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42nd Berlin Marathon

DER GLÄSERNE LÄUFER

Lauf-Apps, Tracking-Bänder, Waagen – das Angebot an technischen Hilfsmitteln für Sportbegeisterte und Läufer nimmt immer mehr zu. Neben vielen positiven Aspekten birgt die neueste Technik aber auch Risiken.

Text: Kea Müttel

Viele Läufer kennen das. Schon seit Jahren. Man sucht einen neuen Laufschuh, geht in den Fachhandel seines Vertrauens und wird hoffentlich kompetent und ausführlich beraten. Das heißt: Laufschuhe an, rauf auf das Laufband und loslaufen. Der Ablauf wird gefilmt und anschließend am Bildschirm analysiert. Eine Kontrolle des Laufstils – mit medialer Unterstützung. Das einfache Ziel: der perfekt passende Schuh.

Das war lange Zeit aber auch die einzige mediale Beschäftigung mit dem eigenen Laufstil. Häu- fig hieß es einfach: Rein in die Schuhe und los geht’s! Doch auch der womöglich am einfachsten umzusetzende Sport der Welt, das Laufen, ist im digitalen Zeitalter angekommen. Das erste kabellose Herzfrequenzgerät wurde zwar bereits 1983 erfunden, aber erst im vergangenen Jahrzehnt sind die Pulsuhren beim Laufen – auch wegen des sinkenden Preises – immer mehr in Mode gekommen. Am Anfang konnten sie vor allem eines: die Herzfrequenz messen.

Inzwischen aber sind fast alle von ihnen zu viel mehr fähig. Viele sind GPS-tauglich, können also die gelaufene Strecke, Zwischenzeiten und Tempoverläufe messen. Außerdem können einige zum Beispiel auch Schrittfrequenz, Schrittlänge und eine Berechnung des Kalo- rienverbrauchs angeben. Gerade aktuell sind auch die „intelligenten“ Schuhe. Hier werden Daten wie Muskelmüdigkeit und das Aufsetzen des Fußes verarbeitet. Dies wird in diesen Jahr die Statistik und Datenflut, mit der sich Läufer beschäftigen können, auf ein nächstes Level heben. Mit all diesen zusätzlichen Informationen können die Läufer ihre Trainingseinheiten komplett durchplanen und hinterher am Computer noch einmal anschauen und überwachen. Es ist bei verschiedenen Programmen auch möglich, die Messergebnisse in soziale Netzwerke zu stellen oder die Freunde, was die Daten angeht, quasi live am Bildschirm zuschauen zu lassen.

„Bei einigen Programmen hilft ein virtueller Self-Tracking-Trainer oder der Beifall von Freunden, die die Trainingseinheit in den sozi- alen Netzwerken verfolgen können“, schreibt auch die Bewegungs- und Sportexpertin Simone Rohkohl von der DAK-Gesundheit auf der firmeneigenen Homepage. „Wer will, kann seine Daten freiwillig im Internet hochladen und sich mit anderen Sportlern austauschen. Auch für Leistungssportler, die sich in Wettkämpfen messen, sind die digitalen Messgeräte eine sinnvolle Trainingshilfe. Sie sorgen für ein ständiges Update des Leistungsstandes und bei Bedarf für Wettkampfcharakter.“

FITNESSTRACKER

Neben den Pulsuhren gibt es auch noch die sogenannten Fitnesstracker, die in der Regel nicht nur beim Laufen, sondern auch während des normalen Tagesablaufes getragen werden. Diese messen die Bewegungsabläufe des Tages und können sogar den Schlaf überwachen. Mit diesen Trackern wird also quasi der komplette Tag überwacht. Alles wird notiert, gespeichert und kann anschließend abgerufen werden. Diese Fitnessarmbänder sind deutlich preiswerter als Pulsuhren und sollen immer wieder zum Sport ermutigen. Genauso gibt es diverse Apps, die ebenfalls die Schritte zählen und das Training dokumentieren können. „Ich persönlich finde es absolut schade, weil ich der Meinung bin, dass man wieder dahin kommen sollte zu lernen, auf die eigenen Körpersignale zu hören und diese auch richtig zu deuten“, sagt aktiv Laufen-Experte Dr. Stefan Graf dazu und ergänzt: „Das geht ja mit diesen Apps völlig verloren. Ich wundere mich immer: Sonst möchte sich keiner bevormunden lassen, aber da will jetzt jeder die Verantwortung abgeben und achtet gar nicht mehr darauf, wie er sich dabei fühlt.“

Aber nicht nur die geminderte Selbstwahrneh- mung ist ein Kritikpunkt, der oft genannt wird. Forscher der Iowa State University kamen in einer Studie, die im Fachjournal Medicine & Science in Sports & Exercise veröffentlicht wurde, zum Beispiel auch zu dem Ergebnis, dass die Geräte häufig nicht wirklich genau messen.

Dieser Kritik sieht sich auch das Unternehmen Fitbit ausgesetzt. „Kontinuierliche, automatische Aufzeichnung der Herzfrequenz direkt an deinem Handgelenk – nur mit Fitbit.“ lautet der Werbeslogan des Unternehmens für die „Pure Pulse“-Technologie. Doch in den USA wurde Anfang des Jahres sogar eine Sammelklage eingereicht. Auch hier der Vorwurf: Die Herzfrequenzmessungen sollen zu ungenau sein.

KRANKENKASSEN BEZUSCHUSSEN

Das bedeutet, die Fitnesstracker speichern unglaublich viele Informationen und haben diverse Programmiermöglichkeiten, sind aber oft nicht fehlerfrei. Trotzdem haben sich auch einige Krankenkassen dazu entschlossen, die Fitnesstracker finanziell zu fördern. Doch auch hier gibt es kritische Stimmen.

„Immer mehr Krankenkassen zeigen Interesse am Einsatz derartiger Anwendungen. Allen Anwendern, die Fitness-Apps freiwillig her- unterladen, rate ich, nicht unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen und die kurzfristigen finanziellen Vorteile, welche die Datenoffenbarung vielleicht mit sich bringt, gegen die langfristigen Gefahren abzuwägen“, mahnte schon im Juli 2015 die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Andrea Voßhoff. Auch in Bezug auf die Datensicherheit sind bei vielen Bändern bereits Mängel nachgewiesen worden.

Doch die digitalen Hilfsmittel können nicht nur das Trainingsverhalten der Läufer überwachen und speichern – sie beherrschen noch einiges mehr. Inzwischen sind auch „Fitness-Apps“ auf dem Markt, die nicht nur helfen sollen, sich für den Sport zu motivieren und die Leis- tung zu analysieren, sondern auch vielfältig zu trainieren. Diese Apps haben Anleitungen für Stabilisationsübungen, Stretchübungen, Kraftübungen oder gleich mehrere hundert verschiedene Workouts. Wichtig hierbei: Die Nutzer und Nutzerinnen müssen in der Lage sein, die Übungen richtig auszuführen. Gerade bei Kraft- und Stabilisationsübungen können sonst Fehlbelastungen auftreten, und dann sind Verletzungen vorprogrammiert.

Ebenfalls nach dem Sport sehr beliebt sind hochtechnisierte Waagen, die mit persönlichen Auswertungsportalen verbunden sind und so eine genaue Analyse ermöglichen.

Es gibt also die unterschiedlichsten Möglich- keiten, seine Leistungsfähigkeit, sein Bewe- gungsverhalten oder einfach den Körper zu überwachen: mit einer Pulsuhr, einem Fitnessarmband, mit Apps auf dem Handy oder auch mittels einer Waage. Für viele Leistungssportler bieten die Programme eine gute Ergänzung zum eigenen Training, und für Sportmuffel oder Sporteinsteiger können die Self-Tracking-Angebote sogar eine Motivationshilfe sein. Aber nur, wenn sie richtig genutzt werden. Auch ist es wichtig, sich vor dem Start ausführlich mit den Möglichkeiten zu beschäftigen: „Was möchte ich überwachen, warum möchte ich es überwachen und was ist mein Ziel?“

Und obwohl die verschiedenen Geräte zum Beispiel auch die Herzfrequenz messen können, sollten sie nicht mit medizinischen Messapparaten gleichgesetzt werden – dafür sind sie viel zu ungenau.

Das Durchchecken beim Arzt können und sollen sie also definitiv nicht ersetzen. Und sie sollen auch keine Fremdbestimmung des Körpers bewirken. Das Körpergefühl sollte nicht abhanden kommen, sondern durch sie im besten Fall unterstützt werden. Denn am Ende sagt uns immer noch der eigene Körper am besten, was ihm guttut!

Interview

Mit welcher Motivation greifen Läufer auf Fitnesstracker zurück, und wofür können diese hauptsächlich von Nutzen sein? aktivLaufen sprach darüber mit dem Experten Dr. Ingo Froböse.

Dr. Ingo Froböse, der Markt für Fitnesstracker scheint immer weiter zu wachsen. Warum wollen so viele Läuferinnen und Läufer denn überhaupt so viel von sich wissen?

Ich glaube, dass das sehr ambivalent ist. Einerseits wollen sie von sich etwas wissen. Das sind meistens die richtig guten Läufer, die so ein bisschen ihre Trainingserfolge und die Trainingsdosierung dokumentieren wollen und das für sich selbst machen. Und dann gibt es die großen Gruppen der ambitionierten Läufer, nicht der Spitzenläufer, die posen und ihre Leistung auf den Plattformen darstellen wollen. Es wird ja jede einzelne Trainingseinheit dokumentiert, was Spitzensportler niemals machen würden.

Die Tracker sollen ja ihren Trägern helfen, gesünder zu leben und sich mehr zu bewegen. Glauben Sie denn, dass wir eine gesündere Gesellschaft hätten, wenn jeder so ein Tracking-Bändchen tragen würde?

Nein, ich glaube das wäre viel zu einfach. Bei den Men- schen, die einen gewissen Motivationseinstieg brauchen, könnte das bei sehr technikaffinen Personen erst mal hilf- reich sein. Vor allen Dingen erfährt man mal, wie wenig man doch tut. Und zum zweiten wird man so ein bisschen darauf geeicht zu erkennen, wo das eigene Niveau liegt. Aber dadurch eine Verhaltensänderung zu erwarten oder daraus sogar langfristig eine Lebensstilveränderung herbeizuführen, ist Utopie. Nicht durch eine größere Anzahl von Trackern werden immer mehr Menschen aktiv werden, ganz im Gegenteil sogar. Ich habe große Sorge, dass die Menschen dadurch ihr Körperbewusstsein, ihre eigenen Bedürfnisse, komplett negieren und verlieren.

