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Bild: iStock

Hypnose – Humbug oder Erfolgsrezept?

Mental- oder Hypnosecoaching erlebt in den letzten Jahren einen Boom im Leistungssport. Was genau bewirkt Hypnose eigentlich, und kann sie auch dem ambitionierten Freizeitläufer helfen, seine Grenzen zu verschieben?

Eine Straße im Kölner Westen, gediegene Wohngegend, Vogelzwitschern, absolute Ruhe. Hier befindet sich die Praxis von Frau Wang, ihres Zeichens Ärztin. Seit einigen Jahren ist Frau Wang spezialisiert auf den Bereich Hypnose- und Mentaltraining. Eine Methode, auf die immer mehr Leistungssportler schwören, wenn es darum geht, Leistungsreserven auszuschöpfen, um in Grenzsituationen zuäatzliche Mittel an der Hand zu haben. In Gesprächen mit Läufern, u. a. auch mit der aktiv Laufen-Expertin und Ultraläuferin Anne-Marie Flammersfeld, kommt man immer wieder auf das Thema Hypnose, Selbsthypnose und Mentaltraining zu sprechen. Extremsportler nutzen Bilder, um sich in extremen Situationen wie Hitze, Kälte oder Momenten der totalen Erschöpfung zu helfen. Sie schaffen sich ihre eigene Welt. So wird bei einem Lauf in der Wüste z. B. ein „Kältebild“ im Kopf geschaffen. Tatsachlich wurde bei Untersuchungen nachgewiesen, dass selbst die Körpertemperatur bei geübtem Einsatz durch Selbsthypnose angepasst werden kann. Den Sportlern hilft es in solchen Momenten, weiter leistungsbezogen laufen zu können. Der tranceähnliche Zustand, der nicht nur bei besonders langen Laufen erreicht wird, unterstutzt dabei das Schaffen solcher Ersatzbilder.

Das Unterbewusstsein entscheidet

Woher kommt eigentlich die Hypnose? Das Wort Hypnose stammt von dem altgriechischen Wort Hypnos („der Schlaf“) ab. Der Grund für die Namensgebung ist denkbar einfach: Man sieht, von außen betrachtet, so aus, als würde man schlafen. Der Körper ist dabei vollkommen entspannt, der Geist jedoch fokussiert fokussiert und aufmerksam. Hypnose hat mit Schlaf oder Wegtreten also nichts zu tun. Der deutsche Arzt Friedrich Anton Mesmer experimentierte schon recht früh mit tranceähnlichen Zustanden und prägte dabei den sogenannten Mesmerismus, den Ursprung der heutigen Hypnose.

In der Hypnose sollen sich Körper und Bewusstsein entspannen und ein anderer Teil, nämlich das Unterbewusstsein, aufmerksam zutage treten können. Ein anderer Bewusstseinszustand tritt ein. Diverse Studien konnten belegen, dass das Unterbewusstsein für uns Menschen entscheidet, schon bevor wir eine Handlung bewusst ausfuhren. Das Unterbewusstsein entscheidet sogar haufig uber Handlungen, die man täglich ausfuhrt. Eine einfache Tranceerfahrung ist die tägliche Autofahrt zwischen Zuhause und dem Arbeitsplatz, bei der einem so manches Mal nicht mehr jedes Detail der Fahrt rückwirkend in den Kopf gerufen werden kann. Das Unterbewusstsein lenkt uns also sicher durch den Verkehr. Dieses Wissen kann man für sich nutzen und in der Hypnose das Unterbewusstsein darauf trainieren, bestimmte Handlungen auszuführen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass ein Hypnosecoach niemals gegen das Unterbewusstsein des hypnotisierten arbeiten kann, erklärt Frau Wang. Das Unterbewusstsein schützt sich quasi selbst vor Missbrauch, es nimmt nur Dinge an, die gut und sinnvoll sind.

Konkrete Ziele

Auf den Sport bezogen, lassen sich in einfachen Sitzungen bestimmte Handlungen im Kopf manifestieren, die einem helfen können, über Leistungsgrenzen hinwegzugehen. So können Laufer ihre Leistungen verbessern und den Stress, dem Sie eventuell durch Erfolgsdruck oder Versagensangst ausgesetzt sind, reduzieren. Training ist alles. Neben dem körperlichen Training sollten Sportler auch im Kopf trainieren, erklärt Frau Wang. Das Wiederholen der Körperbewegungen und die Visualisierung des optimalen Laufes in einem mentalen Film sei wie eine Programmierung des Gehirns im Unterbewusstseins auf das Ziel. Neueste wissenschaftliche Studien der Universitäten Freiburg und Jena liefern Beweise dafür, dass im Gehirn unter Hypnose tatsachlich Veränderungen stattfinden. Diese konnten durch PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und die funktionale MRT (Magnetresonanztomographie) festgestellt werden. Jede Vorstellung, jeder Gedanke verursacht eine körperliche Reaktion: „body follows mind“. Der Sportler könne lernen, die Trance, in der er sich befindet, zu lenken und nicht dem Zufall zu überlassen, erklärt Frau Wang weiter.

Schon in einer einfachen Sitzung, bei der der Sportler durch Musik und beispielsweise durch die Konzentration auf einen festen Punkt im Raum in den Trancezustand gebracht wird, kann er bestimmte positive Bilder und „einen mentalen Film“ für den nächsten Marathon mit auf den Weg nehmen. Durch mehrmalige Sitzungen könne der Effekt einer Steigerung der sportlichen Leistung durch Entspannung, Suggestionen und Aktivierung von Ressourcen noch einmal erhöht werden, so Frau Wang. Man lernt, Vertrauen in das Unterbewusstsein zu finden, sich wieder auf sich selber zu verlassen. Eine grundlegend positive Ausrichtung der Gedanken ist dabei wichtig. Auch das Ausrichten auf konkrete Ziele und die Erkennung der richtige Motivation wird in Hypnose trainiert. Da das Unterbewusstsein keine Negation kennt, muss die Ausrichtung klar und positiv formuliert sein, was die Umprogrammierung negativer in positive Ziele gewährleistet: „Ich will das Ziel in 4:00 Stunden erreichen, weil …“ statt „Ich kann das Ziel nicht in 4:00 Stunden erreichen, Hauptsache, ich komme an“. Hierbei sind eine realistische und konkrete Zielformulierung sowie die Ausarbeitung der Motivation das A und O. Abgerufen werden die Bilder im Rennen dann durch Selbsthypnose und die sogenannten Motivationsanker, die in der Hypnose gesetzt werden.

Fazit: Was für Leistungssportler gut ist, kann auch dem ambitionierten Freizeitläufer helfen. Dabei sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass man auf das Lauftraining verzichten und es durch Hypnose ersetzen kann. Hypnose kann  jedoch helfen, eine Leistungssteigerung zu erzielen, Nervosität, Schmerzen und Müdigkeit entgegenzuwirken sowie eine grundsätzliche Verbesserung der physischen und mentalen Entspannung und eine Motivations- und Konzentrationssteigerung vor, während und nach dem Wettbewerb zu erreichen. So kann ein Laufer, der z. B. jedes Mal bei Kilometer 30 aufgrund mentaler Probleme bei einem Marathon stehen bleibt, sich durch Zuhilfenahme positiver Bilder wieder nach vorne pushen und am Laufen bleiben, oder er kann lernen, Schmerzen zu verlagern und auf andere Körperteile abzulenken. Hypnose kann also helfen, dem eigenen Körper wieder mehr zu vertrauen, und mit dieser Erkenntnis kann man sicherlich die ein oder andere individuelle Leistungsgrenze verschieben.