. Es ist im Nervensystem aktiv, fungiert als Botenstoff, ist aber auch am Muskelaufbau und an der Bildung fettverdauender Gallensäuren beteiligt. Gerade für Ausdauersportler sind das wichtige Funktionen. Dennoch ist Taurin auch für Hochleistungsathleten kein essenzieller Nährstoff, der mit der Nahrung zugeführt werden muss oder sollte. Für die energetisierenden Drinks wird nicht dieses natürliche Taurin verwendet. Hier wird auf eine künstliche Variante zurückgegriffen.

Eine weitere Legende besagt, Taurin steigere in Kombination mit Koffein die Leistung von Sportlern. Auch hier steht der Beweis noch aus. Die Wirkung von Guarana wird hingegen als körperschonende Kaffeealternative bezeichnet. Im Gegensatz zum Kaffee soll das Koffein von Guarana weder die Magenschleimhaut reizen noch andere Nebenwirkungen entfalten. Also doch leistungsfördernd?

Im Gegensatz zu einem maßvollen Genuss von Kaffeekoffein und seinen beschriebenen positiven Eigenschaften lässt sich diese Empfehlung nicht ohne Weiteres auf Energydrinks übertragen. Es ist laut Expertenmeinung sogar Vorsicht geboten, da diese Sorte Getränk das Herz schlichtweg aus dem Takt bringen kann. Der Grund: Weil das Koffein in dem süßen Getränk die Herzfrequenz besonders stark nach oben schießen lässt, können bei empfindlichen Menschen oder bei zu hohem Konsum Herzrhythmusstörungen auftreten, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt.

Menschen, die Koffein beim Sport nicht vertragen, bekommen schnell Magenprobleme. Halten wir fest: Koffein kann, vor allem in zu hoher Dosierung, zu Nebenwirkungen wie Nervosität, Schlaflosigkeit, Muskelzittern, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und Magenproblemen führen. Eine ganz schöne Liste an Nebenwirkungen, insbesondere in den Mixturen der Energydrinks. Eine Verwendung sollte daher wohlüberlegt sein. Und immer daran denken: „Weniger ist oft mehr!“ Info

Das früher so schlechte Kaffeeimage war Folge fehlerhafter Studienansätze. Die vielen Raucher waren nicht berücksichtigt worden. Mittlerweile konnten all die dem Kaffee angekreideten Negativeffekte zweifelsfrei dem Rauchen zugeschrieben werden: Das Gefährliche am Kaffee ist die dazu gerauchte Zigarette.

Aus dem Buch, Ohne Mampf kein Dampf, ISBN 978-3-667-11849-3, Delius Klasing Verlag

Text: Ralf Kerkeling

MEIN COACH UND ICH – UND MEIN SCHWEINEHUND

Ein lauffauler Gelegenheitsläufer und professionelles Training via App: Passt das zusammen? Durchaus – wenn es da nicht diese fiese innere Stimme gäbe, die wohl jeder von uns kennt …

Warum habe ich mich bloß darauf eingelassen? Der strömende Regen wäre eigentlich ein guter Grund, den freien Tag auf der Couch zu verbringen – mit Sicherheit aber nicht, extra früh aufzustehen und laufen zu gehen. Aber ich habe ja noch „Hausaufgaben“ zu erledigen …

Rückblende

Ein paar Monate früher. Fertig mit mir und der Welt stehe ich nach meinem ersten gefinishten Halbmarathon im Zielbereich, aber in den Stolz mischt sich die bereits eingangs erwähnte Frage, die mich auch unterwegs treu begleitet hat: „Warum habe ich mich bloß darauf eingelassen?“ Schließlich war ich doch bislang eigentlich immer ganz zufrieden damit gewesen, nur ab und zu am Wochenende mal einen kleinen 5- oder auch mal 10-Kilometer-Lauf zu machen, wenn in der Nähe ein Volkslauf stattfand.

Training? Brauche ich dafür doch nicht. Meint jedenfalls mein innerer Schweinehund, der in dieser Geschichte noch eine bedeutende Rolle spielen wird. Mit der Zeit aber, das ist ja das Schöne (und, in diesem Fall, irgendwie auch das Problem) beim Laufen, wurde dann der Ehrgeiz doch ein wenig gekitzelt, wenn ich Mitläufern zuhörte, für die diese kleinen Läufe eigentlich nur kleine „Appetithäppchen“ zwischen längeren waren. Also meldete ich mich dann selbst für einen „Halben“ an. An meinem Trainings- bzw. eben Nichttrainingsumfang änderte ich nichts – was sollte denn schon schiefgehen?

Selber schuld

Diese Hybris kam mich bereits während des Laufs teuer zu stehen: Das erste Drittel lief super, das zweite schon deutlich schleppender, und die letzten Kilometer fühlten sich jeder einzelne selbst wie ein Halbmarathon an. Ganz zu schweigen von der Mutter aller Muskelkater, die mich in den folgenden Tagen zu einem Bewegungsstil zwang, der nicht nur bei meiner Frau für einige Erheiterung sorgte. Aber ich war ja selbst schuld. Und trotz aller „Nie wieder!“-Schwüre in den Tagen nach dem Lauf juckte es ja doch wieder in den Füßen, und eigentlich, das war mir klar, würde ich einen längeren Lauf auch noch einmal richtig genießen wollen.

21 Kilometer

Ja, ich weiß, für etliche Leser sind die 21 Kilometer Peanuts, aber ich war vorher niemals so viel am Stück gelaufen – die Strecke entspricht eher meinem üblichen Pensum von drei bis vier Wochen. Der Nachteil: Für dieses Ziel würde es, das hatte sich gezeigt, nicht reichen, wie bisher weiter gelegentlich am Wochenende mal ein bisschen zu laufen, sondern ich würde schwerere Geschütze auffahren müssen. Heißt: wirklich trainieren, auch unter der Woche laufen – und das am besten mit System. Mich einer Laufgruppe anzuschließen wäre eine gute Idee gewesen, aber eigentlich, muss ich zugeben, laufe ich meist doch lieber für mich allein, meinen eigenen Rhythmus. Außerdem wollte ich auch zeitlich flexibel bleiben.

Training mit Plan

Über die aktiv Laufen-Redaktion kam dann der Kontakt zu Lauftrainer Michael Arend mit der Idee eines „Fern-Coachings“ zustande. Der Plan: Der Profi legt Pensum und Art des Trainings für jede Woche fest, und ich absolviere die entsprechenden Einheiten am vorgesehenen Tag. Die Auswertung und Festlegung der Einheiten erfolgt über die Daten einer Laufuhr und die App „TrainingPeaks“. Auch das noch: Laufuhr und Trainings- App – wie oft habe ich mich selbst insgeheim über Läufer amüsiert, deren größte Aufmerksamkeit an Start- und Ziellinie nicht der Strecke oder den Menschen rechts und links galt, sondern diesem kleinen Sklaventreiber am Handgelenk. Und jetzt soll ich selbst so einer werden? Ganz offensichtlich.

Der Ordnung halber

Schließlich soll ja alles ordnungsgemäß dokumentiert werden, damit Michael mich trotz der Entfernung von gut 450 Kilometer Luftlinie coachen – und dabei wirklich besser machen – kann. Dass das geht, davon bin ich nach unserem Kennenlern-Telefonat überzeugt, bei dem er mir aber auch klargemacht hat: Ich muss öfter und mehr laufen als bisher. „Ich wusste, dass da ein Haken ist“, höre ich meinen inneren Schweinehund seufzen. Und so bin ich schließlich in der Situation gelandet, in der ich zu Beginn des Artikels war: die Laufschuhe schnürend, während dicke Regentropfen gegen das Fenster klatschen.

Keine Ausrede

Der Trainingsplan kennt nun mal keine mildernden Umstände, auch wenn heute zum Auftakt nur ein kurzer Lauf ansteht. Netterweise hat mich auch direkt nach dem Aufstehen noch eine Push-Nachricht daran erinnert … Schließlich, wie um mir auch die letzte Ausrede zu nehmen, klart auch noch der Himmel auf. Also raus durch die Tür und losgelaufen. Für mich schon ungewohnt, mal so ganz ohne Wettkampfcharakter, dafür aber eben auch länger als die gewohnten fünf Kilometer.