Die Verhaltensweisen können sich also nicht durch Tracker ändern, aber können diese denn mithelfen?

Die helfen sicherlich schon, indem sie erst einmal den Men- schen einen Spiegel vorhalten. Die meisten Leute behaupten immer, gerade was körperliche Aktivität betrifft, dass sie sportlich sind. Ich glaube, hier bekommt man dann so eine gewisse Neutralität, die einem zeigt, wo man steht. Und zum zweiten ist es schön, wenn ich als Anfänger erkenne, ob etwas sich verändert und was sich verändert hat. Zum Beispiel, dass man schon ein bisschen länger oder schneller laufen kann oder dass sich die Herzfrequenz reduziert und angepasst hat.

Marathonqueen Paula Radcliffe

Marathonqueen Paula Radcliffe

Paula Radcliffe ist eine der besten Langestreckenläuferinnen der Geschichte. aktiv Laufen hat sich mit der Britin unterhalten.

Text: Ralf Kerkeling

Als Paula Radcliffe im letzten Jahr ihre Karriere als Profiläuferin im Rahmen des London Marathon beendete, passierte kurz vor dem Start etwas Ungewöhnliches: In dem Moment, als ein Sprecher die 42-Jährige vorstellte, skandierten sämtliche Läufer um sie herum ihren Namen. „Paula, Paula“-Rufe schallten so über den Startbereich. Auch entlang der gesamten Laufstrecke begleiteten die Zuschauer jeden ihrer Schritte mit wohlwollendem Applaus. Paula Radcliffe ist in Großbritannien eine Nationalheldin. Die Wertschätzung des ganzen Landes angesichts ihrer Erfolge konnte man auch an der Tatsache ablesen, dass Prinz Harry ihr nach diesem Lauf, ihrem letzten mit professionellen Ambitionen, eine Art Ehrenpokal überreichte.

Die Reaktionen der Leute bei ihrem letzten Rennen sind verständlich. Nach all den Jahren Leistungssportkarriere, die immer wieder durch Verletzungen unterbrochen wurden, hatte es Radcliffe zum Abschluss an die Marathonstrecke zurückgeführt, auf der sie im Jahr 2003, eine der großen Weltrekordzeiten gesetzt hatte. Ihre Zeit von 2:15:25 Stunden – mehr als drei Minuten schneller als jede Frau in der Geschichte – ist bis heute das Maß aller Dinge, wenn es um Frauen-Marathon geht. Es gibt zahlreiche Fachleute, die ihre Fabelzeit im Leichtathletik-„Pantheon“ ganz weit oben ansiedeln. Doch Radcliffes Vita, die unter anderem den WM-Sieg 2005 im Marathon, zwei Cross-Country-WM-Titel und drei Siege beim legendären New York Marathon umfasst, ist nicht der einzige Grund für ihre Popularität. Es ist wohl auch ihre emotionale Ehrlichkeit.

Zwei Momente ihrer Laufkarriere bleiben im kollektiven Gedächtnis haften: Bei den Weltmeisterschaften 2001, als sie Vierte über 10.000 Meter wurde, weil sie ihre Bahn verlassen hatte, kam es zu einem offenen Streit mit ihrem Ehemann Garry, der rief: „Warum zum Teufel hast du das getan?“. Dann der emotionalste Moment bei den Olympischen Spielen 2004, als sie wieder einmal versucht hatte, bei Olympia eine Medaille zu holen, und ihr Körper sich verweigert hatte. Sie war in Tränen aufgelöst. Eine olympische Medaille blieb ihr bis zum Karriereende verwehrt.

Kampf für einen sauberen Sport

Es gab aber auch noch etwas anderes, das ihre Popularität förderte: ihre völlige Offenheit bezüglich Drogentests. Im Laufe ihrer Karriere forderte sie die Behörden stets auf, mehr zu tun, um die zu finden, die betrügen. Im Jahr 2002 schrieb sie einen offenen Brief an die IAAF und bat darum, ihr Blut und ihren Urin nach dem Zufallsprinzip häufiger zu testen, zudem sollten ihre Proben eingefroren werden, damit diese später mit einer verbesserten Technologie erneut getestet werden könnten. All dies bewahrte sie jedoch nicht davor, in den letzten Monaten, unter anderem nach der Veröffentlichung eines Dopingreports durch den WDR, in einen Generalverdacht zu geraten. Noch zu Beginn dieses Jahres wirkte sie aufgrund der immer wiederkehrenden Vorwürfe angeschlagen. Ihre Reputation als Sportlerin schien gefährdet. Radcliffes Physiotherapeut Gerard Hartmann, der mit ihr 14 Jahre zusammenarbeitete, äußerte sich dazu Ende letzten Jahres in einen Interview mit dem Guardian: „Ich glaube nicht, dass sie emotional jemals noch verletzter sein könnte als im Moment. Wenn man so für einen sauberen Sport gekämpft hat, lassen einen solche Anschuldigungen nicht ruhig schlafen. Aber ich weiß auch in meinem Herzen und meiner Seele, dass sie sauber ist.“

Leidenschaft ist wichtig

Paula Radcliffe steht nach ihrer aktiven Karriere jedoch auch für familiäre Werte ein. So kümmert sie sich in England in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium um mehr Aufklärung im Bereich der gesunden Ernährung für Kinder. Gesundes Essen und mehr Bewegung für Kinder, das liege ihr am Herzen, auch weil sie zwei eigene Kinder habe, sagt sie im Gespräch mit aktiv Laufen. Wichtig sei doch, dass die Kinder sich bewegten und über diese Bewegung den Sport fänden, der zu Ihnen passe, erklärt Radcliffe. Sie selbst habe so den Laufsport gefunden, ihre absolute Leidenschaft. Und dies spürt man sofort, wenn man sich mit ihr darüber unterhält. Sie habe sich einfach immer direkt besser gefühlt, wenn sie haben laufen können und schließlich habe sie herausfinden wollen, wie schnell sie laufen konnte. Dafür habe es auch keiner besonderen Motivation bedurft, so Radcliffe. Sie habe einfach Spaß an diesem Sport, dem sie auch heute noch als Repräsentantin eines großen Sportartikelherstellers und als Moderatorin der BBC erhalten bleibt. Günstig auf ihre Karriere haben sich eventuell ihre Gene ausgewirkt. Ihre gesamte Familie ist absolut sportbegeistert. So entwickelte sich ihre Leidenschaft für den Marathon dadurch, dass sie als kleines Mädchen ihrem Vater beim London Marathon zujubelte.

Auch olympische Medaillen wurden in ihrer Familie gewonnen. Eine Großtante gewann 1920 olympisches Edelmetall bei den Schwimmwettkämpfen in Antwerpen. Diese Leidenschaft für den Sport versucht sie auch ihren Kindern zu vermitteln, die auch schon ihre ersten Laufwettkämpfe absolviert haben. Dabei seien die beiden Kinder sehr unterschiedlich vom Charakter, erklärt sie lächelnd. Während der Sohnemann mehr den Spaßfaktor suche, gehe es der Tochter mehr um den Wettkampfcharakter. Radcliffe betont die Wichtigkeit des Spaßfaktors. Diese Freude am Sport habe ihr beispielsweise auch geholfen, Laufkarriere und Familie unter einen Hut zu bringen. Nicht immer einfach, will man sich eine Karriere in der Leichtathletik aufbauen und davon leben können. Radcliffe hat mit ihrem Weltrekordlauf Maß­stäbe für den Laufsport gesetzt, außergewöhnlich auch deshalb, weil der Sport zumeist von afrikanischen Läufern dominiert wird. Wann ihr Rekord gebrochen wird, steht noch in den Sternen. Dass er eines Tages unterboten wird, steht auch für Radcliffe außer Frage. Sie hofft jedoch, dass dies noch eine Weile dauern wird.

aktiv Laufen Interview Julian Flügel

„Je länger die Strecken, desto besser komme ich zurecht“

Julian Flügels Traum, an der Startlinie des olympischen Marathons zu stehen, geht bald in Erfüllung. Das steht seit kurzem fest. Vorher haben wir den Asics-Frontrunner zum Gespräch getroffen, bei dem er von seinen Zielen, seiner Motivation und der Lust, lange Strecken zu laufen, erzählte.

Interview: Ralf Kerkeling

Herr Flügel, wie sind Sie zum Laufsport gekommen?

Eigentlich durch einen Freund, der Leichtathletik als Leistungssport betrieb. Damals, mit 16 Jahren, habe ich noch Fußball gespielt, und der besagte Freund brachte mich dazu, das Lauftraining auszuprobieren. Bei den ersten lockeren Dauerläufen war ich ganz schnell am Limit, habe aber dennoch Spaß an der Sache gefunden. Die Fortschritte, gerade am Anfang, sind beim Laufen enorm groß. Woche für Woche wurde ich besser, ganz im Gegenteil zum Fußballspielen, wo man viel länger auf einem Leistungsniveau hängen bleibt. Das hat mich fasziniert.

Wann haben Sie denn gemerkt: Da ist mehr drin?

Ich habe von Beginn an fast jeden Tag trainiert und ziemlich schnell den Ehrgeiz entwickelt, im Laufsport besser zu werden. Schnell habe ich gemerkt: Das ist etwas, was mir Spaß macht. Allerdings war ich den unteren Distanzen nie besonders gut. Da lief ich in den ersten Jahren eher in den hinteren Bereichen über die Ziellinie. Ich musste viele Umfänge trainieren und mich nach oben kämpfen. Es war also nicht so, dass ich das Riesentalent war.

Wann ist denn die Entscheidung gefallen, auf die Marathondistanz zu wechseln?

Für mich stand sehr früh fest, dass ich auf lange Sicht zum Marathon wechseln werde, eben weil die kürzeren Strecken nie besonders schnell waren. Je länger die Strecken, desto besser komme ich zurecht. Ich bin auch immer lieber zehn als fünf Kilometer gelaufen. 2014 bin ich dann den ersten Marathon gelaufen, und der war dann ja recht erfolgreich.

Sie sind beruflich viel im Ausland unterwegs. Wie bekommen Sie das Trainingspensum in ihren Alltag integriert?

