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Ultralauf

Bild: iStock/sportpoint

Reiz der Extreme 

Ultraläufe liegen voll im Trend. Dabei werden gesundheitliche Risiken oft zu Gunsten persönlicher Mythenbildung unterschätzt. Reicht uns Läuferseelen ein Marathon nicht mehr? Unsere Autorin hat sich in der Szene umgehört.

Lange Läufe boomen. Im Startblock steht man erst dicht gepackt, dann drängelt man sich im Gänsemarsch einen Berg hoch und muss bangen, ob es an der Labe noch genügend Riegel und Wasser gibt. Die Statistik der Deutschen Ultralauf- Vereinigung (DUV) verzeichnete in den vergangenen zehn Jahren weltweit einen etwa 1.000-prozentigen Anstieg bei der Zahl der Ultraläufe. Auch die Läufer werden mehr. Im Jahr 2000 waren es in Deutschland noch 3.268. 18 Jahre später bereits mehr als 10.000. Das hat der britische Journalist und Läufer Adharanand Finn für sein Buch „Der Aufstieg der Ultraläufer“ recherchiert.

Ultras machten Marathons zu „kleinen Fischen“

Er traf viele Läufer und begab sich selbst auf die Langstrecke, um den Reiz der Ultras zu verstehen. Dabei interessierte sich Finn bis dahin eigentlich eher für Sub3-Marathons und Vier-Minuten-Meilen. „Ultra-Running hingegen war so, als drösche man so lange auf das Laufen ein, bis es fast tot war.“ Ultras machten Marathons zu „kleinen Fischen“, schreibt Finn. Heute staune niemand mehr, wenn er von seiner Marathonzeit erzähle. „Es scheint, als wären wir im Zeitalter des ‚Es ist ja nur ein Marathon‘ angekommen.“

Nachts durchs Hochgebirge

Natürlich laufen auch heute die meisten laufbegeisterten Menschen maximal 42 Kilometer. 2015 gab es insgesamt rund 22 Millionen Läufer. Was sind da schon ein paar Tausend Ultra-Athleten? Laut dem Deutschen Leichtathletikverband verzeichnen vor allem kurze Strecken mehr Teilnehmer. Aber Ultras bekommen mehr Aufmerksamkeit. Auf Instagram ist man kein Held, wenn man schmerzfrei zehn Kilometer meistert, sondern wenn man mit Halluzinationen und geschwollenen Füßen nachts durchs Hochgebirge irrt.

Peter Krause, der sich über Facebook meldet, versteht das nicht. „Leider werden immer Leute besonders hervorgehoben, die das Extreme suchen“, sagt er. Krause ist ein ganz normaler Läufer, der hier und da einen Marathon mitnimmt. Alles darüber hinaus ist ihm fremd. „Was nutzt es mir, 100 Kilometer zu laufen, wenn ich danach drei Monate krank bin?“

VON NULL AUF 100

Für Untrainierte ist schon ein Marathon riskant. Die Körperfunktionen fahren herunter, der Glukose- Speicher entleert sich und Spurenelemente werden verbraucht. Im Schnitt erleidet einer von 100.000 Marathonläufern einen Herzstillstand. Wie ungesund muss dann erst ein Ultra sein? „Ich denke, dass diese Frage nicht verallgemeinerbar zu beantworten ist“, sagt Alexander Disch, er arbeitet als Chirurg am Dresdner Universitätsklinikum und betreut die Skilanglauf-Nationalmannschaft.

Laut Disch können Ultras etwa zu einer Natriumarmut, zu Verdauungsproblemen und Blutungen im Darmtrakt oder zu Veränderungen am Herz führen, die sich auch im EKG und im Ultraschall zeigen. Aber: „In Abhängigkeit von der Länge der Belastung sind diese Veränderungen vorübergehend“, so Disch. Auf der anderen Seite zeigen Studien, dass Ultraläufer im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung gesünder sind, weniger Infekte haben, ein geringeres Krebsrisiko und eine höhere Lebenserwartung.

Auf eine unterschätze Gefahr weist der Ernährungsexperte Dr. Stefan Graf hin. Viele Läufer nehmen demnach zu wenig Elektrolyte auf. Beim Schwitzen verliert man besonders viel Natrium und Kalium. Entgleisungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushaltes können zu lebensbedrohlichen Organfunktionsstörungen führen.

Riegel, Bananen und Co.

„Jeder, der sich Ultrabelastungen zumutet, sollte regelmäßig seinen Mikronährstoffhaushalt überprüfen lassen“, so Graf. Neben der Versorgung mit Elektrolyten sind vor allem Kohlenhydrate entscheidend. Denn im Gegensatz zu den Fettspeichern sind deren Speicher klein. Der Körper greift das Muskeleiweiß an, wenn er nicht genügend komplexe Kohlenhydrate aus Riegeln, Bananen und Co. bekommt.

