Abenteuer Via Alpina
2.000 Kilometer in 50 Tagen: Die Extremsportlerinnen Susi und Maggy haben im vergangenen Sommer laufend die Alpen überquert. Von Slowenien bis Monaco sind sie durch acht Länder gerannt. Dabei haben sie sich mehr mit Wettervorhersagen beschäftigt als ihnen lieb war, mussten sehr viele Höhenmeter überwinden und unterwegs plötzlich auch große Entscheidungen treffen.
Habe ich das wirklich erlebt? Kurz nachdem Susann Lehmann in Monaco ankam, war sie sich da nicht mehr so sicher. Gemeinsam mit ihrer Laufpartnerin Magdalena Kalus hatte sie gerade ihr bislang größtes sportliches Abenteuer bewältigt – einmal über den kompletten Alpenbogen rennen. In Zahlen bedeutet das: circa 2.000 Kilometer mit 120.000 Höhenmetern von Triest in Slowenien bis nach Monaco. 50 Tage waren sie unterwegs.
„Das war wie in einer Parallelwelt“, sagt Susi, „eine Welt, in der du nur drei Dinge machen musst: Schlafen, essen und fortbewegen oder eher, viel essen, viel schlafen und viel laufen.“ Nicht ein Mal hatte sie in den zwei Monaten den Laptop aufgeklappt, keine Mails gelesen und abends maximal mal zehn Minuten durch Instagram gescrollt. „Ich habe ein ganz anderes Leben geführt, zurück in der Realität kam mir das manchmal vor wie ein Fiebertraum.“ Als sie fertig war, habe sie auch zuerst gedacht, dass das gar nicht so ein großes Ding war, konnte all das noch nicht so fassen. „Man redet ja Dinge auch gerne mal klein, denkt daran, dass andere noch viel extremere Sachen machen“, sagt die Sportlerin aus Kochel am See.

Doch mittlerweile, ein paar Monate nach ihrem großen Laufsommer, hat sie realisiert, was sie da sportlich geleistet hat. „Es gab Tage, da sind wir eine Strecke von 60 Kilometern mit 4.500 Höhenmetern gelaufen. Andere machen so eine Distanz einmal im Leben – bei einem Wettkampf“, erzählt die Extremsportlerin. Mit Abstand wisse sie jetzt, was das für eine krasse Leistung war. „Das tat schon gut, das jetzt zu realisieren, so zwei Monate danach.“
Der Zeitplan platzt
Bei ihrem Lauf über die Via Alpina geschahen gleich mehrere Reisen gleichzeitig. Da war zunächst die Reise, die auf dem Papier vorgegeben war, die Strecke des Fernwanderwegs Via Alpina. Und dann kam die mentale Reise hinzu. „Am Anfang haben wir noch in größeren Blöcken gedacht, also daran, dass wir nächste Woche schon in Italien sind“, berichtet Susi. Schnell wurde ihnen aber klar, dass das nicht funktioniert. „Wir haben dann nur noch von Tag zu Tag gedacht. Und auch den Tag selbst manchmal noch in Abschnitte zerlegt, so ein bisschen wie bei einem Wettkampf, wo ich beim Marathon auch zuerst an die ersten Kilometer denke“.
Das Denken von Tag zu Tag garantierte ihnen, dass sie flexibel auf Probleme reagieren konnten. Von ihrem eigentlichen Zeitplan hatten sie sich nämlich schon früh verabschieden müssen. Und das obwohl sie doch eigentlich alles so perfekt in monatelanger Vorarbeit geplant hatten – von den Etappenlängen über die Anzahl der Schuhe bis zum Begleit-Wohnmobil. Jeden Tag mindestens ein Ultramarathon mit 3.000 Höhenmetern war ihre Vorstellung.