Es ist nicht immer so ganz einfach, gerade weil ich beruflich viel im Ausland unterwegs bin. In anderen Städten kennt man sich nicht immer aus, da muss man manchmal erst nach einer Trainingsstrecke suchen. In den Wochen, wo ich dann zu Hause bin, ist es einfacher. Meistens gehe ich morgens um 7 Uhr für eine erste 10-Kilometer-Einheit los, nach der Arbeit absolviere ich dann häufig eine zweite Einheit mit Tempo-Einheiten – es können da auch schon mal Dauerläufe mit 35 Kilometern zusammenkommen. Ich habe damit aber kein Problem, ich bin nicht so der Typ fürs Sofa! Motivation ist immer ein großes Thema für Läufer. Haben Sie einen speziellen Trick, um sich selber zu motivieren? Eine besondere Motivation brauche ich eigentlich nicht. Ich kenne das nicht wirklich, dass ich mich überwinden muss, um laufen zu gehen. Natürlich ist nicht jeder Tag gleich, gerade morgens früh ist es schwieriger, aber ich habe immer Spaß daran. Es gehört einfach zum Tagesablauf dazu.

Danke, Herr Flügel!

Abkürzungen

ABKÜRZUNGEN UND ANDERE KLEINIGKEITEN

Beim Langstreckenlauf gibt es immer wieder Athleten, die versuchen, ein paar Kilometer einzusparen, ohne dass es jemand merkt – oder auf andere Weise die Zeitmesssyteme auszutricksen. aktivLaufen schildert einige besonders skurrile Fälle.

Text: Wilfried Spürk

Was sich 1904 in St. Louis, USA, bei den dritten Olympischen Spielen der Neuzeit beim Marathon ereignete, ist heute unvorstellbar. Aber das ist ja auch mehr als 100 Jahre her. Damals verlief die Strecke über unbefestigte Straßen, auf denen Begleitfahrzeuge und -pferde so viel Staub aufwirbelten, dass die Läufer Hustenattacken erlitten. Es gab nur eine Wasserstelle für die Athleten, zu trinken gab’s unterwegs auch mal einen Schluck Brandy – jedenfalls für US-Boy Thomas Hicks, und der gewann den Lauf immerhin. Doch wir wollen eigentlich eine andere Geschichte dieses unglaublichen Wettkampfs erzählen. Die von Frederick Lorz, der sich für einige Minuten als Olympiasieger feiern ließ, obwohl er wenig mehr als die Hälfte der 42,195 Kilometer gelaufen war.

Die Tochter des damaligen US-Präsidentin Theodore Roosevelt, die 20-jährige Alice, setzte Lorz einen Siegerkranz auf den Kopf und wollte ihm gerade die Goldmedaille umhängen, als jemand rief: „Halt! Er ist ein Betrüger!“ Buhrufe ertönten, und der vermeintliche Triumphator bekannte lächelnd, er habe sich nur einen Scherz erlauben wollen, aber nicht beabsichtigt, die Auszeichnung anzunehmen. Der damals 20-Jährige war, früh von Krämpfen geplagt, große Teile der Strecke in einem Begleitfahrzeug mitgefahren und dann wieder in den Lauf eingestiegen, um „zum Scherz“ als Erster die Ziellinie zu überqueren. Die Jury hatte Lorz zu dem Zeitpunkt schon disqualifiziert, dennoch wäre es beinahe zur falschen Siegerehrung gekommen. Heutzutage unvorstellbar? Ja, inzwischen dauert es meist viel länger, ehe ein derartiger Betrug aufgedeckt wird …

SCHNELLER PER U-BAHN

Im Jahr 1980 gewann die in der Szene völlig unbekannte Rosie Ruiz – vermeintlich – den Boston-Marathon in 2:31:56 Stunden, der bis dahin drittschnellsten Zeit im Damenbereich. Allerdings konnte sich anschließend kein anderer Teilnehmer daran erinnern, Ruiz auf den ersten 40 Kilometern gesehen zu haben. Und dass man schon wenige Minuten nach dem Zieleinlauf keine Spur von Erschöpfung mehr bei ihr erkennen konnte, erregte zusätzlich Verdacht. „Ich bin heute Morgen mit viel Energie aufgestanden“, erklärte sie.

Recherchen förderten jedoch eine andere Wahrheit zu Tage. Ruiz hatte sich 1979 beim Marathon in New York in ihrem ersten Langstrecken- rennen überhaupt für Boston qualifiziert, mit einer ebenfalls bemerkenswerten Zeit. Kein Wunder: Die 26-Jährige war ein Stück mit der U-Bahn gefahren und dann kurz vor dem Ziel wieder auf die Strecke gesprungen. Wie genau sie in Boston vorgegangen war, wurde nicht geklärt, möglichwerweise war ihr nicht bewusst, dass sie so weit vorne lag. Die Indizien sprachen jedenfalls eindeutig dafür, dass sie abgekürzt hatte. Ruiz wurde aus den Ergebnislisten gestrichen.

Der Fall Ruiz mag wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Inzwischen sind wir in der Ära der Zeitmessung per Mikrochip angekommen. Seit 1993 wird diese Technologie im Langstrecken- lauf eingesetzt. Abkürzungsbetrügern kommt man vor allem durch Messmatten auf die Spur, an denen jeder Läufer mit einer Zwischenzeit registriert wird. Fehlen eine oder mehrere Zwischenzeiten, hat der Läufer diese Punkte wohl nicht passiert. Die Zahl der Messstellen ist je nach Veranstaltung unterschiedlich; beim Berlin-Marathon, einem der renommiertesten Lauf-Events der Welt, ist alle fünf Kilometer eine installiert.

MEXIKANISCHES WUNDER

Im Jahr 2007 sorgte in Berlin Roberto Madrazo, mexikanischer Präsidentschaftskandidat 2006, für Aufsehen. Jubelnd lief er über die Ziellinie. In 2:41:11 Stunden hatte der damals 55-Jäh- rige seine persönliche Bestzeit um fast eine Stunde verbessert – und war Sieger in seiner Altersklasse M55 geworden. Bildaufnahmen zeigen ihn beim Zieleinlauf mit dicker Wind- jacke, einer langen Laufhose und Mütze. Fotograf Victor Sailer kam das angesichts von Temperaturen von 16-17 Grad komisch vor: „Alle anderen auf diesen Bildern tragen T-Shirts und Shorts, und der Kerl hat eine Jacke an und eine Mütze auf“, sagte Sailer. Er witterte Betrug und teilte dies den Veranstaltern mit. Am folgenden Tag gaben die Organisatoren die Disqualifikation Madrazos bekannt.

Die Überprüfung der Zwischenzeiten ergab Fol- gendes: Madrazo absolvierte die ersten 20 Kilometer in 1:42:42 Stunden. Danach wurde erst wieder am Kontrollpunkt bei Kilometer 35 für „Speedy Gonzalez“, wie er in der Presse später genannt wurde, eine Zeit gemessen – und der Mexikaner schien ein Wunder vollbracht zu haben: Nur 21 Minuten hatte er für die 15 Kilometer benötigt; die Weltbestzeit für 15 Kilometer liegt heute bei 41:13 Minuten. Des Rätsels Lösung: Madrazo war wohl zum 35-Kilometer-Punkt geschlendert, da die Mess- punkte 20 und 35 nur einige Hundert Meter voneinander entfernt lagen. Er erklärte später, er habe sich unterwegs verletzt und nur in den Zielbereich gewollt, um seine Sachen zu holen. Na ja: fest steht, dass Madrazo nichts unternahm, um die Sache selbst aufzuklären. Und warum jubelte er beim Zieleinlauf so?

UNTER BEOBACHTUNG

Wer wie Madrazo im Gesamtklassement oder in seiner Klasse weit vorne platziert ist, steht unter besonderer Beobachtung. Aufmerksame Tempomacher und manchmal auch Begleitrad- fahrer sorgen heutzutage mit dafür, dass die Athleten nicht auf dumme Gedanken kommen. Videoaufzeichnungen helfen bei der Beweis- führung, wenn tatsächlich bei einem Läufer Zwischenzeiten fehlen. Es kann durchaus passieren, dass ein technisches Problem der Grund ist. „Das ist aber nur in weniger als einem Prozent der Fälle so“, sagt Nicole Hafner, Geschäftsführerin der Firma NeoMove, die bei einigen Laufveranstaltungen als Partner der Organisatoren für die Zeit- und Datenerfas- sung zuständig ist. Aus Erfahrung weiß sie, dass bei kleineren Runs immer mal wieder „ein oder zwei“ Teilnehmer dabei sind, die zu betrügen versuchen. Warum manche Läufer ohne jegliche Sieg- oder Rekordaussichten ihre

Ergebnisse aufpolieren wollen, indem sie ein paar Kilometer auslassen, darüber kann nur spekuliert werden.

DER (FAST) PERFEKTE BETRUG

Neben der Abkürzung ist bei Betrügern eine weitere Methode beliebt: den Chip jemand anderem zu geben. Zu zweifelhafter Berühmt- heit gelangten die Brüder Sergio und Sefako Motsoeneng. Mit einer gewieften Taktik wollte Sergio, damals 21 Jahre alt, den traditio- nellen Comrades Run in Südafrika über 87 Kilometer gewinnen. Er ließ einen Teil der Strecke seinen zwei Jahre jüngeren Bruder für sich laufen. In einem Toilettenhäuschen bei Kilometer 20 übernahm Sefako den Chip und Sergios Kleidung. Später übernahm dann der Ältere wieder, der zwar den Traum vom Sieg nicht realisierte, aber als Neunter noch eine Geldprämie erlief. Da sich die beiden sehr ähnlich sahen, war zunächst niemandem was aufgefallen. Erst Monate später kam ein misstrauischer Konkurrent auf die Idee, Foto- aufnahmen vom Rennen zu checken.

Darauf sieht man: Derselbe Läufer – vermeintlich Sergio Motsoeneng – hatte einmal die Uhr am rechten Arm, einmal am linken, ein Mal pinkfarben, ein Mal cremefarben. Damit kam die Sache ins Rollen, auf Anraten eines Anwalts gaben die Brüder den Betrug zu. Gezielt ging auch die Liechtensteinerin Kerstin Metzler-Mennenga vor. Aufgeflogen ist sie nach dem Berlin-Marathon 2007, wo sie in 2:42:21 Stunden Landesrekord lief und die Olympia- Norm schaffte. Wie sich herausstellte, hatte die damalige Studentin einen männlichen Läufer unter dem Vorwand, eine wissenschaftliche Studie zu betreiben, und mit einer Prämie von 100 Euro dazu überredet, außer seinem eigenen auch ihren Chip zu tragen.

