Tag : Wilfried Spürk

Rückwärtslaufen

Abenteuer Rückwärtslaufen

Wer glaubt, Rückwärtslaufen sei bloß ein Jux, liegt falsch: Die Besten dieser Disziplin kämpfen sogar um Titel und Rekorde – und schwören auf die positiven Effekte für Muskeln, Gelenke und Koordination. aktivLaufen stellt die ungewöhnliche Laufvariante vor.

Text: Wilfried Spürk

Das nächste Laufabenteuer wartet beim nächsten Schritt. Wenn Sie es wollen. Und wenn Sie sich trauen. Drehen Sie sich um 180 Grad und laufen Sie weiter in dieselbe Richtung wie zuvor. Ja, jetzt laufen Sie rückwärts – und betreten eine völlig andere Laufwelt, die neue Erfahrungen eröffnet und ungewohnte Herausforderungen stellt. Sie bewegen sich fast auf Zehenspitzen und werden sich wohl gelegentlich mal nach hinten umschauen, um eventuell auftauchenden Hindernissen auszuweichen. Vielleicht bemerken Sie auch belustigte Blicke von Passanten oder anderen Läufern. Und womöglich werden Sie bei all dem so viel Spaß haben wie lange nicht mehr beim Laufen – und künftig bei Ihren Trainingsrunden regelmäßig mal eine kleine Passage rückwärts einlegen. Dann wären Sie zwar ein Exot unter den Läufern, aber keineswegs allein unterwegs.

Es gibt mittlerweile eine lebendige Szene von Rückwärtsläufern, die sich sogar in Wettbewerben messen und Bestzeiten jagen. Die Ursprünge dieses Sports sollen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa liegen, als Rückwärtsläufer als Showattraktionen auftraten. Später setzten amerikanische Athleten das Rückwärtslaufen im Training ein, in Europa fand diese Laufvariante ab Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend mehr Anhänger. Der erste offizielle Wettkampf in Europa fand 1992 im italienischen Poviglio statt. Einen Aufschwung erlebte das Rückwärtslaufen dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die Zahl der Wettbewerbe in verschiedenen Ländern nahm zu. In Deutschland wurde der seit 2000 ausgetragene „Deutsche Rückwärtslauf“ in Augsburg im Jahr 2002 in die Deutsche Rückwärtslauf-Meisterschaft umgewandelt. 2005 schlossen sich die Rückwärtslauf-Begeisterten als „International Retro-Runner“ (IRR) zu einem internationalen Verband zusammen. „Retrorunning“ wird übrigens als Synonym zu Rückwärtslaufen auch im deutschsprachigen Raum gebraucht. Ein Jahr nach ihrer Gründung veranstalteten die IRR die erste offizielle Weltmeisterschaft, die seitdem alle zwei Jahre ausgetragen wird. Das Programm umfasst Sprintstrecken (100 Meter, 200 Meter), Mitteldistanzen (400 Meter, 800 Meter, 1.500 Meter) und Langstrecken (3.000 Meter, 5.000 Meter, 10.000 Meter) sowie den Halbmarathon und Staffelwettbewerbe.

Deutsche Pioniere

Einer der Pioniere und mehrfacher Medaillengewinner bei den ersten Titelkämpfen 2006 in Rotkreuz, Schweiz, ist Roland Wegner, der in seinem 2010 veröffentlichten Buch „Retrorunning. Rückwärts zu neuen Ufern“ (erschienen im spomedis-Verlag) einen Überblick über alle Aspekte des Rückwärtslaufens als eigener Sportart gibt und erzählt, wie er persönlich zum Retrorunning kam. Als 19-Jähriger begann Wegner eine Karriere als „normaler“ Läufer. Wegen Knieproblemen infolge eines Kreuzband- und horizontalen Meniskuseinrisses konnte er allerdings nicht mehr schmerzfrei laufen. Ärzte rieten ihm vom Leistungssport komplett ab. Mit dem Rückwärtslaufen fand Wegner dann nicht nur eine Laufdisziplin, die er beschwerdefrei ausüben konnte, sondern, so erzählt er es in seinem Buch, die es ihm nach einiger Zeit auch wieder ermöglichte, vorwärts auf hohem Niveau zu laufen. 2004 verwirklichte er so doch noch seinen Traum vom Start bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften: in der 4 x 400-Meter-Staffel, als Vorwärtsläufer.

