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Juliane Ilgert

Bild: Andreas Astfalck - Privat

DIE ESSENZ DES LAUFENS  

Es ist Pandemie. In allen Lebensbereichen gibt es drastische Einschränkungen – und das weltweit. Laufen aber, das bleibt global legal. Doch Lauftraining ohne Wettkampf, ohne Finisher-Bier, Freunde, Applaus, Konfetti und Ziel – macht das überhaupt Sinn? Eine Überlegung, warum wir eigentlich laufen.

„Nö, null, überhaupt nicht“ – das ist die Antwort auf die mir aktuell so häufig gestellte Frage, ob ich die Teilnahme an Laufwettkämpfen vermisse, die während der Corona-Pandemie reihenweise gecancelled wurden. Enttäuscht sind die Läufer, die ihr Lauftraining an ein bestimmtes Ziel in Form eines Events geknüpft hatten: einen Fünf-Kilometer-Lauf zu schaffen, einen Halbmarathon zu finishen oder eine neue persönliche Bestzeit (PB) beim Marathon aufzustellen. Ohne Event, kein Ziel. Ohne Ziel, kein Sinn. Ohne Sinn, kein Laufen. Klingt nach einer logischen Schlussfolgerung, aus der sich die Frage ergibt: Warum sollten wir dann überhaupt laufen? Vielleicht können Sie aus folgenden Überlegungen Sinnhaftigkeit fürs eigene Laufen ziehen.

ANDERER BLICKWINKEL

Vor Corona begründete ich meine Laufleidenschaft manchmal so: Ich sehe mir gerne fremde, ferne, interessante Städte an, ohne klassische, langweilige Sightseeing-Touren per Bus machen zu müssen. Beim New York Marathon zum Beispiel läuft man zusammen mit mehr als 50.0000 Gleichgesinnten über die Verrazzano Bridge, während ein Hubschrauber auf gleicher Höhe nebenher fliegt, damit Fotografen dokumentieren können, wie Läufer aus aller Welt durch die fünf New Yorker Stadtteile rennen und dabei von den Einheimischen gefeiert werden, während man selbst den unzähligen Bands am Straßenrand zuklatscht.

Beim Paris Marathon sieht man den Eiffelturm von jeder Seite, sogar mehrmals. Beim Zieleinlauf des Berlin Marathons ist ein roter Teppich vor dem Brandenburger Tor ausgerollt, flankiert von einer großen Zuschauertribüne. Wenn dort nach 42 Kilometern, kurz vor der Ziellinie, Hunderte fremde Menschen einem wohlwollend und anerkennend zulächeln, klatschen, laut jubeln und einem beim Vorbeilaufen zig „High fives“ entgegenstrecken, dann treibt das die Tränen in die Augen. Man bekommt Gänsehaut, und das Brandenburger Tor ist auf einmal nicht mehr nur eine Touristenattraktion, sondern es bekommt eine ganz andere Bedeutung.

So verschafft jeder Straßenmarathon dem Läufer ein einmaliges und emotionales Sightseeing- Erlebnis, das unvergessen bleibt. Noch Jahre später kann man auf die schöne Erinnerungsmedaille blicken und stolz denken: „Ja, das war ein geiler Tag, damals in New York. In Paris. In Berlin.“ Bei Bergläufen ist es noch intensiver: Ich liebe es, Gebirge laufend zu überqueren. Man erkundet eine fremde Vegetation, kann an abgelegene Orte und Täler in Regionen kommen, die für Touristen nicht zugänglich sind, und sieht vom Aussterben bedrohte Tiere wie den Adler.

Beim achttägigen „Transalpine Run“ darf man einen Gletscher überqueren und die Alpen auf einer Länge von 270 Kilometern erkunden. Das „Elbrus World Race“ im Kaukasusgebirge war in so abgelegener Wildnis, dass ich mich absolut frei und wie in einem Abenteuerfilm fernab von meinem stressigen Alltag gefühlt habe. Beim „Trans Atlas Marathon“ in Marokko hat mir ein Einheimischer während des Laufs so viel über die Bergdörfer, die Nomaden, deren Kultur und Religion erzählt, dass ich viel mehr Verständnis, Empathie und Toleranz entwickeln konnte. Und bei all diesen Events rund um Sightseeing und Naturerlebnis steht die Gemeinschaft mit anderen Läufern, die Begegnung mit coolen Persönlichkeiten im Vordergrund – das ist es, warum ich laufe. Das Laufen wird hier zur Nebensache. Zum Mittel eines Zwecks. Nicht aber zum Selbstzweck. Hat das mit der Essenz des Laufens zu tun? Nein, null, überhaupt nicht.