Nach dem Lauf fiel dem „Ghostrunner“ auf, dass eine Läuferin mit den exakt gleichen Zeiten wie er selbst aufgeführt war. Er meldete es dem Veranstalter, und der Betrug wurde entlarvt. Später gestand die Frau aus Liechtenstein, schon in Hamburg 2007 und Frankfurt 2006 dieselbe Methode angewendet zu haben. In Hamburg hatte sie ebenfalls vermeint- lich Landesrekord erzielt und sich sogar für die WM 2007 qualifiziert, wo sie 53. wurde. Einen Rekord hat Metzler-Mennenga übri- gens ganz regulär aufgestellt: den über die Halbmarathon-Distanz im Rückwärtslaufen. Klingt skurril, ist aber wahr. So wie die hier erzählten Geschichten von Laufbetrügern.

Hier die Top-Five der Betrüger:

Kielder, England (2011)

Rob Sloan belegte beim Marathon im englischen Kielder Platz 3. Nur: Kein Mitläufer hatte ihn auf den letzten 10 km gesehen, Kein Wunder: Er war etwa bei km 32 in einen Bus gestiegen, mit dem er bis kurz vors Ziel fuhr.

Singapur (2013)

Konditormeister Tam Chua Puh kam beim Singapur- Marathon in starken 2:45 Stunden ins Ziel, als erster Läufer des Stadtstaats. Tatsächlich war er nach sechs Kilometern verletzt ausgestiegen und dann ins Ziel gegangen. Er sagte, er habe nur Finisher-Shirt und -Medaille haben wollen. Wie übrigens schon bei anderen Läufen, wo er ebenfalls abgekürzt hatte.

Berlin (2014)

Peter S. gewann beim Berlin- Marathon die Klasse M75 in 3:30:14 Stunden, deutlich vor dem Zweiten. Fotos zeigten allerdings, dass mit der betreffenden Startnummer zwei Personen gelaufen waren – Vater und Sohn. Sie hatten unterwegs den per Klettband befestigten Chip mehrmals gewechselt.

St. Louis (2014)

Kendall Schler kam beim St.- Louis-Marathon als Erste ins Ziel, ließ sich strahlend mit Ex-Olympiasiegerin Jackie Joyner-Kersee fotografieren. Aber: Sie hatte kein einzige Zwischenzeit, war wohl erst kurz vor dem Ziel auf die Strecke gesprungen.

Ulm (2015)

Beim Einstein-Marathon in Ulm gewann Meike Rauer. Doch nach einigen Tagen war bewiesen, dass sie nicht die komplette Strecke absolviert hatte. Sie selbst behauptete, unbeabsichtigt aufgrund undurchsichtiger Streckenführung falsch gelaufen zu sein.

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Allez les Bleus

Bei den IAU Trail World Championships in Annecy wurde das Heimspiel für die Franzosen zu Festspielen: Bei allen vier Siegerehrungen wurde am Ende die „Marseillaise“ gespielt. Das deutsche Team, für das auch aktiv Laufen-Expertin Anne-Marie Flammersfeld an den Start ging, musste im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn mit leerem Magen nach Hause gehen. Ein Erlebnisbericht.

Text: Daniel Becker

Es ist kurz nach 18:00 Uhr in Annecy, der Perle der französischen Alpenstädte. Anne-Marie Flammersfeld hat Hunger. Den gesamten Tag ist die erfolgreichste deutsche Extremsportlerin gelaufen, gestartet wurde in der Nacht. Genau elf Stunden, 21 Minuten und drei Sekunden. 85 Kilometer, rund um den Lac d’Annecy, den traumhaft gelegenen See, um den herum das Leben in der Hauptstadt des Départements Haute-Savoie in der Region Rhône-Alpes organisiert ist. Dabei musste sie, wie die anderen 285 Athletinnen und Athleten, die bei der Trail-WM um Titel, Medaillen und Platzierungen gekämpft haben, 5.300 Höhenmeter bewältigen. Verständlich, dass danach der Magen knurrt.

Für 20 Uhr hat der Veranstalter ein großes Buffet für alle Teilnehmer und Betreuer im größten Zelt des Athletendorfes angekündigt. Mit der Griechin Spyridon Xenitidis wird nur wenige Minuten vorher auch die letzte WM-Teilnehmerin das Ziel an der Seepromenade erreicht haben. Weit hat sie es danach zum Glück nicht. Das Zelt liegt direkt gegenüber der Zielgeraden.

Im Schatten der Großen

Für das deutsche Team haben sich zusammen mit Anne-Marie Flammersfeld fünf weitere Frauen (Pamela Veith, Simone Philipp, Anja Karau, Julia Fatton und Ildiko Wermescher) sowie sechs Männer (Rudi Döhnert, Marcus Biehl, Martin Schedler, Matthias Dippacher, Anton Philipp und Florian Reichert) auf den Weg zur Trail-WM nach Annecy gemacht. Zur Unterstützung ist auch ein kleiner Stab an Betreuern und Helfern mit angereist. Alle deutschen Athleten sind mittlerweile im Ziel angekommen. Die gesamte Gruppe sitzt im Athletendorf unter einem der großen, schattenspendenden Bäume zusammen. Manche dösen ein wenig, andere pflegen ihre Wunden, der Rest lässt das Rennen gemeinsam Revue passieren. Schon den ganzen Tag lang haben sich über den Gipfeln der Alpenriesen nur kleine Schleierwolken blicken lassen.

Im Tal war es angenehm warm, oben in den Bergen, auf streckenweise über 1.500 Metern, nicht zu kalt – zumindest nach Tagesanbruch. Traumhafte Laufbedingungen also. Auch jetzt, kurz vor Beginn der Dämmerung, zeigt das Thermometer noch 24 Grad an. Weil das Athletendorf aber nicht genügend Plätze zur Abkühlung bietet, haben sich viele Läufer rund um den gesamten Zielbereich ihren Ruheplatz gesucht. So mancher hat auch schon ein kühles Bad im Lac d’Annecy hinter sich. In dem See, um den sich für die Athleten in den Stunden zuvor im wahrsten Sinne des Wortes alles gedreht hat. „So langsam würde ich aber wirklich gerne mal was essen“, sagt Anne-Marie Flammersfeld und blickt neugierig in Richtung Zelt. Es ist kurz vor 19:00 Uhr.

Grande Nation

Sechzehn Stunden zuvor, um 3:30 Uhr nachts, war der Startschuss für die IAU Trail World Championships, so der offizielle Titel des Rennens, gefallen. Vier Wertungen wurden ausgetragen. Neben den Einzelwertungen wurde für Männer und Frauen zusätzlich eine Teamwertung ausgetragen. Die Zeiten der schnellsten drei Athletinnen und Athleten wurden dabei jeweils addiert. Bei den Frauen liefen die drei besten deutschen Starterinnen unter die Top 35.

Am erfolgreichsten war mit Platz 18 Ildiko Wermescher (11:17:17 Stunden). Anne-Marie Flammersfeld, den Lesern dieser Zeitschrift als „Wüstenkönigin“ und aktiv Laufen-Expertin bekannt, kam knapp dahinter auf Platz 21 ins Ziel (11:21:03 Stunden). Als drittbeste Deutsche schaffte Simone Philipp Rang 35 (11:49:01 Stunden). Das reichte für die Frauen hinter Frankreich, Spanien und Italien am Ende für einen starken vierten Platz in der Mannschaftswertung: „Mit der Einzel-Platzierung bin ich absolut zufrieden, vor allem wenn man bedenkt, dass das ein Weltmeisterschaftsrennen war und so viele Topläuferinnen am Start waren“, erzählt Flammersfeld nach dem Rennen.

Ein kleiner Wermutstropfen: Mit etwa zwölf Minuten hatte das deutsche Team keinen allzu großen Rückstand auf den Bronzerang, den die Frauen aus Italien belegten.: „Auf jeden Fall hätten wir in der Teamwertung gerne eine Medaille gewonnen. Der vierte Platz ist trotzdem absolut in Ordnung, aber eine Medaille wäre einfach das i-Tüpfelchen gewesen“, so Flammersfeld. Die Männer- mannschaft musste sich am Ende mit dem siebten Rang zufriedengeben. Schnellster deutscher Läufer war Matthias Dippacher auf Rang 26 (09:35:26 Stunden). Die Zeiten von Rudi Dohnert (Rang 38, 09:51:27 Stunden) und Marcus Biehl (Rang 42, 10:01:01 Stunden) gingen ebenfalls in die Mannschaftswertung ein. Auch hier gewann Frankreich. Auf den Plätzen zwei und drei folgten die Mannschaften aus den USA und Großbritannien.

Technische Störung

Der schnellste Deutsche, Matthias Dippacher, scheint nach dem Rennen von allen Läufern im Team am entspanntesten zu sein. Im ersten Gespräch mit ihm streikte das Tonbandgerät nach wenigen Sekunden. Das fiel jedoch leider erst am Ende auf. Für Dippacher kein Problem. Er lässt sich auf seinem Stuhl ganz weit nach unten rutschen und zieht sein Fazit ein zweites Mal: „Nach dem Rennverlauf bin ich mit meiner Platzierung sehr zufrieden. Nachdem ich bei der ersten Verpflegung noch irgendwo zwischen Rang 60 und 80 lag, bin ich sehr happy, dass ich noch nach vorne laufen konnte.“

Wie im Team, so führte auch in der Einzelwertung an den heimstarken französischen Athleten kein Weg vorbei. Und das, obwohl sich in Annecy die gesamte Weltelite versammelt hatte. Im Rennen der Männer hatte sich im Vorfeld alles auf den spanischen Topfavoriten Luis Alberto Hernando konzentriert, der als absoluter Star der Szene gilt. Am Ende entwickelte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und dem Franzosen Sylvain Court.

Den letzten Aufstieg hinauf zum Mont Baron hatten beide noch Seite an Seite bestritten, bergab zahlte sich dann die Ortskenntnis des Franzosen aus, der gemeinsam mit seinem gesamten Team im Vorfeld der WM die komplette Strecke in Etappen abgelaufen war. Court konnte Hernando abhängen und am Ende seinen Vorsprung bis ins Ziel sogar auf 3:28 Minuten ausbauen. Auf Rang drei lief mit Patrick Bringer ebenfalls ein Franzose. Bei den Frauen konnten die vielen Zuschauer sogar einen französischen Doppelsieg bejubeln: Nathalie Mauclair konnte ihren WM-Titel aus Wales erfolgreich verteidigen, auf Platz zwei kam ihre Landsfrau Caroline Chaverot vor der Spanierin Maite Mayora ins Ziel.