Wegner hält bis heute die Rückwärts-Rekorde auf den Sprintdistanzen. Im Jahr 2007 lief er die 100 Meter in 13,6 Sekunden, für die 200 Meter stehen 31,56 Sekunden von 2008 zu Buche. Auf den längeren Strecken sorgt sein Landsmann Thomas Dold, der auch als einer der weltbesten Treppenläufer bekannt ist, seit Jahren für Furore. Er stellte unter anderem die Weltbestzeiten über 400, 800 und 3.000 Meter auf. Der jüngste Husarenstreich gelang Dold am 26. April des vergangenen Jahres, als er im Rahmen des Oberelbe-Marathons in Dresden mit 39:20 Minuten den neuen Weltrekord über 10.000 Meter aufstellte. Grob gesagt sind Rückwärtsläufer, sofern man sich an den Rekorden orientiert, 30 bis über 40 Prozent langsamer als Vorwärtsläufer.

Dold, der neben seinen vielfältigen sportlichen Aktivitäten im Laufbereich auch als Manager der Langstrecken-Asse Lisa und Anna Hahner arbeitet sowie als Motivationscoach in Unternehmen tätig ist, kam über den Fußball zum Rückwärtslaufen. Als Jugendlicher spielte der Baden-Württemberger beim SV Steinach im Schwarzwald. Der Verein hat auch eine Laufabteilung, und als die mit ein paar Vertretern 2003 zur Deutschen Rückwärtslauf-Meisterschaft fuhr, nahmen sie Dold mit. „Von da an hat’s mich nicht mehr losgelassen“, sagt der 31-Jährige. „Es war faszinierend, wie schnell ich mich verbessern konnte und zunehmend mehr Kilometer am Stück schaffte.“ Rückwärts laufen war auch für ihn erst mal eine völlig ungewohnte Belastung. „Es ist, wie wenn man Liegestütze macht und irgendwann einfach nicht mehr kann. Beim Rückwärtslaufen kriegt man nach einiger Zeit die Füße nicht mehr hintereinander. Das tut dann auch weh“, erklärt Dold. Deshalb sei für Anfänger wichtig: die Sache langsam angehen, Distanzen und eventuell Tempo nur allmählich erhöhen. Dann aber sei Rückwärtslaufen ein gutes Alternativtraining, das die Koordination schule und die Beinmuskulatur kräftige, vor allem die bei vielen Läufern kritischen hinteren Oberschenkelmuskeln.

Sinnvoll im Training

Den positiven Effekt für die Koordination bestätigt Sportmediziner Dr. Matthias ­Marquardt, der mehrere Bücher zum Thema Laufen veröffentlicht hat und selbst Laufseminare anbietet (www.marquardt-running.com). „Als koordinatives Element im Training bietet sich Rückwärtslaufen an. In meinen Seminaren kann das so aussehen, dass die Teilnehmer bei Dauerläufen alle zehn Minuten mal ein paar Schritte seitwärts links, ein paar Schritte seitwärts rechts und eben auch ein paar Schritte rückwärts machen“, sagt Marquardt. „In allen Sportarten, wo die Laufarbeit eine wichtige Rolle spielt, ist Rückwärtslaufen als Bestandteil koordinativer Einheiten eine sinnvolle Sache.“

Dold bestätigt das, seine Hahner-„Schützlinge“ bauen Retro-Einheiten vor allem im Aufbautraining ein. Positiv wirkt sich das auch auf die Muskulatur aus. Vor allem der Wadenbereich wird beansprucht, während die Gelenke geschont werden: „Rückwärts laufen Sie erzwungenermaßen auf dem Vorfuß, dabei fängt man die Stöße zu einem großen Teil mit der Wadenmuskulatur ab“, erläutert Experte Marquardt. Die Folge: „Knie und Hüfte werden entlastet.“ Dies sei auch der Grund, warum manche Arthrosepatienten Treppenstufen gerne rückwärts bewältigen. „Wer rückwärts geht, hat einen deutlich geringeren Anpressdruck hinter der Kniescheibe.“ Die Erfahrung von Buchautor Wegner scheint diese Analyse zu bestätigen.