SICH SELBST SPÜREN

Generell gilt laut Sportmediziner Alexander Disch: Wenn man Ultras laufen will, muss man sich langsam herantasten und viel Marathonerfahrung mitbringen. Wer schlecht trainiert ist, für den sei ein Ultra ungesund und könne zu irreversiblen Schäden führen. Wer im Ultra ein Statussymbol sehe, habe diese Vorbereitung womöglich nicht. Der Ultraläufer Florian Grasel vom BOA Running Team sieht die Entwicklung mit Sorge. Immer öfter stünden „junge, unzureichend trainierte Mädels am Start, die dann im Sauerstoffzelt landen oder Tabletten gegen die Schmerzen nehmen und sich trotzdem auf Facebook als Helden feiern lassen.“ Das habe „nichts mehr mit einer gesunden Einstellung zu unserem schönen Sport zu tun.“

Willenskraft

Grasel selbst ist einer der erfolgreichsten österreichischen Ultraläufer. Unter anderem hat er 2018 beim berühmten „Ultratrail du Mont Blanc“ (UTMB) Platz neun belegt und 2019 den „Großglockner Ultratrail“ gewonnen. Das lange Laufen gehöre zum Menschen, es sei „artgerecht“. Was ihn daran fasziniert? Am Anfang sei es die physische Herausforderung gewesen. Mittlerweile gehe es ihm mehr um Willenskraft, um die persönliche Einstellung. „Physische Wehwehchen treten bei einem Ultralauf immer auf, und es stellt sich jedes Mal aufs Neue die Frage: Wird der Kopf mit den Schmerzen fertig?“

Aber in seinem Sport gehe es um viel mehr, so Grasel. Zwar fühle sich das Durchhalten und das Überwinden der eigenen Grenzen im Nachgang gut an. „Aber ich laufe nicht, um Schmerz zu empfinden. Ich laufe, um mich selbst zu spüren, mich zu erden, mit der Natur im Einklang zu sein.“ Diese Befriedigung habe er beim Straßenmarathon, der 2010 sein Einstieg in den Laufsport war, nicht gefunden.

Auf der Straße und beim Ultratrail

Die Dresdner Läuferin Beate Bonnaire ist in beiden Welten unterwegs, läuft auf der Straße und beim Ultratrail. 2019 war sie zweifache Deutsche Altersklassen-Meisterin beim Marathon. Sie hat vor einem 800-Meter-Läufer genauso viel Respekt wie vor einem Marathono der Ultra-Athleten. Die alle würden enorm viel leisten, „mental wie physisch“. Keine Distanz entwerte die andere. „Es kommt immer auf das Gegenüber an“, sagt Bonnaire.

Ein Laie staune natürlich mehr, wenn sie vom 74 Kilometer langen Supermarathon auf dem Rennsteig erzähle. Aber wer ein bisschen Ahnung habe, wisse um die Arbeit, die in einem schnellen Marathon steckt. In Bonnaires Laufgruppe „sind einige froh und glücklich, wenn sie einen Halbmarathon schaffen“, erzählt sie, andere laufen dagegen Marathon und Ultra. „Aber ich habe nie erlebt, dass da jemand überheblich wäre oder jetzt alle zum Ultra streben.“ Diesen Eindruck teilen nicht alle. Arthur Batz, der am liebsten Halbmarathon läuft, schreibt auf Facebook, dass er Ultraläufer oft als arrogant erlebt. „Aber ich bin da relativ unempfindlich.“

ZIELE RICHTIG DEFINIEREN

Buchautor Finn sah in Ultraläufern anfangs die schlechteren, unsportlicheren Läufer: Sie prügeln keine Intervalle auf der Straße, gehen im Wettkampf und halten an Versorgungsstationen, ohne Rücksicht auf die Zeit. Noch dazu seien sie alle ein bisschen laufsüchtig. So sagen 74 Prozent der Ultraläufer, dass sie auch dann nicht mit ihrem Sport aufhören würden, wenn sie wüssten, dass er ihnen schadet. Finn selbst wurde in dessen Bann gezogen. „Bei einem Ultra-Marathon (…) gelangt man in einen Zustand, den man sonst nicht erreicht“. Aber er schreibt eben auch: Im „Tal der Schmerzen“ fange der Spaß erst so richtig an. Stefan Graf sieht so etwas mit Sorge. Bereits heute nehme jeder zweite Marathonläufer Schmerzmittel und über 80 Prozent Nahrungsergänzungsmittel.

„Von den Tausenden Menschen, die sich heute an Marathon- und sogar Ultraveranstaltungen beteiligen, sind etliche nicht für derartige Belastungen geeignet und nicht hinreichend medizinisch aufgeklärt – geschweige denn betreut.“ Die Quittung dafür komme oft erst später, wenn die „Chemie“ den Bewegungsapparat irreparabel geschädigt oder zu Leber- und Nierenschäden geführt hat. Stefan Graf findet: Wer den Sport ohne Supplemente, Pillen und Pülverchen nicht ausüben kann, muss seine Ziele zurückschrauben.

Gemeinschaft und Glückshormone bekommt man eben auch, wenn man samstags an einem fünf Kilometer langen Park- Run teilnimmt. So sehr sich Ultraläufer und Parkjogger auch unterscheiden, auf die Frage nach dem Warum erhält man oft sehr ähnliche Antworten. „Was mir am Laufen, neben dem Minimalistischen, gefällt, ist einfach das Geräusch meiner Schritte. Laufen hilft mir, wieder bei mir selbst zu sein“. Das sagt nicht etwa der Ultraläufer Florian Grasel und auch nicht die Marathonläuferin Beate Bonnaire. Das sagt Susann Schumann, die erst vor einigen Monaten mit dem Laufen begonnen.

Ein bis zwei Mal die Woche, bis zu 15 Kilometer. Ende des Jahres steht ihr erster Halbmarathon an. Außerdem fährt sie Mountainbike, hat ein Kajak, macht Bogenschießen. Laufen ist für Schumann eine von vielen Sportarten. Dass es Ultras gibt, wusste sie vor dem Interview gar nicht. „Davor habe ich schon Respekt“, sagt sie. Genau diesen Respekt hätten aber auch Bekannte, denen sie von ihrer letzten Zehn-Kilometer-Runde erzählt. „Das ist für die kaum vorstellbar.“

Text: Luise Anter