IST LAUFEN NICHT LANGWEILIG?

Laufen ist ohne das äußere Tamtam langweilig. Es wartet keine Ziellinie mit kühlem Finisher- Bier, keine applaudierenden Zuschauer, keine Freunde, die einen feiern, keine Medaille, kein Konfetti, keine Anerkennung, keine persönliche Bestzeit, keine fremde Vegetation, die man beobachten könnte und sich damit vom Wesentlichen ablenken. Reduzieren wir das Laufen mal auf das, was es ist: den einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt, Schritt, atmen, Schritt, Schritt, schwitzen, atmen, Schritt, Schritt, Muskeln spüren. Ganz schön langweilig, oder? Da schläft man ja schon beim Lesen fast ein. Streichen wir das ganze Tamtam, dann ist Laufen monoton.

Pure Bewegung, ganz nackig, ohne Glamour, ohne Reisen und ohne Medaillen. Immer gleichbleibende, sich schier endlos wiederholende Schritte. Man spürt den Körper, die Anstrengung, die ersten kleinen Schweißperlen auf der Nase. Und dann läuft er, der Schweiß. Na toll, wie nervig – das bedeutet nämlich, dass man später Wäsche waschen und duschen muss. Und dann fällt auch noch das Atmen schwerer. Der Puls steigt. Klingt bei der ersten Betrachtung eher ziemlich unangenehm. Will man das? Nein!? Warum dann laufen?

LAUFEN IST MEDITATION

Monotonie scheint langweilig zu sein. Und Langeweile finden alle doof, verkehrt und deswegen muss man sie unbedingt vermeiden. Das ist falsch! Der monotone Laufschritt kann meditative Wirkung haben, und das wiederum ist wohltuend und gut für das mentale Befinden: Man taucht ab in eine Bubble. Alltagsstress? Gibt es nicht in dieser Blase. Probleme, Sorgen, Ängste, Trauer, Corona? Bleibt alles draußen. Es zählt nur das Jetzt. Die Welt hat während des Laufens mal Pause. Stattdessen gönnt man sich eine achtsame Auszeit in der eigenen Bubble. Das einzige, was in den Kopf kommt, ist die Frage: Wie fühlt sich das gerade an, das Auftreten auf dem Boden?

Wie fühlt sich der Untergrund an und der Aufprall der Sohle auf ihm? Ein gutes Gefühl, wenn man das tiefe Ein- und Ausatmen an den Nasenwänden spürt, oder? Das Anspannen der Wadenmuskeln fühlt sich kraftvoll an, wenn man sich vom Boden abfedert. Ganz schön funktionstüchtig, der Körper. Jeder Schritt ist gut, egal wie schnell. So fühlt sich Lebendigsein an. Das klingt schon viel besser, oder?

Fast wie Urlaub, Mental-Massage oder Spa. Und das Beste ist: Das gibt es ganz kostenlos, das kann überall praktiziert werden, und es ist sogar während des Lockdowns legal. Es ist auch egal, wie schnell oder langsam man unterwegs ist, oder ob man dick, dünn, dumm oder superschlau ist. Das kann jeder, der einen Fuß vor den anderen setzen kann. Dass das Laufen gesund ist, weiß inzwischen jeder. Aber das es glücklich machen kann – auch ohne Wettkampf, Anerkennung und Ziel – das haben viele so noch nicht erfahren. Sagen Sie doch auch mal: „Nö, null, überhaupt nicht. Diese Lauf-Events brauche ich gerade nicht, ich sehe im Laufen jetzt etwas viel Essenzielleres als Konfetti, Medaillen und persönliche Bestzeit. Nämlich Leben, Glück und Gesundheit!“

Vielleicht ist die Coronakrise die beste Chance, das Laufen auf das Wesentliche, die angenehme Monotonie zu reduzieren und darin die Auszeit für das Kopf-Chaos, eine Pause von Krise und Co. zu finden, einfach nur sein aktives Sein zu spüren und sich lebendig zu fühlen. Oder, wie Ralf Kerkeling, aktivLaufen-Chefredakteur, es auf den Punkt bringt: „Im Prinzip ist es das Laufen um des Laufens willen. Ohne irgendeinen Druck, Zeit- oder Streckenlimit. Das ist zu Beginn eventuell purer Wille, später aber eine Art, sich lebendig und gut zu fühlen.“ Das ist die Essenz des Laufens. Zu Pandemie-Zeiten besonders empfehlenswert. Unsere Empfehlung wäre, einfach ausprobieren. Schritt für Schritt womöglich eine neue Leidenschaft entdecken

TExT Juliane Ilgert
Alter: 28 Wohnort: München Beruf: Juristin & Trailläuferin