Trotz der positiven Aspekte betont Sportmediziner Marquardt aber, dass das Rückwärtslaufen aus seiner Sicht für längere Strecken problematisch ist: „Der Fuß ist eigentlich dafür gemacht, dass man sich über die Zehen kraftvoll nach vorne abdrückt und die Zehen dabei beugt, um den Fuß zu stabilisieren. Genau das können Sie beim Rückwärtslaufen nicht. Insofern ist das nicht grundsätzlich die physiologisch gesündere Bewegung. Und da man oft nach hinten blickt, tut man seinem Nacken auch nichts Gutes.“

Sommer-WM in Deutschland

Passionierte Rückwärtsläufer wie Dold haben Wege gefunden, das Orientierungs- und Nackenproblem zu mildern. Eine der gängigsten: jemanden mitnehmen, der einen im Vorwärtslauf begleitet. Der Multiweltrekordler führt ungeahnte Vorteile eines solchen Trainings ins Feld: „Ich kann so gut mit jemandem zusammenlaufen, der im Vorwärtslaufen langsamer ist als ich.“ Auch einen kommunikativen Aspekt sieht Dold: „Man kann sich sogar richtig gut unterhalten, da man sich direkt anschauen kann.“ Der zehnfache Retrorunning-Weltmeister, der den Anteil von Rückwärtslauf-Einheiten in seinem Training mit rund zehn Prozent angibt, absolviert diese meist auf der Tartanbahn oder verkehrsarmen Straßen, gerade dort nicht ohne Begleitung.

Das Wettbewerbsangebot ist begrenzt, für seine Weltrekordversuche organisierte Dold teilweise selbst Veranstaltungen. „Meist mit eher wenigen Teilnehmern, weil man auch aufeinander achten muss“, erklärt er. Zudem werden die Retrorunner meist durch Begleitläufer oder Radfahrer eskortiert. Manche Rückwärtsläufer starten auch bei normalen Laufveranstaltungen. Dold selbst plant für den 5. Mai eine Teilnahme beim Auffahrtslauf in der Schweiz, wo er erstmals die Halbmarathondistanz rückwärts laufen will. Vom 14. bis 17. Juli steht dann das nächste Highlight für Dold an: Zum ersten Mal finden die Weltmeisterschaften in Deutschland statt, im Sportpark Hallo in Essen (Infos unter retrorunning2016.com). Eine perfekte Gelegenheit für Neugierige, den ungewöhnlichen Sport mal kennenzulernen. Andererseits: Dafür brauchen Sie sich bei Ihrem nächsten Lauf einfach nur mal um 180 Grad zu drehen und in dieselbe Richtung weiterzurennen.

Tipps für Anfänger:

Kurze Strecken

Bauen Sie in Ihr normales Training kurze Passagen ein. Vielleicht anfangs nur 50 Meter, und das mehrmals. Später die Distanzen allmählich etwas steigern.

Freie Bahn wählen

Checken Sie auf Ihrer Trainingsrunde, dass Sie eine Weile keinen Gegenverkehr haben – damit Sie entspannt eine kleine Passage rückwärts laufen können.

Nicht im Wald

Wählen Sie einen übersichtlichen Park oder eine Sportplatz-Laufbahn – aber laufen Sie lieber nicht im Wald, wo Baumwurzeln, Steine, Zweige als Stolperfallen lauern.

Mit Begleitung

Gemeinsam mit einem Vorwärtsläufer sind Sie entspannter – und Sie können sich sogar noch besser unterhalten als nebeneinander.

Abkürzungen

ABKÜRZUNGEN UND ANDERE KLEINIGKEITEN

Beim Langstreckenlauf gibt es immer wieder Athleten, die versuchen, ein paar Kilometer einzusparen, ohne dass es jemand merkt – oder auf andere Weise die Zeitmesssyteme auszutricksen. aktivLaufen schildert einige besonders skurrile Fälle.

Text: Wilfried Spürk

Was sich 1904 in St. Louis, USA, bei den dritten Olympischen Spielen der Neuzeit beim Marathon ereignete, ist heute unvorstellbar. Aber das ist ja auch mehr als 100 Jahre her. Damals verlief die Strecke über unbefestigte Straßen, auf denen Begleitfahrzeuge und -pferde so viel Staub aufwirbelten, dass die Läufer Hustenattacken erlitten. Es gab nur eine Wasserstelle für die Athleten, zu trinken gab’s unterwegs auch mal einen Schluck Brandy – jedenfalls für US-Boy Thomas Hicks, und der gewann den Lauf immerhin. Doch wir wollen eigentlich eine andere Geschichte dieses unglaublichen Wettkampfs erzählen. Die von Frederick Lorz, der sich für einige Minuten als Olympiasieger feiern ließ, obwohl er wenig mehr als die Hälfte der 42,195 Kilometer gelaufen war.