Abgekämpft und glücklich

Mittlerweile ist es kurz vor 20 Uhr. Die Vorbereitungen für das sehnsüchtig erwartete Festmahl laufen noch auf Hochtouren, die letzten Caterer eilen mit noch zugedeckten Tabletts in das Zelt hinein. Bei der deutschen Mannschaft ist trotz der zurückliegenden Anstrengungen und des immer größer werdenden Hungers die Stimmung hervorragend. Irgendwie scheint alles in Ordnung zu sein, wenn man nach 85 Kilometern gemeinsam über das Erlebte sinnieren kann. Der gute Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, aus der sich vor dem WM-Projekt einige Sportler untereinander noch gar nicht kannten, ist auffällig. „Wir sind als Team hier angetreten, und schon im Vorfeld haben alle harmonisch und sehr angenehm miteinander agiert“, erzählt Jens Lukas, DLV Teammanager Ultratrail. Natürlich hätte auch Lukas zumindest eines seiner Teams gerne auf dem Podium gesehen. Dennoch ist er zufrieden – vor allem mit dem Ergebnis der Frauenmannschaft.

Denn in Deutschland herrschen im Hinblick auf Ultratrail nicht gerade optimale Bedingungen: „Außer im direkten Alpenraum sind in Deutschland einfach nicht die Trail-Möglichkeiten gegeben wie zum Beispiel in den USA oder in Spanien, Portugal, Italien und Frankreich. Das sind im Ultratrail einfach die Nationen schlechthin. Wir haben uns mit den Läuferinnen aus diesen Nationen fast im Schulterschluss bewegt und können daher auch zufrieden sein“, erklärt er.

Wer derweil im Athletendorf hinter die Streckenabsperrungen in Richtung See blickt, sieht noch immer in regelmäßigen Abständen Hobbyläufer auf ihren finalen Metern vor dem Zieleinlauf. Manche quälen sich mit den letzten Kraftreserven über die Linie, andere können noch jubeln und feiern ihre Ankunft mit den zahlreichen Zuschauern am Rand. Bis 24 Uhr wird das noch so weitergehen. Der Grund: Neben der Trail-WM, die zum ersten Mal in Annecy ausgetragen wurde, fand wie jedes Jahr an gleicher Stelle auch wieder das „Tecnica MaXi Race“ statt. Heute Morgen machten sich, anderthalb Stunden nach dem Start des IAU-Rennens, auch 2.000 Hobby-Läufer auf den Weg – über die gleiche Strecke, die auch die WM-Teilnehmer bewältigen mussten. Jetzt begrüßt ein unermüdlicher Ansager über Mikrofon jeden Zielankömmling so ausführlich, als würde er ihn persönlich kennen. Seine Stimme hallt durch das ganze Athletendorf und streitet mit der Musik, die gleichzeitig aus den Boxen strömt, um Aufmerksamkeit.

Wer bis Mitternacht die Ziellinie nicht überquert hat, ist kein Finisher. Bei den jetzt noch einlaufenden Hobby-Athleten spielt die Zeit aber schon längst keine Rolle mehr. Der Weg war das Ziel. Und den Läufern ist in ihren Gesichtern anzusehen, dass dieser Spruch keine abgedroschene Läuferphrase ist. In ihnen zeigt sich diese besondere Mischung aus Erschöpfung und Glück, die sich nur nach ultimativer Verausgabung einstellt. Der Ausdruck in den Gesichtern steht für ein verbindendes Gefühl, etwas, das ambitionierte WM-Teilnehmer und Hobbyläufer miteinander verbindet. An diesem Abend haben die Freizeitathleten sogar noch einen großen Vorteil. Sie organisieren ihr Abendessen selbst. Im Athletendorf gibt es anstelle des erhofften Riesenbuffets für die Athleten schlicht eine Auswahl kleiner Finger-Food-Häppchen. Keine Medaille für das Essen. Der Magen knurrt noch eine Weile. Annecy, Perle der französischen Alpenstädte. Kurz nach 20 Uhr.

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Mit 38 Jahren auf den Olymp

Constantina Dita gelang im Spätsommer ihrer Karriere der große Coup. Wir erinnern in unserer Rubrik „Legenden“ an ihren Alleingang zu Gold bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking.

Text: Daniel Becker

Die Entscheidung im olympischen Marathonrennen der Frauen 2008 in Peking fiel nach etwa 20 Kilometern. Die damals 38-Jährige Rumänin Constantina Tomescu-Dita erhöhte das Tempo deutlich und setzte sich vom Rest der Spitzengruppe ab. Nur wenige Sekunden, nachdem sie ihren Alleingang gestartet hatte, musste die Britin Paula Radcliffe eine erste Dehnpause einlegen. Eine im Vorfeld diagnostizierte Übermüdungsfraktur hatte für die Weltrekordhalterin eine angemessene Vorbereitung auf Olympia unmöglich gemacht. Das Duell der europäischen Topläuferinnen war damit zuguns­ten der Rumänin entschieden. Auch die weiteren Favoritinnen, allen voran die spätere Silber-Medaillen-Gewinnerin Catherine Ndereba aus Kenia und die Bronze-Gewinnerin Zhou Chunxiu aus China, konnten dem Tempo von „Pusa“ (sprich: Puscha) nicht mehr folgen – ungefährdet lief sie zu Gold.

Mehr als nur eine Randnotiz: Dita ist seit diesem Erfolg die älteste Marathonsiegerin in der Geschichte der Olympischen Sommerspiele. Volles Risiko bei der Flucht nach vorne Constantina Dita, die bis 2008 unter dem Namen ihres damaligen Mannes Tomescu startete, war zu ihren stärksten Zeiten in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends dafür bekannt, ihre Rennen von vorne weg zu gestalten – und damit auch immer einen Einbruch zu riskieren. Beim Chicago-Marathon 2006 hatte sie zwischenzeitlich gut zwei Minuten Vorsprung auf die Verfolgerinnen herauslaufen können.

Am Ende fehlte ihr die Kraft, es reichte nur zu Platz fünf. Dennoch wählte sie auch zwei Jahre später beim olympischen Marathon in Peking wieder dieselbe Taktik – und wurde am Ende mit Gold belohnt. So richtig fassen konnte sie ihr Glück damals nicht: „Ich habe schon daran gedacht, eine Medaille einheimsen zu können, aber daran, zu gewinnen? Niemals“, so Dita. Vier Jahre später nahm sie in London noch einmal an Olympischen Sommerspielen teil und belegte den 86. Platz. In ihrer Heimat bleibt dennoch natürlich der Sieg von 2008 in Erinnerung, die sympathische Läuferin ist in Rumänien noch immer ein Superstar.

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„Laufen macht mir halt wahnsinnig viel Spaß“

Die Desert Queen Anne-Marie Flammersfeld will nicht nur in der Wüste laufen. Momentan ist sie verstärkt im alpinen Raum unterwegs. Ein Gespräch über mentale Stärke und den Wunsch, neue Grenzen auszutesten.

Interview: Ralf Kerkeling

Frau Flammersfeld, Sie haben eine neue, besondere Leidenschaft. Vom tiefsten Punkt eines Landes auf den höchsten zu laufen. Wie kommt man auf solch eine Idee?

Anne-Marie Flammersfeld:  Ich saß mit einem Freund in einem Skilift, und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm vom tiefsten Punkt zum höchsten Punkt der Schweiz mit dem Mountainbike zu fahren. Ich fand das direkt gut, aber da ich ja Läuferin bin, wollte ich das Ganze auch laufend absolvieren. Ich habe mir also Kartenmaterial besorgt, um das logistisch zu planen, und bin dann in Ascona losgelaufen. Insgesamt waren das 220 Kilometer und 9.500 Höhenmeter im Aufstieg. Es hat fünf Tage gedauert, bis ich oben auf der Dufourspitze  (4.634 Meter) gestanden habe.

Aber das ging ja nicht nur laufend vorwärts …

Im oberen Teilstück musste ich klettern. Das war dann eine gute Mischung zwischen Trailrunning und Bergsteigen. Ab Zermatt bin ich in die Bergsteigerstiefel umgestiegen und ab dort mit Seil und Eispickel weitergelaufen. Das macht natürlich auch total viel Spaß, solche Kombinationen. Nachdem der erste Lauf so gelungen war, haben wir uns überlegt, dass wir dieses Projekt weiter fortführen wollen. Auf jedem Kontinent wollen wir in den nächsten Jahren in dem bewährten Bottom-Up-Stil die jeweils sieben höchsten Vulkane besteigen. Letztes Jahr waren wir im Iran und sind dort auf den Mount Damavand (5.600 Meter). Das ist der höchste Vulkan Asiens. Dieses Jahr ist der Kilimandscharo in Tansania dran. Wir werden nördlich von Daressalam starten und fahren zunächst mit dem Bike, das sind rund 400 Kilometer, und dann wollen wir in vier Tagen auf dem Kilimandscharo (5.885 Meter) sein. Nach diesem Projekt starte ich nochmals, um vom Eingangstor des Nationalparks am Kilimandscharo nonstop auf den Gipfel zu rennen.

Sie kommen ursprünglich aus dem Handballsport und haben zeitweise in der dritten Bundesliga gespielt. War Laufen zu dieser Zeit eine rein konditionelle Maßnahme, oder sind Sie auch damals schon gerne lange Strecken gelaufen?

Laufen diente damals mehr zur Auffrischung der Kondition. Zum richtigen Laufen bin ich eigentlich erst durch den Umzug in die Berge gekommen. Dadurch, dass es keine Handballvereine hier vor Ort gibt, bin ich halt die Berge rauf- und runtergelaufen oder gewandert. Bei den Wanderungen waren mir die Abstiege irgendwann zu langweilig. Also bin ich mit Wanderschuhen die Berge runtergelaufen und hab die dicken Schuhe schließlich ganz zu Hause gelassen. Ab dann bin ich nur noch mit Sportschuhen los. Ich habe versucht, möglichst schnell die Berge rauf- und runterzulaufen, ziemlich schnell gemerkt, dass ich gut zurechtkomme, und schließlich erste Wettkämpfe probiert. Bei einem 20-Meilen-Rennen im Rahmen des Graubünden-Marathons bin ich dann direkt Dritte geworden.

