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Laufen in Gruppen

Einsam dreht der Läufer seine Runden. Dabei ist Laufen heutzutage längst kein Einzelsport mehr. Warum niemand als Einzelkämpfer auf die Strecke sollte, und was beim Laufen in Gruppen zu beachten ist, erfahren Sie hier.  

Es ist Dienstag. Nach und nach trudeln Menschen in athletischen Outfits am Treffpunkt nahe des Kölner Stadtwalds ein. Manche erscheinen laufend, andere sind mit dem Rad gekommen. Ein Freiwilliger ist mit dem Auto zum Sammelpunkt gefahren. Nicht aus Faulheit, sondern aus reinem Pragmatismus: Das Fahrzeug wird zum „Bag Drop“ – zu einem Platz, an dem die Gruppe Jacken, Rucksäcke und Getränke verstauen kann. Trotz des bevorstehenden Ausdauertrainings gesellt sich jeder Läufer der Gruppe mit einem breiten Grinsen im Gesicht dazu. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie im März des vergangenen Jahres ist es das erste Mal, dass sich die Athleten wieder treffen können, um gemeinsam laufen zu gehen.

Wohlfühl-Tempo

Eine „Crew“ vermittelt hingegen eine nahezu unzertrennliche Gemeinschaft. Angefangen beim Outfit: Man trägt mit Logos bedruckte „Crew-Shirts“ und Shorts; selbst die Laufsocken sind vom gleichen Hersteller, nur unterschiedliche Modelle. Nicht schwarz oder weiß, sondern bunt und gemustert. Der Style läuft schließlich mit. Es gibt verschiedene „Pace-Gruppen“: eine für die schnellen Läufer, eine für das Wohlfühl-Tempo und sogar eine für Sportler, die nach einer Verletzung wieder ins Training einsteigen. Es findet sich also immer jemand, der das gleiche Tempo laufen will. Zwar unterscheiden sich die Distanz, die Route und das Tempo innerhalb der Pace-Gruppen, aber eines ist klar: Nach dem Laufen trifft man sich für gemeinsame Drinks wieder am ursprünglichen Treffpunkt.

Teamgeist statt Egoismus

Sind wir doch mal ehrlich: 99 Prozent der Läufer werden niemals ein Preisgeld gewinnen oder überhaupt jemals auf einem Siegertreppchen stehen. Die eigenen Ambitionen reduzieren sich höchstens darauf, die persönliche Bestleistung auf einer bestimmten Distanz zu verbessern. Beim Laufen steht die sportliche Leistung aber keineswegs im Vordergrund. Wir laufen, um gesund und fit zu bleiben, den stressigen Alltag aus den Köpfen zu kriegen oder um die Natur in vollen Zügen zu erleben. Wir laufen, weil es uns Spaß macht, und nicht, weil wir die schnellsten und besten sein wollen.

Trainingspartner

Selbst wenn jemand diesen Ehrgeiz verspürt, bedeutet es keinesfalls, dass man zwangsläufig zum Einzelkämpfer werden muss. Im Gegenteil. Ein Blick nach Afrika zeigt eindrucksvoll: Laufen ist dort ein Mannschaftssport. Die kenianischen Ausdauersportler trainieren fast ausschließlich in Gruppen von bis zu 50 Läufern. Hierbei ist natürlich vollkommen klar, dass das Workout für viele Sportler zu hart ist. Dafür mangelt es ihnen nie an Trainingspartnern und Motivation. Letzteres ist besonders für den sportlichen Fortschritt von Bedeutung. Schließlich verbessert man seine Ausdauer nur durch kontinuierliches Training.

Zum Laufen gemacht

Bereits Emil Zatopek, die Leichtathletik-Legende aus der Tschechoslowakei, wusste: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.“ Das Laufen ist dem Menschen also in die Wiege gelegt worden. Dem aufrechten Gang verdanken wir, dass sich unsere Gliedmaßen die Arbeit einteilen. Die Beine und Füße übernehmen die Fortbewegung, während Arme und Hände jetzt zum Greifen und Halten „frei“ sind. Nur so konnte der Mensch Tiere über längere Strecken jagen. Laufen sollte also etwas ganz Einfaches sein. Und dennoch mussten wir es neu erlernen. Denn mittlerweile hat sich der Mensch wieder verändert: Unsere Füße verkümmern in stylishen Sneakern, der Büro-Job fesselt uns an den Schreibtisch, und die eigene Motivation verliert immer häufiger den Kampf gegen den inneren Schweinehund.

Die Couch, eine Tafel Schokolade und ein Serienmarathon sind nun mal eben wesentlich entspannter, als 60 Minuten laufen zu gehen. Allein Sport zu treiben ist für viele sicherlich kein Problem. Doch es gibt natürlich auch die Hobbyathleten, denen Ausdauertraining nur in großer Runde Freude bereitet. Sich auch mal mit seinen Kumpels zu messen oder sich über den neusten Klatsch und Tratsch austauschen zu können – das sind die Dinge, die das Laufen in einer Gruppe so spannend und abwechslungsreich machen.

Allein ist gut, in der Gruppe noch besser

Mehr Sport treiben zu wollen steht auf der Liste der Neujahrsvorsätze immer wieder ganz oben. Dennoch finden diese Bestreben nach kürzester Zeit meist ein jähes Ende. Statistisch gesehen, hängen vier von fünf Jogging-Einsteigern bereits nach weniger Wochen die Laufkarriere wieder an den Nagel. Dabei verderben Überlastungsschäden und falsches Schuhwerk schnell die Lust an der Bewegung. Doch wesentlich öfter ist der innere Schweinehund stärker als die anfängliche Motivation. Es fällt nun mal deutlich leichter, das eigene Gewissen zu vertrösten, als einem Laufteam abzusagen. Es ist also offensichtlich, wie eine Laufgruppe die „Positivspirale“ in Gang setzt: Ein Team motiviert Sie, regelmäßig laufen zu gehen, wodurch sie gleichzeitig mehr Kondition bekommen.

