Foto: Kim Schreiber

Im Laufe der Zeit

Viele Jahre lief Kim Schreiber, ohne es wirklich genießen zu können. Warum es dann plötzlich „Klick“ gemacht hat, erzählt die erfolgreiche Bloggerin in ihrer neuen aktivLaufen-Kolumne.

Kimi, wie lange läufst du eigentlich schon?“ Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Leicht fällt mir eine Antwort darauf trotzdem nicht. „Schon immer“ wäre gelogen, „erst seit Kurzem“ aber auch. Vielleicht fällt mir die eindeutige Antwort deswegen so schwer, weil sich das Laufen und dessen Bedeutung für mich mit der Zeit verändert haben.

Heute ist der Sport ein wichtiger Teil von mir und meinen Gewohnheiten. Meine Tagesgestaltung hängt von meinem Trainingsplan ab, nicht umgekehrt. Und ich habe kein Problem damit, andere Lebensbereiche dem Sport unterzuordnen. Disziplin, das kann ich, das konnte ich immer. Wobei die Grenze zwischen diszipliniertem und zwanghaftem Verhalten sehr schmal sein kann.

Seit gut zwei Jahren laufe ich schon für das deutsche Adidas Terrex Trailrunning Team. Das Laufen hat mir eine Aufgabe gegeben, mehr noch: Es hat mir meine Identität verliehen, nach der ich jahrelang gesucht habe. Wenn ich heute jemanden kennenlerne, kommt früher oder später das Thema „Laufen“ auf. Ich bin stolz darauf und werde gerne mit dem Sport in Verbindung gebracht: Kimi, die Läuferin. Das ist dann auch häufig der Moment, in dem die eingangs erwähnte Frage gestellt wird: „Wie lange läufst du eigentlich schon?“

Ich war schon als Kind sportlich. Damals probierte ich mich in vielen verschiedenen Sportarten aus und hatte Spaß an der Bewegung. Nicht mehr, nicht weniger. Der Sport war kein Mittel zum Zweck, er war Teil meiner Kindheit. An Kindergeburtstagen spielten wir im Wald fangen, unter der Woche hatte ich Tennis- und Handballtraining und aus dem Fußballteam wurde ich freundlich, aber bestimmt hinausgeworfen. Ein Eigentor, kann passieren. In diesem Fall kostete es mich meine Karriere als Fußballerin. Niemals hätte ich als Kind auch nur einen Fuß vor den anderen gesetzt, wenn mir dazu die Lust gefehlt hätte.

Gesellschaftliche und selbst gemachte Zwänge gelten in der Welt eines Kindes (meistens) noch nicht, und Instagram sollte erst Jahre später den Ton angeben. Man war gut so, wie man war. Manchmal sehne ich mich sehr nach dieser Zeit. Je älter ich wurde, desto mehr entwickelte ich mich von einer Teamsportlerin zur Einzelkämpferin. Auch heute ist es das, was mich am Laufen fasziniert: dieser Zustand der bewussten Einsamkeit.

Eine Weile nicht reden müssen, nicht jemandes Erwartungen erfüllen müssen, nicht zuhören müssen und sich nicht verstellen müssen. Nur ich, mit meiner Musik und meinen Gedanken. Wenn ich laufe und der Rhythmus eines Liedes mich in die richtige Stimmung versetzt, kann ich alles sein. Ich erlebe meine Fantasiewelt und bin für die Dauer des Laufes unverwundbar.

Sobald ich gemeinsam mit anderen Personen laufe, wird mir dieser Zufluchtsort meiner selbst genommen. Ich weiß, dass das viele nicht verstehen können. Aber wenn es um die sportliche Leistung an sich geht und darum, diese zu erbringen, bin ich am liebsten nur auf mich gestellt. Auch weil es einfacher ist, der eigenen Erwartung gerecht zu werden als der von anderen. Mit Handball hörte ich auf, eigentlich hörte ich während meiner Pubertät mit allen sportlichen Aktivitäten auf. Nur das Laufen blieb, wenn auch zunächst nicht aus Freude daran.

Ich schaute es mir von meiner Mama ab und integrierte regelmäßige Laufeinheiten in meinen, mir selbst auferlegten, Diätplan. Dieser war Teil meiner Selbstzweifel. Ich hielt mich für hässlich, verbrachte täglich mehrere Stunden im Bad und warf mir kritische Blicke im Spiegel zu. Meine Freude am Essen verwarf ich gezwungenermaßen komplett. Als Kind hatte ich ungeachtet der Konsequenzen gegessen, als junge Erwachsene wurde jede Kalorie auf die Goldwaage gelegt. Ich lief also rein für das gute Gefühl danach.

Damals war jeder Lauf eine reine Maßnahme zur Selbstzufriedenheit und ich entkam dieser zwanghaften Spirale nur, weil ich anfing, mich selbst lieben zu lernen. Das Laufen spielte dabei eine wichtige Rolle.

