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Sport man suffering from backache at park outdoors, Lower back pain concept

Bild: iStock

Wenn der Ischias nervt   

Es schmerzt im unteren Teil des Rückens und strahlt bis in den Oberschenkel? Viele Läufer kennen dieses Problem! Ein Facharzt erklärt, was dahintersteckt.

Ich hab Ischias – diesen Satz hat sicher jeder Läufer und jede Läuferin schon einmal von einem Mitglied der Laufgruppe gehört oder vielleicht sogar selbst ausgesprochen. Wer „Ischias hat“, klagt meistens über starke Schmerzen im tiefen Rückenbereich  – auf Höhe der Lende –, die bis ins Bein ausstrahlen. Doch so bekannt und allgemein verbreitet die Phrase auch ist – so unterschiedlich sind die Ursachen, die dahinterstecken können.

Gefahr der Entzündungsreaktionen

Um zunächst zu verstehen, warum besonders Läufer   und Läuferinnen zu Beschwerden mit dem Ischiasnerv   neigen, müsse man laut Marcus Kronschnabl, Facharzt für Neurochirurgie, Chirurgie und kommissarischer Chefarzt  der Abteilung Orthopädie an der Johannesbad Fachklinik Bad Füssing, die Anatomie dieser Körperregion einmal genauer betrachten.

So besteht eine enge anatomische Nachbarschaft zwischen dem Nervus ischiadicus – allgemein als Ischiasnerv   bekannt – dem Hüftgelenk, dem Iliosakralgelenk (auch Kreuz-Darmbein-Gelenk) und den Muskeln, die im Bereich der hinteren und seitlichen Darmbeinschaufel, dem Kreuzbein und der Hinter – bzw. der Innen- und Außenseite des Oberschenkels verlaufen.

„All diese Strukturen werden beim Laufen besonders in Anspruch genommen beziehungsweise belastet. Eine Fehl- oder Überbelastung einer dieser Strukturen führt im weiteren Verlauf auch zur Überbelastung der in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden anatomischen Strukturen und hierzu begleitenden Entzündungsreaktionen“, berichtet der Arzt von möglichen Kettenreaktionen im menschlichen Laufapparat. Diese Entzündungsreaktionen könnten dann zum Beispiel den Ischiasnerv mitbetreffen und die bekannten Schmerzen auslösen.

Auch eine andere Krankheitsgeschichte ist laut Kronschnabl sehr häufig zu beobachten. Eine Überbelastung kann im Bereich der hinteren Beinmuskulatur zu Verhärtungen führen und so den Ischiasnerv reizen. Dieser ist nämlich in eben dieser Muskulatur eingebettet. Natürlich ist auch eine unmittelbare Kompression der Nervenwurzeln, die im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule direkt den Wirbelkanal verlassen und im weiteren Verlauf den Ischiasnerv bilden, durch einen Bandscheibenvorfall oder Einengung der Nervenaustrittsöffnungen möglich und müsste entsprechend abgeklärt werden.

LäuferKrankheit Piriformis-Syndrom

Auch wenn also häufig der Nerv selbst von den Betroffenen als der Schuldige für die Schmerzen vermutet wird, sind es immer wieder die umliegenden Muskelstrukturen und Knochen, die eigentlich die Probleme verursachen oder ihre Reizungen quasi an den Ischiasnerv weitergeben. Wenn ein Knochen die Schmerzen auslöst, sind dem Arzt von der Johannesbad Fachklinik in Bad Füssing zufolge besonders häufig Veränderungen des Kreuzdarmbeingelenks oder der kleinen Zwischenwirbelgelenke im Bereich des unteren Drittels der Lendenwirbelsäule durch zu hohe Belastungen verantwortlich.

„Außerdem ist die sogenannte ischiocrurale Muskulatur zu nennen, das heißt die Muskulatur, die an   der Rückseite des Beines sowie in den tiefen Schichten auch   an der Innen- und Außenseite des Oberschenkels verläuft und deren sehnige Ansätze am Sitzbein, am Kreuzbein sowie an der Innen- und Außenseite des Schienbeinkopfes liegt“, sagt Kronschnabl. Eine Diagnose, die viele Läufer hören, wenn sie beim Arzt „Ich hab Ischias“ sagen, ist zudem das Piriformis-Syndrom. Der Name dieses Syndroms erklärt schon, was genau im Körper betroffen ist.

„Der Musculus piriformis zählt zur tiefen Schicht der Hüftmuskulatur und verläuft von der Vorderseite des Kreuzbeins über die Hinterfläche des Sitzbeines zur Vorderseite des großen in allernächster Nachbarschaft zum Nervus ischiadicus,  der in den meisten Fällen unmittelbar an der Vorderseite   dieses Muskels liegt oder diesen sogar teilweise oder   ganz durchkreuzt.“ Deshalb würden Entzündungsreaktionen am Sehnenansatz des Piriformis-Muskels oft zu begleitenden entzündlichen Veränderungen am Nervus ischiadicus führen.

„Dazu kommt, dass durch entzündlich bedingte Schwellungen des Muskels die Austrittsstelle des Nervus ischiadicus aus dem Becken verengt werden kann und hierdurch der Nerv in seinem Verlauf an dieser Stelle bedrängt wird“, erläutert der Bad Füssinger Experte.

