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Spieglein

ILLUSTRATION Philipp Jordan

SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND 

Wie eitel sind wir Läufer eigentlich? Lassen wir uns durch Instagram und Co. negativ beeinflussen? Überall nur schlanke, schöne Sportler und heile Welt.

Ein klein wenig schäme ich mich ja noch immer für diese sehr dumme Frage. Ich stellte sie mir vor vielen Jahren, als ich gerade mit dem Laufen angefangen hatte und durch den Park meiner Stadt mühsam vor mich hin wackelte. Mit Misstrauen betrachtete ich all die schlanken jungen und alten Läuferinnen und Läufer, die da so gut gelaunt durch die Grün anlage hüpften. Die Frage, die mir inzwischen so absurd vorkommt, lautete: Warum zum Teufel laufen die denn überhaupt noch? Die sind doch schon schlank? Aus heutiger Sicht kann ich mir da natürlich nur mit einem lauten Klatscher auf die Stirn schlagen, vergebe meinem alten Ich dann aber doch großherzig.

Ich hatte damals eben noch nicht erlebt, wie befreiend, beglückend, erfüllend und Energie spendend das Laufen sein kann. Ich war damals nie einen Volkslauf gelaufen und hatte auch nie auf irgendein Ziel hin trainiert. Ich wollte eben einfach nur schlanker werden. Ich meine: Ich wollte einfach nur ansatzweise schlank werden. Also weniger dick – das trifft es vielleicht noch am besten. Das muss natürlich nicht per se oberflächlich, eitel oder narzisstisch sein. Es geht ja bei vielen beim Abnehmen auch um ein anderes Körpergefühl und die Gesundheit. Aber abseits dieser ganzen Selbstoptimierungswelle, die seit einigen Jahren über uns herein schwappt, kann ich nicht leugnen, dass ich mich auch über die optische Transformation sehr freute. Wenn man leichter ist, kann man schneller laufen. Das ist ein Fakt. Aber abgesehen von den Athleten, die um jede Minute kämpfen, ist das selten der eigentliche Grund, warum man Gewicht verlieren möchte.

SPIEGEL DER WAHRHEIT

Aber wie eitel sind wir Läuferinnen und Läufer denn jetzt im Vergleich mit anderen Sportarten wirklich? So völlig frei von Äußerlichkeiten sind wir mit Sicherheit nicht, sonst würde Funktionskleidung wirklich nichts anderes tun als zu funktionieren. Aber offensichtlich soll sie ja auch schick aussehen. So ist mir schnell aufgefallen, dass diese eng anliegenden, langärmeligen Oberteile fast immer geometrische Applikationen im Bauchbereich aufgenäht bekommen haben, die verdächtig einem Sixpack ähneln. Bei mir kommt man dadurch in den seltenen Genuss, einen großen, runden und weit nach vorne ausgebeulten Sixpack bestaunen zu dürfen. Und auch wenn es sich in meinem Falle eher um bestmögliche Schadensbegrenzung handelt, so checke auch ich oft kurz vor dem Spiegel, wie ich denn optisch rüberkomme, bevor ich mich in die freie Wildbahn traue. Ich kann nur vage erahnen, wie es sein muss, wenn man richtig athletisch gebaut ist und mit perfekter Lauftechnik an einem Schaufenster vorbeiläuft, in dem man sich spiegelt.

Was bei mir eher eine herbe Enttäuschung ist und maximal als „Schau! So willst du nicht mehr lange aussehen, deshalb lauf schön weiter!“-Motivation instrumentalisiert werden kann, ist für andere sicherlich wie eine warme Selbstbewusstseins-Dusche. Und ja, ich finde es ein wenig verwerflich, wenn man sich dann eben auch oft in selbiger Pose fotografieren lässt und das in den sozialen Medien postet. Was mich aber schon immer erstaunt hat, ist die Diskrepanz zwischen den Like-Zahlen wirklich guter, erfolgreicher Sportler und Influencern. Da kommt ein professioneller Athlet, der schon viele Rekorde gebrochen hat, nicht mal ansatzweise an jene Zahlen heran, die irgendeine von diesen Tausenden austauschbaren Instagram-Läuferinnen generiert. Dabei sind bei denen die Fotos oft gestellt oder das gesamte Profil besteht aus einem immer identisch aufgenommen Selfie.