Die Tochter des damaligen US-Präsidentin Theodore Roosevelt, die 20-jährige Alice, setzte Lorz einen Siegerkranz auf den Kopf und wollte ihm gerade die Goldmedaille umhängen, als jemand rief: „Halt! Er ist ein Betrüger!“ Buhrufe ertönten, und der vermeintliche Triumphator bekannte lächelnd, er habe sich nur einen Scherz erlauben wollen, aber nicht beabsichtigt, die Auszeichnung anzunehmen. Der damals 20-Jährige war, früh von Krämpfen geplagt, große Teile der Strecke in einem Begleitfahrzeug mitgefahren und dann wieder in den Lauf eingestiegen, um „zum Scherz“ als Erster die Ziellinie zu überqueren. Die Jury hatte Lorz zu dem Zeitpunkt schon disqualifiziert, dennoch wäre es beinahe zur falschen Siegerehrung gekommen. Heutzutage unvorstellbar? Ja, inzwischen dauert es meist viel länger, ehe ein derartiger Betrug aufgedeckt wird …

SCHNELLER PER U-BAHN

Im Jahr 1980 gewann die in der Szene völlig unbekannte Rosie Ruiz – vermeintlich – den Boston-Marathon in 2:31:56 Stunden, der bis dahin drittschnellsten Zeit im Damenbereich. Allerdings konnte sich anschließend kein anderer Teilnehmer daran erinnern, Ruiz auf den ersten 40 Kilometern gesehen zu haben. Und dass man schon wenige Minuten nach dem Zieleinlauf keine Spur von Erschöpfung mehr bei ihr erkennen konnte, erregte zusätzlich Verdacht. „Ich bin heute Morgen mit viel Energie aufgestanden“, erklärte sie.

Recherchen förderten jedoch eine andere Wahrheit zu Tage. Ruiz hatte sich 1979 beim Marathon in New York in ihrem ersten Langstrecken- rennen überhaupt für Boston qualifiziert, mit einer ebenfalls bemerkenswerten Zeit. Kein Wunder: Die 26-Jährige war ein Stück mit der U-Bahn gefahren und dann kurz vor dem Ziel wieder auf die Strecke gesprungen. Wie genau sie in Boston vorgegangen war, wurde nicht geklärt, möglichwerweise war ihr nicht bewusst, dass sie so weit vorne lag. Die Indizien sprachen jedenfalls eindeutig dafür, dass sie abgekürzt hatte. Ruiz wurde aus den Ergebnislisten gestrichen.

Der Fall Ruiz mag wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Inzwischen sind wir in der Ära der Zeitmessung per Mikrochip angekommen. Seit 1993 wird diese Technologie im Langstrecken- lauf eingesetzt. Abkürzungsbetrügern kommt man vor allem durch Messmatten auf die Spur, an denen jeder Läufer mit einer Zwischenzeit registriert wird. Fehlen eine oder mehrere Zwischenzeiten, hat der Läufer diese Punkte wohl nicht passiert. Die Zahl der Messstellen ist je nach Veranstaltung unterschiedlich; beim Berlin-Marathon, einem der renommiertesten Lauf-Events der Welt, ist alle fünf Kilometer eine installiert.

MEXIKANISCHES WUNDER

Im Jahr 2007 sorgte in Berlin Roberto Madrazo, mexikanischer Präsidentschaftskandidat 2006, für Aufsehen. Jubelnd lief er über die Ziellinie. In 2:41:11 Stunden hatte der damals 55-Jäh- rige seine persönliche Bestzeit um fast eine Stunde verbessert – und war Sieger in seiner Altersklasse M55 geworden. Bildaufnahmen zeigen ihn beim Zieleinlauf mit dicker Wind- jacke, einer langen Laufhose und Mütze. Fotograf Victor Sailer kam das angesichts von Temperaturen von 16-17 Grad komisch vor: „Alle anderen auf diesen Bildern tragen T-Shirts und Shorts, und der Kerl hat eine Jacke an und eine Mütze auf“, sagte Sailer. Er witterte Betrug und teilte dies den Veranstaltern mit. Am folgenden Tag gaben die Organisatoren die Disqualifikation Madrazos bekannt.