Im Flow

Und wie es eigentlich zu erwarten war: Allmählich kommt der Spaß am Laufen, und bald bin ich im Flow. Anders als von den kurzen Volksläufen gewohnt, laufe ich diesmal nicht auf eine feststehende Ziellinie zu, sondern Michael hat mir für diesen Lauf nur das ungefähre Tempo und die Gesamtzeit im Kalender der App eingetragen. Und so lerne ich langsam doch die Vorteile meiner mit der App gekoppelten Laufuhr zu schätzen: Immer wieder piept es, weil ich nicht im vorgegebenen Tempo- bzw. Herzfrequenz- Korridor bleibe – sei es, weil ich zu sehr aufs Gas drücke oder weil ich zu sehr trödele.

Greifbare Ziele

So sehr das Gepiepe auch nervt: Es hilft mir mit der Zeit, gleichmäßiger zu laufen und auch mein Tempo besser einzuschätzen. Das, so bestätigt mir Michael, ist einer der Bausteine dafür, dass mein bescheidenes Ziel – fitter zu werden für längere Strecken –, in Reichweite kommt. Ein zweiter: Konstanz, Regelmäßigkeit und Disziplin beim Training. Und das, stellt sich in den folgenden Wochen heraus, ist die eigentliche Herausforderung. Denn natürlich bringt mein innerer Schweinehund passend zu jeder Einheit die bekannten Argumente vor: Wetter zu schlecht, zu früh, zu spät, einmal Aussetzen ist drin … Dagegen ist aber der feste Trainingsplan eine hilfreiche Waffe.

Läufergewissen

Wo ich sonst wohl eher meine Couchpotato-Fähigkeiten trainiert hätte, appelliert nun die App an Läufergewissen und -ehre. Das hilft. Außerdem ist der Plan, den Michael wöchentlich für mich vorbereitet, für einen „lauffaulen Läufer“ wie mich eine gute Motivation: Eine Struktur, an der ich als nicht mehr blutiger, aber dennoch arg unprofessioneller Anfänger mich orientieren kann. Und er zeigt mir auch, dass Lauftraining eben nicht nur heißt, mal mehr und mal weniger zu laufen, sondern dass es eben doch Unterschiede gibt: schnell, langsam, Intervalle, Crescendo … In der Theorie nichts Neues, aber in der Praxis hatte ich mich darum noch nie groß gekümmert.

Regelmässigkeit ist alles

Nicht immer kann ich freilich dem Schweinehund genug Paroli bieten, vor allem sorgen immer wieder lange Arbeitstage dafür, dass ich das Training schleifen lasse und die App mich vorwurfsvoll erinnern muss: „Einheit nicht durchgeführt“, und auch Coach Michael muss mir mehrmals energisch ins Gewissen reden, dass Regelmäßigkeit gerade in meinem Fall wichtiger ist, als im Ausgleich für verpasste Einheiten an wenigen Tage ein größeres Pensum runterzureißen. Aber was nützt das beste Training, wenn sich dessen Effekte nicht in der Praxis überprüfen lassen?

Praxistest

Und so wollte ich nach ein paar Wochen mal schauen, ob sich denn auch wirklich etwas getan hatte. Ich meldete mich für einen Lauf an, wenn auch – nein, kein Halbmarathon, sondern nur ein einfacher 10K. Der sollte allerdings zumindest schon mal für eine Standortbestimmung reichen. Denn bislang konnte ich mich bei „Zehnern“ eigentlich immer auf einen mehr oder weniger deutlichen Leistungsknick nach etwa zwei Dritteln verlassen. Etwas, was auch Michael Arend bei der Analyse meiner ersten Läufe aufgefallen war und worauf auch der Fokus des Trainings liegen sollte.

Und tatsächlich: Ganz ohne Hänger steht am Ende eine Zeit nur knapp über meiner Bestzeit, und das trotz wenig läuferfreundlichem Wetter. Und: Am Ende habe ich auch das Gefühl, dass ich locker noch ein ganzes Stück dranhängen könnte. Das Training zahlt sich wirklich aus! So was ist natürlich noch einmal ein Extra- Motivationsschub.

Neue Entdeckungen

Zudem bieten meine Trainingsläufe auch noch ganz andere Vorteile: Glaubte ich zuvor immer, dass es ja bei mir in der Nähe ohnehin keine vernünftigen Laufstrecken gebe, wird das kleine Wäldchen um die Ecke nun immer mehr zu meinem Heimatrevier – und auch der Rhein ist gar nicht so weit weg, wie ich bisher immer dachte. Vor allem frühmorgens, wenn die Stadt noch nicht erwacht ist, hat ein Lauf über das Laub oder am Fluss entlang einfach etwas Entspannendes, geradezu Meditatives.

Niemals hätte ich gedacht, dass das für mich einmal ein idealer Start in den Tag sein würde … Am Ende des Ferncoaching-Experiments gibt Michael mir noch einmal die Ermahnung mit auf den Weg: „Bleib dran! Eine Woche das Training schleifen zu lassen macht den Fortschritt von Monaten kaputt.“ Ich verspreche, an meiner Selbstdisziplin zu arbeiten und den Schweinehund ab sofort noch konsequenter in die Schranken zu weisen. Ob das klappt? Nicht immer, sicher. Aber doch immer öfter.

Text: Michael Schulze Roberg

Dünner, schneller, weiter

Laufen hat viele Facetten. Meist positive. Was passiert jedoch, wenn Sport zur Sucht wird? Unsere Autorin war selbst betroffen. Als Essgestörte lief sie bis ins Koma, um noch dünner zu werden.

Ich muss dieses eine Intervall noch laufen. 800 Meter. Ich muss. Hundert Meter, zweihundert Meter. Dann der Blackout. Ich sehe schwarz, mir ist schlecht, ich muss mich setzen. Mitten im Wald. Es regnet, ich bin verschwitzt. Zum Glück habe ich ein Handy dabei. „Mama“, sage ich, „mir geht es irgendwie nicht so gut, hol mich bitte ab! Ich bin an der Kreuzung bei der Wanderkarte.“ Meine Mutter findet mich schnell. Im Auto kann sie mich gerade so bei Bewusstsein halten. Mein Intervalltraining endet an der Infusion.

Sekundäre Sportsucht

Das war 2015. Ich war 19, 172 Zentimeter groß und wog 46 Kilogramm. Das ist ein Body-Maß-Index von 16, mäßiges Untergewicht. Damit fand ich mich weder dünn noch diszipliniert genug. Mein Ziel: starkes Untergewicht. Um weiter abzunehmen, kombinierte ich das Hungern mit Sport. Erst fuhr ich Rad, dann las ich auf diversen Fitness-Portalen, Joggen verbrenne die doppelte Menge an Kalorien. Also begann ich zu laufen – und zu hassen. Laufen war elende Schinderei. Ich fand es anstrengend und langweilig. Trotzdem habe ich mir sechsmal die Woche die Laufschuhe geschnürt. Ich musste. Das nennt man sekundäre Sportsucht – also eine Sportsucht, die im Rahmen einer Essstörung auftritt.

Viele Essgestörte treiben Sport, um noch dünner zu werden. Sie unterwerfen sich rigiden Trainingsplänen – und haben Schuldgefühle, wenn sie die nicht einhalten. „Ich habe Essgestörte gesehen, die noch mit offenen, blutigen Füßen laufen gehen“, erzählt Prof. Almut Zeeck, sie ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin am Uniklinikum Freiburg. Den Begriff „Sucht“ findet sie jedoch problematisch, weil nicht jede Betroffene in exzessivem Maß Sport treibe und nicht alle Kriterien einer Sucht erfüllt seien. Nicht jede Betroffene etwa ist ängstlich und reizbar, wenn sie mal nicht laufen geht. „Aber wenn jemand zwanghaft und ohne Spaß Sport treibt, nur um abzunehmen, ist das pathologisches Sporttreiben“, sagt Zeeck. Circa 30 bis 35 Prozent der Essgestörten seien betroffen.