Die Sache mit dem Ehrgeiz

Je mehr Ausdauer Sie besitzen, desto einfacher fällt Ihnen das Jogging. Und je einfacher Ihnen das Rennen fällt, desto mehr Leidenschaft erzeugen Sie für diesen Sport. Selbst wenn Sie für das Laufen förmlich brennen, kann das Jogging in einer Gruppe Ihr Leistungsniveau auf ein neues Level heben. Beim Training mit schnelleren Athleten wird der eigene Ehrgeiz geweckt. Ob Tempo-Dauerlauf oder Intervalle – sicherlich will sich niemand die Blöße geben, abgehängt zu werden. Hier liegt allerdings auch der Hase im Pfeffer begraben. Denn die Entwicklung eines falschen Ehrgeizes ist für das eigene Training kontraproduktiv.

Ziele und Ambitionen

Natürlich ist man stolz auf seine Leistung, wenn man die Laufrunde der schnellen Pace-Gruppe erfolgreich durchgezogen hat. Ist man dabei aber mit Schnappatmung und völlig übersäuert gelaufen, dann setzt man durchaus falsche Trainingsreize oder provoziert Überlastungsschäden. Beim Laufen in der Gruppe ist es also wichtig, dass alle Laufpartner Rücksicht aufeinander nehmen und die Teamkollegen nicht zum falschen Ehrgeiz ermutigen. Im Idealfall bestimmt also immer der langsamste Läufer die Gesamtpace der Gruppe. Die Ziele und Ambitionen der Mitglieder der Kölner Running-Crew „Run Squad CGN“ entscheiden sich dienstags meist spontan. Mal finden sich viele Läufer für eine Tempo-Einheit, mal läuft die Gruppe aber auch gesammelt durch die Stadt. Eines ist für alle jedoch klar: Laufen ist ein Mannschaftssport.

7 Vorteile für das Laufen in Gruppen

1. „THE MORE THE MERRIER“

Je größer die Gruppe, desto spaßiger wird auch das Laufen. Das fängt bei der Überwindung des inneren Schweinehunds an und endet mit der Pflege seines sozialen Umfelds.

2. FESTE TRAININGSZEITEN

Ob vor der Arbeit, in der Mittagspause oder spät am Abend. Das Schöne am Laufen ist die Flexibilität. Allerdings lädt eine derartige Unverbindlichkeit auch häufig dazu ein, sich in faule Ausreden zu verstricken. Bei festen Trainingszeiten und Verabredungen mit anderen Personen fällt die Absage deutlich schwerer. Man will sein Team schließlich nicht hängen lassen.

3. MOTIVATION

Wir alle haben mal einen schlechten Tag, an dem man am liebsten einfach nur auf der Couch versacken möchte. Eine gute Laufgruppe setzt aber alles daran, Sie aus diesem Motivationsloch zu heben. Insbesondere Läufer, die nicht immer intrinsisch motiviert sind, profitieren von einer starken Gemeinschaft.

4. SICHERHEIT

Im Team zu laufen gibt Sicherheit. Das gilt besonders nach einbrechender Dunkelheit, wenn die Joggingrunde gerade für Frauen ein gewisses Sicherheitsrisiko darstellt. Aber auch bei Tageslicht oder im Wald kann immer etwas passieren: Sei es durch Umknicken oder durch Kreislaufversagen. In dem Fall kann es lebensentscheidend sein, wenn jemand Erste Hilfe leisten oder zumindest einen Notruf absetzen kann.

5. EHRGEIZ

Selbst als Hobby-, Spaß- oder Gesundheitsläufer packt einen doch manchmal der Ehrgeiz. Beim Laufen in der Gruppe noch häufiger als beim einsamen Joggen. Wenn die Kollegen plötzlich das Tempo anziehen oder zwischendurch einige Kraft- und Stabi-Übungen einstreuen, dann will man nicht die Spaßbremse sein. Dieser positive Gruppenzwang kann durchaus den sportlichen Ehrgeiz wecken.

6. KONTAKTPFLEGE UND -AUFBAU

In Zeiten von Homeoffice und Homeschooling erscheint der Alltag noch stressiger. Die Arbeit, die Familie, die Freunde und die eigenen Hobbys unter einen Hut zu bekommen wird dann eine echte Herausforderung. Beim Laufen in der Gruppe kann man die Zeit aber hervorragend nutzen, um sich mit Freunden auszutauschen, neue Leute kennenzulernen oder Zeit mit der eigenen Familie zu verbringen. Denn immer mehr Eltern drehen mit ihren Kindern eine gemeinsame Laufrunde.

7. WISSENSAUSTAUSCH

Grundlagenausdauer, Crescendolauf, Plantarfasziitis, Sprengung oder VO2max: Das Lauflexikon ist umfassend und mag selbst erfahrenen Läufern wie böhmische Dörfer vorkommen. Das Fachsimpeln im Team räumt aber nicht nur mit unbekannten Begriffen auf, sondern kann auch zu neuen Trainingsmethoden, Laufstrecken oder Wettkampf-Teilnahmen anregen. Zudem können erfahrene Läufer die Jogging-Einsteiger auch bei Haltungs- oder Laufstil-Fehlern korrigieren.  

TEXT Robin Siegert

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