Sie sind also ein Naturtalent …

(lacht) Ja, irgendwie steckt da wohl etwas in mir drin, was ich jetzt relativ spät für mich entdeckt habe. Mit dem Laufen habe ich ja erst Ende zwanzig begonnen. Es macht mir halt wahnsinnig viel Spaß.

Marathon und ein bisschen den Berg rauf- und runterlaufen ist ja eine Sache. Aber über 200 Kilometer durch Sand- und Eiswüsten laufen ist etwas anderes. Wann haben Sie erkannt, dass Ultralaufen etwas für Sie sein könnte?

Ich bin da eher zufällig reingeraten. Auf einer Reise irgendwo am Ende der Welt in Patagonien habe ich jemanden kennengelernt, der im Anschluss an diese Reise an einem Wüstenrennen in der Antarktis teilnehmen wollte. In dem Moment, wo er mir davon erzählte, war ich so begeistert und fasziniert davon, was es alles für Wettkämpfe gibt, dass ich das auch erleben wollte. Schnell ist dann auch die Idee entstanden, bei den Desert Races vier Wüsten in einem Jahr zu laufen. Beim Training für diese Läufe habe ich dann immer mehr gemerkt, dass ich fähig bin, längere Distanzen zu laufen, und dass mir das in der Regenerationsphase immer weniger ausmacht, meine Muskeln stärker werden und ich fitter werde. Dabei fand ich es total faszinierend zu erleben, dass das, was ich als Sportwissenschaftlerin gelernt habe, sich auch in die Praxis umsetzen lässt. Den Trainingsumfang habe ich in weniger als einem Jahr auf rund 150 Wochenkilometer hochgeschraubt.

Und das hat als Vorbereitung für die Wüste ausgereicht?

Ich bin eigentlich als Rookie in die Atacama-Wüste zu meinem ersten Wüstenlauf, ohne genau zu wissen, was mich da letztlich erwartet. Dennoch bin ich vom ersten Tag weg mein Tempo gelaufen und kam an jedem Etappentag als Erste des Frauenklassements über die Ziellinie. Selbst auf der langen Etappe (80 km) war ich immer die Führende. Da war ich dann doch sehr überrascht, dass ich in der Lage war, diese Leis­tung so konstant zu bringen. Selbst als ich vier oder fünf Tage hintereinander so lange Distanzen gelaufen bin, konnte ich am sechsten Tag immer noch Bestleistungen abrufen.

Bei den langen Distanzen kommt es nicht nur auf das physische Training an. Wie schätzen Sie die mentale Stärke ein, die nötig ist, um neben der langen Strecke auch, wie in Ihrem Fall, mit Hitze oder Kälte umzugehen?

Ich würde sagen, dass ich zunächst einmal eine sehr ehrgeizige Person bin. Ich kann, wenn ich ein Ziel verfolge, an dem ich Spaß habe, sehr fokussiert und mit großer Leidenschaft daran arbeiten. Das lässt mich auch Dinge ertragen, bei denen andere vielleicht schon aufgeben würden. Ich gehe dann immer noch weiter. Die Befriedigung, z. B. oben auf einem Gipfel in 2.000 Meter Höhe zu stehen, zieht mich da irgendwie hoch. Das ist sicherlich ein Talent. Dennoch habe ich auch mal mit einer Mentaltrainerin gearbeitet, weil ich merkte, das physische Training läuft gut, und Pläne kann ich mir selber schreiben.

Aber im Kopf war es so, dass ich, wenn ich auf meine langen Läufe ging, teilweise völlig frustriert gelaufen bin und das Gefühl hatte, vor mir selber wegzulaufen. Nicht vor einem Problem, wie man das so gerne reininterpretiert, sondern mein Kopf war schon um die nächste Ecke rum, obwohl ich da noch gar nicht mit meinem Körper angekommen war. An der Stelle hat die Mentaltrainerin dann geholfen.

Gibt es denn Bilder und Situationen, die Sie sich in Momenten der Krise in den Kopf rufen können?

Ja, das ist das, was wir dann in der sogenannten Sporthypnose trainiert haben. Ich musste mir verschiedene Situationen bildhaft vorstellen und sollte dann ein entsprechendes Gegenbild kreieren, eines, das sich angenehm für mich anfühlt. Ich hatte z. B. keine Vorstellung davon, wie es ist, in der Wärme zu laufen. Folglich habe ich ein Bild kreiert, das der Hitze entgegenwirken kann, einen eiskalten Schneesturm. Dieses Bild habe ich dann abgespeichert und kann mir das jederzeit hervorholen, wenn ich es ­brauche. Da ist der Kopf dann der entscheidende Motor. Ob ich jetzt einen Kilometer laufe, zwanzig oder hundert Kilometer, der Kopf muss dafür parat sein.

Also entscheidet der Kopf über den Renn­verlauf?

Ich würde sagen, mehr als 70 Prozent meiner Rennen werden im Kopf entschieden. Immer vorausgesetzt, die körperlichen Grundlagen sind optimal trainiert worden. Ich finde es nach wie vor spannend, dass man sich mit seinen eigenen Gedanken sehr stark ins Positive reden kann, aber auch genau das Gegenteil passieren kann. Gerade dann, gegen Ende der Rennen, wenn die physische Kraft nachlässt, ist es immer wieder erstaunlich, was man mit positiver Energie noch schaffen kann, um noch einmal alles aus sich herauszuholen. Wichtig ist zu wissen: Die Krisen kommen, aber sie gehen auch wieder. Das sind natürlich Erfahrungswerte, die ich im Laufe der Zeit sammeln konnte und die mir immer wieder in schwierigen Situationen helfen.

Fallen Sie nach den Rennen auch schon mal in ein mentales Loch?

Nachdem ich die Ziellinie überlaufen habe, bin ich zunächst sehr glücklich, alles fällt von mir ab, die ganzen Strapazen sind mehr oder weniger weit weg. In der Zeit danach muss ich mich fast schon zwingen, mich gesund zu ernähren, viel zu trinken und auf mein Regenerationsprogramm zu achten. Dazu gehören auch gute Eiweiße. Ansonsten geht das auch schon mal nach hinten los. Ich kann mich manchmal ein bis zwei Wochen nicht mehr richtig bewegen, und die Muskeln leiden ziemlich. Gute Ernährung hilft dabei, die Regeneration zu fördern. Was im Kopf dann passiert, ist immer wieder spannend.

Der Körper muss sich von den Strapazen auch mental erholen. Mal laufe ich die folgenden Wochen durch meinen Alltag und finde gar keine Ruhe, wie ein Huhn ohne Kopf. Dann kann ich mich auch nicht einfach aufs Sofa setzen und mal runterkommen. Manchmal ist es aber auch so, dass ich einfach nur liegen will, schlafen möchte und gar keinen um mich herum ertragen kann. Oder ich verfalle in so eine Art Post-Blues, wo mir alles negativ erscheint, da bin dann fast schon depressiv. Der Zustand hält dann so fünf bis sieben Tage. Dann merke ich, wie sich mein Körper und Geist so nach und nach erholt haben. Alles geht plötzlich ganz normal, der Rhythmus kommt zurück. Leider kann ich nie voraussehen, was genau passiert.

Die Zielankunft bei den Desert Runs und anderen Ultras ist anders als bei anderen Sportarten. Keine jubelnden Massen wie z. B. bei den Stadtmarathons oder gar anderen Sportarten. Wie sind da Ihre Erfahrungen und Empfindungen?

Letzten Endes ist mir das egal, weil ich das ja für mich mache. Ich will damit keinen Applaus von außen bekommen, sondern ich möchte mit mir selber zufrieden sein. Es geht ja nur um den inneren Kampf gegen mich selber. Was bringt es mir, wenn am Rand Tausende Leute stehen und mir zujubeln? Meine Leistung ändert sich ja dadurch nicht. Natürlich ist es trotzdem schön, wenn ich eine Anerkennung von außen bekomme. Aber ich habe gelernt, mir diese selber zu geben, indem ich mir z. B. sage: „Du hast gut gekämpft, weiter so!“ Klar fließen wahnsinnige Emotionen, wenn ich, wie beim Zugspitzlauf, umjubelt ins Ziel einlaufe. Aber das ist nicht der Grund, warum ich das mache.

Für Ihren Sport trainieren Sie oft alleine, und zumindest bei den Wüstenläufen sind Sie größtenteils auf sich allein gestellt. Macht Extremlaufen eigentlich manchmal einsam?

(überlegt) Nein, würde ich nicht sagen. Ich bin ja die ganze Zeit mit mir selber zusammen, ich bin ja nicht einsam. Ich bin zwar einsam, aber nicht alleine. Und ich kann, wenn ich clever bin, mental gut arbeiten, mir wahnsinnig viele Bilder vorstellen, z. B. dass ich mit anderen Leuten zusammen laufe. Man muss natürlich in der Lage sein, sich solche Bilder vorstellen zu können. Bei mir funktioniert das.

Thema Zeitmanagement: Sie sind selbstständig und beruflich sehr eingespannt. Wie teilen Sie sich die Zeit fürs Training ein? Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihren Tagesablauf.

Bei mir ist das eigentlich ganz clever gewählt. Ich bin ja Personal Trainerin. Das heißt, mein Beruf ist meine eigene Fitness. Wenn ich also mit meinen Kunden unterwegs bin, mache ich natürlich Sport, das sind so drei bis sechs Stunden pro Tag. Ich laufe mit den Leuten, mache Krafttraining oder gehe in die Berge. Das ist für mich letztlich gutes Training, bei dem ich meine eigene Fitness und Grundlagenausdauer noch einmal steigern kann. Die Fettverbrennungsrate ist bei den Läufen dann ganz niedrig, schließlich laufen die Kunden ja auch langsamer. Das kommt mir entgegen, da ich bei meinen privaten Läufen häufig viel zu schnell unterwegs bin, zumindest wenn ich Grundlagen trainieren will.

Neben dem Sport haben Sie in den letzten Jahren auch die Arbeit für die Paulchen Esperanza Stiftung intensiviert. Was genau leistet die Stiftung, und wie sieht Ihre Arbeit dafür aus?

Auf meinen Wettkämpfen habe ich immer das Maskottchen der Stiftung, einen Eisbär, mit dabei, worauf ich oft angesprochen werde. Als Botschafterin starte ich hin und wieder Spendenaufrufe, wenn ich an speziellen Wettkämpfen teilnehme oder meine Bottom-Up-Projekte durchführe.