Zahlreiche Betroffene

Um mit anderen Betroffenen zu sprechen, poste ich Aufrufe in einigen Läufergruppen auf Facebook. Ich habe selten so viele Likes bekommen. Viele freuen sich einfach, dass das Thema angesprochen wird. Einige sind aber auch bereit, einer Wildfremden ihre Geschichte zu erzählen. Eine davon ist Patricia Schwärzle. „Ich bin früher nie aus Liebe zum Sport oder zu meinem Körper gelaufen. Eigentlich genau aus dem Gegenteil“, sagt sie. Patricia Schwärzle hatte Bulimie. Auch sie hat vor einigen Jahren zum Laufen gefunden, weil sie noch mehr abnehmen wollte. „Am Anfang war das nur Drill, ich konnte kaum zwei Kilometer durchhalten“.

Aber sie hat einen inneren Zwang verspürt, es trotzdem zu tun. Andererseits habe das Laufen ihr auch geholfen. „Ich bin in der Zeit sehr oft mit einer negativen Stimmung aufgewacht“, erzählt sie. „Aber wenn ich es dann trotzdem irgendwie geschafft habe, laufen zu gehen, habe ich mich den ganzen Tag viel besser gefühlt.“ Sie bekam gute Laune und fühlte sich wohler. Ich weiß, wovon sie spricht. Vor dem Laufen verspührte ich oft einen inneren Druck, der mir sagte: Du bist zu dick! Das Laufen hat ihn beseitigt, wenigstens für ein paar Stunden. Noch dazu waren die verbrannten Kalorien die Erlaubnis, etwas zu essen.

Drei Nüsse zum Beispiel, gepaart mit drei Rosinen. Sport habe kurzfristig positive Auswirkungen auf den Körper und das psychische Befinden, erklärt Almut Zeeck. Ein besseres Körpergefühl und die Aufhellung der Stimmung seien neben dem Abnehmen die Hauptgründe zum Sporttreiben. „Aber auf Dauer ist das ein Teufelskreis.“ Denn die Wirkung halte maximal zwei Stunden an. Dann wachse der Drang, laufen zu gehen. Die positive Wirkung erhöhe die Gefahr, exzessiv Sport zu treiben.

Wege aus der Essstörung

Laufen, hungern, laufen, umkippen – wie durchbricht man den Teufelskreis? Jedenfalls nur in seltenen Fällen, indem man komplett mit dem Sport aufhört. „Aber Laufen allein ist nicht die Lösung“, erklärt Fachärztin. An der Freiburger Universitätsklinik wollen sie und ihre Kollegen einen gesunden Umgang mit Sport vermitteln. Betroffene sollen ihn nicht mehr als Mittel zum Abnehmen sehen. In der Therapie machen sie Ballspiele und Pilates, „viel in der Gruppe“. Denn einer der wesentlichen Reize, den das Laufen für Essgestörte ausmacht: Sie können es allein machen. Niemand spricht sie an auf den dünnen Körper, niemand will nach dem Training eine Pizza essen gehen.

Manchmal kann der Weg aus der Essstörung aber doch laufend genommen werden. Dann nämlich, wenn man im Laufen mehr sieht als ein lästiges Mittel zum Zweck. Am ehesten gelingt das laut Zeeck Betroffenen, die schon vor der Essstörung Sport gemacht haben „und diesen als positiv und wichtig empfunden haben“. Patricia Schwärzle war eigentlich immer ein Sportmuffel. Trotzdem hat sie diesen neuen Zugang zum Laufen gefunden. Der Auslöser war ihr erster Zehn-Kilometer- Wettkampf. Dort hat Schwärzle zum ersten Mal Ehrgeiz gespürt. Zum ersten Mal ging es ihr um das Laufen an sich. „Ich habe Leidenschaft in mir aufkeimen gespürt“, sagt sie. Aber sie wusste: „Wenn ich besser werden will, dann muss ich meinem Körper was Gutes tun und mehr essen.“

So hat das Laufen ihr auf dem Weg zum normalen Essverhalten geholfen, auch wenn es dabei natürlich Rückschläge gab. „Manchmal dachte ich, abnehmen zu müssen, um schneller zu werden.“ Aber sie habe gelernt, sich weniger mit Ernährung zu beschäftigen. „Ich darf mich nicht im Internet mit den ganzen Leuten umgeben, die von Sport nur im Zusammenhang mit Fitness und Abnehmen reden.“ Heute, sagt sie, „geht es mir sehr gut mit dem Thema.“ Schwärzle läuft 40 bis 60 Kilometer pro Woche, trainiert für ihren ersten Marathon. Als sie im Sommer zwei Monate verletzt war, hat sie das zwar genervt – aber mehr eben auch nicht.

Während unseres Telefonats habe ich ziemlich viele Déjà-vus. Auch ich habe mich irgendwann zu Wettkämpfen getraut, belohnte mich mit normal gefüllten Tellern, verließ den immer gleichen Asphalt. Per Zufall bin ich bei einem Trail-Lauf in Innsbruck die Rookie-Strecke gelaufen. Tempo, Intervalle, Kalorien – das war auf diesen 17 Kilometern total egal. Es ging um das Laufen an sich. Jan Lau Noch dazu habe ich dort Ultraläufer kennengelernt, und nicht nur gestaunt, wie lange die laufen, sondern auch, wie viel die essen. Das wollte ich auch.

Spaß muss es machen

Zwei Jahre ist das her. Heute wiege ich fast 20 Kilogramm mehr als an jenem Nachmittag, an dem ich umgekippt bin. Ich laufe zur Arbeit, zum Einkaufen, vor allem: zum Spaß. Nächstes Jahr steht der erste „Hunderter“ an. Laufen ist für mich viel mehr als ein Sport. Es hat mich aus der Magersucht geholt. Und doch, ich gehe eben auch laufen, wenn die Wade zwickt. Ich habe das ganze Jahr nicht mehr als drei Ruhetage am Stück gemacht, auch wenn ich es mir immer mal wieder vorgenommen habe. Patricia Schwärzle hat Recht: „Es bleibt eine Gratwanderung.“

Aber nicht alle Essgestörten entwickeln eine sekundäre Sportsucht, wenn sie laufen gehen. Das betont auch Almut Zeeck vom Uniklinikum Freiburg. „Gerade bei Menschen mit einer Bulimie, die sonst keinen Sport treiben, kann Laufen durchaus eine Hilfe sein.“ Eben weil es sich positiv auf Stimmung und Körpergefühl auswirkt. Voraussetzung bleibt der reflektierte Zugang: Laufen als Auszeit, nicht zum Abnehmen. Maxi Heerkens ist das Paradebeispiel für das „Heilmittel Laufen“. Auch sie hat sich auf Facebook gemeldet. Sie sei eine „trockene Bulimikerin“. Jahrelang ging ihr Gewicht hoch und runter. Übergewicht, Untergewicht. „Irgendwann habe ich gedacht: Ich muss jetzt was tun.“

Heerkens lief los. Und fand ein Hobby, mit dem sie nicht nur ihr Gewicht normal hält, sondern eines dass ihr auch emotional guttut. Beim Laufen lerne sie ihren Körper und sich selbst kennen und lieben: „Was der alles leistet!“ Vorher war das Essen ihr „Ventil“, jetzt ist es das Laufen. Aber Heerkens will verhindern, dass es zum Zwang wird. „Ich höre sehr genau auf meinen Körper“, sagt sie. „Wenn ich merke, dass es zu viel wird, dann höre ich auf.“ Deshalb zögert sie, ihren ersten Ultra zu laufen, obwohl sie es sich zutrauen würde. „Ich habe Angst, in ein Mehr-Mehr- Mehr zu geraten.“

Text Luise Anter

Unsere Autorin

Alter: 23
Wohnort: München
Sportliche Erfolge:  5. Platz Sachsentrail 2018
Beruf: Freie Journalistin

Laufen hält jung

Forever Young

Dass Laufen jung hält, klingt nach einer Plattitüde. Doch die Wissenschaft kann heute belegen, dass der Zahn der Zeit an Läufern langsamer nagt und das Bild der „jungen Alten“ Realität sein kann.