Die Überprüfung der Zwischenzeiten ergab Fol- gendes: Madrazo absolvierte die ersten 20 Kilometer in 1:42:42 Stunden. Danach wurde erst wieder am Kontrollpunkt bei Kilometer 35 für „Speedy Gonzalez“, wie er in der Presse später genannt wurde, eine Zeit gemessen – und der Mexikaner schien ein Wunder vollbracht zu haben: Nur 21 Minuten hatte er für die 15 Kilometer benötigt; die Weltbestzeit für 15 Kilometer liegt heute bei 41:13 Minuten. Des Rätsels Lösung: Madrazo war wohl zum 35-Kilometer-Punkt geschlendert, da die Mess- punkte 20 und 35 nur einige Hundert Meter voneinander entfernt lagen. Er erklärte später, er habe sich unterwegs verletzt und nur in den Zielbereich gewollt, um seine Sachen zu holen. Na ja: fest steht, dass Madrazo nichts unternahm, um die Sache selbst aufzuklären. Und warum jubelte er beim Zieleinlauf so?

UNTER BEOBACHTUNG

Wer wie Madrazo im Gesamtklassement oder in seiner Klasse weit vorne platziert ist, steht unter besonderer Beobachtung. Aufmerksame Tempomacher und manchmal auch Begleitrad- fahrer sorgen heutzutage mit dafür, dass die Athleten nicht auf dumme Gedanken kommen. Videoaufzeichnungen helfen bei der Beweis- führung, wenn tatsächlich bei einem Läufer Zwischenzeiten fehlen. Es kann durchaus passieren, dass ein technisches Problem der Grund ist. „Das ist aber nur in weniger als einem Prozent der Fälle so“, sagt Nicole Hafner, Geschäftsführerin der Firma NeoMove, die bei einigen Laufveranstaltungen als Partner der Organisatoren für die Zeit- und Datenerfas- sung zuständig ist. Aus Erfahrung weiß sie, dass bei kleineren Runs immer mal wieder „ein oder zwei“ Teilnehmer dabei sind, die zu betrügen versuchen. Warum manche Läufer ohne jegliche Sieg- oder Rekordaussichten ihre

Ergebnisse aufpolieren wollen, indem sie ein paar Kilometer auslassen, darüber kann nur spekuliert werden.

DER (FAST) PERFEKTE BETRUG

Neben der Abkürzung ist bei Betrügern eine weitere Methode beliebt: den Chip jemand anderem zu geben. Zu zweifelhafter Berühmt- heit gelangten die Brüder Sergio und Sefako Motsoeneng. Mit einer gewieften Taktik wollte Sergio, damals 21 Jahre alt, den traditio- nellen Comrades Run in Südafrika über 87 Kilometer gewinnen. Er ließ einen Teil der Strecke seinen zwei Jahre jüngeren Bruder für sich laufen. In einem Toilettenhäuschen bei Kilometer 20 übernahm Sefako den Chip und Sergios Kleidung. Später übernahm dann der Ältere wieder, der zwar den Traum vom Sieg nicht realisierte, aber als Neunter noch eine Geldprämie erlief. Da sich die beiden sehr ähnlich sahen, war zunächst niemandem was aufgefallen. Erst Monate später kam ein misstrauischer Konkurrent auf die Idee, Foto- aufnahmen vom Rennen zu checken.

Darauf sieht man: Derselbe Läufer – vermeintlich Sergio Motsoeneng – hatte einmal die Uhr am rechten Arm, einmal am linken, ein Mal pinkfarben, ein Mal cremefarben. Damit kam die Sache ins Rollen, auf Anraten eines Anwalts gaben die Brüder den Betrug zu. Gezielt ging auch die Liechtensteinerin Kerstin Metzler-Mennenga vor. Aufgeflogen ist sie nach dem Berlin-Marathon 2007, wo sie in 2:42:21 Stunden Landesrekord lief und die Olympia- Norm schaffte. Wie sich herausstellte, hatte die damalige Studentin einen männlichen Läufer unter dem Vorwand, eine wissenschaftliche Studie zu betreiben, und mit einer Prämie von 100 Euro dazu überredet, außer seinem eigenen auch ihren Chip zu tragen.

Nach dem Lauf fiel dem „Ghostrunner“ auf, dass eine Läuferin mit den exakt gleichen Zeiten wie er selbst aufgeführt war. Er meldete es dem Veranstalter, und der Betrug wurde entlarvt. Später gestand die Frau aus Liechtenstein, schon in Hamburg 2007 und Frankfurt 2006 dieselbe Methode angewendet zu haben. In Hamburg hatte sie ebenfalls vermeint- lich Landesrekord erzielt und sich sogar für die WM 2007 qualifiziert, wo sie 53. wurde. Einen Rekord hat Metzler-Mennenga übri- gens ganz regulär aufgestellt: den über die Halbmarathon-Distanz im Rückwärtslaufen. Klingt skurril, ist aber wahr. So wie die hier erzählten Geschichten von Laufbetrügern.