Was haben Sie sich für 2015 vorgenommen? Welche sportlichen Ziele haben Sie, geht es wieder zurück in die Wüste?

Sollte das erste Vorhaben in Tansania gut verlaufen, werde ich danach versuchen, im Speedrun den bestehenden Rekord der Engländerin Becky Shuttleworth am Kilimand­scharo (11 h, 34 min nur rauf) zu unterbieten. Frauen müssen für den Rekord normalerweise nur rauflaufen. Ich werde versuchen, in der gleichen Zeit rauf- und runterzulaufen. Zudem werde ich eine Premiere feiern: Mit meinem UVU-Racing-Teamkollegen Tim Wortmann nehme ich das erste Mal am Transalpine Run teil. Zudem starte ich beim Ultra Trail Morocco Eco Sahara (UTMS).

Infos zur Person:

Anne-Marie Flammersfeld (36) ist Sportwissenschaftlerin  und Inhaberin der Firma „all mountain fitness“ – Personal Training in St. Moritz. (www.allmountainfitness.ch)

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Der König der Triathleten

Der Ironman Hawaii ist der härteste Langdistanz-Triathlon der Welt – und ein Mythos im Ausdauersport. Wer hier gewinnen will, muss nicht nur die Konkurrenz besiegen, sondern auch seine Schmerzen und die Widerstände im eigenen Kopf. Deutschlands Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno hat’s geschafft – und sich damit ein Denkmal gesetzt.

Text: Wilfried Spürk

Nur noch wenige Hundert Meter bis zum Ziel. Jan Frodeno läuft immer noch wie ein Uhrwerk, auch nach über acht Stunden der Anstrengungen und Leiden. Er wirkt hochkonzentriert. Doch wer in sein Gesicht schaut, erkennt ein entspanntes Lächeln. Ein Lächeln, das ausdrückt: Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. In der Tat: Der Sieg beim Ironman Hawaii 2015 ist Frodeno nicht mehr zu nehmen, als er nun zum letzten Mal an diesem Tag auf den Ali’i-Drive einbiegt.

Noch ein Mal schaut er sich um: Weit und breit ist kein Konkurrent zu sehen. Als der Deutsche einige Meter weiter den Zielteppich erreicht, bricht sich die Siegesgewissheit endgültig Bahn: Frodeno breitet triumphierend die Arme aus, hebt sie nach oben, verlangsamt dann seine Schritte, stoppt schließlich ab – und geht, ja schlendert Richtung Ziellinie. Er klatscht kurz die Zuschauer ab, die dicht gedrängt links und rechts hinter den Absperrungen stehen und ihm zujubeln. Dann reißt der Athlet die Arme wieder hoch, ballt freudestrahlend abwechselnd seine Fäuste Richtung Publikum.

Die Zielbanderole vor Augen scheint er für einen Moment vor Ehrfurcht abzubremsen, doch dann packt sich der 34-Jährige das von Ironman-CEO Andrew Messick und dem sechsfachen Hawaii-Sieger Mark Allen gehaltene Schriftband, reißt demonstrativ daran, lässt es abrupt fallen und geht hinter dem Zieldurchlauf zu Boden, ein weiteres Mal die Arme zum Jubel ausgestreckt. Frodeno ist am Ziel – am Ziel eines ultraharten Triathlons und am Ziel seiner Träume: „Ich bin auf Wolke 7 oder 9 oder 35“, beschreibt er kurz darauf seinen Gefühlszustand.

Dramen und Anekdoten

Nach diesem Tag, dem 10. Oktober 2015, wurde der deutsche Triathlet weltweit gefeiert. Mit dem Ironman Hawaii hat er den berühmtesten Wettbewerb gewonnen, den dieser Dreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen kennt. Einen der bedeutendsten Wettkämpfe für Ausdauerathleten überhaupt. Seit 1978 wird er ausgetragen. Den Begriff „Ironman“ prägte einer der Initiatoren, der US-amerikanische Marineoffizier John Collins, mit dem Satz: „Whoever finishes first, we’ll call him the Ironman.“ Verpflegungsstationen gab es für die lediglich 15 Starter bei der Premiere des insgesamt 226 Kilometer langen Abenteuers (3,86 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren plus einen Laufmarathon über 42,2 Kilometer) nicht, sie versorgten sich unterwegs teilweise an Imbissbuden oder baten Passanten um Essbares.

Nicht zuletzt dank solcher Anekdoten genießt der Hawaii-Ironman einen ganz besonderen Status. So sieht es auch Frodeno: „Diese unvergleichliche Historie, in der sich über Jahrzehnte Geschichten und Schicksale angesammelt haben, machen ihn zu einem Mythos, der für viele eine fast religiöse Bedeutung hat“, sagt der Sieger 2015. Das vielleicht größte Drama spielte sich 1982 ab. Julie Moss hatte bereits den sicheren Sieg vor Augen. Doch die US-Amerikanerin dehydrierte, kurz vor dem Ziel verließen sie die Kräfte, Landsfrau Kathleen McCartney zog vorbei und gewann. Moss schleppte sich noch ins Ziel und wurde Zweite.

Der sportliche Wert des Wettkampfs stieg weiter, als er 1982 zur offiziellen Ironman-Weltmeisterschaft ernannt wurde, mit der als Marke geschützten Bezeichnung „Ironman World Championship“. Zudem wurde er schon 1981 an die Westküste der Hawaii-Hauptinsel Big Island verlegt, die dortigen klimatischen Bedingungen verlangen den Sportlern noch mehr ab. Um die 30 Grad Hitze, eine hohe Luftfeuchtigkeit von manchmal bis zu 90 Prozent und die tückischen Ho’o-Mumuku-Winde, die vor allem auf der Radstrecke gefürchtet sind, machen den Ironman Hawaii nicht nur zum bedeutendsten, sondern auch zum wohl härtesten Langdistanz-Triathlon der Welt. Die einzigartige Natur auf der vulkanischen Insel tut ihr Übriges: Trockenes Lavagestein begleitet die Athleten auf einem Großteil der Rad- und Laufstrecke, Schatten gibt es keinen.

Jan Frodeno allerdings lockte die Herausforderung lange nicht. Erst 2011 ließ er sich vom Ironman-Fieber anstecken, als er das Rennen selbst auf der Karibik-Insel verfolgte. Zu dem Zeitpunkt hatte der 1,94 Meter große Athlet bereits eine knapp zehnjährige erfolgreiche Triathlon-Karriere vorzuweisen, mit dem Olympiasieg 2008 als Höhepunkt. Damals galt ihm die (olympische) Kurzdistanz als das Nonplusultra. Den Ironman bezeichnete er 2008 mal als Wettbewerb „für gescheiterte Kurzstreckler“.

Als favorit gestartet

Doch 2013 stieg der gebürtige Kölner auf die Langdistanz um. Im Visier von Beginn an den legendären Event auf der Insel im Pazifik. Frodeno bestreitet dort 2014 seinen erst zweiten Ironman überhaupt – und kommt trotz Raddefekt und Zeitstrafe als starker Dritter ins Ziel. Die Erfahrungen bei seiner Hawaii-Premiere sind wertvoll: „Ich habe gelernt, dass man dort vor allem flexibel reagieren können muss. Eine starre Taktik führt nicht zum Erfolg.“

Ein Jahr später geht Frodeno mit der Empfehlung von zwei großen Siegen im Sommer ins Rennen: Sowohl bei der Ironman European Championship in Frankfurt als auch bei der WM über die halbe Ironman-Distanz in Zell am See-Kaprun war er vorn. Für den Saison-Höhepunkt auf Hawaii ist der Deutsche damit der Favorit auf die Nachfolge von 2014-Sieger Sebastian Kienle: „Im Bereich Triathlon und Ausdauersport gab es in den Wochen davor wenig andere Schlagzeilen, als dass ich das Rennen gewinnen kann oder muss. Das ist nicht ganz leicht“, sagt Frodeno im Gespräch mit aktiv Laufen. Entscheidender war für den Top-Athleten aber sein eigener Anspruch: „Ich habe schon vor knapp drei Jahren gesagt, dass ich 2015 gewinnen will. Dann war der Moment gekommen, wo klar war: Jetzt zählt’s“, beschreibt der Olympiasieger, wie es vor dem Start in ihm aussah.

Allein in der Lavawüste

Am 10. Oktober um 6.25 Uhr setzt traditionsgemäß ein Schuss aus einer alten Kanone das Signal zum Start. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel in der Bucht von Kailua-Kona, als zuerst die Profi-Herren unter der aufgehenden Sonne aufs offene Meer hinausschwimmen. Frodeno fühlt sich in Siegerform: „Die Vorbelastung am Tag zuvor lief sehr gut. Ich wusste, ich kann es schaffen.“ Er demonstriert von Beginn an seine Stärke, gemeinsam mit dem Neuseeländer Dylan McNeice kommt er an der Spitze des Feldes wieder aus dem Wasser heraus. Titelverteidiger Kienle liegt zwar knapp zwei Minuten zurück, schwimmt aber deutlich schneller als im vergangenen Jahr. Das von vielen erwartete deutsche Duell scheint sich  abzuzeichnen. Denn jetzt kommt Kienles Spezialdisziplin: die 180 Kilometer auf dem Rad.

Viele Kilometer führen an den berüchtigten Lavafeldern entlang, wo große Hitze und unangenehme Winde warten. Zudem sind auf dem hügeligen Kurs rund 1.500 Höhenmeter zu bezwingen. Aber es ist auch eine mentale Prüfung für die Athleten, denn hier sind sie ganz auf sich gestellt – Publikum ist in den meisten Streckenabschnitten nicht zugelassen. „Hier bist du mit dir, deinen Gedanken und der Lavawüste allein“, sagt Frodeno. Aber ihm kommt das entgegen: „Ich finde das angenehm, vor allem nach dem ganzen Trubel im Vorfeld.“ Entsprechend cool lässt er seine Konkurrenten ihre Attacken fahren, Kienle übernimmt zwischenzeitlich die Führung. Doch Frodeno steigt als Erster vom Rad – und nach 5:22:19 Stunden in den Marathon ein.

Niemals zweifeln!

