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Fotos: imago/UPI Photo

Stairway to heaven – das ist Treppenlaufen

Ob Empire State Building, Willis Tower oder CN Tower – in vielen weltberühmten Wolkenkratzern finden seit Jahren Treppenläufe statt. Und auch unter freiem Himmel wird die Disziplin immer beliebter. Nur eine Sache für Spezialisten? Ganz im Gegenteil.

Täglich die paar Etagen hinauf ins Büro zu Fuß zurücklegen, statt den Aufzug zu nehmen? Das kann einen Läufer natürlich nicht schrecken und schon gar nicht aus der Puste bringen. Aber 1.576 Stufen im schnellstmöglichen Tempo hinauf aufs Empire State Building in New York laufen? 11.674 Stufen beim Schweizer Niesenlauf auf der längsten Treppe der Welt? Oder am besten direkt die 39.700 Stufen (aufund abwärts) auf einer Gesamtstrecke von knapp neun Kilometern in den Weinbergen von Radebeul in Sachsen? Auf diese Ideen muss man erst einmal kommen.

Die Wolkenkratzer der Welt

Eine neue Erfindung sind Treppenläufe nicht, der prestigeträchtigste aller Stufen-Wettkämpfe im Empire State Building fand im vergangenen Februar bereits zum 41. Mal statt. Seit 1978 werden im wohl bekanntesten Wolkenkratzer der Welt jährlich 320 Höhenmeter bewältigt, den Männerrekord hält seit dem Jahr 2003 der Australier Paul Crake mit 9:33 Minuten. Bei den Frauen war bislang niemand schneller als die Österreicherin Andrea Mayr, die 2006 für die 1.576 Stufen 11:23 Minuten benötigte. Mit Kurt König, Thomas Dold und Christian Riedl konnten sich auch schon drei deutsche Männer in die Siegerliste eintragen, einzige deutsche Gewinnerin war im Jahr 2002 Kerstin Harbich. Dold – der Manager der Marathon-Zwillinge Anna und Lisa Hahner – ist mit seinen sieben aufeinanderfolgenden Siegen zwischen 2006 und 2012 der Rekordgewinner des „Empire State Building Run-Up“ (so der volle Name des Events) und außerdem Inhaber mehrerer Weltrekorde. Er ist das Aushängeschild einer Sportart, die in Deutschland mancherorts häufig noch belächelt wird. Dold kann damit aber ganz gut leben: „Sollen mich die Leute ruhig für bekloppt halten. Wenn ich wieder einmal einen Weltrekord aufgestellt habe, sind die meisten still“, erklärte er einmal. Auch wenn die Teilnehmerfelder von überschaubarer Größe sind und die Präsenz in den Medien noch längst nicht annähernd im Verhältnis zu den sportlichen Ausnahmeleistungen der Athleten steht, so ist die Geschichte des Treppenlaufs dennoch eine des Erfolges. Längst richten viele der größten und berühmtesten Gebäude der Welt ein eigenes Event aus. Ob im Willis Tower (früher Sears Tower) in Chicago, im Taipei 101 in Taipeh oder im CN Tower in Toronto – überall stürmen Läufer die Stufen hinauf. In Deutschland geht es jährlich im Frankfurter Messeturm quälend lange 1.344 Stufen nach oben, während beispielsweise beim Towerrun in Berlin (465 Stufen) oder beim Lauf im Augsburger Perlachturm (261 Stufen) die Sprintspezialisten der ungewöhnlichen Disziplin auf ihre Kosten kommen. Gerade auf den kürzeren Distanzen werden die Rennen häufig schon am Start entschieden. Denn wer sich hier die beste Ausgangsposition erarbeitet, der ist in den meist extrem engen Treppenhäusern nur sehr schwer zu überholen. Bilder von intensiven Rangeleien um die besten Plätze sind daher keine Seltenheit. Die Treppenlauf-Szene ist eine Ellenbogen-Gesellschaft – im positiven Sinn. Etwas mehr Zeit zum Überholen als die Sprinter hatte im Februar diesen Jahres der Deutsche André Weinand aus Rust im Ortenaukreis. Im Hannoverschen Annastift ging er bei den Weltmeisterschaften über die Marathonstrecke an den Start, 10 Stunden und 13 Minuten lang lief er 83.808 Stufen rauf und runter, bis die 42,195 Kilometer bewältigt waren – Sieg in neuer Weltrekordzeit. Verrückt? Für Weinand keineswegs: „Ich habe Freude an der Bewegung, eine Qual wäre für mich, auf dem Sofa sitzen zu müssen“, so der neue Weltmeister.

Zwei Marathons in Stufenform

Tatsächlich finden die meisten der großen Treppenläufe in Wolkenkratzern überall auf der Welt statt, dennoch gibt es auch unter freiem Himmel spannende Wettkämpfe. Kultstatus hat dabei der Sächsische Mount Everest Treppenmarathon von Radebeul erlangt. Wer 100 Mal die 379 Stufen der historischen Spitzhaustreppe bewältigt, die durch die Weinberge der sächsischen Stadt führt, der hat die gleiche Anzahl an Höhenmetern zurückgelegt, die man auch bei einer Besteigung des Mount Everest hinter sich bringen muss. 24 Stunden haben die Teilnehmer dafür Zeit, die Distanz von 84,39 Kilometern entspricht ziemlich genau zwei Marathons. Doch es muss nicht gleich der Wettkampf im Wolkenkratzer sein. Jeder Läufer, der sich im Training verbessern und sich beispielsweise auf den nächsten Marathon vorbereiten will, kann vom zwar mühsamen, aber hocheffektiven Auf und Ab auf den Stufen profitieren. Alleine dadurch, dass man beim Treppenlaufen fast ausschließlich den Vorfuß belastet, setzt man schon einen neuen Trainingsreiz, besonders effektiv macht diese Form des Trainings aber der Umstand, dass die Muskulatur in Po, Waden und Oberschenkeln wesentlich stärker beansprucht wird als beim „normalen“ Laufen. Der Grund: Die Kraft muss nicht nach vorne, sondern nach oben übertragen werden. Aufgrund der extremen Anstrengung steigt auch die Herzfrequenz schnell, und da der Kalorienverbrauch schon bei nur kurzen Einheiten extrem hoch ist, ist das Treppenlaufen ein echter Geheimtipp für alle, die ein paar Pfunde verlieren wollen. Auch innerhalb des Treppentrainings können Variationen eingebaut, viele Kraftübungen, die alleine mit dem eigenen Körpergewicht durchführbar sind, integriert werden. Allerdings sollten die Einheiten aufgrund der hohen Belastung deutlich kürzer sein als der lange Sonntagslauf. Wer noch nicht ganz so weit ist, das Treppen-Workout in seine Trainingsroutine aufzunehmen, der sollte aber auf jeden Fall weiterhin morgens den Aufzug links liegen lassen. Damit sind nicht nur sprichwörtlich die ersten Schritte schon gemacht, was auch Weltmeister André Weinand so sieht, wie er nach seinem Sieg in Hannover erklärte: „Man sollte einfach häufiger die Treppe nehmen – das ist gesünder als Aufzugfahren.“

Text: Daniel Becker