Hier die Top-Five der Betrüger:

Kielder, England (2011)

Rob Sloan belegte beim Marathon im englischen Kielder Platz 3. Nur: Kein Mitläufer hatte ihn auf den letzten 10 km gesehen, Kein Wunder: Er war etwa bei km 32 in einen Bus gestiegen, mit dem er bis kurz vors Ziel fuhr.

Singapur (2013)

Konditormeister Tam Chua Puh kam beim Singapur- Marathon in starken 2:45 Stunden ins Ziel, als erster Läufer des Stadtstaats. Tatsächlich war er nach sechs Kilometern verletzt ausgestiegen und dann ins Ziel gegangen. Er sagte, er habe nur Finisher-Shirt und -Medaille haben wollen. Wie übrigens schon bei anderen Läufen, wo er ebenfalls abgekürzt hatte.

Berlin (2014)

Peter S. gewann beim Berlin- Marathon die Klasse M75 in 3:30:14 Stunden, deutlich vor dem Zweiten. Fotos zeigten allerdings, dass mit der betreffenden Startnummer zwei Personen gelaufen waren – Vater und Sohn. Sie hatten unterwegs den per Klettband befestigten Chip mehrmals gewechselt.

St. Louis (2014)

Kendall Schler kam beim St.- Louis-Marathon als Erste ins Ziel, ließ sich strahlend mit Ex-Olympiasiegerin Jackie Joyner-Kersee fotografieren. Aber: Sie hatte kein einzige Zwischenzeit, war wohl erst kurz vor dem Ziel auf die Strecke gesprungen.

Ulm (2015)

Beim Einstein-Marathon in Ulm gewann Meike Rauer. Doch nach einigen Tagen war bewiesen, dass sie nicht die komplette Strecke absolviert hatte. Sie selbst behauptete, unbeabsichtigt aufgrund undurchsichtiger Streckenführung falsch gelaufen zu sein.

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Der König der Triathleten

Der Ironman Hawaii ist der härteste Langdistanz-Triathlon der Welt – und ein Mythos im Ausdauersport. Wer hier gewinnen will, muss nicht nur die Konkurrenz besiegen, sondern auch seine Schmerzen und die Widerstände im eigenen Kopf. Deutschlands Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno hat’s geschafft – und sich damit ein Denkmal gesetzt.

Text: Wilfried Spürk

Nur noch wenige Hundert Meter bis zum Ziel. Jan Frodeno läuft immer noch wie ein Uhrwerk, auch nach über acht Stunden der Anstrengungen und Leiden. Er wirkt hochkonzentriert. Doch wer in sein Gesicht schaut, erkennt ein entspanntes Lächeln. Ein Lächeln, das ausdrückt: Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. In der Tat: Der Sieg beim Ironman Hawaii 2015 ist Frodeno nicht mehr zu nehmen, als er nun zum letzten Mal an diesem Tag auf den Ali’i-Drive einbiegt.

Noch ein Mal schaut er sich um: Weit und breit ist kein Konkurrent zu sehen. Als der Deutsche einige Meter weiter den Zielteppich erreicht, bricht sich die Siegesgewissheit endgültig Bahn: Frodeno breitet triumphierend die Arme aus, hebt sie nach oben, verlangsamt dann seine Schritte, stoppt schließlich ab – und geht, ja schlendert Richtung Ziellinie. Er klatscht kurz die Zuschauer ab, die dicht gedrängt links und rechts hinter den Absperrungen stehen und ihm zujubeln. Dann reißt der Athlet die Arme wieder hoch, ballt freudestrahlend abwechselnd seine Fäuste Richtung Publikum.

Die Zielbanderole vor Augen scheint er für einen Moment vor Ehrfurcht abzubremsen, doch dann packt sich der 34-Jährige das von Ironman-CEO Andrew Messick und dem sechsfachen Hawaii-Sieger Mark Allen gehaltene Schriftband, reißt demonstrativ daran, lässt es abrupt fallen und geht hinter dem Zieldurchlauf zu Boden, ein weiteres Mal die Arme zum Jubel ausgestreckt. Frodeno ist am Ziel – am Ziel eines ultraharten Triathlons und am Ziel seiner Träume: „Ich bin auf Wolke 7 oder 9 oder 35“, beschreibt er kurz darauf seinen Gefühlszustand.