Keine verschwitzten Visagen mit Schaum vor dem Mund und verkrampftem Gesichtsausdruck. Nein, immer schön von oben rechts fotografiert, mit abwechselndem Hintergrund. Immer ein Lächeln auf den Backen. Jedes 20. Foto ist dann noch durch eine Medaille ergänzt, die man einem Biss-Test unterzieht. Man weiß ja nie was für ein Billigmetall die da einem unterjubeln wollen.

SIND PROFIS WENIGER SEXY?

Bitte nicht falsch verstehen: Ich gönne es den Influencerinnen und Influencern ja von Herzen, wenn sie solche Zahlen generieren, aber ich finde es schon schade, dass Profis da im Verhältnis so schlecht abschneiden. Denen sei ein zweites Standbein von Herzen gegönnt, um ein wenig Geld zu verdienen. Wenn man sich mal anguckt, wie viel finanzielle Unterstützung die teilweise vom Sportbund bekommen, können die auch jeden Cent gebrauchen. Aber, und da muss ich nun selbstkritisch sein, auch ich schaue mir gerne schöne Menschen an. Auch beim Laufen. Die sind dann auch meist jung und schlank. Ich könnte wetten, dass auch das Cover der Zeitschrift, die sie gerade in den Händen halten, eine junge hübsche Person zeigt.

Und das wird sicherlich kein Zufall sein. Irgendwer wird da schon mal nachgeforscht haben. Wir wollen also nicht nur selbst schön sein, sondern scheinen auch lieber schöne Menschen anzugucken. Ist ja auch erstmal nicht verwerflich und scheint in unserer Natur zu liegen.

Es gibt Schmink-Tipps für Läuferinnen, und ich habe sogar mal in einem Buch ein ganzes Kapitel entdeckt zum Thema „Laufselfies“. Da wurde dann wirklich haargenau beschrieben, wie man sich idealerweise selbst ablichtet. Aber sind wir da nicht auch einfach nur Opfer des Zeitgeistes? Leben wir nicht generell in einer viel oberflächlicheren Zeit? Ich vermag nicht zu sagen, ob Bart-Öle, Transformations- Trainingspläne und Selfies einfach nur unsere Version von Kotletten und Schlaghosen sind (um hier mal die 70er als Vergleich heranzuziehen). Fakt ist aber sicherlich: Nie wurden so viele Fotos vom eigenen Gesicht gemacht.

GEMEINSAM IST BESSER

Und abseits des ganzen Schönheitswahns zeigen auch wir Laufsportbegeisterte, dass es uns nicht immer nur um den Spaß an der Sache geht. Versuchen Sie doch einmal einem erfahrenen Läufer zu erzählen, dass Sie gerade Ihren ersten Marathon gefinisht haben, ohne nach der Zeit gefragt zu werden. Anstatt die Gemeinsamkeit zu feiern, wird auch bei uns oft brav in Schubladen gedacht: Barfußläufer gegen Schuhläufer, Trail gegen Straße, Ultra gegen Kurzdistanz, bei jeder Gruppe gibt es immer eine Handvoll, die sich elitär fühlt. Und jede Gruppe hat so etwas wie ein inoffizielles Trikot. Wirkliche Sorgen mache ich mir aber noch nicht um unseren Sport. Noch habe ich das Gefühl, dass wir uns alle verbunden fühlen, Leistung noch immer vor Erscheinungsbild steht, alle akzeptiert werden – von der „Beauty-Queen“ bis zum Übergewichtigen. Dass wir uns als große Gruppe sehen, wenn wir da gemeinsam im Startbereich stehen.

Dass wir einander auch weiterhin grüßen, wenn wir uns in der Walachei über den Weg laufen. Und solange das noch so ist, können wir uns entspannt zurücklehnen. Oder noch besser: laufen gehen. Wenn’s schön macht…

Text: Philipp Jordan