Doch der Sommer 2025 wollte da nicht so ganz mitspielen. „Schon ab Tag Sieben war unser Plan komplett hin“, erzählt Susi. Regen, Gewitter, Murenabgänge: Das Wetter wurde zum großen Gegenspieler. Wenn mittags Gewitterrisiko gemeldet war, begann der Lauftag für die Beiden schon um 5 Uhr in der Frühe. Und im Zweifel ging immer die Sicherheit vor, so wurden aus manchen Lauf- auch komplette Rest Days. „Uns war wichtig, das Projekt mit Spaß zu machen. Wenn da am Grat die dunklen Gewitterwolken kommen, hast du Angst und keinen Spaß“, sagt die 39-Jährige, „dadurch hat sich der Plan komplett in alle Richtungen verschoben, zwischendurch dachten wir auch, wir kommen gar nicht voran“.
Wenn Susi ganz alleine gewesen wäre, hätte sie all das weniger gestresst. „Dann wäre ich auch zufrieden gewesen, mit einem Glühwein in der Hand an Heiligabend in Monaco einzulaufen“. Doch Susi und Maggy hatten eine Freundin dabei, die sie mit dem Wohnmobil begleitete. Und dann gehörte auch noch eine Filmcrew zum Team. An deren zeitliche Verpflichtungen und Bedürfnisse musste ebenso gedacht werden. Das Zeitfenster konnte also nicht ewig ausgedehnt werden.
Projekt auf der Probe
An einem der sehr regnerischen Tage in Österreich mit Nebel und einer Temperatur von gefühlt drei Grad kam ein weiterer Aspekt hinzu, der alles ordentlich durcheinander würfelte. Maggy hatte starke Schmerzen im Fuß, sodass sie einen Arzt ansteuerten. Weitere Besuche folgten. Es war unklar, ob sie überhaupt noch mitlaufen kann. Eine Woche Pause war allerdings nicht möglich in ihrem durch das Wetter schon so strapazierten Zeitplan. Maggy war diejenige, die anfangs die Idee für das Projekt hatte und dann Susi anrief, es war ihr Herzblutprojekt. „Mach ich das dann alleine? Hab ich da überhaupt Bock drauf?“ Susi schossen viele Fragen gleichzeitig in den Kopf. Zehn, zwölf Stunden am Tag alleine durch die Berge laufen, das war nicht der Ursprungsgedanke des Projekts. „Der Gedanke war ja, wir machen das zusammen – als Team, als Freundinnen“, sagt sie.

Maggy entschied sich dann dazu, alle Abschnitte, die für sie und ihren Fuß möglich waren, mitzulaufen und abgesehen davon in die Rolle der Organisatorin zu schlüpfen. Und an einem Morgen war auch bei Susi die Zeit des Grübelns vorbei: „Da bin ich einfach aufgestanden und ganz automatisiert losgelaufen. Da meinte Maggy zu mir, dass sie da gemerkt habe, dass ich das durchziehen und zu Ende bringen werde. Und das hat ihr die Motivation gegeben, auch weiterzumachen, die Rolle der Supporterin anzunehmen.“
Auch wenn sie nun nicht mehr jeden Kilometer zusammen abspulten, war es weiterhin ein Projekt, das vom Miteinander der beiden lebte. In den Momenten, in denen Susi kurze „Ich habe keinen Bock hier alleine rumzurennen“-Phasen überkamen, dachte sie einfach an Maggy, die alles machen würde, um hier gerade zu laufen. Und daran, dass es ihr auch darum ging, die eigenen körperlichen Grenzen auf der Via Alpina auszuloten.