Jeder will es werden, keiner will es sein: alt! Nun ja, auch der gesündeste Lebensstil kann an unserem kalendarischen Alter nichts ändern, wohl aber am Zustand, in dem wir ein bestimmtes Lebensalter erreichen. Die Epigenetik befasst sich mit den Wirkungen der individuellen Lebensweise auf die Aktivität unserer Gene. Sie liefert ständig neue Hinweise darauf, dass das biologische Alter jedes Einzelnen maßgeblich durch die Art und Weise beeinflusst wird, wie er sich ernährt, mit schädlichen Einflüssen wie Nikotin und Alkohol umgeht, wie gestresst und sozial eingebunden er ist und besonders auch, wie regelmäßig und auf welche Weise er sich bewegt.

Die Macht der Gene

Schauen wir uns die Hitliste der Anti-Aging-Wirkungen des Laufens doch genauer an und starten mit dem Zentrum der Macht – unseren Genen. Das sind jene rund 22.000 Informationseinheiten im Kern jeder Zelle, die all unsere Grundeigenschaften bestimmen und auch festlegen, ob uns die körperliche Proportionen eines Eliud Kipchoge für eine Läuferkarriere prädestinieren oder nicht.

Um die Gene – unsere DNA – vor Schäden zu bewahren, denen jeder Mensch durch unzählige Schadstoff- und Strahlenbelastungen ausgesetzt ist, verfügen die Zellen über eine potente Schutz- und Reparaturmaschinerie. Einer dieser Schutzmechanismen steht heute besonders im Blickpunkt Im Laufe des Lebens werden diese „Telomere“ genannten Protektoren mit jeder Zellteilung immer kürzer. Bevor sie ganz aufgebraucht sind, reduziert der alternde Organismus seine Zellteilungsaktivität oder startet sogar einen Notfall-Algorithmus – den „programmierten Zelltod“.

Anti-Aging

Diese Maßnahmen sollen verhindern, dass unsere nicht mehr durch Telomere geschützten Gene Schaden nehmen. Logisch, dass das Gewebe dann nicht mehr erneuert wird – wir altern! Oh, oh, das klingt bedrohlich. Da ist es doch gut zu wissen, dass wir Läufer mit jedem Schritt einen Anti-Aging-Mechanismus bedienen – eine Art „Smart Repair“ für Telomere. Molekularbiologen haben herausgefunden, dass regelmäßiges Laufen die Verkürzung der Telomere bremst. Das wird offenbar durch die Aktivierung eines speziellen Enzyms – Telomerase genannt – erreicht, das der Verkürzung der Telomere entgegenarbeitet.

Dies ist ein Paradebeispiel für die epigenetische Positivwirkung des Lebensstils. Durch das Laufen werden biochemische Mechanismen in Gang gesetzt, die dafür sorgen, dass „gute Gene“ aktiviert werden – in diesem Fall das „Telomerase- Gen“. Dadurch wird mehr von dem Enzym hergestellt, das der Alternsforschung. Es handelt sich dabei um besondere Schutzkappen, die wie die kleinen Plastikteile an den Schnürsenkel-Enden unserer Laufschuhe die DNA-Enden vor Beschädigung schützen die Schutzkappen intakt hält und unsere DNA vor jenen Beschädigungen bewahrt, die uns altern lassen. Vermutlich ist dieser Mechanismus der bedeutendste, mitnichten aber der einzige Jungbrunnen, mit dem jene belohnt werden, die regelmäßig die Laufschuhe schnüren.

Mit Bedacht trainieren

Ein vielseitiges, aber insgesamt moderates Sporteln mit hohem Anteil ausdauersportlicher Aktivität, wobei die Regeneration nicht zu kurz kommen darf, stärkt das Immunsystem und macht es dem Zahn der Zeit deutlich schwerer, seine Spuren zu hinterlassen. An dieser Stelle muss aber auch mahnend der Zeigefinger erhoben werden: In einer zunehmend von Leistung und Erfolgsstreben dominierten Gesellschaft wächst die Zahl derer, die mit ihren sportlichen Zielen über ein gesundes Maß hinausschießen.

Jedem Breitensportler sei sein Marathon gegönnt, aber mittlerweile muten sich auch Hobbyathleten Ultrabelastungen – oft in Kombination mit unzureichender Regeneration – zu, die mit Gesundheitssport wenig gemein haben.

Hochleistungssport stellt das Immunsystem der Profis auf die Probe, aber die werden medizinisch gut betreut. Wenn wir Normalläufer nur auf dem Gaspedal stehen, spannen wir unser Immunsystem arg für die Beseitigung zahlreicher Verletzungen und Wehwehchen ein. Für die Abwehr krank machender Viren und Bakterien bleibt dann kaum noch trockenes Pulver im Arsenal. Ein geschwächtes Immunsystem ist ein hochrelevanter Motor für Alterungsprozesse.

Für die Laufpraxis muss das nun nicht gleich „In der Ruhe liegt die Kraft“ bedeuten, aber wer permanent überpaced, macht es Krankheitserregern leichter. Wer dagegen mit Bedacht trainiert und nur hin und wieder an seine Leistungsgrenze geht, wird den kleinen Fieslingen erfolgreich Paroli bieten können.

Schön geschmeidig bleiben

Immobilität und Muskelabbau sind die Hauptverantwortlichen für Gebrechlichkeit im Alter. Schon ab dem 30. Lebensjahr geht es mit der Muskelmasse bergab. Wie schnell das aber passiert, hängt von der körperlichen Aktivität ab. Bewegungsmuffel verlieren pro Jahr bis zu einem Prozent ihrer Muskulatur bei gleichzeitigem Anstieg des ungeliebten Fettanteils. Da kann sich jeder ausrechnen, wie weich die „Restmuckis“ bei einem 65-jährigen Couch-Potato dann sind und wie stark das den unterforderten Energiestoffwechsel in Mitleidenschaft zieht.

Schwache Muskeln erhöhen Sturz- und Verletzungsrisiken. Damit nicht genug, es wird auch noch die Heilung verlangsamt, wenn der muskelarme Körper zu schwach für ausreichend Mobilisierung ist – ein wahrer Teufelskreis. Nun mag man meinen, dass Laufen zum Erhalt der Muskulatur weit weniger hilfreich sei als ein gezieltes Muskeltraining. Stimmt aber so nicht.

Die besondere Bedeutung des Ausdauertrainings liegt in der herausragenden Wirkung auf die Effizienz des Energiestoffwechsels und in dem, was die Experten „Vaskularisierung“ nennen. Darunter versteht man die durch Ausdauerbelastungen angestoßene Neubildung von Blutgefäßen. Diese ermöglicht eine deutlich bessere Nährstoffversorgung der Muskeln, die so auch auf Krafttrainingsreize viel besser ansprechen. Das Optimum für den Muskelerhalt bis ins hohe Alter liegt also in der richtigen Mixtur aus Ausdauer- und Muskeltraining. Und das Laufen ist hier die unschlagbare Ausdauervariante, da es praktisch alle Muskelgruppen anspricht.

Dass Laufen die Hüft-, Knie- und Fußgelenke schneller altern lässt, weil es den Verschleiß – die gefürchtete Arthrose – forciert, ist vor allem eine Ausrede derer, die dem Laufen nichts abgewinnen können. Natürlich bestehen erhöhte Abnutzungsgefahren für jene, die übergewichtig sind oder es mit dem Marathonlaufen vor allem auf harten Untergründen übertreiben oder einen fehlerhaften Laufstil praktizieren und obendrein mit schlechtem Schuhwerk unterwegs sind.

Aber dass tägliche Bewegung für all unsere Gelenke der wichtigste Parameter zur Vermeidung von frühzeitiger Arthrose ist, steht seit langem außer Frage. Im Zentrum des Geschehens stehen dabei die Gelenkknorpel. Sie überziehen die miteinander in Verbindung stehenden Knochenstrukturen, um sie vor sehr schmerzhaftem Abrieb zu schützen und Stöße abzudämpfen. Das Problem dabei: Knorpel sind nicht von Blutgefäßen durchzogen, Sie haben also keine eigene Nährstoffversorgung. Damit sie nicht „verhungern“ und spröde werden, müssen die benötigten Nährstoffe mit der Gelenkflüssigkeit regelrecht in den Knorpel „eingewalkt“ werden. Moderates Laufen ist hier ein idealer „Masseur“, und das nicht nur für die Beingelenke.