Wieder zurück in die Laufspur

Bei so vielen verschiedenen möglichen Ursachen für die   Schmerzen, die manchmal vom Ischiasnerv direkt herrühren oder den Symptomen nur ähneln und von anderen Strukturen hervorgerufen werden, gibt es natürlich auch   nicht die eine Lösung oder Behandlung. Daher sei eine gründliche ärztliche Untersuchung vor Beginn jeglicher Therapie unbedingt erforderlich. „In den meisten Fällen   dürfte als erster Schritt der Therapie dann der Rückgang der entzündlichen Veränderungen durch medikamentöse und physikalische Maßnahmen im Fokus stehen“, sagt der Arzt. Danach stehe dann auch die Stabilisierung des erreichten Behandlungsergebnisses und die Prophylaxe eines Wiederauftretens im Fokus.

Zu diesem Zeitpunkt ist dann besonders die Physiotherapie gefragt. Die Muskulatur soll dabei gezielt gestärkt werden und darüber hinaus sollen Fehl- und Überbelastungen und die daraus resultierenden Entzündungsreaktionen der Muskel- und Skelettstrukturen vermieden werden. Wahrscheinlich schon am ersten Tag, an dem der Läufer oder die Läuferin von ihrem Arzt eine Diagnose gestellt bekommt, ist der vorherrschende Satz nicht mehr „Ich hab Ischias“, sondern „Kann ich nach der Therapie wieder laufen?“.

Da die Krankheitsgeschichten so verschieden sind,  kann an dieser Stelle natürlich nicht stehen, wie dick der   Abrisskalender sein sollte, den sich der Läufer an seine Wand hängen sollte, bis er wieder durchstarten kann. Aber   dennoch gibt Marcus Kronschnabl unter Vorbehalt generell grünes Licht. „In beschwerdefreiem Zustand, und das heißt, es sollten tatsächlich keine Restbeschwerden mehr bestehen, ist vom Laufen grundsätzlich nicht abzuraten.“

Doch ein paar Einschränkungen gibt er den pausierenden Sportlern dann doch mit auf den Weg: „Es ist allerdings zu beachten, dass nach überstandenen Beschwerden hinsichtlich Trainingsumfang und Trainingsintensität erst einmal vorsichtig wieder mit dem Laufen begonnen werden sollte. Um das Lauftraining auch längerfristig erfolgreich fortsetzen zu können, ohne ein Wiederauftreten der Ischialgien beziehungsweise ischialgieähnlichen Beschwerden zu riskieren, sollten jedoch parallel zum Lauftraining die physiotherapeutischen Übungen in Eigenregie fortgesetzt   werden, die zur Behandlung der ursprünglich auslösenden Ursache durchgeführt wurden.“

Auch ein Alltagsproblem

Dieses Verständnis und die Achtsamkeit in Bezug auf den eigenen Körper sollten allerdings nicht nur beim Laufen vorherrschen. Denn auch wenn es laufspezifische Ursachen für beispielsweise das Piriformis-Syndrom gibt, spielt oftmals auch der Alltag eine Rolle. So ist besonders langes Sitzen schlecht für den Piriformis-Muskel. Ebenso kritisch kann eine schlechte Haltung beim Heben sein. Auch das Portemonnaie ist ein Risikofaktor. Wer dieses konstant in der hinteren Hosentasche hat und sich somit auch auf das Portemonnaie setzt, nimmt auch ein Piriformis-Syndrom in Kauf. 2017 haben sich portugiesische Wissenschaftler genau diesem speziellen Fall gewidmet. Dabei haben sie herausgefunden, dass die Größe des Portemonnaies keine wichtige Rolle spielt – dafür jedoch die Dicke der Geldbörse. Wer also besonders viele Karten und Geldscheine dabeihat und sich konstant auf diese setzt, ist besonders gefährdet.

Muskulatur stärken

In vielen Fällen können Probleme mit dem Ischiasnerv bei Läufern mit einer nicht ausreichend ausgebildeten Rumpfmuskulatur und/oder einer verkürzten Oberschenkelmuskulatur zusammenhängen. Es gilt also wie beim Vorbeugen   vieler typischer Läuferkrankheiten auch hier auf zusätzliches Kraft- und Stabilisationstraining   zu setzen. Auch beim Yoga gibt es viele Übungen, die die in diesem Fall wichtigen Partien des Körpers wie beispielsweise den Gesäßbereich und die Hüften stärken

unser experte:
Marcus Kronschnabl
Beruf: Marcus Kronschnabl ist Facharzt für Neurochirurgie,  Facharzt für Chirurgie sowie komm.   Chefarzt der Abteilung Orthopädie der Johannesbad   Fachklinik in Bad Füssing in der Nähe von Passau (www.johannesbad-fachklinik.de).  
Info:
Immer wieder stehen an der Johannesbad Fachklinik Sportthemen im Fokus. Die Klinik ist zum   Beispiel Teilveranstalter des Bad Füssinger Sportkongresses. Auch der Johannesbad-Thermen-Marathon hat Start und Ziel an der Klinik.