Für „normale“ Läufer ist es die größte Herausforderung, für Ironman-Triathleten sind die 42,2 Kilometer nur die letzte Etappe des Wettkampfs. Besonders gefürchtet auf Hawaii ist der Weg zur Forschungsstation Energy Lab. Auf den letzten zwei Kilometern bis zum Wendepunkt steht die heiße Luft dort regelrecht. „Beim Marathon hatte ich die schwierigsten Momente“, gibt Frodeno zu. Doch der erfahrene Ausdauersportler weiß: „Zweifeln darf man bis zur Ziellinie nicht, das lernt man beim Ironman.“ Frodeno bewahrt einen kühlen Kopf. An den Verpflegungsstationen nimmt er ein paar Sekunden Zeitverlust in Kauf, um sich mit ausreichend Wasser zu versorgen.

Hinter ihm fällt derweil Kienle immer mehr zurück, während sich Landsmann Andreas Raelert weit nach vorne schiebt. Am Ende wird der 39-Jährige zum dritten Mal Zweiter auf Hawaii. Eine Gefahr für den Führenden stellen aber weder er noch die anderen Verfolger jetzt noch dar. Frodeno läuft sein Rennen konzentriert zu Ende, erreicht, von seinen Emotionen überwältigt, nach 8:14:40 Stunden als Erster das Ziel, über drei Minuten vor Raelert.

Erste Gratulantin ist seine Frau Emma, selbst  2008 Triathlon-Olympiasiegrin. Sie umarmen sich, dann küsst Frodeno sie auf den Bauch, in dem das gemeinsame Baby heranwächst, das im Februar zur Welt kommen wird. Eine Geste, die um die Welt geht. Wie das Bild von Frodeno mit dem Lorbeer-Gesteck auf dem Kopf, der Krone für seinen Sieg. Der Mann hat seinen eigenen Olympiasieg noch übertrumpft. Jetzt ist Jan Frodeno der König der Triathleten.

Foto: Merrell

So weit die Füße tragen

Laufen. Für viele Menschen ist es ein Hobby, für andere Mittel zum Zweck und für wiederum andere ein Ventil. Für Wilfried Köhnke aber ist es viel mehr: Für den 67-Jährigen ist es der Sinn des Lebens.

Text: Henning Kuhl

Als Forrest Gump im gleichnamigen und mit mehreren Oscars gekrönten Filmklassiker gefragt wird, warum er durch die USA läuft und nur zum Schlafen sowie Essen pausiert, ist die Antwort seinem Charakter entsprechend simpel: „Ich hatte einfach Lust zu laufen.“ Im Film sorgt diese Aussage für Erstaunen bei der Fragestellerin, doch es gibt einen Menschen, der wahrscheinlich genau dieselbe Begründung für seine Laufaffinität geben würde: Wilfried Köhnke. Nicht weil er intellektuell auf einem Niveau mit Forrest Gump ist, sondern weil er seine Begeisterung für das Laufen nicht erklären könnte. „Das gehört einfach zu ihm. Wie andere atmen, so läuft er“, sagt sein Freund und Trainer Eberhard Kluß.

Von Pritzwalk zum Rekordhalter

1947 wird Wilfried Köhnke in Pritzwalk, Brandenburg geboren, und bereits als Kind interessiert er sich für Sport. In seiner Jugend versucht er sich im Mehrkampf und träumt von einer Karriere als Fußballer, jedoch überzeugt er nur in einer Disziplin: dem Laufen, worauf er sich mit der Zeit auch immer mehr konzentriert. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr zieht es den 1,60 Meter kleinen Mann beruflich nach Berlin, wo er zunächst für den BSC Rehberge und den BFC Preussen läuft. 19 Jahre nach seiner Ankunft in der heutigen Hauptstadt kommt Köhnke zum Polizei- Sport-Verein-Berlin. „Ihm boten sich in Berlin bessere Möglichkeiten, um auf der Bahn zu laufen“, schildert Eberhard Kluß. Beim Polizei-Sport lernen sich die beiden Männer kennen, und Kluß merkt schnell: „Laufen ist Willis Leben!“ Wie wahr.

Bis heute hat Wilfried Köhnke 95 Marathons absolviert und ist dabei um die ganze Welt gekommen: Canberra, Australien 1991; New York, USA 1992, 1993 und 1994; Melbourne, Australien 1993; South Port, England 1995; Hongkong, China 1996; Johannesburg, Südafrika 1997. Der 67-Jährige ist auf fast jedem Kontinent einen Marathon gelaufen und hat insgesamt über 180.000 Kilometer zurückgelegt. Nur zur Einordnung: Der Erdumfang beträgt 40.075 Kilometer – Wilfried Köhnke hat unseren Planeten während seiner Laufkarriere also theoretisch viereinhalb Mal umlaufen. Hinzukommen 37 Teilnahmen in Folge beim Marathon in Berlin – wodurch er alleiniger Rekordhalter in dem beliebten Lauf in der Hauptstadt ist – und sein Zwölf-Stunden-Lauf 1994 in Brühl, wo er 113,708 Kilometer hinter sich ließ.

Ein großes Ziel vor Augen

Kein Wunder, dass der gebürtige Branden- burger einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. „In der Szene ist Willi eine Art Ikone und wird regelmäßig angesprochen, manch einer lässt sich sogar mit ihm fotografieren“, verrät Eberhard Kluß, der den nimmermüden Läufer seit geraumer Zeit trainiert. „Willi ist sehr ehrgeizig und ziel- strebig. Ich muss ihn regelmäßig bremsen, damit er es nicht übertreibt“, beschreibt Kluß die Zusammenarbeit und betont: „Man muss sich vor Augen halten, dass Willi die 5.000 und 10.000 Meter heute so schnell läuft wie seit Jahren nicht mehr.“

Sicherlich ein Resultat des richtigen Trainings, aber vor allem auch eine Folge der großen Disziplin, die der 67-Jährige an den Tag legt. Köhnke achtet auf seinen Schlaf, ernährt sich gesund und ausgewogen, dehnt sich regelmäßig. „Dadurch hat er sich so gut wie nie verletzt“, sagt Eberhard Kluß und führt aus: „Willi hat noch ein paar Ziele vor Augen, dafür muss er gesund und fit bleiben.“ Denn Wilfried Köhnke hat sich für die Zukunft noch einiges vorgenommen: Unter anderem möchte er bis zu seinem 71. Geburtstag seinen 100. Marathon absolviert haben. Ein Unterfangen, das allerdings ebenfalls „nur“ ein Etappenziel darstellt, denn auch danach wird der gebürtige Brandenburger weiterlaufen, so weit ihn seine Füße tragen. Das ist es, was ihn glücklich macht. Es ist seine ganz große Liebe, sein Schicksal.

Foto: CHRISTOF-STACHE_AFP_Getty-Images

Sechs Tage, null Nächte

In unserer Rubrik „Legenden“ erzählen wir dieses Mal die verrückte Geschichte von Cliff Young. Der war zwar hauptberuflich Kartoffelbauer und Schafhirte, ging aber dennoch in die australische Sportgeschichte ein. Der Grund: 1983 gelang ihm im Alter von 61 Jahren der Sieg bei einem der härtesten Ultra-Marathon-Rennen der Welt.

Text: Daniel Becker

Möglicherweise sind Sie ja auch so zum Laufen gekommen: Die Strecke eines Volkslaufes, eines Marathons oder einer anderen Laufveranstaltung führte an Ihrer Haustür vorbei und Sie dachten sich, dass Sie da ja eigentlich auch mal teilnehmen könnten. Für Lauf-Novizen gilt in diesem Fall häufig: Je kürzer der Lauf, desto größer die Wahrscheinlichkeit, das Vorhaben tatsächlich eines Tages in die Tat umzusetzen. An der Farm des australischen Kartoffelbauern Cliff Young führte Anfang der 1980er Jahre der 875 Kilometer lange Ultra-Marathon von Sydney nach Melbourne vorbei. Nie zuvor hatte Cliff Young an einem Lauf teilgenommen, erst recht nicht an einem Ultra-Marathon. Doch von dieser außergewöhnlichen Veranstaltung, die sich Jahr für Jahr vor seiner Tür abspielte, war der Australier so begeistert, dass er beschloss, spontan teilzunehmen.

Ohne die passende Ausrüstung (Gummistiefel und Regenanzug) und im Alter von stattlichen 61 Jahren. Sein Training, so sagte er Reportern während des Rennens, habe daraus bestanden, drei Tage ohne Schlaf seine Schafherde zusammenzuhalten. Klingt unglaublich, doch der durchaus verbreitete Mythos will, dass sich genau das im Jahr 1983 so zugetragen hat. Ein wenig anders war es dann zwar doch, und einige Fakten müssen angeglichen werden. Unspektakulär wird die Geschichte dadurch jedoch nicht. Schon ein Jahr zuvor hatte Cliff Young monatelang in den Otway Ranges, einem australischen Bergland, trainiert, um einen Weltrekord aufzustellen. 1.600 Kilometer wollte er laufen, rund um den Colac Memorial Square. Nach 875 Kilometern musste er den Versuch allerdings abbrechen. Doch völlig unerfahren war er nicht, als er im folgenden Jahr beim „West- field Sydney to Melbourne Ultramarathon“ antrat – und siegte.

Ehre, wem Ehre gebührt

Schon wenige Minuten nach dem Startschuss lief der 61-Jährige den deutlich jüngeren Läufern des Starterfeldes hinterher. Doch er hatte ein unschlagbares Erfolgsrezept: Er schlief ein- fach weniger als seine Mitstreiter. Viel weniger. 18 Stunden laufen, sechs Stunden schlafen, so sah der Rhythmus der meisten Athleten während des etwa sechs Tage dauernden Rennens aus. Cliff Young hingegen schlief in der ersten Nacht gar nicht. Er holte auf, während sich seine Kontrahenten erholten, und gönnte sich auch in den folgenden Nächten nur kurze Ruhepausen. Am Ende erreichte er das Ziel mit etwa zehn Stunden Vorsprung vor dem Zweitplatzierten. Sein extrem langsamer und energiesparender Laufstil hat seitdem einen eigenen Namen – und bis heute adaptieren Ultra-Läufer immer wieder den „Young-Shuffle“.

Zu Ehren des unerwarteten Siegers etablierte sich noch im gleichen Jahr in Australien ein neuer Ultra- Lauf, das „Cliff Young Australian Six-Day-Race“, der bis ins Jahr 2006 hinein ausgetragen wurde. Im Jahr 2013, zehn Jahre nach dem Tod von Cliff Young, wurde die Geschichte des laufenden Kartoffelbauern und Volkshelden für das australische Fernsehen verfilmt.