Durch die Oberkörperbeteiligung profitieren auch die Gelenke von Schulter, Armen und Rücken. Die Nährstoffe transportierende Gelenkflüssigkeit – im Fachjargon „Synovia“ – erfüllt auch eine wichtige Schmierfunktion. Ähnlich dem Getriebeöl in einem Auto, das nicht bewegt wird, verwässert auch die „ölige“ Synovia, wenn sie nicht regelmäßig in Wallung gebracht wird – zum Beispiel durch Laufen. Ein weiterer Pluspunkt: Bei der gleichmäßigen Laufbewegung treten keine großen Scherkräfte auf, wie sie etwa bei weniger gelenkfreundlichen Ballsportarten unvermeidbar sind.

Einmal zerstörter Gelenkknorpel ist unwiederbringlich verloren. Daher sollten wir „laufend“ alles dafür tun, ihn und damit unsere Gelenke in Schuss zu halten, um möglichst lange mit einen bewegten Organismus biologisch jung zu bleiben. Dass nicht einmal langjähriges Marathonlaufen den Gelenken schaden muss – sofern man es mit Vernunft praktiziert –, haben 2018 Orthopäden der Thomas Jefferson University in Philadelphia bei einer Studie zur Gelenkgesundheit von 675 Marathonis aus 31 Nationen gezeigt. Die im Schnitt 48 Jahre alten Athleten mit einem Trainingspensum von etwa 60 km pro Woche und regelmäßigen Marathonteilnahmen seit 20 Jahren litten nur halb so oft an Arthrose wie der Bevölkerungsdurchschnitt.

Fit im Kopf

Mit „Gehirnjogging“ wird ja eher das Training der „Grauen Zellen“ umschrieben. Aber auch das Joggen mit den Beinen kann viel zur Jungerhaltung des Oberstübchens beitragen. Neurowissenschaftler der Universität Ulm haben in einen interessanten Studienansatz eruiert, dass ihre Probanden bereits nach viermonatigem Lauftraining unerwartet deutliche Verbesserungen ihrer Konzentrationsfähigkeit, ihres visuell-räumliches Gedächtnisses und ihrer positiven Stimmungslage zeigten. In Folgeuntersuchungen konnten die Forscher einen günstigen Einfluss auf den Stoffwechsel des „Glückshormons“ Dopamin nachweisen, und Ableitungen der Hirnströme (EEG) zeigten, dass die trainierten Personen eine schnellere und effizientere Reizverarbeitung aufwiesen.

Kurz gesagt: „Mens sana in corpore sano“ (ein gesunder Geist in einem gesundem Körper) oder: Laufen hält auch das Gehirn jung. Keep on running Ab wann wir erste Symptome des Alterns verspüren und wie schnell dies voranschreitet, ist nicht nur Schicksal. Natürlich merken wir alle irgendwann, dass wir längere Regenerationsphasen benötigen, nicht mehr so antrittsschnell und vielleicht auch verletzungsanfälliger sind. Aber warum der eine schon mit 40 „alt“, die andere noch mit 60 jugendlich frisch ist, hängt nicht nur von den Genen ab. Die Wissenschaft kann heute belegen, was früher nur Erfahrung war: Wer läuft und insgesamt gesund lebt, bleibt länger jung!

Die Top 5 der Anti-Aging-Wirkungen

• 1: Laufen schützt die DNA epigenetisch.

• 2. Laufen verlangsamt den altersbedingten Muskelabbau.

• 3. Laufen (moderat) stärkt das Immunsystem.

• 4. Laufen hält Knochen und Gelenke geschmeidig.

• 5. Laufen ist zugleich Gehirnjogging.

Text Dr. Stefan Graf

AL_0121_Praemien_Aktion_800x600px

2 Abo-Prämien on top

Mit der richtigen Ausrüstung macht das Laufen noch mehr Spaß.
Jetzt aktiv Laufen abonnieren und 2 Prämien on top erhalten.

6 Ausgaben aktiv Laufen für € 28,20 inkl. MwSt. und Portokosten
(Preis nur im Inland gültig. Auslandspreis € 36,00)

zuzüglich

1x wrightsocks (Größe S 34-37, M 37.5-41 oder XL 45.5-49) – reibungsarm & feuchtigkeitsregulierend sowie
1x das Sportarmband – individuell anpassbar & aus elastischem Neopren

JA, ich abonnieren aktiv Laufen

[contact-form-7 id="3405" title="Abo-Prämie doppelt"]
Ausreden

Schluss mit den Ausreden

„Ich würde ja gerne, aber… die Zeit ist knapp und draußen sieht es stark nach Regen aus.“ Mit unseren Gegenargumenten für die häufigsten Ausreden wird 2020 Ihr Laufjahr.

Wahrscheinlich hatten Sie sich bereits zum Jahreswechsel vorgenommen, mal wieder häufiger Ihre Laufrunden zu drehen oder die Trainingseinheiten zu intensivieren. Doch bei der Umsetzung hapert es seitdem gewaltig. Denn kurz bevor Sie Ihre Laufklamotten überstreifen wollen, hindert Sie einfach immer etwas daran loszulaufen. Keine Zeit, schlechtes Wetter oder ein leichtes Zwicken im Oberschenkel – Ausreden, nicht laufen zu gehen, gibt es viele. Doch so verschieden die Ausreden auch sein mögen, eint sie doch meistens die Tatsache, dass sie simpel zu widerlegen sind.

Wir haben im folgenden fünf Ausreden zusammengetragen, die Ihnen so oder so ähnlich sicherlich bekannt vorkommen – und liefern Ihnen direkt dazu die passenden Gegenargumente. Wichtig ist aber auch, dass Sie die Freude an Ihrem Hobby in den Mittelpunkt stellen und sich nicht zu viel Druck aufbauen, damit die Laufeinheit gar nicht erst zu etwas werden kann, vor dem man sich drücken möchte, sondern vielmehr etwas, auf das man sich freut, das zu einer schönen Gewohnheit wird – auch dann, wenn es draußen ungemütlich ist.

„Ich habe schon genug Stress im Alltag, warum soll ich mir dann in meiner Freizeit noch mehr Stress machen, indem ich eine Laufeinheit unterbringe?“

Natürlich ist die Vorstellung, nach der Arbeit auf dem Sofa zu faulenzen und die ein oder andere Folge der Lieblingsserie zu schauen, attraktiver, als sich noch einmal aufzuraffen und die Laufschuhe zu schnüren – für Stressabbau ist jedoch laut zahlreichen Studien das Laufen die eindeutig bessere Entscheidung. Laufen wirkt sich direkt auf den Teil des Gehirns aus, der für die Stressreduktion zuständig ist. Außerdem wird das sogenannte Glückshormon Serotonin ausgeschüttet. Anstatt auf dem Sofa über Ihre alltäglichen Probleme zu grübeln, bringen Sie beim Laufen den Körper genau wie den Kopf in Bewegung und kommen dadurch mit neuen Ideen wieder zu Hause an.

„Wenn es so ungemütlich kalt draußen ist und regnet, bekommt mich niemand nach draußen.“

Der Gedanke, an einem lauen Sommerabend in T-Shirt und kurzer Hose durch den Park zu laufen, ist definitiv ein äußerst schöner. Doch um genau diesen Lauf im Sommer topfit genießen zu können, muss ohne wenn und aber auch während des Winters gelaufen werden. Und während sich die Läufer in den kalten Jahreszeiten die Ausdauer für den Sommer holen, tun sie aktiv auch etwas für das Immunsystem. Die Kölner Lauftrainerin Susan Baumbach hat zudem noch ein paar Tipps für das richtige Winter-Outfit an: „Wenn man so losläuft, dass man nicht friert, dann dauert es circa 15 Minuten, bis es einem zu warm ist. Das erschwert das Laufen dann sehr. Also immer so kleiden, dass man die ersten fünf Minuten friert und weitere zehn Minuten fröstelt. Dann passt es in der Regel, und man fühlt sich wohl beim Lauf.“

„Morgens vor der Arbeit ist es dunkel, und wenn ich abends nach Hause komme, ist es auch schon wieder dunkel. Da fühle ich mich beim Laufen einfach nicht sicher.“

In vielen großen deutschen Städten gibt es Strecken, die durchweg beleuchtet sind. Zudem wird die Auswahl an Kopf- und Brustlampen immer größer. Letztere haben den Vorteil, dass man entgegenkommende Läufer nicht so schnell blendet. Wie bei vielen anderen Ausreden oder Motivationstiefpunkten hilft auch bei dem Dunkelheitsaspekt das Laufen in einer Gruppe. „Es wird zusammen geschwitzt, gearbeitet, aber eben auch viel gelacht. Das beugt dem Winterblues vor“, sagt Coach Susan Baumbach, die gleich mehrere Laufgruppen leitet.