Andere Frauen inspirieren
Dabei hat Susi ingesamt 2,5 Millionen Schritte gesammelt und sieben Paar Schuhe durchgelaufen. Am Tag hat sie ungefähr zwischen 5.000 und 6.000 Kalorien verbraucht. Eine große Hilfe beim Wiederauffüllen der Speicher waren vier 750-Gramm-Gläser Nutella. Schon vor der Via Alpina wusste Susi, dass sie eine gute Etappenläuferin ist. Sie ist zum Beispiel schon einmal jeden Tag im Dezember einen Halbmarathon gelaufen. „Mein Körper passt sich sehr schnell an“, sagt die Ultraläuferin. Sie braucht nur ein Bett, viel Schlaf und schon drückt sie am nächsten Morgen den Reset-Knopf und läuft weiter. Doch sie hat auch Neues über sich und Maggy gelernt. „Wir beschweren uns extrem wenig. Wenn es Probleme gibt, jammern wir nicht, sondern ziehen einfach durch.“

Das Motto, das sie sich immer wieder zwischendurch sagten, war: Einfach weitermachen, nicht so viel denken, nicht so viel beschweren. „Natürlich funktioniert das nicht immer, ich habe mich auch mal aufgeregt. Wenn dann am sechsten Tag hintereinander sturmflutähnliche Regenfälle waren. Da bist du auch ein bisschen gefrustet.“ Aber insgesamt blieb sie fokussiert. „Von dieser Resilienz bei mir wusste ich vorher nicht.“ Außerdem war sie aufs Neue erstaunt darüber, was ihr Körper leisten kann. „Und er könnte noch mehr. Als ich in Monaco ankam, habe ich gedacht, ich könnte jetzt noch zwanzig Tage so weitermachen. Auf jeden Fall lieber als acht Stunden am Laptop sitzen.“
Heute sitzt Susi nun wieder vor allem am Computer. Doch das Laufen bleibt im Alltag präsent – auch auf ihrer Instagram-Seite und in ihrem eigenen Podcast. Regelmäßig bekommt sie Nachrichten von Frauen, die durch sie inspiriert wurden, Abenteuer zu wagen. Manchmal kommen die auch bei einem Lauf auf sie zu und erzählen ihr, dass sie durch den Podcast motiviert wurden, sich für Lauf-Events anzumelden. „Ich beobachte oft, dass Männer sagen, ich mach das einfach. Aus einer Biertischwette heraus laufen die einen Marathon. Als Frau überlegst du dir erstmal, ob du das überhaupt schaffst.“ Und das, obwohl die Frauen, die ihr zuhören oder folgen, in der Regel die nötige Fitness mitbringen.
Susi ist dieser Gedankenspirale entkommen. „Ich denke über sowas gar nicht mehr nach. Es kann schon sein, dass ich etwas nicht schaffe, aber das werde ich ja dann sehen.“ Einfach mal machen, sich ausprobieren. „Und wenn ich es nicht schaffe, das Ziel nicht erreiche, ist das erstmal ärgerlich. Aber trotzdem habe ich ja super viel gelernt und erlebt und bin über mich hinausgewachsen.“
Frankreich verzaubert
Bei ihrem Mammutlauf haben Maggy und Susi nicht nur sich selbst, sondern auch die Alpen besser kennengelernt. Und das obwohl beide in Süddeutschland unmittelbar in Alpennähe leben. „Besonders schön fand ich die Gegend an der französisch-italienischen Grenze. Da gab es ultra schöne Trails, toll laufbar und eine abwechslungsreiche Landschaft“, erzählt Susi, „da merkst du auch ab einem gewissen Punkt, dass es mediterraner wird. Das ist total spannend, beim Laufen zu sehen, wie sich die Landschaft ändert.“
Eigentlich hatten sie sich auf Österreich und die Schweiz gefreut, da sie dort viele Regionen und Gebirgszüge schon kannten. „Aber dann waren wir komplett begeistert von Frankreich, die Leute waren auch alle total nett. Du hast gemerkt, dass sie gerne Outdoorsport machen und draußen sind“, erzählt Susi, „und dann hat natürlich auch geholfen, dass in Frankreich das Wetter wieder besser wurde. Das war irgendwie versöhnlich und perfekt als Abschluss.“ (Text von Kerstin Börß)