Dramen und Anekdoten

Nach diesem Tag, dem 10. Oktober 2015, wurde der deutsche Triathlet weltweit gefeiert. Mit dem Ironman Hawaii hat er den berühmtesten Wettbewerb gewonnen, den dieser Dreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen kennt. Einen der bedeutendsten Wettkämpfe für Ausdauerathleten überhaupt. Seit 1978 wird er ausgetragen. Den Begriff „Ironman“ prägte einer der Initiatoren, der US-amerikanische Marineoffizier John Collins, mit dem Satz: „Whoever finishes first, we’ll call him the Ironman.“ Verpflegungsstationen gab es für die lediglich 15 Starter bei der Premiere des insgesamt 226 Kilometer langen Abenteuers (3,86 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren plus einen Laufmarathon über 42,2 Kilometer) nicht, sie versorgten sich unterwegs teilweise an Imbissbuden oder baten Passanten um Essbares.

Nicht zuletzt dank solcher Anekdoten genießt der Hawaii-Ironman einen ganz besonderen Status. So sieht es auch Frodeno: „Diese unvergleichliche Historie, in der sich über Jahrzehnte Geschichten und Schicksale angesammelt haben, machen ihn zu einem Mythos, der für viele eine fast religiöse Bedeutung hat“, sagt der Sieger 2015. Das vielleicht größte Drama spielte sich 1982 ab. Julie Moss hatte bereits den sicheren Sieg vor Augen. Doch die US-Amerikanerin dehydrierte, kurz vor dem Ziel verließen sie die Kräfte, Landsfrau Kathleen McCartney zog vorbei und gewann. Moss schleppte sich noch ins Ziel und wurde Zweite.

Der sportliche Wert des Wettkampfs stieg weiter, als er 1982 zur offiziellen Ironman-Weltmeisterschaft ernannt wurde, mit der als Marke geschützten Bezeichnung „Ironman World Championship“. Zudem wurde er schon 1981 an die Westküste der Hawaii-Hauptinsel Big Island verlegt, die dortigen klimatischen Bedingungen verlangen den Sportlern noch mehr ab. Um die 30 Grad Hitze, eine hohe Luftfeuchtigkeit von manchmal bis zu 90 Prozent und die tückischen Ho’o-Mumuku-Winde, die vor allem auf der Radstrecke gefürchtet sind, machen den Ironman Hawaii nicht nur zum bedeutendsten, sondern auch zum wohl härtesten Langdistanz-Triathlon der Welt. Die einzigartige Natur auf der vulkanischen Insel tut ihr Übriges: Trockenes Lavagestein begleitet die Athleten auf einem Großteil der Rad- und Laufstrecke, Schatten gibt es keinen.

Jan Frodeno allerdings lockte die Herausforderung lange nicht. Erst 2011 ließ er sich vom Ironman-Fieber anstecken, als er das Rennen selbst auf der Karibik-Insel verfolgte. Zu dem Zeitpunkt hatte der 1,94 Meter große Athlet bereits eine knapp zehnjährige erfolgreiche Triathlon-Karriere vorzuweisen, mit dem Olympiasieg 2008 als Höhepunkt. Damals galt ihm die (olympische) Kurzdistanz als das Nonplusultra. Den Ironman bezeichnete er 2008 mal als Wettbewerb „für gescheiterte Kurzstreckler“.

Als favorit gestartet

Doch 2013 stieg der gebürtige Kölner auf die Langdistanz um. Im Visier von Beginn an den legendären Event auf der Insel im Pazifik. Frodeno bestreitet dort 2014 seinen erst zweiten Ironman überhaupt – und kommt trotz Raddefekt und Zeitstrafe als starker Dritter ins Ziel. Die Erfahrungen bei seiner Hawaii-Premiere sind wertvoll: „Ich habe gelernt, dass man dort vor allem flexibel reagieren können muss. Eine starre Taktik führt nicht zum Erfolg.“

Ein Jahr später geht Frodeno mit der Empfehlung von zwei großen Siegen im Sommer ins Rennen: Sowohl bei der Ironman European Championship in Frankfurt als auch bei der WM über die halbe Ironman-Distanz in Zell am See-Kaprun war er vorn. Für den Saison-Höhepunkt auf Hawaii ist der Deutsche damit der Favorit auf die Nachfolge von 2014-Sieger Sebastian Kienle: „Im Bereich Triathlon und Ausdauersport gab es in den Wochen davor wenig andere Schlagzeilen, als dass ich das Rennen gewinnen kann oder muss. Das ist nicht ganz leicht“, sagt Frodeno im Gespräch mit aktiv Laufen. Entscheidender war für den Top-Athleten aber sein eigener Anspruch: „Ich habe schon vor knapp drei Jahren gesagt, dass ich 2015 gewinnen will. Dann war der Moment gekommen, wo klar war: Jetzt zählt’s“, beschreibt der Olympiasieger, wie es vor dem Start in ihm aussah.