„Laufen ist nicht gut für meine Gelenke.“

Viele medizinische Studien haben sich schon genau diesem Thema gewidmet. Erst kürzlich haben Wissenschaftler der Universität im kanadischen Quebec eine verstärkte Gelenkabnutzung bei Läufern festgestellt. Doch demgegenüber stehen andere Studien, die zum Beispiel auf die positiven Aspekte für die Knorpelstrukturen durch regelmäßiges Ausdauertraining hinweisen. Wer zu Gelenkproblemen neigt, sollte sein Lauftraining medizinisch abklären lassen. Oftmals können schon zusätzliche Kraftübungen helfen. Solche Einheiten sind natürlich auch für beschwerdefreie Läufer eine Top-Trainingsergänzung.

 „Früher bin ich oft gelaufen. Heute habe ich aber keine Kondition mehr. Bevor ich hechelnd nur ein paar Meter jogge, lasse ich das dann lieber ganz.“

Es braucht keine hervorragende Ausdauer, um Laufen zu gehen – Laufen sorgt für genau diese Kondition. Aber das passiert natürlich nur Schritt für Schritt, daher sollten Sie sich immer wieder erreichbare, konkrete Ziele setzen. Statt „ich möchte zwei bis dreimal die Woche laufen gehen“ können Sie direkt zwei feste Tage in der Woche als Lauftage bestimmen und bestenfalls sogar noch mit Freunden Laufverabredungen vereinbaren. Auch die Anmeldung bei einem Straßenlauf in nicht allzu weiter Ferne kann Motivationswunder bewirken

 

Text Kerstin Börß

aktiv Laufen 5/20

TRAINING

TRAINING FÜR JEDES ALTER
Fit bis ins hohe Alter: Mit dem
richtigen Lauftraining gelingt dies mühelos.
GELUNGENER START
Laufeinsteiger und Wiedereinsteiger
– so klappt’s mit dem Laufen.
LIFE SKILLS
Mobilisationsübungen für eine
verbesserte Laufperformance.
LÄUFER-ABC
In dieser Ausgabe beschäftigen
wir uns mit dem Buchstaben I.

ERLEBNIS
POWERFRAUEN

Drei Frauen, drei Urlaube. Faul
rumliegen ist nicht. Stattdessen
wird gelaufen, von leicht bis extrem.
Sommerferien einmal anders.
(N)ADEL VERPFLICHTET
Orientierungslaufen ist ein
Laufsport der besonderen Art.
Mit Kompass und Karte geht’s
Richtung Ziel.
VIRTUELLER WETTKAMPF
Der Hansa Halbmarathon könnte
den Läufern einen tollen Wettkampfersatz bieten.
LAUFZIELE ADE
Ein Event nach dem anderen wird
abgesagt. Was sagen Veranstalter,
wie sieht die Zukunft aus?
LOKALE LEGENDEN
Neu bei Starva: Wer ein Segment
am häufigsten läuft, ist ein Held
LAUFREVIER: KÖLN
In unserer neuen Serie geben wir
Tipps zu den besten Laufstrecken
einer Stadt.

MENSCHEN
DAS ZIEL VOR AUGEN
Wie motivieren sich Deutschlands
Laufstars nach der Absage von
Olympia neu?
GLOSSE: STEREOTYPEN
Verschiedene Lauftypen als
humorvolle Charakterstudie.
RUN, TRAVEL, GROW
Interview: Moritz auf der Heide
über seine Liebe zum Laufen und
seine Reisen.

AUSRÜSTUNG
STRAMME WADEN
Kompressionssocken für Training
und Regeneration.
LEICHTGEWICHT
Florian Neuschwander und
seine Erfahrung mit dem neuen
„Cloudflyer“ von On.
MEHR ENERGIE
Mizunos neue Enerzy-Dämpfungstechnologie
im Check.

GESUNDHEIT
BESSER LAUFEN
Keine Frage des Alters: Laufen tut
nicht nur in jungen Jahren gut.
SOJAMILCH UND CO.
Taugen Milchalternativen für die
Regeneration?
DURSTLÖSCHER
Sportgetränke auf dem Prüfstand.
Darauf sollten Sie achten.
KAMPF DEM KRAMPF
Wie Sie dem Muskelverkrampfen
vorbeugen können.

YWieder-Einsteiger

(Wieder-)Anfänger 

Keine Zeit verlieren, aber Grundlagen schaffen

Wer jetzt erst wieder in sein Training einsteigt, hat nicht viel Zeit. Aber alles auf einmal zu wollen, ohne die Voraussetzungen dafür zu schaffen, ist das Dümmste, was ein Wiedereinsteiger machen kann. Gezielte neue Reize und gleichzeitig viel Regelmäßigkeit sind das Ziel. Um das zu erreichen, helfen auch die folgenden Tipps.  Viele unterschiedliche Reize setzen Um jemanden besser zu machen, der austrainiert ist, braucht es spezifische und sehr spitze Reize. Wer jetzt erst wieder einsteigt, hat dagegen den Luxus, das (fast) alles hilft. Aber auch den Nachteil, das zu viel Gleiches zu schnellen Verletzungen führen kann. Abwechslungsreiches Training macht in diesem Zusammenhang deswegen viel Sinn. Fahrtspiele, also unstrukturierte Tempowechselläufe, Radfahren, Crossfit u. v. m. schaffen eine breite Basis und sind so abwechslungsreich, dass eine einseitige Überlastung verhindert werden kann. Also: Viel trainieren – ja; viel das Gleiche trainieren – nein; wenig trainieren – auch nein.

Gleichmäßigkeit vor Hammerwochen

Grundlagenausdauer braucht leider Zeit. Von einem 8- bis 12-Wochen-Zyklus sollte man schon ausgehen, bevor eine wirkliche Verbesserung stattfindet. Mal eine Woche einen Rekord rauszuhauen kann bei Profis helfen, die bei uns teilweise bis zu fünf Intervalltrainings in einer Blockwoche machen. Das ist aber nur für wenige Läufer was. Die allermeisten profitieren von gleichmäßig gesteigerten Umfängen über viele Wochen hinweg. Also: Lieber langsam anfangen und dann 12 Wochen steigern, als jede zweite Woche eine Hammerwoche raushauen, die nur Strava und den Orthopäden beeindruckt.

Ruhewochen werden überschätzt

Nicht jeder von uns ist Eliud Kipchoge. Okay, eigentlich vermutlich keiner. Kipchoge hat nämlich für seine Sub-2-Vorbereitung einen Plan ohne richtige Ruhewochen durchgezogen. Aber ganz ehrlich: Wer nicht fünf Mal oder mehr in der Woche trainiert, der sollte auch in Ruhewochen seinen Umfang nicht zu sehr drosseln. Dann doch lieber auf Alternativsportarten ausweichen, wie in aktiv Laufen 1/20 beschrieben. Das bringt die mentale Kraft auch zurück und lässt vor allem die Muskeln und Sehnen sich ein bisschen erholen. Das Herz-Kreislauf-System darf aber ruhig weiterarbeiten.

Verletzungen lassen sich nicht vermeiden, aber rechtzeitig erkennen

Achtsamkeit ist mein persönliches Unwort des Jahres 2017–2019. Nicht jeder, der sich verletzt, überarbeitet oder mal krank ist, ist „unachtsam“. Was aber echt helfen kann, ist, an sich rumzu… Okay, was ich sagen will, ist: Wer eine Blackroll benutzt oder seine Muskeln auf Verspannungen abtastet, erkennt frühzeitig, wo etwas nicht in Ordnung ist. Während bei der Arbeit und beim Laufen noch gar keine Schmerzen zu erkennen sind, ist vielleicht schon ein Muskel verspannt und macht sich erst bemerkbar, wenn man in ihn reindrückt und ihn massiert. Wer kennt das nicht von der schmerzhaften Thai-Massage? Auf lange Sicht können solche Verspannungen zu Sehnenreizungen und ernsthaften Verletzungen führen. Also: Mehr rumtasten und Verspannungen lösen, bevor daraus eine harte Verletzung wird. Das ist ganz unbewiesen ein wichtiger Grund, wieso erfahrene Läufer weniger verletzt sind.

