Plogging: Unterwegs mit der Mülltüte

Joggen und gleichzeitig Müll aufsammeln: Was kürzlich in Schweden begann, ist inzwischen zu einem weltweiten Trend namens „Plogging“ geworden. Klingt super, doch sind ist die Symbiose von Sport und Umweltschutz auch alltagstauglich? Und wieviel Müll schafft man auf einer Runde? Wir haben den Selbstversuch gewagt.

Die politische Aktivistin Wangari Maathai erzählte Zeit ihres Lebens eine Geschichte über einen kleinen Kolibri, der versuchte seinen Wald und sein Zuhause zu retten. In ihrer Erzählung droht ein Feuer den ganzen Wald zu vernichten. Die Tiere rennen hinaus und starren wie gelähmt auf die brennenden Bäume. Nur ein kleiner Kolibri fliegt zum nächsten Fluss, nimmt einen Tropfen Wasser mit seinem Schnabel auf und versucht so das Feuer zu löschen. Die anderen Tiere belächeln den Kolibri, er sei schließlich viel zu klein, um so einen riesigen Brand im Alleingang löschen zu können. Der kleine Vogel antwortet allerdings ganz frech: „Ich leiste meinen Teil. Jetzt seid ihr an der Reihe.“

Mit dieser Erzählung forderte die kenianische Friedensnobelpreisträgerin die Menschheit zu mehr Umweltbewusstsein auf. Maathai glaubte fest daran, dass gerade die kleinen Dinge, die Menschen tun können, eine große Wirkungen auf den Planeten haben würden. Besonders beim immer fortschreitenden Klimawandel.

Nur mal kurz die Welt retten

Dass Bewusstsein in Sachen Umweltschutz selbst aktiv werden zu müssen, ist anno 2021 bei vielen längst da. Nachhaltigkeit ist heute längst keine Nische mehr, sondern ein Megatrend. Nachhaltiger leben und die Erde schützen – diese Agenda schreiben sich mittlerweile viele auf die eigene Fahne. Auf Gewohnheiten oder etablierte Lebensstandards verzichten – das fällt vielen dann doch schwer.

Und hat man wirklich schon die Welt gerettet, weil man mit seinem Jutebeutel einkaufen geht und Obst und Gemüse nicht mehr in Plastikbeutel sammelt? Natürlich nicht. Aber es ein Anfang, ein kleiner Funke, der – wie beim Kolibri in der Kurzgeschichte – auch auf andere Leute überspringen kann. So dachte auch der Schwede Erik Ahlström. Er gehört nicht zu denjenigen, die immer nur vom Klimawandel sprechen, aber nichts unternehmen, sondern eher zu der Kategorie, die einfach mal was machen. Ahlström hatte es beim Laufen irgendwann leid, so viel Abfall auf seiner Strecke sehen zu müssen. Er nahm sich einen Beutel mit und sammelte den gesamten Müll, der ihm in die Quere kam, auf und entsorgte ihn.

Am Anfang erntete er skeptische Blicke, schließlich dauert es nicht lang bis dort wieder Müll liegen würde. Aber schon bald entwickelte sich aus Ahlströms Aktionismus ein wahrer Trend. Immer mehr Menschen ahmten ihn nach und vereinten das Laufen mit dem Aufsammeln von Müll. Der Begriff Plogging entstand. Das Kofferwort setzt sich aus den Begriffen „plocka“ (aufsammeln) und „jogga“ (Jogging) zusammen. Der Wortmix „Plogga“ ist in Schweden geläufig – in Deutschland hat sich „Plogging“ als Fachbegriff etabliert. Ahlström selbst organisierte heutzutage ganze Plogging-Events, die auch im Rest der Welt Anklang finden.

Das Problem sind immer die anderen

Ahlströms Beweggründe kann wohl jeder Städter nachvollziehen. Vor allem die Läufer unter ihnen. Genau zu dieser Gruppe gehöre ich. Ich mag das Gewusel in der Stadt, aber am liebsten heize ich in den frühen Morgenstunden außerhalb der Stadtgrenzen bei Nieselregen die Berge hoch. Es ist die Abwechslung, die mein kleines Läuferherz höher schlagen lässt und dafür bin ich dankbar. Und gerade, weil ich so viel draußen unterwegs bin, entgeht mir nicht, dass die vielen Einwohner unserer Stadt ihre Spuren hinterlassen. Selbst wenn es eine große Anzahl an Mülleimern gibt und die Abfallwirtschaft die Stadt regelmäßig sauber hält, sind die Gehwege und Plätze nach wenigen Stunden wieder zugemüllt. Besonders schlimm ist es im Sommer. Dann treffen sich Gruppen in den Stadtparks – sie grillen und feiern. Es wird gepicknickt, geschmaust und gelacht. Im Rahmen seiner Freunde lässt man den Feierabend gemütlich ausklingen.

Das Problem: Anschließend sehen Parks und Grünflächen aus wie eine Müllhalde. Verkohlte Wiesen, Zigarettenstummel, leere Grillfleisch-Verpackungen, Glasflaschen. Die Pizza-Kartons stapeln sich neben den überfüllten Mülleimern. Alles, was nicht mehr in den Abfall gepasst hat, fliegt mittlerweile tänzelnd durch die Straßen. Plastikbeutel verfangen sich in den Baumkronen, Brötchentüten werden von den Tauben sorgfältig auseinandergerissen, um sich die letzten Krümmel zu sichern.