Allein in der Lavawüste

Am 10. Oktober um 6.25 Uhr setzt traditionsgemäß ein Schuss aus einer alten Kanone das Signal zum Start. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel in der Bucht von Kailua-Kona, als zuerst die Profi-Herren unter der aufgehenden Sonne aufs offene Meer hinausschwimmen. Frodeno fühlt sich in Siegerform: „Die Vorbelastung am Tag zuvor lief sehr gut. Ich wusste, ich kann es schaffen.“ Er demonstriert von Beginn an seine Stärke, gemeinsam mit dem Neuseeländer Dylan McNeice kommt er an der Spitze des Feldes wieder aus dem Wasser heraus. Titelverteidiger Kienle liegt zwar knapp zwei Minuten zurück, schwimmt aber deutlich schneller als im vergangenen Jahr. Das von vielen erwartete deutsche Duell scheint sich  abzuzeichnen. Denn jetzt kommt Kienles Spezialdisziplin: die 180 Kilometer auf dem Rad.

Viele Kilometer führen an den berüchtigten Lavafeldern entlang, wo große Hitze und unangenehme Winde warten. Zudem sind auf dem hügeligen Kurs rund 1.500 Höhenmeter zu bezwingen. Aber es ist auch eine mentale Prüfung für die Athleten, denn hier sind sie ganz auf sich gestellt – Publikum ist in den meisten Streckenabschnitten nicht zugelassen. „Hier bist du mit dir, deinen Gedanken und der Lavawüste allein“, sagt Frodeno. Aber ihm kommt das entgegen: „Ich finde das angenehm, vor allem nach dem ganzen Trubel im Vorfeld.“ Entsprechend cool lässt er seine Konkurrenten ihre Attacken fahren, Kienle übernimmt zwischenzeitlich die Führung. Doch Frodeno steigt als Erster vom Rad – und nach 5:22:19 Stunden in den Marathon ein.

Niemals zweifeln!

Für „normale“ Läufer ist es die größte Herausforderung, für Ironman-Triathleten sind die 42,2 Kilometer nur die letzte Etappe des Wettkampfs. Besonders gefürchtet auf Hawaii ist der Weg zur Forschungsstation Energy Lab. Auf den letzten zwei Kilometern bis zum Wendepunkt steht die heiße Luft dort regelrecht. „Beim Marathon hatte ich die schwierigsten Momente“, gibt Frodeno zu. Doch der erfahrene Ausdauersportler weiß: „Zweifeln darf man bis zur Ziellinie nicht, das lernt man beim Ironman.“ Frodeno bewahrt einen kühlen Kopf. An den Verpflegungsstationen nimmt er ein paar Sekunden Zeitverlust in Kauf, um sich mit ausreichend Wasser zu versorgen.

Hinter ihm fällt derweil Kienle immer mehr zurück, während sich Landsmann Andreas Raelert weit nach vorne schiebt. Am Ende wird der 39-Jährige zum dritten Mal Zweiter auf Hawaii. Eine Gefahr für den Führenden stellen aber weder er noch die anderen Verfolger jetzt noch dar. Frodeno läuft sein Rennen konzentriert zu Ende, erreicht, von seinen Emotionen überwältigt, nach 8:14:40 Stunden als Erster das Ziel, über drei Minuten vor Raelert.

Erste Gratulantin ist seine Frau Emma, selbst  2008 Triathlon-Olympiasiegrin. Sie umarmen sich, dann küsst Frodeno sie auf den Bauch, in dem das gemeinsame Baby heranwächst, das im Februar zur Welt kommen wird. Eine Geste, die um die Welt geht. Wie das Bild von Frodeno mit dem Lorbeer-Gesteck auf dem Kopf, der Krone für seinen Sieg. Der Mann hat seinen eigenen Olympiasieg noch übertrumpft. Jetzt ist Jan Frodeno der König der Triathleten.