Mit Tempowechseln spätere Intervalle vorbereiten

Von 0 auf 100 sofort harte 1.000-Meter-Intervalle zu machen ist völlig unproduktiv und meist auch unmöglich. Tempowechselläufe, die zwischen Marathon, Halbmarathon und Grundlagentempo hin- und herwechseln, helfen schon mal dabei, die sonst nicht benötigten Muskelfasern anzusprechen und den Bewegungsablauf für schnellere Läufe vorzubereiten. Außerdem wird der Wechsel zwischen rein aerober und leicht anaerober (ohne Sauerstoff) Energiebereitstellung trainiert, was nicht nur für Trailläufer sehr interessant ist, sondern auch die schnellere Erholung in Intervallpausen vorbereitet. Jede Teilstrecke sollte dabei aber schon drei Minuten lang sein, bevor wieder beschleunigt bzw. abgebremst wird, damit auch der Enzymbesatz auf den Zellen Zeit hat, sich anzupassen.

Umfang mit Alternativtraining vorbereiten

Alternativtraining ist super, gerade auf Ski oder auf dem Rad. Da jeder, der im Winter Pause gemacht hat, mit einer Umfangsteigerung viel erreichen kann, liegt darauf ein Fokus in der jetzigen Phase – aber auch das nicht ohne Vorbereitung. Jede Umfangsteigerung kann, um die Verletzungsanfälligkeit zu senken, mit Alternativtraining vorbereitet werden. Jede 90 Minuten Radfahren werden nach zwei Wochen Gewöhnung dann zu einer Laufstunde.

Seilspringen, um Sehnen vorzubereiten

Wer noch nicht viermal in der Woche trainieren kann, aber da mal hin will, der kann seinen Sehnen eine Extra-Einheit gönnen. Nach elf Minuten Belastung ist nämlich der Trainingsreiz für unsere Sehnen nicht mehr zu steigern. Wer also zwei Stunden läuft, erreicht den gleichen Effekt wie jemand, der elf Minuten läuft, zumindest für die so verletzungsanfälligen Sehnen. Deswegen empfehle ich, in der Vorbereitung von Umfang und Intensität her mindestens dreimal in der Woche für 2–4 Minuten Seil zu springen. Das hat übrigens ähnliche Effekte wie das Maximalkrafttraining zur Effizienzsteigerung, dabei sind Aufwand und Risiko aber deutlich reduziert. Es wird also mal eindeutig zu wenig Seil gesprungen im Läuferland.

Es ist gar nicht so einfach, die ganzen Tipps in die Tat umzusetzen. Deswegen empfehle ich, den eigenen Plan direkt darauf abzuklopfen, aber viel wichtiger: in 4–6 Wochen sich einen Termin in das Handy zu schreiben, an dem man anhand dieser Punkte das eigene Training kontrolliert und dann anpasst. Nur so lässt sich auch aus Fehlern lernen, und ich verspreche: Jeder, der gerade meint, nichts Neues gelesen zu haben, wird sich in der Rückschau bei ehrlicher Betrachtung wundern, wie wenige Tipps auch wirklich eingehalten wurden. Ein Trainingstagebuch, online (auf welcher Plattform auch immer) oder altmodisch in einem Block, ist dazu auf jeden Fall sehr empfehlenswert.

Sport man suffering from backache at park outdoors, Lower back pain concept

Wenn der Ischias nervt   

Es schmerzt im unteren Teil des Rückens und strahlt bis in den Oberschenkel? Viele Läufer kennen dieses Problem! Ein Facharzt erklärt, was dahintersteckt.

Ich hab Ischias – diesen Satz hat sicher jeder Läufer und jede Läuferin schon einmal von einem Mitglied der Laufgruppe gehört oder vielleicht sogar selbst ausgesprochen. Wer „Ischias hat“, klagt meistens über starke Schmerzen im tiefen Rückenbereich  – auf Höhe der Lende –, die bis ins Bein ausstrahlen. Doch so bekannt und allgemein verbreitet die Phrase auch ist – so unterschiedlich sind die Ursachen, die dahinterstecken können.

Gefahr der Entzündungsreaktionen

Um zunächst zu verstehen, warum besonders Läufer   und Läuferinnen zu Beschwerden mit dem Ischiasnerv   neigen, müsse man laut Marcus Kronschnabl, Facharzt für Neurochirurgie, Chirurgie und kommissarischer Chefarzt  der Abteilung Orthopädie an der Johannesbad Fachklinik Bad Füssing, die Anatomie dieser Körperregion einmal genauer betrachten.

So besteht eine enge anatomische Nachbarschaft zwischen dem Nervus ischiadicus – allgemein als Ischiasnerv   bekannt – dem Hüftgelenk, dem Iliosakralgelenk (auch Kreuz-Darmbein-Gelenk) und den Muskeln, die im Bereich der hinteren und seitlichen Darmbeinschaufel, dem Kreuzbein und der Hinter – bzw. der Innen- und Außenseite des Oberschenkels verlaufen.

„All diese Strukturen werden beim Laufen besonders in Anspruch genommen beziehungsweise belastet. Eine Fehl- oder Überbelastung einer dieser Strukturen führt im weiteren Verlauf auch zur Überbelastung der in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden anatomischen Strukturen und hierzu begleitenden Entzündungsreaktionen“, berichtet der Arzt von möglichen Kettenreaktionen im menschlichen Laufapparat. Diese Entzündungsreaktionen könnten dann zum Beispiel den Ischiasnerv mitbetreffen und die bekannten Schmerzen auslösen.

Auch eine andere Krankheitsgeschichte ist laut Kronschnabl sehr häufig zu beobachten. Eine Überbelastung kann im Bereich der hinteren Beinmuskulatur zu Verhärtungen führen und so den Ischiasnerv reizen. Dieser ist nämlich in eben dieser Muskulatur eingebettet. Natürlich ist auch eine unmittelbare Kompression der Nervenwurzeln, die im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule direkt den Wirbelkanal verlassen und im weiteren Verlauf den Ischiasnerv bilden, durch einen Bandscheibenvorfall oder Einengung der Nervenaustrittsöffnungen möglich und müsste entsprechend abgeklärt werden.

LäuferKrankheit Piriformis-Syndrom

Auch wenn also häufig der Nerv selbst von den Betroffenen als der Schuldige für die Schmerzen vermutet wird, sind es immer wieder die umliegenden Muskelstrukturen und Knochen, die eigentlich die Probleme verursachen oder ihre Reizungen quasi an den Ischiasnerv weitergeben. Wenn ein Knochen die Schmerzen auslöst, sind dem Arzt von der Johannesbad Fachklinik in Bad Füssing zufolge besonders häufig Veränderungen des Kreuzdarmbeingelenks oder der kleinen Zwischenwirbelgelenke im Bereich des unteren Drittels der Lendenwirbelsäule durch zu hohe Belastungen verantwortlich.

„Außerdem ist die sogenannte ischiocrurale Muskulatur zu nennen, das heißt die Muskulatur, die an   der Rückseite des Beines sowie in den tiefen Schichten auch   an der Innen- und Außenseite des Oberschenkels verläuft und deren sehnige Ansätze am Sitzbein, am Kreuzbein sowie an der Innen- und Außenseite des Schienbeinkopfes liegt“, sagt Kronschnabl. Eine Diagnose, die viele Läufer hören, wenn sie beim Arzt „Ich hab Ischias“ sagen, ist zudem das Piriformis-Syndrom. Der Name dieses Syndroms erklärt schon, was genau im Körper betroffen ist.