Neue Perspektive

Ich kann im Nachhinein gar nicht genau sagen, wann es so richtig Klick gemacht hat. In dem einen Moment lief ich noch, weil es sein musste, und im nächsten Moment hatte ich Spaß daran. Wovon ich aber felsenfest überzeugt bin, ist, dass meine Lebensumstände dabei entscheidend waren. In München und in den Jahren zwischen dem Abitur und dem Studium fehlte mir die Perspektive. Ich hatte keinen richtigen Plan und tingelte von Praktikum zu Praktikum, verloren in den grenzenlosen Möglichkeiten der heutigen Zeit. Ich war unglücklich und konservierte das in Form von essen aus Frust, gefolgt von laufen aus Frust. Ich hatte eine Ernährungsstörung.

Mit meiner Entscheidung für Bamberg als neue Heimat und für mein Studium begann ein neuer Lebensabschnitt für mich. Kaum hatte ich einen Plan im Kopf, lief einfach alles wie am Schnürchen. Ich fand einen Nebenjob, neue Freunde, einen Laufverein und meinen Freund, der mich liebte, so wie ich war. Ich erfuhr Bestätigung und Akzeptanz und musste somit das Laufen nicht mehr als zwanghafte Maßnahme zur Selbstzufriedenheit absolvieren, denn zufrieden war ich auf einmal ganz von selbst. Es war mein Leben, das mich zufriedenstellte. Als ich das begriffen hatte, konnte ich mehr Selbstvertrauen und mehr Energie in meine sportliche Leistung investieren.

Dabei begriff ich vielleicht zum ersten Mal, dass ich gerne lief und dass ich einigermaßen gut darin war. Ich wurde von Einheit zu Einheit schneller, konnte weitere Distanzen zurücklegen, passierte irgendwann die Halbmarathonmarke im Training und arbeitete diszipliniert meinen Trainingsplan ab. Die Disziplin, von der ich anfangs gesprochen und die ich mir im Laufe der Jahre angeeignet hatte, war nun meine Geheimwaffe. Ich war gut darin weiterzumachen, auch dann, wenn ich eigentlich nicht wollte. Ich konnte meine verkopfte Art dafür einsetzen, meinen eigenen Körper zu besiegen.

Mit dem sportlichen Erfolg ging, wie von selbst, meine Selbstakzeptanz einher. Mein Körper passte sich den sportlichen Ansprüchen an, und ich wurde dünner, ohne jede Mahlzeit zu überdenken (obwohl ich das noch eine ganze Weile unbewusst tat). Außerdem ließen die kritischen Blicke in den Spiegel mit der Zeit nach, ich ließ meine Locken lockig sein und rasierte mir nicht mehr in zwanghafter Regelmäßigkeit die Beine.

Ein Hoch auf die Selbstakzeptanz, denn damit verbunden war auch, dass ich mich an den Startlinien von Wettkämpfen wiederfand. Zuvor hatte ich immer darauf verwiesen, eigentlich kein Wettkampftyp zu sein. Im Grunde genommen stimmt das auch. Ich brauche die Wettkämpfe nicht als Trainingsmotivation. Ich laufe sowieso, ob ein Rennen ansteht oder nicht. Aber je fitter und je schneller ich wurde, desto mehr interessierte mich mein Fitnesslevel im Vergleich zu anderen Läuferinnen. Ich war bereit mich zu messen, weil ich mit mir selbst im Reinen war. Ich glaube, dass das entscheidend ist. Erst, wenn man sich selbst zu schätzen weiß, kann man sich selbst eine mögliche Niederlage verzeihen.

Der erste Wettkampf

Im Juni 2017 lief ich beim Koasamarsch mit, meinem ersten Wettkampf auf den Trails und es war wunderbar. Nicht nur, weil ich eine gute Platzierung erlaufen konnte, sondern weil es sich verdammt richtig angefühlt hat. Ich sprach bereits von dem Zustand der bewussten Einsamkeit beim Laufen – während es bei Straßenrennen stressig ist und es von Anfang bis Ende nur um die messbare Pace auf der Uhr geht, verschlucken die Trails das Wettkampfgeschehen. Man läuft um die Ecke und ist auf sich gestellt und, je nach Rennformat, mit natürlichen Endgegnern konfrontiert: steile Anstiege, technische Trails, Wetterumschwung. Aber eben auch wunderbare Natur und eine Community, die diese Faszination teilt.

Natürlich versuche ich während des Wettkampfes mein Bestes zu geben und möglichst als Erste im Ziel anzukommen, ganz so romantisch möchte ich, das alles nicht darstellen. Es wird gegeneinander gelaufen, es kann verdammt hart sein, und nicht selten habe ich die Anstiege verflucht. Aber auf den Trails habe ich eine Zuflucht gefunden, die mir kein flacher Straßenlauf je geben könnte, und deswegen bin ich dabeigeblieben. Bis heute. „Kimi, wie lange läufst du eigentlich schon?“ Vielleicht wird jetzt klar, warum mir eine Antwort auf diese Frage so schwerfällt. Ich laufe schon sehr lange, eigentlich schon seit meiner Kindheit. Aber eigentlich erst seit vier Jahren so richtig.  

Kim Schreiber

Wohnort: München

Alter: 26

Beruf: Freelancerin, (Sport-)Journalistin, Athletin

Bestzeiten und Erfolge: 2018 Siegerin Karwendelmarsch, 2018 Siegerin Koasamarsch Classic, 2019 Vizeweltmeisterin Adidas Terrex Infinitetrails, 2019 Bayerische Meisterin Trailrunning, 2019 Marathonbestzeit (2:49)