Dieser Müll landet schlimmstenfalls im nächsten Gewässer, wo ihn Tiere fressen und daran sterben können. Mich stimmt der Gedanke traurig. Deshalb haben meine Familie und ich uns das Thema „Nachhaltigkeit“ besonders zu Herzen genommen. Wir kaufen möglichst plastikfrei ein, essen kein Fleisch und fahren Strecken innerhalb der Stadt mit dem Fahrrad. Aber die regelmäßigen Autofahrten in die Heimat, die Masse an Laufbekleidung in meinem Schrank und die importierte Avocado in meinem Salat sprechen nur bedingt für meinen ökologischen Fußabdruck. Und oft sagen mir meine Freunde mit erhobenem Zeigefinger: ,,So umweltbewusst wie du immer tust, bist du gar nicht!“. Trotzdem möchte ich aber etwas tun. Und gerade weil ich soviel Laufe und in der Natur unterwegs bin, möchte ich mein Lieblingshobby mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz in Verbindung bringen. Was käme da besser in Frage als der neue Trend Plogging?

Plogging: Die laufende Müllfrau

Ausgestattet mit einem Einweghandschuh und einer Mülltüte mache ich mich auf die Laufstrecke Richtung Stadt. Ich möchte eine 10-Kilometer-Runde laufen, damit mein Beutel auch wirklich voll wird. Aber schon bald merke ich, dass ich gar nicht so weit kommen werde. Bereits nach wenigen Metern bücke ich mich nach einer zerdrückten Dose eines amerikanischen Softdrink-Herstellers und nach einem getragenen Mund-Nasen-Schutz. Ich laufe an einem Spielplatz vorbei und sammele ein paar Kaffeebecher ein, die leider den weiten Weg von fünf Metern nicht zum Mülleimer geschafft haben.

Noch bevor meine Laufuhr zum Finish des zweiten Kilometers vibriert, ist mein Beutel halb voll. An das ständige Beugen und wieder aufrichten gewöhne ich mich schnell und ich ertappe mich dabei, wie es mir Spaß macht „aufzuräumen“. Gleichzeitig erschreckt es mich aber auch, wie schnell sich die Abfalltüte in meiner Hand füllt. Brötchentüten, Kronkorken, Joghurtbecher, Zigarettenstummel und Schachteln, Verpackungen von Chips und Würstchen. Alles wird achtlos auf den Boden geworfen.

Auf einer Parkbank sitzen drei Jugendliche, hören Musik und schlürfen Fruchtkonzentrate aus bunten Aluminium-Päckchen mit orangenem Strohhalm. Einer von ihnen schlemmt einen Schokoriegel und ein anderer greift in eine Kekspackung und schiebt sich genüsslich zwei runde Plätzchen in den Mund. Im Augenwinkel bemerke ich, wie sie mich beobachten und im Kopf überlege ich mir schon ein paar schlagfertige Aussagen, falls einer von ihnen auf die Idee kommen sollte, absichtlich etwas fallen zu lassen.

Sie lachen und unterhalten sich ausgelassen und tatsächlich segelt ein weißrot glänzendes Papier von einem Schokoriegel auf die Erde. Ich atme tief ein, schaue einen der Jungs freundlich an und sage ruhig und bestimmt: „Entschuldige bitte, dir ist da etwas runtergefallen.“ Ich schaue ihn erwartungsvoll an und mit hochrotem Kopf trägt er das kleine Papier zum nächsten Mülleimer. Ich muss ein wenig schmunzeln und laufe weiter.

Eine volle Tüte und fragende Blicke

Ich hebe nicht jeden Müll auf. Denn auch mit Handschuh stoße ich an meine Grenzen und lasse Dinge wie Kondome und Tampons liegen. Auch Glasscherben möchte ich erst nicht aufheben, aber Gedanken, dass jemand mit seinem Fahrrad drüberfahren oder sich ein Hund verletzen könnte, stimmen mich um. Damit mein Beutel nicht reißt, werfe ich sie direkt in den nächstgelegenen Abfalleimer.

Nach sechs Kilometern beende ich meine erste Plogging-Runde. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht habe, was mit meinem Müllbeutel passieren soll. Ein paar hundert Meter entfernt entdecke ich einen Müllwagen, dessen Fahrer gerade seinem Job nachgeht. Ich laufe auf den ihn zu und ernte einen fragenden Blick. Kein Wunder, mir selbst käme es auch komisch vor, wenn jemand in Laufklamotten den Müll der anderen entsorgen möchte. Stutzig nimmt er mir den prall gefüllten Beutel ab und wirft ihn auf den Wagen – seine kritischen Blicke wendet er dabei nicht von mir ab. Ich ignoriere seinen Argwohn, bedanke mich und laufe mit gemischten Gefühlen weiter. 

Ein Lauf wie jeder andere war das Plogging nicht. Ich ärgere mich über die Menschen, die überhaupt erst ihren Abfall liegen lassen. Es ist doch ein leichtes, die wenigen Schritte zum nächstgelegenen Mülleimer zu gehen oder seinen Müll im Zweifel einfach mitzunehmen. Ich frage mich, wieviel es gebracht hat, dass ich auf dieser kleinen Runde ein wenig Müll aufgesammelt habe. Liegt es in meiner Verantwortung, mich um den Dreck Fremder zu kümmern? Ich habe ihn schließlich nicht verursacht. Doch wenn jeder Läufer und jeder Spaziergänger nur hin und wieder ein bisschen aufräumt, dann könnten unsere Wege so viel sauberer und schöner sein. 

Regelmäßig werde ich nicht „ploggen“, denn ein Lauf dieser Art passt nur bedingt in ein geregeltes Training, aber ab und zu werde ich mit einem Beutel und Handschuhen bewaffnet auf die Laufrunde gehen. Denn wer weiß, vielleicht tut es mir jemand gleich und ein anderer lässt gar nicht erst etwas liegen. Auch wenn es nur ein kleiner Tropfen auf einem brennenden Baum ist, wir können alle etwas tun.

Text: Katharina Hauptvogel

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