„Der Musculus piriformis zählt zur tiefen Schicht der Hüftmuskulatur und verläuft von der Vorderseite des Kreuzbeins über die Hinterfläche des Sitzbeines zur Vorderseite des großen in allernächster Nachbarschaft zum Nervus ischiadicus,  der in den meisten Fällen unmittelbar an der Vorderseite   dieses Muskels liegt oder diesen sogar teilweise oder   ganz durchkreuzt.“ Deshalb würden Entzündungsreaktionen am Sehnenansatz des Piriformis-Muskels oft zu begleitenden entzündlichen Veränderungen am Nervus ischiadicus führen.

„Dazu kommt, dass durch entzündlich bedingte Schwellungen des Muskels die Austrittsstelle des Nervus ischiadicus aus dem Becken verengt werden kann und hierdurch der Nerv in seinem Verlauf an dieser Stelle bedrängt wird“, erläutert der Bad Füssinger Experte.

Wieder zurück in die Laufspur

Bei so vielen verschiedenen möglichen Ursachen für die   Schmerzen, die manchmal vom Ischiasnerv direkt herrühren oder den Symptomen nur ähneln und von anderen Strukturen hervorgerufen werden, gibt es natürlich auch   nicht die eine Lösung oder Behandlung. Daher sei eine gründliche ärztliche Untersuchung vor Beginn jeglicher Therapie unbedingt erforderlich. „In den meisten Fällen   dürfte als erster Schritt der Therapie dann der Rückgang der entzündlichen Veränderungen durch medikamentöse und physikalische Maßnahmen im Fokus stehen“, sagt der Arzt. Danach stehe dann auch die Stabilisierung des erreichten Behandlungsergebnisses und die Prophylaxe eines Wiederauftretens im Fokus.

Zu diesem Zeitpunkt ist dann besonders die Physiotherapie gefragt. Die Muskulatur soll dabei gezielt gestärkt werden und darüber hinaus sollen Fehl- und Überbelastungen und die daraus resultierenden Entzündungsreaktionen der Muskel- und Skelettstrukturen vermieden werden. Wahrscheinlich schon am ersten Tag, an dem der Läufer oder die Läuferin von ihrem Arzt eine Diagnose gestellt bekommt, ist der vorherrschende Satz nicht mehr „Ich hab Ischias“, sondern „Kann ich nach der Therapie wieder laufen?“.

Da die Krankheitsgeschichten so verschieden sind,  kann an dieser Stelle natürlich nicht stehen, wie dick der   Abrisskalender sein sollte, den sich der Läufer an seine Wand hängen sollte, bis er wieder durchstarten kann. Aber   dennoch gibt Marcus Kronschnabl unter Vorbehalt generell grünes Licht. „In beschwerdefreiem Zustand, und das heißt, es sollten tatsächlich keine Restbeschwerden mehr bestehen, ist vom Laufen grundsätzlich nicht abzuraten.“

Doch ein paar Einschränkungen gibt er den pausierenden Sportlern dann doch mit auf den Weg: „Es ist allerdings zu beachten, dass nach überstandenen Beschwerden hinsichtlich Trainingsumfang und Trainingsintensität erst einmal vorsichtig wieder mit dem Laufen begonnen werden sollte. Um das Lauftraining auch längerfristig erfolgreich fortsetzen zu können, ohne ein Wiederauftreten der Ischialgien beziehungsweise ischialgieähnlichen Beschwerden zu riskieren, sollten jedoch parallel zum Lauftraining die physiotherapeutischen Übungen in Eigenregie fortgesetzt   werden, die zur Behandlung der ursprünglich auslösenden Ursache durchgeführt wurden.“

Auch ein Alltagsproblem

Dieses Verständnis und die Achtsamkeit in Bezug auf den eigenen Körper sollten allerdings nicht nur beim Laufen vorherrschen. Denn auch wenn es laufspezifische Ursachen für beispielsweise das Piriformis-Syndrom gibt, spielt oftmals auch der Alltag eine Rolle. So ist besonders langes Sitzen schlecht für den Piriformis-Muskel. Ebenso kritisch kann eine schlechte Haltung beim Heben sein. Auch das Portemonnaie ist ein Risikofaktor. Wer dieses konstant in der hinteren Hosentasche hat und sich somit auch auf das Portemonnaie setzt, nimmt auch ein Piriformis-Syndrom in Kauf. 2017 haben sich portugiesische Wissenschaftler genau diesem speziellen Fall gewidmet. Dabei haben sie herausgefunden, dass die Größe des Portemonnaies keine wichtige Rolle spielt – dafür jedoch die Dicke der Geldbörse. Wer also besonders viele Karten und Geldscheine dabeihat und sich konstant auf diese setzt, ist besonders gefährdet.

Muskulatur stärken

In vielen Fällen können Probleme mit dem Ischiasnerv bei Läufern mit einer nicht ausreichend ausgebildeten Rumpfmuskulatur und/oder einer verkürzten Oberschenkelmuskulatur zusammenhängen. Es gilt also wie beim Vorbeugen   vieler typischer Läuferkrankheiten auch hier auf zusätzliches Kraft- und Stabilisationstraining   zu setzen. Auch beim Yoga gibt es viele Übungen, die die in diesem Fall wichtigen Partien des Körpers wie beispielsweise den Gesäßbereich und die Hüften stärken

unser experte:
Marcus Kronschnabl
Beruf: Marcus Kronschnabl ist Facharzt für Neurochirurgie,  Facharzt für Chirurgie sowie komm.   Chefarzt der Abteilung Orthopädie der Johannesbad   Fachklinik in Bad Füssing in der Nähe von Passau (www.johannesbad-fachklinik.de).  
Info:
Immer wieder stehen an der Johannesbad Fachklinik Sportthemen im Fokus. Die Klinik ist zum   Beispiel Teilveranstalter des Bad Füssinger Sportkongresses. Auch der Johannesbad-Thermen-Marathon hat Start und Ziel an der Klinik.

Ohne Titel_klein

Optimiert für die Straße – Salomon Obtivibe Dämpfung

Wer sich mit möglichst viel Komfort auf der Straße laufend bewegen möchte, dem sei eine gute Dämpfung empfohlen. Der französische Hersteller Salomon setzt in diesem Jahr neue Akzente und bringt seine neuartige Optivibe Dämpfung unter des Läufers Füße.

Salomon setzt somit die Erfolgsserie seiner Straßenlaufschuhe fort und kommt mit drei weiterentwickelten SONIC-Modellen auf den Markt: SONIC 3 Accelerate, SONIC 3 Balance und SONIC 3 Confidence. Die neuen SONIC-Modelle sind auf unterschiedliche Lauftypen abgestimmt. Alle Modelle sind mit der neuen OPTIVIBE-Technologie von Salomon ausgestattet. Diese ermöglicht es den Läufern, energiesparender und somit länger zu laufen. OPTIVIBE ist eine einzigartige Kombination von Schaumstoffen, die Dämpfungs- und Antriebseigenschaften miteinander kombiniert.

Ermüdungsinduzierende Vibrationen beim Aufkommen auf dem Boden werden reduziert, ohne dabei die Gesamtleistung zu beeinträchtigen. Eine schnelle, effiziente Übertragung der Vorwärtsbewegung vom Aufsetzen bis zum Abstoß gewährleistet die Geometric DecouplingTM Achse.

 

Und so sehen die neuen Modelle aus:

[caption id="attachment_3379" align="alignleft" width="300"] SONIC 3 CONFIDENCE Der Sonic 3 Confidence ist ein strukturierter Trainingsschuh, für den Fall, dass etwas mehr Stabilität benötigt wird. Sprengung: 10mm, Sohlenhöhe: 30/20mm VK-Preis: 139,95 €[/caption] [caption id="attachment_3377" align="alignleft" width="300"] SONIC 3 ACCELERATE Mit nur 223 Gramm ist der Sonic 3 Accelerate ein leichter Trainingsschuh. Sprengung: 6mm, Sohlenhöhe: 24/18mm VK-Preis: 139,95 €[/caption] [caption id="attachment_3378" align="alignleft" width="300"]Sonic 3 Balance SONIC 3 BALANCE Der leichte Sonic 3 Balance ist ein fortschrittlicher Trainingsschuh für Allround-Performance. Sprengung: 8mm, Sohlenhöhe: 28/20mm VK-Preis: 139,95 €[/caption]